Arbeitszeit: Flexibel arbeiten heißt nicht mehr arbeiten

Globaler Wettbewerbsdruck, kürzere Produktlebenszyklen, der Siegeszug des Just-in-Time-Konzepts in Logistik, Produktion und Distribution, starke Konjunkturschwankungen, längere Öffnungszeiten: All das erfordert in Betrieben mehr Flexibilität. Weltweit wird immer weniger auf Lager produziert. Aufträge werden kurzfristig storniert, erteilt und abgearbeitet. Damit werden in allen Ländern auch flexible Arbeitszeiten immer wichtiger.

„Hire & Fire“ ist in den USA berüchtigt. Bei guter Auftragslage wird mehr Personal eingestellt, um Spitzen abzudecken. Verschlechtert sich jedoch die Auftragslage, werden Jobs innerhalb kürzester Zeit wieder abgebaut. Mit fatalen Folgen.

Es geht auch anders
Österreich hat in der Vergangenheit schon öfters bewiesen, dass es auch anders geht. Während der Wirtschaftskrise vor rund acht Jahren ist die heimische Wirtschaft um 3,8 Prozent eingebrochen, die Beschäftigungszahlen sanken jedoch nur um 1,4 Prozent. Damals wurden rund 80.000 Arbeitsplätze durch Überstundenabbau oder Kurzarbeit langfristig erhalten und auf einen kurzfristigen Personalauf- und -abbau verzichtet. Nach einer Erhebung der OECD entfiel davon ein großer Teil auf Formen flexibler Beschäftigung, insbesondere auf Überstundenabbau und flexible Arbeitszeiten.

Österreich hinkt international hinterher
Der internationale Vergleich zeigt: Je fortschrittlicher eine Volkswirtschaft ist, umso flexibler sind deren Beschäftigungsmodelle. In Finnland etwa ermöglichen über 80 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern flexible Arbeitszeiten, in Schweden sind es 67 Prozent. Auch Deutschland zählt mit langen Durchrechnungszeiträumen und Arbeitszeitkonten zu den Vorreitern in Europa. In Österreich kann nur jede zweite Arbeitnehmerin bzw. jeder zweite Arbeitnehmer (53 Prozent) flexibel arbeiten und nur 11 Prozent der Unternehmen ermöglichen Flexibilität über Arbeitszeitkonten.

Arbeitswelten ändern sich
Die Arbeitswelt befindet sich in einem Wandel, wie es ihn bisher noch nie gab. Weltweit fordern Wettbewerb, Nachfrageschwankungen, anspruchsvollere Kunden und neue Technologien und Prozesse mehr Flexibilität von Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer als früher. Ob kleiner Handwerksbetrieb, mittelständischer Leitbetrieb oder international tätiger Konzern: Die zunehmende Dynamik und Schnelllebigkeit verändern viele Arbeitsprozesse und stellen Unternehmer wie Mitarbeiter gleichermaßen vor Herausforderungen.

Derzeitige Beschäftigungsverhältnisse erlauben es Arbeitnehmern kaum, flexibel auch außerhalb der gesetzlichen Arbeitszeiten tätig zu sein und erschweren in vielen Branchen und Betrieben den unternehmerischen Alltag – mit entsprechender Unzufriedenheit für alle Beteiligten.

Mehr betriebliche Gestaltungsmöglichkeiten
Die Mehrheit der Arbeitnehmer befindet sich in einer Vollzeitbeschäftigung, deren flexible und individuelle Ausgestaltung derzeit jedoch nur in sehr geringem Maß möglich ist. Die Folge: Es entwi-ckeln sich zunehmend alternative Beschäftigungsformen wie Teilzeit, Job Sharing (als Unterform von Teilzeit, aber als eigenes Phänomen), Zeitarbeit, Freelancer, Outsourcing (und dadurch Umgehung nationaler Arbeitszeitmodelle). Diese Arbeitsformen sind zumeist durch einen hohen Grad an freier Zeiteinteilung gekennzeichnet und werden daher zunehmend nachgefragt. Arbeit sucht sich sich also einen flexiblen Weg am klassischen, starren Vollzeitmodell vorbei. Anstatt einer weiteren Verkomplizierung bestehender Regelungen wünschen sich Arbeitgeber sowie und Arbeitnehmer stattdessen die Stärkung betrieblicher Gestaltungsmöglichkeiten. So sind individuelle und flexible Arbeitsmodelle der Schlüssel zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit und werden daher auch immer stärker von Arbeitnehmern nachgefragt.  Im Einklang mit den aktuellen betrieblichen Erfordernissen kann so die Arbeitszeit besser auf individuelle Bedürfnisse und Vorlieben abgestimmt werden. Das steigert wiederum Motivation, Zufriedenheit und Engagement im Job.

Kein Mehr an Arbeit
Flexible Arbeitsmodelle zielen nicht prinzipiell auf ein Mehr an Arbeit ab, sondern nur dann, wenn es die Auftragslage eben erfordert. Betriebliche Spitzen können so besser abgedeckt werden. Dafür werden mehr freie Tage und lange Wochenenden  für die Arbeitnehmer möglich.                              
Von Herbert Motter
20.10.2016 Sabine Barbisch
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