Die Berufsausbildung in der Kunststoffwirtschaft

Die Lehrberufe Kunststoffformgebung und Kunststofftechnik zählen in Österreich zu den "jungen" Lehrberufen. Die Attraktivität dieser Lehrberufe besteht nicht nur im modernen Werkstoff, sondern auch in der sich stürmisch entwickelnden Technologie. EDV-Begeisterte werden bei Steuerung und Regelung von high-tech Maschinen und Anlagen ein breites Betätigungsfeld finden.

Die Ausbildung der Lehrlinge erfolgt überwiegend in auftragsbezogen fertigenden Klein- und Mittelbetrieben des Kunststoffverarbeiter-Handwerks.

Der bisherige Lehrberuf Kunststoffverarbeitung wurde aktualisiert und mit der attraktiveren Lehrberufsbezeichnung Kunststoffformgebung versehen, einer im deutschsprachigen Raum,  insbesondere in der BRD geläufigen Bezeichnung, die die anzustrebende wechselseitige Anerkennung der Berufsausbildung zusätzlich erleichtern soll.

In Österreich ist die Ausbildung im Lehrberuf Kunststoffformgebung universell; eine allfällige Spezialisierung z.B. für die Bereiche Spritzguss, Extrusion, Blasen, Laminieren oder Halbzeugverarbeitung erfolgt erst nach Abschluss der Berufsausbildung als Facharbeiter oder Meister. Durch die volle Lehrberufsverwandtschaft zum Werkzeugmacher im 1. Lehrjahr ist sichergestellt, dass ohne Lehrzeitverlust vom Werkzeugmacher zum Kunststoffverarbeiter und umgekehrt gewechselt werden kann.

Die Mehrzahl der künftigen Facharbeiter erfährt in Österreich ihre Ausbildung in Form der dualen Berufsausbildung. Innerhalb einer dreijährigen Lehrzeit werden die Kunststoffformgeberlehrlinge im Lehrbetrieb und berufsbegleitend ca. 11 Wochen je Lehrjahr in der Berufsschule in Steyr umfassend in Theorie und Praxis ausgebildet. Die Berufsausbildung findet durch die erfolgreiche Ablegung der Lehrabschlussprüfung ihren fachlichen Höhepunkt und Abschluss.

Die Kunststoffverarbeitung zeichnet sich in den letzten Jahren durch eine außergewöhnliche Dynamik der Entwicklung der Technologien der Maschinen, Anlagen und Werkzeuge einerseits sowie der Rohstoffe und deren Verarbeitung andererseits aus. Dieser Entwicklung wird durch die Erweiterung der bestehenden Lehrausbildung um einen 4jährigen Lehrberuf "Kunststofftechnik" Rechnung getragen.

Trotz des Bestehens unterschiedlicher Ausbildungsangebote im Betrieb, in Schulen, Fachhochschulen und Universitäten mangelt es vor allem in der großen Zahl von kleineren und mittleren Kunststoffverarbeitungsbetrieben an einer Qualifikation zwischen dem bestehenden Facharbeiter mit dreijähriger Berufsausbildung im dualen System und der schulischen bzw. universitären Technikerausbildung.

Diese Lücke wurde mit dem neuen vierjährigen Lehrberuf Kunststofftechnik geschlossen, der im 3. und 4. Lehrjahr eine umfassendere und vertiefte Ausbildung erfährt, um später im Betrieb als Führungskraft mit hoher Selbständigkeit und Verantwortung im technischen und organisatorischen Bereich einsetzbar zu sein.

Die Lehrabschlussprüfung im Lehrberuf Kunststofftechnik wird in Form einer Projektarbeit durchgeführt. Weiters besteht seit der letzten Novelle des Berufsausbildungsgesetzes die Möglichkeit, im Rahmen dieser Prüfung den fachlichen Teil der Berufsreifeprüfung abzulegen.

Bei der Planung dieses neuen high-tech Lehrberufes wurde davon ausgegangen, dass innerhalb von 5 Jahren nach Einführung im anspruchsvollen vierjährigen Lehrberuf Kunststofftechnik etwa 20 - 25 % der Lehrlinge ausgebildet werden. Diese Erwartungen wurden bereits im Jahr 2005 mit ca. 40 % deutlich übertroffen. Seit Ende 2006 dominieren die Kunststofftechniker mit 251 Lehrverhältnissen gegenüber 226 bei Kunststoffformgebung.

Die rechtliche Basis für die Berufsausbildung zum Kunststoffformgeber und Kunststofftechniker - siehe Punkt Ausbildungsvorschriften - bilden Verordnungen des Wirtschaftsministers (Ausbildungsordnung), des Unterrichtsministers (Rahmenlehrplan für die Berufsschulen) und der Landesregierungen (Landeslehrpläne für die Berufsschulen in den Bundesländern).

Ein Teil der Kunststoffverarbeiter wird ausschließlich schulisch in fünfjährigen höheren technischen Lehranstalten für Werkstoffingenieurwesen, Ausbildungszweig Kunststoff- und Umwelttechnik, (enden mit Reifeprüfung) ausgebildet. Absolventen dieser berufsbildenden höheren Schulen finden nach einigen Jahren Praxis als Produktions- oder Werkstättenleiter Verwendung im technischen Management größerer Betriebe. Schließlich besteht auch die Möglichkeit einer akademischen Ausbildung im Bereich der Kunststofftechnik an der Montanuniversität Leoben. Nach erfolgreich abgelegter Reifeprüfung an einer höheren Schule bzw. Ablegung der Berufsreifeprüfung oder Studienberechtigungsprüfung besteht die Möglichkeit das Kolleg für Kunststofftechnik in Wien zu besuchen (Dauer: 2 Jahre).

Für HTL-Ingenieure mit einschlägiger Berufspraxis (mindestens 5 Jahre) besteht die Möglichkeit den 6-semestrigen Fachhochschul-Studiengang "Produkttechnologie/Wirtschaft" in Wien zu absolvieren. Der Studiengang stellt eine praxisnahe, hochqualifizierte Berufsausbildung auf wissenschaftlicher Grundlage dar. Den Abschluss des Studiums bildet die Diplomprüfung.

Die künftigen beruflichen Beschäftigungs- und Aufstiegsmöglichkeiten sind für die jungen Kunststoffverarbeiter in Österreich vielfältig und aussichtsreich: Rund 1.000 kunststoffbe- und verarbeitende Betriebe in Industrie und Handwerk beschäftigen etwa 20.000 Mitarbeiter. 100 Lehrbetriebe bildeten 2002 231 Lehrlinge im auslaufenden Lehrberuf Kunststoffverarbeitung aus. Einschlägige Handels- und Zulieferbetriebe suchen gut ausgebildete Kunststoffverarbeiter als hochqualifizierte Mitarbeiter für Produktion, Verkauf und Service.

Fachlich-theoretische und fachlich praktische Fortbildungsmöglichkeiten werden für Kunststoffverarbeiter vorrangig in den Wirtschaftsförderungsinstituten der Wirtschaftskammern angeboten.

In Österreich ist (von Absolventen der HTL und der Montanuniversität abgesehen) die Ablegung der Meisterprüfung Voraussetzung für die selbständige Ausübung des Kunststoffverarbeiter-Handwerks. Zur Meisterprüfung kann jeder Volljährige antreten. Meisterprüfungsvorbereitungskurse in Linz/Steyr und Wien dienen nicht nur zur Vorbereitung, sondern auch zur Vertiefung der beruflichen Kenntnisse und Fertigkeiten.

Gleichfalls bieten die Berufsinformationszentren der Länder z.B. das BIWI am Währinger Gürtel (Tel.: 01/470 3307-10) in persönlichen Gesprächen umfassende Informationen zum Lehrberuf.