Corona Virus China Mindlberger

China wird derzeit vom neuen Virus Covid-19 erschüttert. Das trifft die Wirtschaft genauso wie den persönlichen Lebensalltag. Unser Job bringt viele schöne, interessante Momente mit sich. Wer auf der ganzen Welt unterwegs ist, wird aber auch unmittelbar mit globalen und lokalen Krisen konfrontiert.


Wenn irgendwo...
...auf dem Erdball etwas passiert, haben wir in unserer international vertretenen Organisation oft Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die die Situationen bewältigen müssen. Auch wir zehn Blogautoren haben schon innen- sowie außenpolitische Krisen und Naturkatastrophen miterlebt, so hat Martha zum Beispiel über das Erdbeben in Mexiko im Jahr 2017 berichtet.

Auch wenn Shanghai vom Zentrum der Epidemie, Wuhan, 800 km entfernt liegt, ist der Berufs- und Lebensalltag völlig auf den Kopf gestellt.

In China hat sich zuletzt in nur einem Monat alles grundlegend verändert. Auch wenn mein Einsatzort Shanghai vom Zentrum der Epidemie, Wuhan, mit 800 km so weit wie Wien von Bern entfernt liegt, ist der Berufs- und Lebensalltag völlig auf den Kopf gestellt. Hier ein ganz persönlicher Bericht von meinem Tag: 

Gleich am Morgen…
…prüfe ich die neueste Statistik Infizierter nach Regionen. Über 83.000 bestätigte Fälle schon! Beim Frühstück stehen die Nachrichten am Programm. In Österreich sind die ersten an Covid-19 erkrankten Personen in Behandlung. In China wird bereits an Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft gearbeitet, wie etwa die „Shanghai 28 Measures“, die auch für ausländisch investierte Unternehmen gelten sollen. Die Shanghaier Zeitung zeigt Bilder vom unermüdlichen Einsatz des medizinischen Personals und der kommunistischen Partei, illustriert richtige und falsche Verhaltensregeln für die Bevölkerung und nimmt zu diversen Gerüchten über den Virus aus den sozialen Medien Stellung.  

Corona Virus China Zeitung Mindlberger

Die Shanghaier Tageszeitung nimmt zu diversen Gerüchten über den Virus Stellung.

Das Haus verlassen…
…kann ich nur mit Gesichtsmaske. Die Einhaltung der Maskentragepflicht wird teilweise sogar mit Drohnen überwacht. Obwohl alleine China täglich 76 Mio. Stück produziert, sind Masken mittlerweile so schwer zu bekommen, dass sie vor Ort streng rationiert werden. Auch Kollegen in Wien, die uns welche zuschicken wollen, scheitern beinahe an Lieferschwierigkeiten und eingeschränkten Transportwegen. Welcher Maskentyp wohl am besten ist und wo man diesen bekommen kann ist hier längst zum Small Talk Thema geworden. 

Corona Virus China E-Commerce Mindlberger

Für Paketzustellungen gibt es Sammelplätze, da Lieferanten keinen Gebäudezutritt mehr haben.

Am Ausgang des Wohngebäudes bekomme ich eine rosarote gestempelte Zutrittskarte. Nur mit dieser darf ich später das Gebäude wieder betreten und so stecke ich sie zur sicheren Verwahrung in meine Innentasche. Da auch Lieferanten nicht mehr in die Häuser eintreten dürfen, wurden vor den Wohngebäuden eigene Paket-Anlieferpunkte eingerichtet. E-Commerce boomt in China, in der jetzigen Situation gibt es Zuwächse vor allem bei lebensnotwendigen Produkten wie Lebensmittel. Nur die sonst so beliebten Essenslieferanten machen weniger Geschäft, denn viele Menschen haben jetzt Zeit zum Selberkochen. 

Am Weg zur Arbeit…
…begegnen mir jetzt wieder vereinzelt Fußgänger und Autos. In den letzten Wochen war die sonst vibrierende 24-Millionen-Metropole Shanghai plötzlich so still geworden, dass ich die Vögel singen hören konnte. Wo sich normalerweise Menschen drängen, lagen Straßen und Gehsteige völlig leer und der Blick auf die Ampel schien beinahe überflüssig.  

Corona Virus China leere Straßen Mindlberger

Die Gehsteige sind leer, die sonst so beliebten Leihfahrräder warten einsam auf Kunden.

Vor dem Bürogebäude…
…werden erst einmal meine Papiere von mehreren Wachpersonen streng kontrolliert. Nur Leute, die nachweislich hier arbeiten, dürfen eintreten. Doch – nicht so schnell. Ich muss in einem am Boden aufgeklebten Quadrat Aufstellung nehmen, sodass die Wärmebildkamera meine Köpertemperatur überprüfen kann. Alles im kühlen Bereich, man winkt mich weiter zum Lift, wo ich mit den dort bereit gestellten Taschentüchern auf den Knopf für den 5. Stock drücken kann.

Corona Virus China Shanghai Centre Büro Mindlberger

Mit Wärmebildkameras wird am Eingang die Temperatur Eintretender gemessen.

In unserem Gebäude ist es sehr still. Auch nach dem Ende der zwingend verlängerten Feiertage bleiben weiterhin viele Unternehmen, Organisationen und Lokale physisch geschlossen. Der Pragmatismus ist erstaunlich: Das chinesische Arbeitsrecht kennt kein Home Office, dennoch hat ganz China innerhalb kürzester Zeit auf „Start-up Modus“ umgestellt. Laut einer Umfrage arbeiten derzeit 87% der Unternehmen ganz oder teilweise via Teleworking. 

Das chinesische Arbeitsrecht kennt kein Home Office, dennoch hat ganz China innerhalb kürzester Zeit auf „Start-up Modus“ umgestellt.

Wie Daniel Zhang, der CEO des chinesischen Tech-Giganten Alibaba, betont, bietet die Krise für die Gesellschaft auch eine Chance – und zwar die, neue Lebens- und Arbeitsweisen zu testen. Tatsächlich verzeichneten über die letzten Wochen Business Apps wie DingTalk, Zoom oder Slack in China die höchsten Downloadraten. Unterdessen plant Shanghai in Schulen bzw. Universitäten bald mit Online-Unterricht zu starten und die Stadtregierung arbeitet an der raschen Digitalisierung privater und öffentlicher Services.

Corona Virus China Shanghai Centre Mindlberger

Das Bürogebäude ist wie ausgestorben, nur im AußenwirtschaftsCenter brennt Licht.

Im Büro angekommen…
…muss ich meine Ankunft notieren, damit im Falle des Falles nachverfolgt werden kann, welche Personen einander wann begegnet sind. Dazu gibt es an manchen Orten auch eine verpflichtende App-Registrierung, die Personen in ihr persönliches Gefährdungslevel einstuft, und sogar in Taxis kann zur Nachverfolgung Infizierter ein QR-Code gescannt werden. In den Büros gelten strenge Regeln, so dürfen keine Meetings mit mehreren Personen durchgeführt werden und in den Kantinen gilt: eine Person pro Tisch. Eine Posterkampagne in Shanghai mahnt außerdem das Verwenden eines zweiten Stäbchenpaares beim traditionellen Teilen der Gerichte ein.

Corona Virus China AußenwirtschaftsCenter Shanghai Mindlberger

Wie alle Organisationen achten wir darauf, die Sicherheitsvorschriften genau einzuhalten.

Bevor ich mich zu meinem PC setze, ziehe ich meine Jacke gar nicht erst aus. Die Klimaanlage wurde aus Sicherheitsgründen im gesamten Gebäude ausgeschaltet und somit bleibt unser Büro ungeheizt. Wir helfen uns mit kleinen Radiatoren, aber mitunter sinkt die Temperatur im Büro schon auf 12 Grad ab. Zum Glück gibt es in China ausgezeichneten Tee. Neben der Tasse hat jeder von uns ein Desinfektionsmittel am Bürotisch stehen – da es im Gebäude Fließwasser nur stockwerksweise außerhalb der einzelnen Büros gibt, ein aktuell wichtiges Hilfsmittel zur Handhygiene. 

Corona Virus China AußenwirtschaftsCenter Büro Mindlberger

Wegen der Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine Heizung, unser Büro ist „erfrischend“.

Der Arbeitstag…
…läuft ebenfalls ganz anders als sonst üblich ab, denn Marktbearbeitungsstrategien und Kundensuche sind vorübergehend in den Hintergrund geraten. Stattdessen helfen wir Unternehmen beispielsweise bei den Behördenwegen zur Wiederaufnahme der lokalen Produktion oder beim Aufspüren von Geschäftspartnern, die jetzt von zu Hause aus arbeiten.

Per Mail, Telefon und über einen eigens eingerichteten Corona-Virus Infopoint informieren wir über die letzten Entwicklungen.

Per Mail, Telefon und über einen eigens eingerichteten Corona-Virus Infopoint informieren wir über die letzten Entwicklungen vor Ort und beantworten Fragen nach arbeitsrechtlichen und Force Majeur Bestimmungen oder Reisebeschränkungen. In Österreich gilt für China lt. BMeiA derzeit Reisewarnstufe 4 und mehr als 70 Airlines haben alle ihre Flüge nach Festlandchina gestrichen, viele weitere ihren Flugplan stark eingeschränkt. 

Corona Virus China Webinar Mindlberger

Via Webinar mit lokalen Experten informiere ich mich über neue Entwicklungen und Regelungen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Corona-Virus dürften enorm sein und die Effekte von Vogelgrippe, SARS und Schweinegrippe zusammen in den Schatten stellen. Die Unternehmen kämpfen mit reduzierter Nachfrage, dem Fehlen der nicht zurückgekehrten Arbeitskräfte (40%), Planungsunsicherheit, eingeschränkter Mobilität und Logistik, Unterbrechungen in den Lieferketten, strengen Sicherheitsauflagen und finanziellen Konsequenzen.

Die Niederlassungen österreichischer Unternehmen rund um Shanghai bleiben trotz aller Herausforderungen großteils optimistisch und zählen auf eine intensive „Aufholjagd“ ab dem Frühsommer.

In Bezug auf China könnte alleine Österreich von einem Schaden von über einer Milliarde Euro betroffen sein. Die Niederlassungen österreichischer Unternehmen rund um Shanghai bleiben trotz aller Herausforderungen großteils optimistisch und zählen auf eine intensive „Aufholjagd“ ab dem Frühsommer. Für das Gesamtjahr 2020 könnte sich noch ein Wirtschaftswachstum für China in Höhe von +5,4% ergeben sofern sich die Situation ab Ende März entspannt, wovon viele ausgehen. 

Zum Feierabend…
…führt mich mein Weg noch kurz in den Supermarkt, der mittlerweile wieder bestens bestückt ist und ebenfalls meine Temperatur misst. Danach geht es für mich, wie schon die ganze Woche, ab nach Hause – in unserem Job, zu dem der regelmäßige Besuch von Abend-Events gehört, auch das eine Ausnahme. In China finden derzeit keine Veranstaltungen statt, alleine in Shanghai wurden rund 70 Fachmessen bis Mai abgesagt. Auch im AußenwirtschaftsCenter Shanghai mussten wir mehrere Messen und Delegationsreisen verschieben – und haben kurzerhand auf Online-Formate (z.B. Webinare zur Zertifizierung von Medizin- und Kosmetikprodukten und zum Automotive Aftermarket in China) umgestellt. 

Corona Virus China Kunst Online Mindlberger

Einladung zu einer Online-Ausstellung von Kunstwerken zum Thema Corona-Virus.

Und was also anfangen mit so einem Abend? Zur Auswahl stünde etwa eine Online-Kunstausstellung zum Thema Covid-19. Digitale Unterhaltungsangebote erleben gerade ein All-Time-High – kein Wunder, in den letzten drei Wochen hat jeder Chinese durchschnittlich 6 Stunden online verbracht (+20%). Ich warte aber lieber, bis wieder die Zeit für reale Besuche gekommen ist und gehe in der Zwischenzeit zu meinem Bücherregal. Da piepst mein Mobiltelefon gleich mehrmals. So schnell lässt sich die Digitalwelt eben nicht abhängen... 


Diesen persönlichen Bericht hat Elisabeth für euch verfasst. Habt ihr Fragen zum Thema Covid-19 und Wirtschaft in China? Dann schreibt an den Corona-Virus Infopoint der WKÖ oder an das AußenwirtschaftsCenter Shanghai.

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Kommentare (1)
  1. Profile
    Siegfried Kehrer Antworten

    24.03.2020 10:38:18

    Statistiken ausserhalb Hubei

    Hallo Elisabeth,

    wollte dich mal frage, wie die Erleichterungen aussehen, über die berichtet wird und ob die schon bei Euch angekommen sind.
    Weiters eine Frage, die uns beschäftigt: Die Ausbreitung des Virus im restlichen China, wird nicht berichtet. Es verwundert, dass im restichen China anscheinend keine Epidemie existiert, was wir einfach nicht glauben können. Wuhan Area hat ja nur 3Promille der Einwohner Chinas.......
    Sonst alles Gute an Dich und Eure Crew und vielen Dank für das Halten der Stellung....
    Das Thema geht hoffentlich auch bei uns bald vorbei und ihr werdet dann dringend zum Hochfahren der Systeme benötigt.....
    Alles Liebe aus ZAM
    Siegfried