in Gedenken an die Opfer von 19S

Mexiko hat einige bewegte Wochen hinter sich. Innerhalb von zwei Wochen erschüttern zwei schwere Erdbeben das Land. Das Epizentrum des letzten Bebens ist so nahe an der Hauptstadt, dass der Alltag in Mexiko-Stadt vorübergehend Pause macht. Martha erzählt euch, wie sie diese Zeit erlebt hat.

Und auf einmal wackelt alles. Mein angebissener Mittags-Bagel fällt auf sein Teller. Mein Hirn sagt „Tragende Wand“- „Türrahmen“. Dort angekommen beginnen auch endlich die Sirenen im Erdbebenwarnton zu heulen. Man hört, wie sich das Gebäude bewegt. Unterlagen rutschen von meinem Schreibtisch. Die Wand, an der ich mich festhalte, schwankt. Einige Kollegen haben am gleichen Punkt Schutz gesucht, andere finden wir als alles vorbei ist neben ihren Schreibtischen, am Boden sitzend. Unser Büro ist im 9. Stock. Rauslaufen macht hier keinen Sinn.

Stille. Das Beben ist vorbei. Der erste Griff geht zum Telefon, Nachricht an die Mama: „Erdbeben hier. Alles gut.“ Wir müssen warten, bis unser Stockwerk mit der Evakuierung dran ist und machen Bestandsaufnahme: Wer ist gerade essen? Wer müsste gerade im Büro sein? Im zweiten Schritt gehe ich unser Büro ab, um zu sehen ob es Schäden gibt. 

Menschen warten nach dem Beben am Sammelpunkt auf Nachricht, ob sie Ihre Habseligkeiten aus ihren Büros holen können.

Schnell ist klar, dass das Büro heute nicht mehr betreten werden kann. Es dauert noch bis man weiß, wann die Autos aus der Garage geholt werden können. Es treffen immer mehr Schauernachrichten von eingestürzten Häusern im Zentrum der Stadt ein. Als geklärt ist, dass alle Mitarbeiter entweder nach Hause kommen oder für die Wartezeit bei unserem Wirtschaftsdelegierten untergebracht sind, mache ich mich auf den Heimweg. Ohne zu wissen, was mich in meiner Wohnung erwartet. 

Ich hatte unglaubliches Glück. Außer offenen Kommodenladen und einer Hand voll Büchern am Boden ist nichts passiert. Später erfahre ich, dass die tragenden Wände des Gebäudes aus Beton sind – einem extrem erdbebentauglichem Material. Strom gibt’s keinen, aber das zählt in dem Moment nicht mal annähernd als Problem. Ich leg‘ schon mal die Kerzen raus, falls der Stromausfall anhält. 

Ein Glas Wasser. Einmal tief durchatmen. Als nächstes mache ich mich mit meinem Freund auf den Weg nach Roma/Condesa. Diese Stadtteile sind laut ersten Meldungen am stärksten betroffen. Das Haus seine Mutter ist genau dort. Sie selbst ist gottseidank bei seiner Schwester in einem sichereren Gebiet, aber wir sind am nächsten dran und wollen wissen, ob das Haus noch steht. Am Weg beginne ich langsam zu verstehen, wie viel Glück ich gehabt habe. Der Großteil der Restaurants hat geschlossen. Die kleinen Greißler-Läden, die es in Mexiko Stadt an jeder zweiten Ecke gibt, haben allesamt die metalernen Rollläden unten und verkaufen nur mehr durch das kleine Nachtverkaufsfenster. Es gibt erste Meldungen von Überfällen.  

eingestürzte Häuser im Zentrum von Mexiko Stadt

Der Verkehr ist ein Chaos. Die halbe Stadt versucht, irgendwie weg zu kommen. Nach Hause, zur Familie, um zu helfen. Ein Durchkommen gibt’s nur mehr mit Motorrad. Auf einem solchen sehen wir auch den Secretarío de Gobernación, die rechte Hand des Präsidenten, vorbeirauschen. Die Stadt ist angespannt. Umso näher wir ins Zentrum kommen, umso mehr werden die Schäden deutlich. Zerbrochene Fenster, abgebröckelter Putz, man muss aufpassen, wo man hinsteigt.

Avancen! Avancen! Geht weiter! Geht weiter! Das hören wir in einer halben Stunde Wegzeit dreimal. Man riecht auch wieso. Durch das Erdbeben gibt es etliche Gaslecks. Passanten, die sich nervös eine Zigarette anzünden, werden von anderen angepfaucht, sie sollen das aber JETZT SOFORT sein lassen. Auf einem eingebrochenen Gebäude steht ein Haufen Menschen. Ich sehe einen Rettungswagen, Polizei, eine Unmenge an Freiwilligen. Auf der Insurgentes, einer der Hauptverkehrsachsen von Mexiko Stadt, haben die Fußgänger und Motorradfahrer das Kommando über die Straße übernommen. Man hört Leute schreien: „Bringt uns Wasser! Um’s Eck ist ein Haus eingestürzt, wir brauchen Wasser für die Helfer und Geretteten“ Leute laufen mit Wasserkanistern an uns vorbei. Es kommen uns Ärtzegruppen zu Fuß entgegen. Offensichtlich ebenfalls auf dem Weg zu einem der eingestürzten Häuser. 

unzählige freiwillige Helfer sind im Einsatz

Nachdem wir gesehen haben, dass das Elternhaus meines Freundes noch steht beginnen wir zu überlegen, wie wir helfen können. Wir gehen zu dem eingestürzten Haus, für das kurz zuvor lautstark Wasser gefordert wurde. Danke, aber nein danke. Es sind schon genug Helfer vor Ort, heißt es. Dann wird es aufeinmal unglaublich ruhig. Ich sehe, wie die Helfer die Fäuste in die Luft strecken, als Zeichen für alle leise zu sein. Ein Schild wird hochgehalten „SILENCIO“. Man versucht, Überlebende zu hören.

Die Stadt quillt über vor freiwilligen Helfern. Auf der Straße versuchen Polizei und Zivilisten, Rettungsgassen zu bilden, damit die Einsatzfahrzeuge durchkommen. Vor den eingestürzten Häusern hängen Namenslisten auf Bäumen – Geborgene, die in Krankenhäuser gebracht wurden. Kurz später sehe ich auch Unmengen dieser Listen auf meiner facebook timeline. Neben den Listen stehen Freiwillige, die Kartonschilder in die Höhe halten „Wasser, Schaufeln, Handschuhe, Spritzen, …“ Ich muss ausweichen weil neben mir ein Auto zufährt. Der Kofferraum geht auf, Leute tragen Wasserkanister und Schaufeln zu der Wohnhausruine. Mexiko vertraut nicht auf die Hilfe der Behörden. Mexiko beginnt, sich selbst zu helfen.  

Listen mit Namen der geretteten werden auf Bäumen montiert

Eigentlich stehen wir nur im Weg. Deswegen beschließen wir, wieder nach Hause zu gehen. In meinem Viertel ist gottseidank kein Gas-Leck, wir können uns etwas zu essen kochen. Strom geht noch immer nicht. Da inzwischen unsere Handy-Akkus auch schon relativ leer sind packen wir Ladegerät und Powerbars ein und machen uns auf die Suche nach Strom. Ein paar Blocks weiter haben wir Glück – wir sehen Straßenlaternen leuchten. Die Stimmung ist beinahe unheimlich. Es ist unangenehm ruhig, in einer Stadt in der man normal immer zumindest zwei Musikstile gleichzeitig hört. Nur hie und da hört man Sirenen vorbeiziehen. Der einzige Starbucks, der offen hat, ist voll bis an den Rand. Wir sehen schon schwarz für unsere Handy-Akkus. Aber dann kommt die rettende Idee. Wir gönnen uns einen Kaffee in einer der Hotel-Lobbys an der Prachtstraße Reforma. Dort gibt es noch freie Steckdosen. 

Später am Abend fahre ich eine Freundin samt Mann und Neugeborenen abholen. Ihr Gebäude hat Risse, die auf Schäden der Bausubstanz hinweisen. Sie können nicht in der Wohnung bleiben, bis das Gebäude überprüft worden ist. Sie bleiben vorerst bei mir. Die Ampeln sind gänzlich ausgefallen. Zivilisten in Warnwesten regeln den Verkehr. Wir müssen mehrere Male umkehren, weil Straßen gesperrt sind. 

Zivilisten regeln den Verkehr

Unser Büro bleibt für einen Tag gesperrt. Es muss zuerst von Sachverständigen geprüft werden, ob die Baustruktur nicht beschädigt ist. In den nächsten Tagen gibt es unendlich viele Aufrufe für Lebensmittel-, Kleidungs- und Medikamentenspenden. Ich checke die Listen und mache regelmäßig Großeinkäufe. Bevor ich die Spenden zu den Sammelstellen bringen kann heißt es aber her mit dem dicken Filzstift, Strichcode durchgekritzelt und „DONACIÓN“ draufgeschrieben. Es wird davor gewarnt, dass Spenden wiederverkauft, oder in Kisten mit Partei oder Organisationnamen umgepackt und als deren Spenden ausgegeben werden

Die Mexikaner beweisen in den Wochen nach den schweren Beben eine unglaubliche Solidarität. Es gibt Aufrufe, man solle bitte zuhause bleiben, weil schon zu viele freiwillige Helfer bei den eingestürzten Gebäuden seien. Darauf hin wird über Social Media begonnen, Transporte in die benachbarten Bundesstaaten zu organisieren. In der ganzen Stadt verteilt gibt es Sammelzentren.

Inzwischen ist in der Stadt wieder Normalität eingekehrt. Schäden gibt es immer noch viele. In den abgelegenen Gebieten im Urwald ist Hilfe noch nicht mal angekommen.   


Ihr wollt die Erdbebenopfer in Mexiko unterstützen? Martha weiß, wo Spenden auch sicher ankommen.

Danke an die mexikanische Journalistin Tania Romero für das zur Verfügung stellen des Großteils der verwendeten Fotos. 

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