Wirtschaftspolitische Blätter   1/2003

Die Beiträge kurz skizziert in englischer und deutscher Sprache

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Broek Humphreij*)
Requirements for a European transport policy
The European Shippers Council (ESC) wants to promote efficient and commercially attractive freight transport services. The ESC has an unfaltering believe in the market. From this point of view the EU’s White Paper on transport policy is evaluated with regard to its strengths and weaknesses.
Anforderungen an eine Europäische Verkehrspolitik
Das European Shippers’ Council (ESC) ist eine Dachorganisation von Auftraggebern von Transportunternehmen auf EU-Ebene. Das ESC tritt für möglichst effiziente und kommerziell attraktive Transportdienstleistungen ein und vertraut dabei in grundsätzlicher Weise auf den Markt. Aus dieser Sicht wird das White Paper der EU zum Thema Verkehrspolitik in Bezug auf seine Stärken und Schwächen gewürdigt.
*) Dick van den Broek Humphreij, Generaldirektor des Niederländischen Verlader- und Werkverkehrsverbandes EVO; Chairman European Shipper’s Council, Zoetermeer.

Denz/Zulehner*)
Das Hemd ist uns näher als der Fremde - Solidarität 1994 – 2002
Auf der Basis der von den Autoren entwickelten Konzepte von Mikro-, Meso- und Makrosolidarität werden empirische Wandlungstendenzen der Solidaritätsgefühle der Österreicher zwischen 1994 und 2002 untersucht. Eine gewisse Zunahme an verbaler Solidaritätsbereitschaft könnte möglicherweise teilweise rhetorischen Charakter haben, denn zugleich nehmen Vorbehalte gegenüber gewissen Minderheiten als Nachbarn zu. Das Solidaritätsniveau steigt mit höherer Bildungsstufe. "Entängstigung" erscheint als Weg, das Solidaritätsniveau zu steigern.
Personal Interests First - Solidarity 1994 – 2002
Based on the concepts they developed for micro-, meso- and macrosolidarity, the authors empirically investigate the changing tendencies in feelings of solidarity amongst the Austrian population between 1994 and 2002. The increasingly articulated solidarity may be only of a rhetorical nature since it is accompanied by an increase in reservations with respect to neighbours. The level of solidarity rises with higher educational attainment. Reducing fear appears to increase solidarity.
*) Hermann Denz, Institut für Soziologie, Universität Innsbruck.
Paul M. Zulehner, Leiter des Instituts für Pastoraltheologie, Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Werteforschung, Wien.

Fischler*)
Welche Ethik in einer komplexen Welt?
In unserer säkularisierten Gesellschaft muss Ethik auf Grundwerten beruhen, die über kulturelle Grenzen hinaus gelten und die dem Konzept der Verantwortungsethik (Klaus Jonas) entsprechen. Auch aus diesem Grund sind die aktuellen Vorschläge zur Weiterentwicklung der EU-Agrarpolitik am Prinzip der Nachhaltigkeit orientiert. Wissenschaftliche Risikoabschätzung, das Prinzip der Vorbeugung und möglichst wenig handelsverzerrende Maßnahmen gehören zu jenem Set an Regeln, das die EU etwa in Fragen der Biotechnologie anwendet. Die Ethikkommission der EU hat einige Grundwerte formuliert (menschliche Würde, Freiheit des Individuums, Gerechtigkeit und Wohlfahrt, Solidarität, Freiheit der Forschung, Proportionalität).
Which kind of Ethics in a complex world ?
In our secularized society ethics have to be founded on intercultural values and on a concept of ‘responsibility ethics’ (‘Verantwortungsethik’; Klaus Jonas). In this context the present proposals on EU agricultural politics are based on the principle of sustainability. Scientific risk assessment, prevention and the minimisation of trade barriers belong to a set of rules used by the EU e.g. with regard to biotechnology. An EU Ethics Commission has formulated certain basic values (human dignity, freedom of the individual, justice and welfare, solidarity, freedom of research, proportionality).
*) Franz Fischler, Mitglied der Europäischen Kommission, Brüssel.

Gabriel*)
Religion und Wirtschaftsstil
Der folgende Artikel beginnt mit einer Problemanzeige: Die Erosion praktizierter moralischer Verhaltensweisen wird zunehmend als gesellschaftliches und wirtschaftliches Problem erkannt. Dies führt zur Frage nach den Wurzeln und der Genese von Moralvorstellungen. Der Ansatz, den Max Weber zu Beginn des 20. Jahrhunderts hinsichtlich der Beziehung von Religion und Wirtschaft vertreten hatte, wird heute in kulturtheoretischen Überlegungen erneut aufgegriffen, um die Rolle der Religion als moralgenerative Kraft für individuelles und gesellschaftliches Handeln zu thematisieren. Die drei Leitwerte, die allen Religionen zugrunde liegen, sind Unsterblichkeit, Gerechtigkeit und Persönlichkeitswerte, die darauf bezogen sind. In ihrer je spezifischen Ausprägung beeinflussen diese Leitwerte den Wirtschaftsstil, d.h. ökonomische Zielsetzungen, Verhaltensmaximen und Präferenzen von Akteuren. Angesichts der Globalisierung, die eine verstärkte Wechselbeziehung von Kulturen und damit Wirtschaftsstilen mit sich bringt, und einer Revitalisierung der Religion zur Sicherung eigener Identität stellt sich die Frage, wie unter diesen Bedingungen ein Wirtschaftsstil entstehen kann, der dem eigentlichen Ziel der Wirtschaft, nämlich der Befriedigung der Bedürfnisse aller Menschen in Solidarität, verpflichtet ist.
Religion and Economic Style
The scandals of the past year have shown that the erosion of practiced moral rules and norms constitutes a serious problem for individual economic agents as well as the economy as a whole. This leads to the question, how moral norms are generated and what guarantees their recognition. As Max Weber has shown there exists a close connection between economic behaviour and religious belief systems. Religions are thus institutions which create moral norms and ensure their effective practice by their believers. The underlying religious values are the search for immortality, justice and personal values of individual integrity. In the specific form they have taken in different religions these values influence the behaviour, preferences and options of economic agents and influence the structures of the economy. Globalisation and the present revitalisation of religion lead to enhanced contacts between cultures. The challenge of the future therefore is to create an economic environment which embodies the best values of these different traditions including their religious heritage.
*) Ingeborg Gabriel, Sozialethik, Wien

Geiger*)
Business Integrity and Corporate Governance: The value of global standards
Is there room for ethics in business transactions? What are the determining factors of human behaviour in market organisations? How does integrity fit in the structure of governance of the modern corporation? The article deals with these questions from an international perspective, focussing on three interrelated instruments put in place by the Organisation of Economic Co-operation and Development (OECD): the Principles for corporate governance of 1999, the OECD Guidelines for Multinational Enterprises (Revision 2000) and the 1997 Convention to fight bribery in international commercial transactions.
Integrität im Geschäftsbereich und Entscheidungsstrukturen in Unternehmen: Die Bedeutung globaler Standards
Gibt es im Geschäftsleben Raum für Ethik? Was sind die bestimmenden Faktoren für menschliches Verhalten in Marktordnungen? Wie passt Integrität in die Struktur moderner Unternehmensführung? Der Artikel behandelt diese Fragen aus internationaler Sicht und konzentriert sich auf drei miteinander verbundene Instrumente der OECD: Die Grundsätze für Entscheidungsstrukturen in Unternehmen. von 1999 (the Principles for corporate governance of 1999), the OECD-Leitlinien für Multinationale Unternehmen (überarbeitetet Fassung 2000; OECD Guidelines for Multinational Enterprises, Revision 2000) und die Konvention für den Kampf gegen Bestechung in internationalen Geschäftstransaktionen von 1997 (the 1997 Convention to fight bribery in international commercial transactions).
*) Rainer Geiger, Directeur adjoint, Affaires financières, fiscales et entreprises, OCDE, Paris, Professeur adjoint, Université Paris I (Panthéon – Sorbonne)

Kotzab*)
Miniaturisierung der Produkte und ausgereiftes Logistikmanagement reduzieren das Transportvolumen
Vor dem Hintergrund stagnierender und rückläufiger Märkte erhält die Logistik im Zusammenspiel mit dem Marketing (insbesondere in den Bereichen Neuproduktentwicklung, Warennachschub und Sortimentsgestaltung) eine wichtige wettbewerbsstrategische Bedeutung. Im Zuge eines durchdachten Supply Chain Management-Ansatzes kann durch die Verkleinerung (= Miniaturisierung) von Produkten bei gleichzeitiger Reduktion von Transportkapazitäten "mehr mit weniger" erreicht werden. Somit können in der gesamten Versorgungskette nachhaltige ökonomische und ökologische Effekte erreicht werden. Die Konsumgüterwirtschaft verfolgt diesen Ansatz in Form des "Efficient Consumer Response", wo in den Bereichen Category Management und Efficient Unit Loads deutliche Reduktionen im Transportbereich sichtbar werden.
Miniaturization of products and intelligent logistics management reduce the transport volume.
Beyond the stagnant market developments in many markets, logistics and its interrelation with marketing is getting more and more important. Especially the areas of new product development, replenishment and assortment are of special interest. Getting more with less can be realized with an intelligent Supply Chain Management solution that focuses on the miniaturization of products in conjunction with a respectable reduction of transportation. The total chain is not only streamlined in an economic but also in an ecological manner. The fast moving consumer goods industry follows such a strategy by implementing Efficient Consumer Response. Here especially the area of Efficient Unit Load and Category Management show major impact on the transportation sector.
*) Herbert Kotzab, Dept. of Operations Management, Copenhagen Business School, Frederiksberg.

Küng*)
Globalisierung erfordert globales Ethos
Angesichts der zunehmenden Gefährdung der globalen Marktwirtschaft bekräftigt der Autor seine schon 1999 formulierten 4 Thesen zur Globalisierung (sie sei unvermeidlich, ambivalent, unberechenbar, aber begrenzt steuerbar). Er setzt sich mit dem Ende des internationalen Börsenbooms im Frühjahr 2000 auseinander und sieht als Grundlage kulturübergreifender globaler Werte und Standards das Prinzip der Humanität und die goldene Regel.
Global Ethics as a prerequisite of globalization
In view of the increasing changes forced by the global markets, the author reaffirms his four theses on globalization formulated in 1999 (globalization is inevitable, ambivalent, unpredictable, but – within certain limits – controllable). The paper deals with the end of the international stockmarket boom in the spring of 2000 and regards the principle of humanism and the so called "golden rule" as the basis for intercultural global values and standards.
*) Hans Küng, Universitätsprofessor em., Präsident der Stiftung Weltethos Tübingen/Zürich.

Macher*)
Vertrauensorganisation als eine Triebfeder der Netzwerkgesellschaft
Intelligenter Wettbewerb führt nicht zu Nullsummenspielen, sondern zur Auflösung des Spannungsfeldes zwischen Solidarität und Subsidiarität. Er bedeutet Co-Evolution statt Sozialdarwinismus. Vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Kunde und Anbieter im Sinne von Comakership hat sich u.a. in der ECR-Initiative bewährt.
The organization of trust as a main force of a network society
Intelligent competition does not lead to zero-sum games, but to the dissolution of tensions between solidarity and subsidiarity. It means co-evolution instead of social darwinism. Trustful co-operation between clients and suppliers in the sense of ‘co-makership’ has proven ist worth, e.g. with regard to the ECR-initiative.
*) Friedrich Macher, Area Manager Central Europe, Kühne & Nagel AG, Wien.

Prisching*)
Soziale Verantwortung oder verordnete Ethik
Ethisches Verhalten ist keine Selbstverständlichkeit; es muss in immer erneuten Bemühungen durchgesetzt werden, und es ist zudem instabil. Es gibt einige Grundprinzipien für die Wirtschaftsethik. Erstens: Was für die Menschen wirklich wichtig ist, muss in gesetzlichen Regeln festgeschrieben werden, denn von selbst entstehen oder stabilisieren sich derartige Verhaltensweisen nicht, allein schon wegen häufiger Gefangenendilemma-Situationen. Die Festlegung kollektiver Regeln kann aber für alle beteiligten Akteure vorteilhaft sein. Zweitens: Es gibt eine Grauzone von Problemen, die durch gesetzliche Regeln nicht vollständig erfasst werden kann, sodass viele Situationen bestehen bleiben, in denen tatsächlich so etwas wie persönlicher Anstand vonnöten ist. Einige dieser Probleme können auf der Mesoebene, also auf der Ebene von Gruppen oder Assoziationen, behandelt werden, beispielsweise durch Gruppenethiken oder durch professionelle ethische Standards (Berufsethik). Drittens: Es gibt einige Problembereiche, in denen marktähnliche Institutionen für die Evaluierung, Akkreditierung oder Zertifizierung entstehen; sie können auch die Einhaltung ethischer Standards überwachen. Viertens: Niemand kann mit dem Blick auf die vorhandenen gesetzlichen Regeln daran gehindert werden, über diese Regeln hinaus Tugenden zu entfalten, und niemand kann sich darauf hinausreden, dass er dadurch, dass er alle formellen Regeln eingehalten hat, schon alles getan hat, wozu er moralisch verpflichtet ist.
Social responsability or ethic by decree
Ethical behavior is not a matter of course; it must be achieved in the course of ongoing actions, and it is unstable. There are some rules for business ethics. First, what is important for persons should be cast into legal rules, because it does not come into existence in frequent prisoner dilemma situations. Collective rules can be favorable for all actors. Second, there is a grey zone of problems that cannot fully be grasped by legal rules, so that a lot of situations remain that need personal decency. Some of these problems can be handled at the meso level, including group ethics or professional moral standards. Third, there are some problematic fields where market-like institutions for evaluation, accreditation or certification arise. Fourth, nobody can, by casting legal rules, be hindered from deploying virtues beyond these rules, and nobody can plead that by having obeyed all rules he has done everything he is obliged to.
*) Manfred Prisching, Institut für Soziologie, Universität Graz.

Puwein*)
Die Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur in der Europäischen Union
Der europäische Integrationsprozess, insbesondere die EU-Erweiterung, wird in den nächsten Jahrzehnten den Verkehr stark beleben. Die verkehrspolitisch erwünschten Verlagerungen von der Straße auf die Schiene und die Beseitigung bestehender und zu erwartender Engpassprobleme im Straßenverkehr erfordern vermehrte Investitionen in die Infrastruktur. Der Finanzierungsspielraum der öffentlichen Hand ist jedoch durch wirtschaftspolitische Zielvorgaben begrenzt. Die europäischen Bahngesellschaften sind unter den gegebenen Voraussetzungen kaum in der Lage, den Schienenausbau selbst zu finanzieren. Eine generelle Bemautung des hochrangigen Straßennetzes würde die Finanzierung des weiteren Straßenausbaus leicht abdecken. Großprojekte der Eisenbahn ließen sich durch Erträge aus einer entsprechend hoch angesetzten Bemautung konkurrierender Straßen mitfinanzieren.
Financing the Transport Infrastructure in the European Union
The European integration process, and in particular the Union's eastern enlargement, will contribute considerably to the traffic load over the next decades. Shifting transport from road to rail, and eliminating existing and expected bottlenecks in road traffic, both efforts desirable from the transport policy point of view, require greater investments in the infrastructure. The public sector, however, is limited in its financing leeway by economic policy objects. Given this situation, the European railroads are virtually unable to finance railway construction on their own. General toll systems covering the priority roads would easily produce the revenues required to finance more roads. Major railway projects could be co-funded from revenues from suitably high tolls levied on competing roads.
*) Wilfried Puwein, Verkehrsreferent, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, Wien.

Raidl*)
Shareholder Value und Ethik in der Wirtschaft
Der Aufsatz behandelt die Kritik am Konzept des "Shareholder Value" und deren Beziehung zur Ethik. Er hält es für schwer, eine Unternehmensethik zu formulieren. Ethische Argumente seien in der Vergangenheit auch öfters dafür missbraucht worden, Gruppeninteressen durchzusetzen.
Shareholder value and business ethics
The paper deals with the criticism regarding the concept of shareholder value and its connections with ethics. Ethical arguments have often been misused in order to push group interests.
*) Claus J. Raidl, Vorsitzender des Vorstandes und Generaldirektor, Böhler-Uddeholm AG, Wien.

Schulmeister*)
Zehn Thesen zum Misstrauen in die Aktienmärkte
Das Ende des Aktienbooms im Frühjahr 2000 kann zweifach interpretiert werden. Erstens als bedingt durch die zum Teil kriminellen Handlungen einzelner Akteure. Zweitens als systemimmanente Entwicklung. Der Autor illustriert die letztere Sichtweise durch zehn Thesen. Diese gehen u.a. in Richtung Kurzfristigkeit, Verstärkung der Instabilität der Finanzmärkte durch computergesteuerte Transaktionen, Reduzierung der Rolle der Gütermärkte reduziere das Wirtschaftswachstum, Umverteilung zu Lasten weniger informierter Außenseiter.
Ten statements about the distrust in stock exchanges
The end of the bullmarket in spring 2000 can be interpreted in two different ways. First, as caused by the partially criminal actions of individual actors. Second, as a systematic development. The author illustrates the latter view with regard to ten points (short termism, increased destabilization of capital markets by computer trading programms, reduction of the role of real economy and real growth, redistribution of wealth at the expense of less informed outsiders).
*) Stephan Schulmeister, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Forschungsschwerpunkt Finanzmärkte und die Realwirtschaft, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, Wien.

Soerensen*)
The Globalisation of Air Transport and the Future of Global Networks
This article deals with the changes and upcoming challenges in the air transport industry, from the times of relative growth between 1990 and 2000 to the decline in the following years and especially after September 11, 2001.
Die Globalisierung der Luftfahrtindustrie und die Zukunft globaler Netzwerke
Der vorliegende Artikel setzt sich mit den Änderungen und künftigen Herausforderungen der Luftfahrindustriet auseinander, angefangen von den Zeiten des relativen Wachstums zwischen 1990 und 2000 bis zum Rückgang in den darauf folgenden Jahren und besonders nach dem 11. September 2001.
*) Vagn Soerensen, Chief Executive Officer, Austrian Airlines Group, Wien.

Stadler*)
Die offene Gesellschaft und ihre Werte – Thesen zur Erneuerung der öko-sozialen Marktwirtschaft
Die aktuelle Kapitalmarktkrise führt zu einem Wert-Verfall im doppelten Wortsinn – sowohl bei der Marktkapitalisierung als auch beim Vertrauenskapital. So intensiv wie nie zuvor wird um neue Regelwerke des unternehmerischen Wohlverhaltens gerungen. Zu klären ist ein ganzes Bündel grundlegender Fragen: nach den richtigen Methoden zur Bewertung von Unternehmen, realitätsgetreuen Bilanzierungssystemen, angemessenen Entlohnungssystemen für Manager, neuen Vereinbarkeitsregeln für Wirtschaftsprüfer, Finanzanalysten und Investment-Banker und insgesamt einer Neuordnung der Finanzierungskultur.
Ein zweiter Anlass zur Erneuerung der marktwirtschaftlichen Spielregeln liegt in der offensichtlichen Legitimationskrise einer "Marktwirtschaft ohne Vorzeichen" als Einheitsrezept für die globalisierte Weltwirtschaft. Denn die Grenzen des Wachstums liegen nicht mehr so sehr in den materiellen Ressourcen, sondern in den Grenzen des Vertrauens in ein allzu einseitig auf kurzfristige Kapitalinteressen fixiertes Bild der Marktwirtschaft. Als Alternative bietet sich an, auf Basis eines (Öko-)Sozialen Marktwirtschaftsmodells nach differenzierten Wegen zur Globalisierung zu suchen.
The Values of an Open Society - On an ecologically sustainable and socially responsible market economy
The current crisis of the capital markets reflects the decline in values in two senses: in market capitalisation and in confidence. Never before have more efforts been invested in creating a new set of rules for corporate governance. A number of fundamental issues are at stake: adequate company valuation methods; accounting systems that give a true view; commensurate remuneration schemes for top management; new compliance rules for auditors, financial analysts and investment bankers; and a general renewal of financing practice.
Another driving force behind the current scrutiny of the rules governing the market economy is the apparent difficulty in justifying an "unleashed market economy" as the standard for a globalised economy. The limits of growth today are less the constraints imposed by the material resources, but the lack of confidence in a market economy with an overly strong focus on short-term capital interests. An alternative is the search for a way to achieve globalisation based on an ecologically viable and socially responsible market economy.
*) Wilfried Stadler, Vorsitzender des Vorstandes, Investkredit Bank AG, Wien

Testoni*)
Neue Alpentunnel - Wie macht es die Schweiz? Der Staat finanziert die Alpentransversalen
Im folgenden Beitrag wird das Finanzierungsmodell der "Neuen Eisenbahn Alpentransversalen" (kurz NEAT) geschildert. Zwecks besseren Verständnisses wird zuerst ein Überblick über die Schweizer Transportpolitik gegeben. Dies beinhaltet die politischen Maßnahmen für die Förderung des öffentlichen Verkehrs und die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene. Anschließend werden die wichtigsten Bauvorhaben kurz vorgestellt.
Tunnelling Through the Alps: How do the Swiss do it? - Government financing for traversing the Alps
A model for financing new railway passages though the Alps (NEAT) is the topic of this contribution. The report begins with a review of Swiss transport policy to provide the background for better understanding. This includes the policy instruments used to subsidise public transport and to promote the shift of goods transport from road to rail. A presentation of the most important construction projects relating to these issues closes this article.
*) Peter Testoni, Vizedirektor, Abteilung Bau, Bundesamt für Verkehr, Bern.

Tumpel-Gugerell/Schürz*)
Wie viel Moral braucht die Wirtschaft?
Im Lichte des Enron-Debakels werden drei theoretische Varianten zum Verhältnis von Ethik und Wirtschaft besprochen. Erstens eine zweckrationale Betrachtung, wonach der Markt grundsätzlich hinreichende Moralressourcen zur Erfüllung seiner Funktionen birgt, zweitens eine normative wertrationale Perspektive, die darauf abzielt, dass sich eine altruistische Ethik gegen die Marktlogik durchsetzt und drittens eine prozedurale Variante, welche hinsichtlich der zu wählenden Werte ergebnisoffen bleibt. Unter Bedingungen eines Wertepluralismus plädieren wir dafür Zweckrationalität und Wertrationalität prozedural zu ergänzen.
How much ethics do we need in business?
In the light of the Enron debacle, this paper discusses the relationship between ethics and business from three different perspectives. First, from the perspective of goal rationality, which understands the market to basically have sufficient moral resources to fulfil its functions; second, from the perspective of normative value rationality, which focuses on the idea that altruistic ethics overrules market logics; and, third, from a procedural perspective, which is not set on a particular outcome regarding the values to be chosen. Under the condition of a pluralism of values, we plead for supplementing the goal rationality and value rationality approaches with procedural elements.
*) Gertrude Tumpel-Gugerell, Vizegouverneurin, Oesterreichische Nationalbank, Wien,
Martin Schürz, Ökonom, Abteilung für Volkswirtschaftliche Analysen, Oesterreichische Nationalbank, Wien.

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© Letzte Aktualisierung: 29.12.2004