Die 24. Studienreise der Fachgruppe UBIT führte in den Kaukasus, wo Georgien als aufstrebendes Land mit Kontrast und Vielfalt überraschte.

30 Kärntner, das war bis jetzt die größte Wirtschaftsdelegation aus Österreich, die je in Georgien empfangen wurde. Aber die Mitglieder der Fachgruppe UBIT waren schon immer Vorreiter und Trendsetter. Diesmal auch bei der 24. Studienreise, die in ein noch recht unbekanntes Land im Kaukasus führte. In Tiflis fühlten sich die Unternehmer schnell heimisch. Denn Georgien weißt viele Ähnlichkeiten zu Österreich auf – die Größe, die Landschaft, die christliche Kultur, die Lage zwischen unterschiedlichen Nachbarländern oder eine lange Tradition im Weinbau. Dazu kommt eine starke pro europäische Ausrichtung mit dem Streben sich in der Zukunft als wirtschaftliche Drehscheibe in den Kaukasus zu positionieren. Vieles ist im Wandel. Das Know-how der Österreich durchaus gefragt, nicht nur beim Bau von Seilbahnen. 


Österreich willkommen geheißen

„Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion brach auch die Industrie zusammen. Derzeit sind über 50 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. Es gibt eine sehr kleine Mittelschicht, die aber mit der beginnenden Transformation zu einer Dienstleistungsgesellschaft zu wachsen beginnt“, berichtet Martin Zandonella, Obmann der WK-Sparte Information und Consulting. Rohstoffe werden kaum abgebaut, aber es gibt noch ausbaufähige Wasserressourcen zur Stromgewinnung. Tourismus blüht auf. Doch es fehlt an gut ausgebildeten Leuten. Bildung gehört aktuell zu den größten Problemen des Landes. „Es wird einen ansteigenden Bedarf an Beratern, Technikern und Experten im Bildungsbereich geben, das ist eine große Chance, um die bereits bestehenden Geschäftsbeziehungen mit österreichischen Unternehmen auszubauen“, sagt Zandonella. 


Bereits während der österreichisch-ungarischen Monarchie gab es enge Verbindungen mit Georgien. So unterhielt die österreichische Lloyd, damals die größte Handelsflotte der Welt, eine Verbindung zwischen Triest und Batumi und, die K&K-Administration hatte, ein eigenes Konsulat in Batumi sowie in der Hauptstadt Tiflis. Durch die politischen Ereignisse nach den Weltkriegen gingen diese Beziehungen allerdings komplett verloren und wurden erst wieder in vergangenen 15 Jahren im kleinen Rahmen aufgebaut.

 

In Georgien unternehmerisch Fuß fassen

Für Georg Karabaczek, österreichischer Wirtschaftsdelegierte für Türkei, Georgien und Aserbaidschan, ist es ein wunderschönes Land mit ausgesprochen gastfreundlichen Menschen sowie einer bewundernswerten wirtschaftlichen Dynamik. Wer aber hier Geschäfte machen will, muss viel Zeit in den Aufbau von persönlichen Kontakten investieren und das Land öfters besuchen. „So liberal die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch sind, so muss der relativ kleine Markt doch intensiv bearbeitet werden, um Erfolg zu haben“, sagt Karabaczek. „Eine andere Herausforderung ist natürlich die Finanzierung der Projekte. Hier wären Quellen wie die Internationalen Finanzinstitute, die Österreichische Entwicklungsbank aber auch die Österreichische Entwicklungsagentur (ADA) in die Überlegungen einzubeziehen. Selbstverständlich unterstützt das AußenwirtschaftsCenter Istanbul alle Kärntner Unternehmen bei der Marktbearbeitung.“

 

Der Bedarf an Wissen und Technologie aus dem Ausland ist groß, speziell für den Aus- und Aufbau der Tourismusinfrastruktur, in Bildung, Logistik, Modernisierung der Landwirtschaft oder in der Wasserkraft. Georgien selbst versteht sich als die Drehscheibe in den südlichen Kaukasus und legt große Hoffnungen in den Ausbau der Seidenstraße. So betreibt das österreichische Unternehmen Gebrüder Weiss das größte Logistikzentrum im Land. Georgien ist aber wohl auch das „europäischste“ Land in der Region und will die Beziehungen zu Europa weiter intensivieren.

 

Von Innovation und Fortschritt

Vier Tage lang bekam die Delegation Einblick in Wirtschaft, Land und Leute. Bei Betriebsbesuchen vor Ort wurden Kontakte geknüpft und Informationen ausgetauscht. Das Resümee der einiger Kärntner Investoren: „In Georgien spürt man eine Art Aufbruchsstimmung. Es könnte für Österreicher interessant sein hier zu investieren, allerdings ausschließlich mit einem lokalen Partner und mit Unterstützung der Außenhandelsvertreter vor Ort. Beeindruckt haben uns die vielen Powerfrauen, die wir kennenlernen durften. Frauen, die hier sehr viel bewegen. Sie setzten sich mit Energie und Leidenschaft für eine bessere Zukunft in Georgien ein. Die junge Generation, vor allem in der Stadt, will weiter kommen.“

 

Auch eine kleine Start-up-Szene hat in Georgien bereits Fuß gefasst. In einer ehemaligen Textilfabrik hat sich ein Start-up-Hub mit Coworking-Plätzen, Hotels, Shops und Cafés angesiedelt. Unterstützt werden nicht nur innovative Ideen im Hightech-Bereich, sondern auch soziale und gesellschaftlich nachhaltige Ideen. Georgien hat noch einige Herausforderungen zu bewältigen, aber es ist ein Land mit Potenzial – auch für Reisende, die Kultur, Kulinarik und Wein schätzen.


Persönliche Eindrücke einiger Studienteilnehmer 

Vittoria Bottaro, Bottaro Consulting, Annenheim: „Georgien ist ein Land der Gegensätze. Orientalische Einflüsse treffen auf einen modernen europäischen Zeitgeist. Wirtschaftlich konnten wir ein aufstrebendes Land kennenlernen, das sich seiner Stärken und seiner Abhängigkeiten von Russland und der Türkei genauso bewusst ist, wie seiner großartigen Position an der antiken Seidenstraße, die auch heute ein großes Potenzial innehat. Beeindruckt hat mich das Nebeneinander von einem modernen städtischen Konzept, wie einer Seilbahn quer über die Dächer von Tiflis und einem traditionellen Leben in den Gassen und Lokalen. Erschreckend jedoch ist das Spannungsfeld zwischen sehr arm und sehr reich, das auch nebeneinander besteht.“

 

Holger Schmitz, Lanexpert, Villach: „Georgien bezeichnet sich selbst als Balkon Europas und diese Beschreibung trifft auch voll zu. In Tiflis fühlt man sich sehr schnell heimisch, da die fantastische Landschaft, die kulturellen Sehenswürdigkeiten und das gute Essen sehr an Österreich erinnern. Am starken Kontrast der Gebäude zwischen Zerfall und Moderne wird man an das Fehlen von finanziellen Ressourcen erinnert. Dieser Eindruck wird am Land durch schlechte und holprige Straßen nochmals verstärkt. Ich war erstaunt, dass das kleine Land so viel zu bieten hat. Ein Highlight der Reise war für mich der Besuch im Justizhaus in Tiflis und die Präsentation der aktuellen E-Government-Lösungen. Beeindruckt war ich hier von der Fortschrittlichkeit und der Kundenorientierung. Eine nette Idee ist der Drive-in Schalter, um seine Dokumente rasch abholen zu können.“

 

Gernot Winkler, Informatika Consulting, Klagenfurt: „Die wie immer gute Reisevorbereitung unseres UBIT-Büros und die nahezu aufopfernde örtliche Reiseorganisation und -begleitung durch die beiden Repräsentanten der österreichischen Außenwirtschaft ermöglichte einen ebenso aufschlussreichen wie interessanten Ausflug in ein Land, dass nach wie vor an den Folgen des politischen Systemwechsels „nagt“. Die Abkapselung Georgiens im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion im Jahr 1992 ist nach meiner Wahrnehmung noch nicht wirklich überwunden. Die Umstellung des politischen Systems in Kombination mit einer Auswanderung von nahezu 25 Prozent der Gesamtbevölkerung hinterließen deutliche Spuren. Bei Durchschnittslöhnen von umgerechnet 250 Euro pro Monat wunderten wir uns, warum so viele deutsche Luxusautos und japanische Hybridfahrzeuge auf den Straßen unterwegs sind. Die Georgier sind hoffnungsvoll hinsichtlich eines Aufwärtstrends. Als Konjunkturmotor werden insbesondere der Fremdenverkehr an der Schwarzmeerküste und der Wandertourismus im Kaukasus genannt, jedoch möchte man sich auch als Handelsdrehscheibe zwischen Orient und Europa etablieren. Unter vorgehaltener Hand wurde uns mitgeteilt, dass die dazu notwendige Infrastruktur wie moderne Gleisanlagen, Containerterminals oder Hafenanlagen derzeit noch nicht vorhanden sind. Der in ehemaligen Ostblockländern systemimmanente Korruption und Vetternwirtschaft wurde erfolgreich durch moderne Verwaltungseinrichtungen entgegen getreten. Highlights waren unter anderem auch die Kulinarik und die Ergebnisse der 8.000-Jahre-alten Weinkeltertechnik.“



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