Johanna im Iran

Vor gut einem halben Jahr begann ich meine Arbeit als stellvertretende Wirtschaftsdelegierte im Iran. Der Job ist unglaublich spannend, abwechslungsreich und intensiv - 4 internationale Fachmessen und eine Wirtschaftsmission stehen an! Doch ich schreibe nicht über die Wirtschaftslage im Iran, sondern über eine der weniger beachteten Seiten eines Auslandsumzugs: Den Kulturschock!


In der Psychologie gibt es den Terminus „Kulturschock“, der sich in die drei Teile, Honeymoon-Phase, Fremdkulturschock und Anpassung, gliedert. Während des Studiums sowie während des Traineejahres wurden wir auf dieses Modell hingewiesen. Nach zwei längeren Auslandsaufenthalten, bei denen ich keine Anpassungsprobleme hatte, dachte ich, dass ich vor einem Kulturschock gefeit bin. Doch dann kam der Iran.

Als ich in Teheran ankam war alles neu und aufregend und im ersten Moment auch nicht so offensichtlich anders als in Österreich. Es gibt ein paar grüne Ecken, es machte von Anfang an Spaß am Bazaar einzukaufen und die Leute sind sehr freundlich. Auch den Verkehr findet man zu Beginn noch amüsant. Nach ein paar Wochen war die Honeymoon-Phase jedoch vorbei und ich begann die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Teheran ist laut und ungeregelt. Der Straßenverkehr ist ein Wahnsinn und auch die Luftqualität macht(e) mir zu schaffen. Täglich wurden die Unterschiede zu Österreich augenscheinlicher. Zusätzlich kommt im Iran die Herausforderung der religiösen Vorschriften hinzu, die man für 2-3 Wochen – zB während eines Urlaubs - gut aushält, aber dann doch die persönliche Freiheit einschränken. Die tägliche Arbeit im AußenwirtschaftsCenter Teheran war in dieser Zeit eine willkommene Zuflucht, die ein kleines Stück Routine – und gewissermaßen auch Heimat - im Iran bot.

Als die Talsohle des Fremdkulturschocks erreicht war – ich war reizbar, oft müde und lustlos - traf ich die Entscheidung mich pro-aktiv auf die positiven Aspekte des Irans zu fokussieren. Es kostete mich einiges an Kraft, aber mittlerweile schätze ich die Unterschiede: ich nutze die langen Stehzeiten im Auto für Hörbücher und Podcasts und konzentriere mich auf die Schönheit des Irans. Diese modernen, künstlerischen und landschaftlichen Aspekte, die mir das Leben versüßen, möchte ich auf unserem Blog mit euch teilen:

Der Begriff „Hipster“ hat auch den Iran erreicht und Restaurants und Cafés zum Thema sprießen aus dem Boden. Hier kann man für ein paar Stunden so tun als sei man in London oder Paris.

Café in Teheran

Roberto’s Café im Herzen von Teheran – Freitags bekommt man kaum einen Tisch

Die iranischen Hipster können auch auf dem Jomeh- oder Freitags-Bazaar gesichtet werden. Auf diesem riesigen Markt werden jeden Freitag Antiquitäten sowie Handwerk aus dem ganzen Iran angeboten. Eine bunte Mischung aus konservativen Tschadoris, jungen Wilden und internationalen Kauflustigen trifft sich hier um Geschenke und Dekorationsartikel zu kaufen und das eine oder andere Schnäppchen zu finden.

Bazaar in Teheran

Jomeh Bazaar – Antiquitäten Abteilung

Die Iraner sind ein sehr musikalisches und künstlerisches Volk, auch wenn ein Großteil von Konzerten und jeglicher Tanz von Frauen verboten sind. So kann es schon mal vorkommen, dass bei einer Abendeinladung die Gäste die Gitarre auspacken und eine Kostprobe ihres Könnens bieten.

Privatkonzert

Improvisiertes Privatkonzert einer der besten iransichen Gitarrenspieler

Die Gastfreundschaft der Iraner ist weithin bekannt, doch erst wenn man beim Abendessen mit einer iranischen Großfamilie sitzt, erlebt man was das wirklich heißt. Die Aufnahme in den "Familienkreis" erfolgt sehr schnell und besonders die Kinder und Jugendlichen freuen sich ihre Englischkenntnisse anzuwenden.

Selfie beim Essen

Erst Abendessen und dann Selfie-Zeit mit der Familie

Nun hatten wir Essen, Shoppen, Kultur und Familie. Was noch fehlt ist Sport! Rund um Teheran gibt es vier Skigebiete, die nah genug für einen Tagestrip sind. Man muss für die Gondelfahrt etwas mutig sein, da die meisten Anlagen vor ca. 50 Jahren installiert wurden, aber man wird dafür mit einer fantastischen Aussicht belohnt.

Snowboarden

Wenn man den Mut für die Gondelfahrt aufbringt, wird man mit einer traumhaften Aussicht belohnt.

Ich möchte damit nicht sagen, dass der Iran in allen Aspekten positiv ist und ich die negativen Aspekte (insbesondere Luftqualität und ineffiziente Verkehrssystem) gar nicht mehr wahrnehme, aber ich habe für mich aktiv eine Balance geschaffen, mit der ich sehr gut leben kann. Dies möchte ich als Ratschlag an alle, die ins Ausland gehen und eine Form des Kulturschocks erleben, weitergeben: Jedes Land hat seine Herausforderungen und seine Vorzüge. Fokussiert euch auf das Positive – auch wenn es einem (am Anfang) schwer fallen kann.

Dieser Artikel wurde verfasst von Johanna.

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Kommentare (1)
  1. Profile
    Anna Hius Antworten

    29.08.2017 02:34:48

    Kulturschock

    Liebe Johanna,
    Danke für den Text. Ich hoffe, dass mein Kulturschock nicht zu stark und stressig wird
    Deiner scheint ja nicht so stark gewesen zu sein. Wie lange hat es gedauert, bis du den Kulturschock überwunden hattest?
    Lg,
    Anna