Wirtschaftspolitische Blätter   2/2003

Die Beiträge kurz skizziert in englischer und deutscher Sprache

wipolb_graph.jpg (22320 Byte)

Beyrer/Schneider*)
Wirtschaftsentwicklung 2003 – Nach dem Krieg im Irak
Internationale und österreichische Auswirkungen und Aussichten

Ein vor kurzem von der Stabsabteilung Wirtschaftspolitik der Wirtschaftskammer Österreich veröffentlichter Bericht zur Wirtschaftsentwicklung nach dem Irak-Krieg beschreibt einen zarten Silberstreif am Konjunkturhorizont. Für Österreich rechnet die WKÖ mit einer bescheidenen aber stabilen – basierend auf wachsendem Vertrauen von Investoren und Konsumenten – Erholung in der zweiten Jahreshälfte 2003. Ein Wachstum von um 1 Prozent, also knapp über dem Schnitt der Euro-Zone sollte möglich sein.
Der Bericht beschreibt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die wichtigsten ökonomischen Transmissionsriemen (Ölpreis, Wechselkurs, Leitzinssätze), andauernde Probleme (Überkapazität, Vertrauen, Defizite) und neue Unsicherheiten (Welthandelspolitik, SARS, Sicherheit) sowie die Zusammenhänge zwischen diesen Elementen.

Economic Development in 2003 – Post-Iraq-War
A report recently published by the Economic Policy Department at the Austrian Economic Chamber describes the emergence of a silver sliver on the otherwise still clouded horizon of economic growth. Based on improved confidence among investors and consumers, the Austrian Economic Chamber expects a modest but stable recovery in Austria during the second half of 2003. The economy should grow by approximately one percent (measured as a percentage change of gross domestic product), which is just above the rate expected for the Euro-Zone.
The article depicts and analyses the framework conditions, the key economic transmission mechanisms (such as the price of oil, the exchange rate movements, the interest rates), continuing problems (such as excess capacity, confidence, deficits) and new uncertainties (such as international trade policy, severe acute respiratory syndrome, security) as well as the links between these factors.

*) Mag. Markus J. Beyrer, Abteilungsleiter, Stabsabteilung Wirtschaftspolitik, Wirtschaftskammer Österreich, Wien
Dr. Christoph M. Schneider, Stabsabteilung Wirtschaftspolitik, Wirtschaftskammer Österreich, Wien

Brandner*)
Budgetpolitik der Niederlande, Finnlands und Schwedens - Lehren für nachhaltige Konsolidierungen?

Nachdem sich bis Anfang der 1990er Jahre die Schuldenquoten vieler OECD-Länder teilweise kräftig erhöht haben, waren zur Erreichung einer langfristig aufrechterhaltbaren Fiskalpolitik Konsolidierungsmaßnahmen unausweichlich. Die empirische Wirtschaftsforschung ist in unterschiedlichen Studien übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass für eine erfolgreiche Budgetkonsolidierung die Zusammensetzung der Konsolidierungsmaßnahmen wesentlich ist (Ausgabenkürzungen sollen Einnahmenerhöhungen vorgezogen werden). Im Vergleich der EU-Mitgliedstaaten wird die seit Mitte der 1990er Jahren praktizierte Fiskalpolitik in den Niederlanden, in Finnland und in Schweden oft als "erfolgreich" aufgefasst. Die Diskussion der fiskalischen Maßnahmen für diese drei Länder zeigt, dass unterschiedliche Maßnahmen auf der Einnahmen- bzw. Ausgabenseite durchgeführt wurden. In dieser Betrachtungsweise lässt sich kein konkreter Maßnahmenkatalog für Österreich ableiten. Es scheint vielmehr die an mittelfristigen Zielen ausgerichtete Budgetplanung und –erstellung, verbunden mit einer auf der Ausgabenseite zunehmend regelgebundenen Fiskalpolitik für den Konsolidierungserfolg maßgeblich zu sein. Es wäre daher zu überlegen, auch in Österreich im Rahmen eines mehrjährigen Budgeterstellungsprozesses eine stärker an strategischen Zielen orientierte regelgebundene Budgetpolitik auf der Ausgabenseite zu implementieren. Damit sollen politisch kurzfristig motivierte diskretionäre Eingriffe erschwert werden, automatische Stabilisatoren auf der Einnahmenseite aber voll wirken können. Um den Erfolg sicherzustellen, müssten zusätzlich die finanziellen Verflechtungen der Gebietskörperschaften in Hinblick auf adverse Anreizmechanismen analysiert und in eine allfällige Reform einbezogen werden.
Fiscal Policy in the Netherlands, Finland, and Sweden – Lessons for sustainable consolidations
In the beginning of the 1990s, in many OECD countries the debt-to-GDP ratios increased to historically high levels. Hence, policymakers came under greater pressure to consolidate public finances and re-establish a sustainable fiscal policy. Recent empirical research on how to achieve a successful consolidation showed consistently that the composition and quality of fiscal adjustments matters: A strong emphasis should be put on expenditure cuts rather than increased tax revenues. Among EU member countries, fiscal adjustments in the 1990s in the Netherlands, Finland and Sweden are often considered to be successful episodes. However, measures both on the revenue and the expenditure side have been implemented. From this point of view, a simple list of recommendations cannot be derived for Austria´s fiscal consolidation strategy. Interestingly, these countries adopted or strengthened a medium-term policy framework, anchoring fiscal policy on spending rules, where automatic stabilisers are allowed to freely respond on the revenue side. Austria´s fiscal policy – while at the same time following more long-run strategic objectives - could benefit from such an approach. It should then become more difficult to conduct a short-term oriented discretionary budget policy. To be successful, federal responsibilities have to be carefully analysed and become an integral part of a reform in order to eliminate misplaced incentives for sub-national governments.

*) Mag. Peter Brandner, Institut für Höhere Studien (IHS), Wien

Breuss*)
Fiskaldisziplin und Wachstum in der Wirtschafts- und Währungsunion - Ein Kommentar zu Jürgen von Hagen

Der Stabilitäts- und Wachstumspakt (SWP), der die Fiskaldisziplin in der WWU regelt, ist in jüngster Zeit in arge Bedrängnis geraten. Zum einen hat die anhaltende Konjunkturschwäche in Europa dazu beigetragen, zum scheinen selbst die größten Euro-Länder derzeit nicht imstande oder willens zu sein, sich ganz an die Spielregeln zu halten. In dem vorliegenden Kommentar wird die These, wonach der SWP nicht der Hauptgrund für die Budgetsanierungen in den EU-Staaten war, hinterfragt. Weiters wird darauf eingegangen, inwieweit Fiskaldisziplin das Wirtschaftswachstum tangiert, sowie mögliche Reformen des SWP andiskutiert.
Fiscal Discipline and Growth in the European Monetary Union:
A Comment

The Stability and Growth Pact (SGP) is in discussion – not only because of the economic slowdown but also because some important EMU countries are under pressure to meet the targets of the SGP. In this comment the view of Mr. Hagen that the SGP is not the main reason for consolidation of public budgets is questioned. In a second step the link between fiscal discipline and economic growth is analyzed and finally possible changes of the SGP are presented.

*) Univ.Prof. Dr. Fritz Breuss, Forschungsinstitut für Europafragen, Wirtschaftsuniversität Wien; Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), Wien

Dürnecker/Zagler*)
Long-run growth implications of government expenditures in Austria

This paper investigates the impact of four distinct public expenditure categories, education spending, research and development expenditures, public infrastructure investment, and investment subsidies on the long-run growth performance of the Austrian economy. We obtain a point estimator for the impact on the economic growth rate of a one percentage point increase in infrastructure investment of 0.32. We find a cumulated effect on the growth of a one percent annual increase in education expenditures of 0.25 over ten years and 0.63 over 25 years. A one percentage point increase in the share of public research and development expenditures increases output by 0.57 percent over the next ten years and 1.43 percent over the next 25 years, whereas a one percentage point increase in investment subsidies would only lead to a cumulated effect of 0.01 and 0.04 respectively.
Langfristige Wachstumseffekte von Staatsausgaben in Österreich
Gegenstand dieses Beitrags ist die quantitative Bestimmung der Wirkung von vier unterschiedlichen Staatsausgabenkategorien auf die langfristige Wachstumsrate Österreichs. Diese Kategorien sind Investitionen in öffentliche Infrastruktur, Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Bildungsausgaben und Investitionsförderungen. Eine Erhöhung der Wachstumsrate öffentlicher Infrastrukturinvestitionen um einen Prozentpunkt steigert das Wirtschaftswachstum um 0,32 Prozentpunkte. Der kumulierte Wachstumseffekt einer einprozentigen Erhöhung der Bildungsausgaben kann über 10 Jahre mit 0,25 und über 25 Jahre mit 0,63 Prozentpunkte höheres Wirtschaftswachstum quantifiziert werden. Eine Steigerung der Forschungsquote um einen Prozentpunkt führt im selben Zeithorizont zu einem kumulierten Effekt von 0,57 bzw. 1,43 und eine einprozentige Erhöhung der Investitionsförderungen resultiert in einer kumulierten Wachstumssteigerung von lediglich 0,01 bzw. 0,04.

*) Georg Dürnecker, Studienassistent, Wirtschaftsuniversität Wien
Univ.Doz. Dr. Martin Zagler, Wirtschaftsuniversität Wien; Freie Universität Bozen

Fink/Haiss*)
Industry Disequilibrium: Why banks fall prey to the "New Economy" and other business bubbles
Building on concepts derived from organisational behaviour, finance and regulatory economics, we argue that the reason why the banking industry put so much good money after "The New Economy Craze" lies in the incentives at work. A too rigid regulatory framework puts the banking industry in disequilibrium with competing, less regulated industries and facilitates herding behaviour. We conclude that the regulatory approach needs to be changed and that banks should build conflict stages into their decision making process.
"Warum Banken auf die "new economy" und andere ökonomische Blasen hereinfallen"
Banken haben weltweit mit hohen Kreditvolumina in die "new economy"-Blase investiert. Basierend auf Konzepten aus den Gebieten Regulierungsökonomie, Finanzierung und Organisationsheorie argumentieren wir, dass dieses im Zeitverlauf immer wieder zu beobachtende kollektive Fehlverhalten der Branche durch fehlgeleitete Anreizsysteme begründet ist. Das zu rigide Regulierungs-Regelwerk benachteiligt Banken gegenüber konkurrierenden, weniger streng regulierten Finanzmarktsegmenten und fördert ein "herdenartiges" Ausweichverhalten der Banken. Regulierungsseitig schlagen wir zur Lösung vor, statt immer enger werdender Regelwerke den Banken wiederum mehr Freiräume zu gewähren. Bankseitig schlagen wir den Einbau von Konflikmechanismen in den Entscheidungsprozess vor, um derlei Fehlentscheidungen vorzubeugen.

*) Univ.Prof. Dr. Gerhard Fink, Jean Monnet Professor, Forschungsinstitut für Europafragen, Wirtschaftsuniversität Wien
Mag. Dr. Peter R. Haiss, MBA (UIUC), Mitarbeiter der Bank Austria – Creditanstalt; Lektor am Institute of European Studies, Wirtschaftsuniversität Wien

Frisch/Hauth*)
Wachstumsstrategien für Österreich im finanzpolitischen Rahmen der EU
Dieser Beitrag zeigt Wege zur Erhöhung der langfristigen Wachstumsrate des BIP für Österreich auf. Im Rahmen einer Wachstumsstrategie kommt den öffentlichen Haushalten eine wichtige Rolle zu, da sie das Wachstums- und Beschäftigungspotenzial über die Höhe und Struktur der Ausgaben und Einnahmen beeinflussen können. Nach Einschätzung der Autoren liegen die Hauptschwerpunkte einer wachstumsfördernden Budgetpolitik in Österreich in der Reduzierung der hohen Belastung mit Steuern und Sozialabgaben, in der Reform der Sozialsysteme, in der Förderung von Investitionen in Sach- und Humankapital und in der weiteren Deregulierung der Güter- und Arbeitsmärkte. Für solche Reformvorhaben sind allerdings die budgetären Spielräume zu schaffen. Diese sind in Österreich im Wesentlichen nur durch eine einschneidende Verwaltungsreform und durch effizienzsteigernde Maßnahmen im Bereich der Transferzahlungen zu erreichen.
Growth Strategies for Austria in the Fiscal Policy Framework of the EU
This paper presents approaches to improving the long-term GDP growth rate for Austria. General government budgets have a key role to play in a growth strategy, as they may impact on the growth and employment potential depending on the size and structure of expenditures and revenues. According to the authors, a growth-promoting budget policy in Austria has to focus on reducing the heavy burden of taxes and social contributions, reforming social security systems, promoting investment in physical and human capital and further deregulating the product and labor markets. However, to implement such reforms, there has to be room for discretion in budgetary matters. In Austria, this would inevitably translate into a fundamental administrative reform and measures geared toward increasing the efficiency of transfer payments.

*) Univ.Prof. DDr. Helmut Frisch, Staatsschuldenausschuss, Wien
Mag. Eva Hauth, Staatsschuldenausschuss, Wien

Getzner/Oberlercher*)
Small museums and the regional economy: an Austrian case study
The regional economic impact of museums and other cultural activities regarding production (value added) and employment is in the center of a long-running debate in cultural economics. However, there are only very few empirical studies dealing with the economic consequences of expenditures of visitors of museums in Austria. Furthermore, the individual economic value of a museum visit is unclear as no study regarding the willingness to pay of visitors has been done so far. The present paper presents empirical evidence, first, on the significance of the regional economic impact of visitors’ expenditures elicited in a visitors’ survey by applying a regional multiplier model. It turns out that there might be significantly positive effects on the regional economy. Second, the visitors’ survey has also been used to value the museum experience in terms of the visitors’ willingness to pay an admission fee. While visitors actually paid € 1.1 on average for the admission fee, they would be willing to pay up to € 7.8 after having seen the exhibition. Econometric estimations show that the willingness to pay (WTP) closely correlates to the respondent’s income, his/her perception of the quality of the museum and the admission fee already paid. The latter is empirical evidence of the so-called "anchoring effect", i.e. responses to WTP questions often depend on information about costs or already paid admission fees.
Regionalwirtschaftliche Auswirkungen kleiner Museen: eine österreichische Fallstudie
Die regionalwirtschaftlichen Auswirkungen auf die Wertschöpfung und Beschäftigung durch Museen und andere kulturelle Aktivitäten stehen im Zentrum langjähriger kulturökonomischer Forschungen. Allerdings sind für Österreich nur sehr wenige empirische Untersuchungen durchgeführt worden, die die ökonomischen Wirkungen der Ausgaben der Besucher/innen von Museen erfassen. Auch die individuelle ökonomische Wertschätzung für einen Museumsbesuch bleibt im Dunkel, da keine Untersuchungen über die Zahlungsbereitschaft für einen Museumsbesuch bestehen. Der vorliegende Beitrag präsentiert, erstens, empirische Ergebnisse der ökonomischen Auswirkungen der Ausgaben der Museumsbesucher/innen basierend auf einer Besucherbefragung eines lokal bedeutsamen Volkskundemuseums, welche hinsichtlich ihrer regionalen Multiplikatorwirkungen analysiert werden. Es stellt sich heraus, dass signifikante regionalwirtschaftliche Auswirkungen zu erwarten sind. Zweitens werden die Ergebnisse der Besucherbefragung hinsichtlich der individuellen Zahlungsbereitschaft für einen Eintrittspreis evaluiert. Dem tatsächlich gezahlten Eintrittspreis in Höhe von rund 1,1 € pro Person steht im Mittel eine maximale Zahlungsbereitschaft von 7,8 € gegenüber. Ökonometrische Analysen zeigen hierbei, dass die Zahlungsbereitschaft unter anderem vom individuellen Einkommen, der wahrgenommenen Qualität des Museums, und von dem bereits gezahlten Eintrittspreis abhängt. Letzteres kann als Hinweis für den so genannten "Anker-Effekt" angesehen werden (Antworten auf Fragen nach der Zahlungsbereitschaft hängen von Informationen über Kosten oder bereits gezahlten Preisen ab).

*) ao. Univ.Prof. Dr. Michael Getzner, Abteilung für Volkswirtschaftstheorie und –politik, Universität Klagenfurt
Mag. Caroline Oberlercher, Unternehmensberatung TAO, Villach

Hagen*)
Fiscal Discipline and Growth in Euroland - Experiences with the Stability and Growth Pact
The European Monetary Union (EMU) is a new framework not only for monetary policy but also for the fiscal policies of its member states. Fiscal Policy remains a national competence for EMU member states, but under several constraints. The underlying belief of the EMU is that the stability of the common currency requires the stability of public finance. The paper explains the institutional framework for fiscal policies in the EMU by analyzing the underlying long-run link between fiscal an monetary stability and its implications on the short term fiscal discipline of EMU member states.
Fiskaldisziplin und Wachstum in der Währungsunion: Erfahrungen mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt
Mit dem Entstehen der Währungsunion gab es für die teilnehmenden Länder grundlegende Veränderungen in der Geld- und Fiskalpolitik. Die Kompetenz für die Geldpolitik wurde der Europäischen Zentralbank übertragen. Die Fiskalpolitik ist zwar weiterhin eine nationale Angelegenheit, jedoch sind die Länder zur Einhaltung der Maastricht-Kriterien verpflichtet. Der dahinter liegende Gedanke ist, dass eine stabile europäische Währung langfristig stabile Finanzen in den teilnehmenden Staaten bedingt. Der Beitrag befasst sich mit dem institutionellen Rahmen der Währungsunion und untersucht anhand einer empirischen Analyse dessen Wirkung auf die Budgetdisziplin der Mitglieder der Währungsunion.

*) Prof. Dr. Jürgen von Hagen, Zentrum für Europäische Integrationsforschung, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn

Köhler-Töglhofer*)
The Impact of fiscal Policy on Long-run Growth – A few considerations
Public sector activities can have important effects on economic performance. The financing as well as the spending side may be of importance for long-term growth. However, the net impact of all the diverse activities of governments on growth and welfare has generated ongoing discussions among both policy-makers and academics. While empirical evidence is not uncontroversial, there is some indication that the disappointing output and employment growth in some European countries in recent decades is due in part to the rigidities resulting from a large public sector and generous social programs. While from the theoretical perspective it is reasonably clear that fiscal policy can impact long-run growth, the empirical evidence is not unambiguous.
Effekte der Fiskalpolitik auf das langfristige Wachstum - einige kurze Anmerkungen
Vom öffentlichen Sektor gehen vielfältige Einflüsse auf die ökonomische Performance einer Volkswirtschaft aus. Sowohl die Struktur als auch die Höhe der Einnahmen und der Ausgaben des Staates können das Wachstumspotential beeinflussen. Ob der vom öffentlichen Sektor ausgehende Nettoeffekt auf das langfristige Wachstum und die Wohlfahrt positiv oder negativ ist, steht im Zentrum wirtschafts- und fiskalpolitischer Diskussionen. Obwohl die empirische Evidenz nicht unumstritten ist, gibt es Hinweise darauf, dass die vergleichsweise schwache Wachstums- und Beschäftigungsperformance Europas in der letzten Dekade zumindest teilweise auf die hohen Abgaben- bzw. Ausgabenquoten zurück zu führen ist. Während die endogene Wachstumstheorie zum Resultat gelangt, dass Fiskalpolitik das langfristige Wachstum beeinflusst, ist die empirische Evidenz hierzu sehr uneinheitlich.

*) Mag. Dr. Walpurga Köhler-Töglhofer, Gruppenleiterin Realwirtschaftliche Analysen, Abteilung für volkswirtschaftliche Analysen der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Wien

Kronberger*)
Budgetpolitik und Wirtschaftswachstum
Der Diskussionsartikel spannt einen weiten Bogen, von der Betrachtung des Stabilitäts- und Wachstumspakts (SWP), über die optimale Größe des öffentlichen Sektors für das Wirtschaftswachstum bis hin zu Budgetkonsolidierungen. (1) Im SWP sind bereits weitreichende Reformen durchgesetzt, die einen Großteil der Problembereiche entschärfen. Eine weitere Flexibilisierung des SWP ist nicht zielführend. (2) Ein gewisses Maß an Reduzierung des öffentlichen Sektors in Österreich dürfte günstige Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben, vorausgesetzt, dass Ausgabensenkungen von Strukturreformen begleitet werden. (3) Gemäß den Erkenntnissen der endogenen Wachstumstheorie ist auf ein ausreichendes Niveau bei öffentlichen Investitionen aufgrund ihrer wachstumsfördernden Wirkung zu achten.
Budgetary Policy and Economic Growth
The discussion article covers topics like the Stability and Growth Pact (SGP), the optimal size of the public sector and fiscal consolidation. (1) The SGP has undergone considerable adjustment, overcoming many criticised drawbacks. A weakening of the SGP will lead to a further loss of credibility in the euro area. (2) A reduction of the size of the Austrian public sector has likely a positive effect on economic growth, although expenditure cuts need to be accompanied by structural reforms. (3) A certain level in public investments has to be maintained, even in periods of fiscal consolidation, since endogenous growth theory confirms a positive link between public investment and economic growth.

*) Dr. Ralf Kronberger, Abteilung für Finanz- und Handelspolitik, Wirtschaftskammer Österreich, Wien

Lehner*)
Längerfristige Entwicklung der Steuer- und Abgabenquote in Österreich
Die Steuerquote lag in Österreich im Jahre 2000 mit 43,7 % des BIP um etwa 2 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt. Sie ist in den neunziger Jahren um 3,3 Prozentpunkte gestiegen. In den Jahren 2001/2002 nahm sie weiter zu (2002 44,6 %). Über dem EU-Durchschnitt lagen vor allem die Steuern von der Lohnsumme und die Sozialversicherungsbeiträge. Die Steuern und Abgaben von den Löhnen und Gehältern stiegen in den neunziger Jahren von 50,4 % (1990) auf 61,0 % im Jahre 2000 (einschließlich Lohnsteuer). Die Steuern vom Verbrauch sanken hingegen von 19,3 % (1990) auf 18,1 % des privaten Konsums im Jahre 2000. Die globale Aufkommenselastizität des österreichischen Steuersystems (bezogen auf das nominelle BIP) liegt längerfristig etwas unter Eins (0,95). Das verursacht einige Probleme auch im Zusammenhang mit der Budgetpolitik.
Long Term Development of the Tax Revenue in Austria
The tax revenue quota (on nominal GDP) was in Austria in 2000 by 2 %points higher than the EU average (Austria 43,7 %; EU 41,6 %). The quota increased in Austria in the nineties by 3,3 %points. In the years 2001/2002 it increased further (2002 44,6 %). Above the EU average were especially the pay roll taxes and the contributions to the social system. The taxes on wages increased in the nineties from 50,4 % (1990) to 61,0 % (2000). The income tax on wages is included. The taxes on private consumption were reduced from 19,3 % (1990) to 18,1 % (2000). The global elasticity of the Austrian tax system was in the nineties somewhat below 1 (0,95). This causes some problems to the Austrian budget policy.

*) Dr. Gerhard Lehner, Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), Wien

Leutner*)
Vom "Nulldefizit" zum Rückzug des Staates – eine kritische Betrachtung aus der Sicht des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB)
Der Aufsatz untersucht aus kritischer Perspektive die Budgetpolitik der im Februar 2000 gebildeten österreichischen Bundesregierung, insbesondere unter den Gesichtspunkten der Steuerinzidenz, der Umverteilungseffekte und der Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Die Position von Gewerkschaften und Arbeiterkammern zur Frage einer Steuerreform 2003 wird dargestellt und erläutert.
Austria’s fiscal policy since 2000 – a critical view from a union perspective
This contribution analyses the fiscal policies of Austria’s government formed in February 2000 from the Autrian Trade Unions point of view. Tax incidence, effects of redistribution and the consequences for Austria’s economic growth are evaluated. The position of the Austrian Trade Unions Federation and of the Austrian Chambers of Labour with regard to a tax reform 2003 is presented and explained.

*) Dr. Richard Leutner, Leitender Sekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), Wien

Reinisch*)
Ein Insolvenzrecht für Staaten?
Die bisherige Umschuldungspraxis souveräner Schuldner im Rahmen der Pariser und Londoner Clubs bietet wertvolle Ansätze für ein echtes internationales Insolvenzrecht. Diese ließen sich kombinieren mit den, zahlreichen nationalen Verfahrensvorschriften zur Reorganisation privater Schuldner gemeinsamen Grundsätzen, um so zu einem genuinen völkerrechtlichen Insolvenzrecht für Staaten zu kommen. Wenngleich man also auf Staatenpraxis und allgemeinen Rechtsgrundsätzen aufbauen kann, bedarf die Etablierung eines effektiven Staateninsolvenzrechts jedoch wohl einer völkervertragsrechtlichen Verankerung.
An Insolvency Law for States?
The practice of rescheduling sovereign debt in the framework of the Paris and London Clubs offers promising signs for a true international insolvency law. These traces could be combined with principles common to various national procedural rules governing the reorganisation of private debtors in order to arrive at a genuine international insolvency law for States. Though one may thus build on State practice and general principles of law, the establishment of an effective State insolvency law appears to require a treaty.

*) ao. Univ.Prof. Dr. August Reinisch, Völkerrecht und Europarecht, Institut für Völkerrecht und Internationale Beziehungen, Universität Wien

Rossmann*)
Budgetpolitik der Niederlande, Finnlands und Schwedens - Lehren für nachhaltige Konsolidierungen? - Ein Kommentar zu Peter Brandner
Für nachhaltige Konsolidierungen der öffentlichen Haushalte ist eine Unterscheidung zwischen einnahmen- und ausgabenseitigen Maßnahmen nicht entscheidend. Auch Ausgabendeckelungen sind kein geeignetes Instrument zur Überwindung von Steuerungsmängeln im Rahmen mehrjähriger Budgetplanungen. Eine erfolgreiche Konsolidierung erfordert zweierlei: eine Selbstbindung der Regierung an die strategischen Zielvorgaben und eine Reformstrategie mit einer Fokussierung auf die Budgetstrukturen ("Structures matter.") sowie auf eine Neuverteilung der Aufgaben im Bundesstaat. Die Grundsätze einer solchen Reformstrategie werden skizziert.
Fiscal Policy in the Netherlands, Finland, and Sweden – Lessons for sustainable consolidations: A comment
The distinction between expenditure and revenue oriented measures is not decisive for a sustainable budgetary consolidation. Even expenditure caps are not an appropriate instrument to overcome the shortcomings in controlling medium term budget plannings. Two different things are necessary for successful consolidations: self discipline of the government vis-à-vis its strategic aims and a reform strategy focusing on the budgetary structures ("Compositions does not matter, but structures do".) as well as a reorientation of the federal responsibilities. Few principles for such a strategy are roughly outlined.

*) Mag. Bruno Rossmann, Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung, Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien

Socher*)
Effizienzverbesserung von Tourismus-Organisationen durch Public Private Partnership
Die Nachfrage nach touristischen Leistungsbündeln hat heute einen weltweiten Wettbewerb ausgelöst, während auf der Angebotsseite eine kleinbetriebliche Struktur der Leistungsträger vorherrscht. Die notwendige Koordination und Kooperation der kleinen Unternehmen bei der Produktgestaltung und Werbung durch Tourismusorganisationen muss den neuen Entwicklungen angepasst werden. Diese Anpassung wird in letzter Zeit häufig durch staatlich angeordnete Fusionierungen und/oder Privatisierung der bisher öffentlichen Organisationen versucht. Der Artikel zeigt jedoch, dass öffentliche Beiträge sowohl für die Erstellung öffentlicher Güter wie für die Internalisierung externer Effekte bei der Werbung notwendig sind. Deshalb wird eine Public Private Partnership vorgeschlagen, die ein effizienteres Management von Tourismusorganisationen und marktnahe Ausgestaltung der Beiträge und ihrer Verwendung garantieren soll.
Public-Private-Partnership for more efficient Tourism Organisations
The demand for tourism products has led to worldwide competition, but on the supply-side there are many small entreprises in the value chain. The necessary coordination and cooperation of the small firms in production and marketing through tourism organisations has to be adapted to the new developments. In recent times it is often tried to merge and/or privatize tourism organisations. However, the paper shows, that public levies are necessary for the production of public goods as well for the internalizing external effects in marketing. A public-private-partnership is proposed for a more efficient management of tourism organisations and a market oriented rate and structure of the levies and their expenditures.

*) em. Univ.Prof. Dr. Karl Socher, Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und –geschichte, Universität Innsbruck

Wieser*)
Economic Policy Making of Small Open Economies in an International Institutional Environment
Over the last decades the international framework within which national economic policies are formulated and conducted has changed dramatically. This has been due to increased international economic linkages, nowadays called globalisation. These processes in turn have both been driven by and shaped international institutions with an economic policy mandate. Formal (or "nominal") autonomy of small nation states has decreased over time, whilst for small Euroepan States real autonomy over policy making has actually increased. In this paper we will look at the way these processes and institutions have brought about changes for a small open economy such as Austria, and outline scope for further research.
Wirtschaftspolitische Handlungsspielräume kleiner offener Volkswirtschaften: eine neue internationale institutionelle Welt
Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben Nationen wesentliche Freiheitsgrade ihrer wirtschaftspolitischen Autonomie verloren. Österreich ist hiebei ein in vielerlei Hinsicht interessantes Beispiel: vor dem EU-Beitritt ein hohes Maß an "nomineller" Autonomie, aber real ein stetiger Verlust an Handlungsspielräumen. Der EU-Beitritt hat dies umgekehrt; der Verlust an "nomineller" oder scheinbarer Autonomie wurde mehr als kompensiert durch den Gewinn an realen Handlungsspielräumen. Der Artikel skizziert eine Reihe grundsätzlicher Fragen im Rahmen einer neuen polit-ökonomischen Perspektive, und steckt den Rahmen für weitergehende Untersuchungen ab.

*) Mag. Thomas Wieser, Leiter der Sektion für Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte, Bundesministerium für Finanzen, Wien

 zurück zum Seitenanfang

zurück zur Übersicht

Ansprechpartner
© Letzte Aktualisierung: 29.12.2004