Der innergemeinschaftliche Erwerb

Bei Importen aus anderen EU-Ländern ist in Österreich ein innergemeinschaftlicher Erwerb zu versteuern.

Wareneinkauf aus der EU

Warenlieferungen innerhalb der EU erfolgen ohne Grenzformalitäten. An die Stelle der Einfuhrumsatzsteuer, wie bei Lieferungen aus Staaten außerhalb der EU, tritt die Besteuerung des innergemeinschaftlichen (ig) Erwerbes. Diese Umsatzsteuer auf den Erwerb (kurz Erwerbsteuer) ist im Unternehmen zu berechnen und kann, wenn der Wareneinkauf für das Unternehmen erfolgt, als Vorsteuer abgezogen werden.

Voraussetzungen für den innergemeinschaftlichen Erwerb

Ein ig Erwerb gegen Entgelt liegt vor, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • Die Ware gelangt von einem Mitgliedstaat in den anderen.

  • Der Erwerber ist entweder ein Unternehmer, der den Gegenstand für sein Unternehmen erwirbt oder eine juristische Person, die nicht Unternehmer ist oder nicht für ihr Unternehmen erwirbt.

  • Der Lieferer ist Unternehmer. Er liefert gegen Entgelt im Rahmen seines Unternehmens und ist nicht als Kleinunternehmer umsatzsteuerbefreit. 

Ort des innergemeinschaftlichen Erwerbes

Wenn alle diese Voraussetzungen vorliegen, hat der Unternehmer in dem Gebiet des Mitgliedstaates, in dem sich der Gegenstand am Ende der Beförderung oder Versendung befindet, einen ig Erwerb zu besteuern.

Ausnahme:
Der Erwerber verwendet die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer (UID-Nummer) eines anderen Mitgliedstaates. In diesem Fall gilt der Erwerb solange auch im Gebiet dieses Mitgliedsstaates bewirkt, bis der Erwerber nachweist, dass der Erwerb im Bestimmungsland besteuert worden ist (siehe Beispiel 1).

Entstehen der Steuerschuld beim innergemeinschaftlichen Erwerb

Die Steuerschuld entsteht mit Ausstellung der Rechnung, spätestens jedoch mit Ablauf des auf den ig Erwerb folgenden Monats. Steuerschuldner ist der Erwerber im Bestimmungsland. Als Steuersätze kommen bei einem ig Erwerb in Österreich dieselben Prozentsätze zur Anwendung wie bei der Umsatzsteuer im Inland, nämlich 20% oder 10%. Dies als Ausgleich für die im Inland bestehende Besteuerung.

 

Vorsteuerabzug beim innergemeinschaftlichen Erwerb

Der Erwerber kann die Erwerbsteuer als Vorsteuer abziehen, wenn er den Gegenstand für sein Unternehmen bezogen hat und die übrigen Voraussetzungen für den Vorsteuerabzug gegeben sind.

Achtung:
Eine Rechnung mit USt-Ausweis ist für den Vorsteuerabzug nicht erforderlich!

Das Recht zum Vorsteuerabzug ist in demselben Zeitpunkt gegeben, in dem die Erwerbsteuerschuld entsteht. Der Unternehmer kann somit den Vorsteuerabzug in derselben Umsatzsteuervoranmeldung bzw. Umsatzsteuererklärung geltend machen, in der er den ig Erwerb besteuert.

Hinweis:
Ein Unternehmer, der zum vollen Vorsteuerabzug berechtigt ist, wird somit mit der Erwerbsteuer nicht belastet. Lediglich bei Unternehmern, die ganz oder teilweise vom Vorsteuerabzug ausgeschlossen sind und bei juristischen Personen im nicht unternehmerischen Bereich, wird der nicht abziehbare Teil der Erwerbsteuer zum Kostenfaktor.

Beispiel eines innergemeinschaftlichen Erwerbes

Beispiel 1:
Ein Maschinenhändler in Ungarn liefert einem Tischlereibetrieb in Linz eine Holzbearbeitungsmaschine. Der ungarische Unternehmer befördert die Maschine mit seinem Firmen-Lkw nach Linz, wo sie am 15. März eintrifft. Die Rechnung wird am 20. März ausgestellt und lautet über € 10.000,--. Beide Unternehmer treten unter ihrer UID-Nummer auf.

 
Lösung:
Die Lieferung des ungarischen Maschinenhändlers ist zwar in Ungarn steuerbar, aber als ig Lieferung unter bestimmten Voraussetzungen steuerfrei, sodass die Rechnung ohne USt ausgestellt wird. Der österreichische Tischler hat einen ig Erwerb zu besteuern. Bemessungsgrundlage ist das Entgelt von € 10.000,--, der Steuersatz beträgt 20%, somit ergibt die Erwerbsteuer € 2.000,--, die für den Voranmeldungszeitraum März zu erfassen ist. Dieser Betrag kann im gleichen Voranmeldungszeitraum als Vorsteuer abgezogen werden.

Würde der österreichische Unternehmer den Auftrag an den ungarischen Maschinenhändler unter der UID-Nummer seiner italienischen Betriebsstätte erteilen, würde trotzdem in Österreich die Erwerbsteuer anfallen, weil hier die Lieferung endet. Wegen der Verwendung der italienischen UID-Nummer gilt der Erwerb auch in Italien als bewirkt, und zwar solange, als der österreichische Unternehmer gegenüber der italienischen Steuerbehörde nachweist, dass der Erwerb in Österreich besteuert wurde.
 

Das innergemeinschaftliche Verbringen

Die Vorrausetzungen für ein innergemeinschaftliches Verbringen sind:

Der Unternehmer

  • verbringt Waren

  • zu seiner eigenen Verfügung

  • von einem Mitgliedstaat zum anderen und

  • es liegt keine vorübergehende Verwendung vor

Das ig Verbringen ist in dem Mitgliedstaat, aus dem die Waren kommen, eine ig Lieferung und im Bestimmungsland ein ig Erwerb.

Beispiel 2:
Der slowakische Unternehmer S verbringt Gegenstände aus seiner Produktion in der Slowakei in sein Auslieferungslager in Österreich.

Lösung:
Die Versendung in das Auslieferungslager stellt ein ig Verbringen dar. S hat für diese Verbringung in Österreich die Erwerbsbesteuerung durchzuführen.

Der Unternehmer hat im Bestimmungsland Erwerbsteuer zu berechnen und gleichzeitig den Vorsteuerabzug. Ausländische Unternehmer haben sich für diesen Zweck in Österreich umsatzsteuerlich registrieren zu lassen und benötigen eine inländische UID-Nummer.

Hinweis:
Details zum ig Verbringen, zur vorübergehenden Verwendung sowie zum Sonderfall des Konsignationslagers (darunter ist ein Lager eines Lieferanten, welches beim Abnehmer eingerichtet ist und aus dem dieser bei Bedarf Waren entnimmt, zu verstehen) entnehmen Sie bitte unserem Infoblatt: "Warenverkauf in der EU“ bzw. "Konsignationslager in der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn“.

Umsatzsteuervoranmeldung (UVA)

In der UVA ist der ig Erwerb (und das ig Verbringen im Bestimmungsland) unter der Kennziffer 070 und je nach Steuersatz unter den Kennziffern 072, 073 oder 008 zu erfassen. Sofern der Vorsteuerabzug gegeben ist, ist die Vorsteuer unter der Kennziffer 065 gleichzeitig als Vorsteuer aus dem ig Erwerb abzuziehen.

Die Abgabe der UVA hat grundsätzlich elektronisch mittels FinanzOnline zu erfolgen. Eine schriftliche Einreichung der UVA ist nur zulässig, wenn Sie keinen Internetanschluss haben oder der Vorjahresumsatz nicht höher als € 30.000,-- war. Dann können Sie den amtlichen Vordruck (Formular U30) oder eine inhaltsgleiche selbsterstellte Formularversion verwenden.

Details zur UVA finden Sie auf wko.at/steuern in unserem Infoblatt und den dazugehörigen FAQs.

Sonderregelung für Schwellenerwerber

Kein ig Erwerb liegt vor, wenn der Erwerb durch so genannte "Schwellenerwerber" erfolgt und deren Erwerbe aus dem gesamten Gemeinschaftsgebiet die "Erwerbsschwelle" nicht überstiegen haben.

Zu den "Schwellenerwerbern" zählen:

  • Unternehmer, die nur steuerfreie Umsätze ausführen, die zum Ausschluss vom Vorsteuerabzug führen (z.B. Kleinunternehmer, Versicherungen, Banken, Ärzte)

  • pauschalierte Landwirte

  • juristische Personen, die Nichtunternehmer sind oder die den Gegenstand nicht für ihr Unternehmen erwerben (z.B. Gemeinden, Kammern, Vereine, usw.)

Achtung:
Lieferanten, die an Schwellenwerber liefern, haben die Bestimmungen zur Versandhandelsregelung zu beachten! Nähere Informationen entnehmen Sie bitte unserem Infoblatt: “Der Versandhandhandel“.

Die Erwerbsschwelle wurde dann nicht überschritten, wenn der Gesamtbetrag der Entgelte für Erwerbe aus dem übrigen Gemeinschaftsgebiet im vorangegangenen Kalenderjahr € 11.000,-- nicht und im laufenden Kalenderjahr noch nicht überstiegen hat.

Liegen die innergemeinschaftlichen Erwerbe im vorangegangenen Kalenderjahr über € 11.000,--, dann hat im laufenden Kalenderjahr jedenfalls eine Besteuerung der innergemeinschaftlichen Erwerbe stattzufinden, auch wenn die Schwelle nicht erreicht wird.

Beispiel 3:
Ein Kleinunternehmer A, der keinen Antrag auf Regelbesteuerung gestellt hat, bestellt Waren bei einem Unternehmer D in Deutschland. Wenn er die Erwerbsschwelle nicht überschreitet und keine UID-Nummer hat, kommt es zu keiner Erwerbsbesteuerung!

Mit dem ersten Erwerb, mit dem die Erwerbsschwelle überschritten wird, sind alle innergemeinschaftlichen Erwerbe zu versteuern. Bleiben die Erwerbe unter der Erwerbsschwelle, werden die Erwerber wie Private behandelt, d.h. sie zahlen die Umsatzsteuer im EU-Land des Verkäufers und können diese nicht vergütet bekommen.

Beispiel 4:
Ein österreichischer Zahntechniker (steuerbefreit, kein Vorsteuerabzug) kauft Geräte in Deutschland ein. Im Jahr 2014 lagen seine Einkäufe unter € 11.000,--. Im Februar 2013 kauft er ein Gerät um € 4.000,--, im März 2015 ein weiteres Gerät um € 8.000,--.
Mit dem Erwerb des zweiten Gerätes i.H.v. € 8.000,-- (und mit allen weiteren Erwerben) unterliegt der Zahntechniker der Erwerbsbesteuerung in Österreich.

Auf die Anwendung der Sonderregelung für Schwellenerwerber kann beim Finanzamt innerhalb der Frist zur Abgabe der Voranmeldung für den Zeitraum, in dem erstmals ein Erwerb getätigt worden ist, schriftlich verzichtet werden. Der Verzicht bindet den Erwerber mindestens für zwei Kalenderjahre und ist nur dann sinnvoll, wenn der Umsatzsteuersatz im Bestimmungsland (Österreich) der Ware niedriger ist, als im Land, in welchem die Ware gekauft wurde.

Achtung!

Als Verzicht gilt auch die Verwendung einer Umsatzsteuer-Identifikationsnummer gegenüber dem Lieferer beim Erwerb von Gegenständen aus dem übrigen Unionsgebiet.

 

Fortsetzung des Beispiels 3:
Der Kleinunternehmer kann aber auch einen Verzicht auf die oben beschriebene Sonderregelung abgeben und eine UID-Nummer beantragen (Formular U 15). In diesem Fall kann D eine steuerbefreite ig Lieferung durchführen, A wird in Österreich erwerbsteuerpflichtig, hat aber keinen Vorsteuerabzug!

Nicht unter die Erwerbsschwellenregelung fällt der Erwerb von verbrauchssteuerpflichtigen Waren (Mineralöle, Tabakwaren, Alkohol und alkoholische Getränke) und von neuen Fahrzeugen. Diese Gegenstände sind im Bestimmungsland steuerpflichtig.

 
Stand: 01.05.2016

Diese Information ist ein Produkt der Zusammenarbeit aller Wirtschaftskammern.
Bei Fragen wenden Sie sich bitte an die Wirtschaftskammer Ihres Bundeslandes:
Burgenland, Tel. Nr.: 05 90907-0
Kärnten, Tel. Nr.: 0590 904-0
Niederösterreich, Tel. Nr.: (02742) 851-0
Oberösterreich, Tel. Nr.: 0590 909
Salzburg, Tel. Nr.: (0662) 8888-0
Steiermark, Tel. Nr.: (0316) 601-601
Tirol, Tel. Nr.: 0590 905-0
Vorarlberg, Tel. Nr.: (05522) 305-0
Wien, Tel. Nr.: (01) 514 50-0
Alle Angaben erfolgen trotz sorgfältigster Bearbeitung ohne Gewähr.
Eine Haftung der Wirtschaftskammern Österreichs ist ausgeschlossen.
Bei allen personenbezogenen Bezeichnungen gilt die gewählte Form für beide Geschlechter!

28.7.2015
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