Am 7. August steht Simons 100. Berlintag an. Nachdem sich unser Leben aber ganz nach dem Redaktionskalender unseres Blogs dreht, gibt es schon heute einen Artikel. Da kiekste, wa?

In meinem letzten Artikel vor meiner Abreise ging es um das Gefühl des Abschieds. Ja, ich gebe es zu: Da war ich ein bisschen sentimental. Diese Sentimentalität ist nach meiner Ankunft in Berlin aber ziemlich schnell verflogen.

Und ich denke, bis zu meiner Abreise aus Berlin in drei Jahren wird sie auch nicht wiederkommen: Heimweh? Nein. Anpassungsschwierigkeiten? Nein. Größtes Problem: Die BVG, das Pfandsystem und die Horden an Touristen. Sonst noch Wünsche? Keine, danke.

Aber wie erzähle ich euch am besten von meinen ersten (fast) 100 Tagen? Ganz einfach: Ich schaue einfach mal die Fotos der letzten Wochen durch und baue so meine Story auf. Gelebtes Millenial-sein halt. Apropos: Das Titelbild für diesen Eintrag, das Joahnna während unseres Paris-Besuchs bei Elisabeth aufgenommen hat, ist einfach eine Clickbait und hat nicht wirklich was mit Berlin zu tun. Sorry!


Die Stadt: Alte Heimat, neu entdeckt

2014 habe ich schon einmal einige Monate in Berlin verbracht, inzwischen war ich immer mal zu Besuch. Mein erster Eindruck von Berlin war also: Eh wie immer. Einziger Unterschied: Auf der Spreeinsel steht plötzlich ein neues historisches Schloss und meine geliebte Supermarktkette Kaiser’s gibt es nicht mehr.

Bild: Berlin, auch 2017 noch ewige Baustelle. Blick vom Stadtschloss auf Unter den Linden.
Baustelle Berlin!

Tja, die Stadt hat sich vielleicht nicht so verändert. Aber mein Beruf. — 2014 habe ich drei Tage die Woche als Projektassistent an einer Berliner Universität im ruhigen Vorort Dahlem gearbeitet. Da sieht man es entspannter, wenn die Tram wieder mal wegen Touristen-Veranstaltungen im Stundentakt fährt oder die Schlange an der Pfandrückgabe länger ist, als die an der Kasse, wo sich gefühlt zweihundert Touristen mit jeweils zwei Bierflaschen anstellen (das ist übrigens ein wahres Perpetuum mobile, denn: Die Bierflaschen aus der Kassenschlange landen nämlich garantiert am selben Tag wieder in der Pfandschlange).

Bild: 54 Minuten und die nächste Tram ist da. Berlin hat Zeit.
Lahme BVG

Jetzt, wo ich Montag bis Freitag mindestens acht bis neun Stunden am Tag im Büro verbringe, ist der ewige Trubel in Berlin schon ein wenig nervenaufreibend: Alles, was ein bisschen länger dauert als im ruhigen und beschaulichen Wien, treibt mich recht schnell auf die Palme. 

Immer, wenn ich mich zu sehr ärgere, denke ich an die Worte eines Kollegen. Michael D. – oder nennen wir ihn M. Dobersberger – hat seinen Dienstort erst unlängst nämlich so beschrieben: «In Jakarta sitzt du entweder im Stau, oder am Klo.» Das macht mir also Mut, dass ich es mit Berlin doch recht gut erwischt habe. Zumindest das Essen ist hier recht verträglich. 

Es bleibt also dabei: Berlin, ick liebe dir ja eh.


Die Arbeit: Ein außenwirtschaftlicher Mikrokosmos

Jetzt aber zu den positiven Seiten Berlins: Dem österreichischen AußenwirtschaftsCenter und dessen Belegschaft. — Während meiner Zeit im Inland sagte ich am Tag gefühlte 150 Mal «Hallo» und «Baba»: In und um die Wiedner Hauptstraße 63 wimmelte es immer von bekannten Gesichtern. Egal, um welche Uhrzeit, bei der Busfahrt nachhause hatte man immer Begleitung. 

In Berlin sage ich nun täglich nur mehr siebenmal «Hallo», denn soviele Kolleginnen und Kollegen gibt es hier (Bürohund Ruby nicht mitgezählt). «Baba» habe ich übrigens zu Beginn garnicht gesagt, bis ich bemerkt habe, dass die deutschen Kolleginnen das Wort schon kennen und in einer etwas preußelnden Art auch selbst verwenden.

Bild: Teambuilding mit Wiener Kaffee.
Palmenhaus

Es war kein Aufwand, sich schnell an dieses familiäre Umfeld zu gewöhnen: Statt am Telefon werden Dinge bei der Kaffeemaschine besprochen, zu Mittag wird gemeinsam gegessen und der bzw. die letzte macht das Licht aus. Ein außenwirtschaftlicher Mikrokosmos.

Ein bisschen gewöhnungsbedürftiger war dann doch der Inhalt der neuen Arbeit. Während ich während meiner Zeit im Marketing in meiner Kommunikationsblase eingekapselt war und fast nur für interne Dienststellen gearbeitet hatte, stehen in Berlin jeden Tag Kundinnen und Kunden auf der Matte (wenn auch meistens nur digital), die das von mir wollen, was ihnen auch zusteht: Schnelles und umfassendes Service. Nebenbei gibt es dann auch noch Veranstaltungen und Delegationsbesuche, wo man nicht nur nett in die Kamera grinsen muss, sondern auch ziemlich kräftig anpacken muss.

Besuchsreise der HAK Feldkirch: Die zukünftigen Unternehmerinnen und Unternehmer werden gleich auf Export eingestellt.
Wirtschaftsmission für die Bahnindustrie: Bei unserer vorsommerlichen Großveranstaltung trafen 40 österreichische Bahnzulieferer auf knapp 150 deutsche Kundinnen und Kunden.
Gleich an meinem ersten Tag: WKÖ-Präsident Leitl war für den B20-Gipfel in Berlin. (Foto: Ph. Hecke, ÖB Berlin)

Alles in allem: Ich habe nicht wirklich mehr Arbeit als im Inland. Aber es ist eine ganz andere Art der Arbeit: Am AußenwirtschaftsCenter sind wir unseren Kundinnen und Kunden direkt verantwortlich, und diesen Druck spürt man - wohl gerade am Anfang - doch deutlich.


Das Leben: Berliner Luft und österreichischer Charme

Auch wenn ich mich manchmal (täglich!) über das Chaos in der Stadt ärgere und auch die Arbeit mich recht häufig aus meiner Comfort Zone treibt: Ich bin wirklich glücklich, hier zu sein. Die Berliner Luft tut gut. Denn: Hier bleibt man nicht lang alleine.

Unter den Millionen Touristen, die ich täglich für mein verkehrs- und lebensmittelbeschaffungstechnisches Unglück verantwortlich mache, sind beinahe jedes Wochenende bekannte Gesichter, und wenn einmal niemand da ist, da findet man bei den leidgeplagten Mitberlinern mit ein bisschen österreichischem Charme schnell Anschluss.

Schönheit kommt von Innen: Berlin ist offen für jeden und meistens auch freundlich. Naja, manchmal.
Egal ob Mensch oder Fußhupe (Berlinerisch für kleiner Hund): Neue Freunde sind schnell gefunden. (Foto: D. Asraf)

Auch wenn ich meinen Dienstort nicht selbst gewählt habe, bin ich im Sinne von John F. Kennedy hier dennoch frei: Ob ich will oder nicht, ich bin jetzt ein Berliner.


Wenn ihr mal in Berlin seid, schreibt Simon doch einfach ein E-Mail, vielleicht hat er ein paar Tipps, wo ihr am schnellsten eure Pfandflaschen loswerdet.

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Kommentare (4)
  1. Profile
    Michael Dobersberger Antworten

    27.07.2017 05:05:01

    Stau und Klo

    Danke Simon!

    Ich wollte schon immer einmal zitiert warden - jetzt bin ich ein Großer :) Nur hätt ich mir mein erstes Zitat etwas tiefsinniger vorgestellt...

    LG nach Berlin
    Dein Lieblingskollege Michael

  2. Profile
    Wendelin BURGER Antworten

    26.07.2017 21:08:48

    2 mal 25 Cent verpulvert

    Und mir hat es echt weh getan, die beiden Pfandflaschen, die wir auf der Rückreise leer getrunken haben, bei uns in den Plastikmüll zu werfen.

    Da muss ich mir fürs nächste Mal was überlegen: (Leerflaschen zum Umfüllen, versiegelte Flaschen mitnehmen, die nicht vor der Rückfahrt ausgetrunken werden, Rückgabe per Flaschenpost von Frankreich aus,........)

    PS: es war kein Chardonnay, sondern Coki light.

  3. Profile
    Bettina Burger Antworten

    26.07.2017 19:39:26

    Das auch noch!

    Und wenn dann die Familie auch noch zu Besuch ist, könnte man für dich wirklich ein kleines Mitleidstränchen herausdrücken...
    Ich habe im Reiseführer gelesen, dass man auf keinen Fall Berliner sagen darf!!! Das heißt richtig: Pfannkuchen!
    Bussi, mein Pfannkuchen bis demnächst in Berlin!
    Mama

  4. Profile
    Lilith Burger Antworten

    26.07.2017 14:28:23

    Pfandflaschen

    Wenn der Simon weiß, wie man Pfandflaschen loswird, muss ich auf jeden Fall nach Berlin kommen!