Kärntens krankes Gesundheitswesen: Diagnose und Therapie

Die Gesundheitspolitik steckt in der Sackgasse: Das öffentliche Spitalswesen in Kärnten ist überdurchschnittlich teuer und unterdurchschnittlich effizient. Ziel einer Reformstrategie ist nicht die Schließung von Standorten, sondern die Annäherung an österreichweite Standards.

Kärnten weist eine hohe Zahl an Krankenhausbetten (6,1 Betten je 1000 Einwohner) auf und leistet sich darüber hinaus einen überproportionalen Verwaltungsapparat im Gesundheitswesen. Allein für 2014 hat die Kabeg vor wenigen Tagen ein Minus von 242 Millionen Euro präsentiert. Doch anstatt sich der Herausforderung zu stellen, dieses Minus substantiell zu verringern, wurde mit dem "Regionalen Strukturplan Gesundheit Kärnten 2020" (RSG) ein Reformplan präsentiert, der den öffentlichen Apparat weiter aufblähen soll - und die Bettenanzahl in (kostengünstigeren) privaten und geistlichen Häusern reduziert. Insgesamt sollen mit dem RSG zehn Millionen Euro eingespart werden. "Wir sprechen hier von etwa einem Prozent des Kärntner Gesundheitsbudgets. Diese Pläne überhaupt als Reform oder Strukturplan zu bezeichnen, ist lächerlich", bringt es WK-Präsident Jürgen Mandl auf den Punkt. Ziel des RSG sei es offensichtlich, die Betten von private in öffentliche Häuser zu verlegen.

(vlnr): KommR Julian Hadschieff (Fachverbandsobmann der Gesundheitsbetriebe), WK-Präsident Jürgen Mandl, Gesundheitsökonom Dr. Ernest Pichlbauer. Foto: WKK/fritzpress


Kabeg: Fast 30 Prozent der Mitarbeiter für Verwaltung

Eine nachhaltige wirksame Reformstrategie verfolge nicht die Absicht, einzelne Krankenanstalten zu schließen, sondern müsse eine Annäherung an österreichweite Standards zum Ziel haben, betonte Mandl. Die bestmögliche medizinische Versorgung für die Kärntnerinnen und Kärntner dürfe aufgrund des mangelnden Kostenbewusstseins in öffentlichen Einrichtungen nicht teurer angeboten werden als in anderen Bundesländern. Die sei aber laut einer Studie des IHS der Fall: Kärnten weist im Bereich der Krankenanstalten 11,7 Landesbedienstete pro 1000 Einwohner auf. In der Steiermark sind es sogar 12,27 - in Tirol aber nur 9,3 und in Oberösterreich gar nur 5,7. Mandl: "Und es wird wohl niemand behaupten, dass die medizinische Versorgung  der Bevölkerung in Tirol oder Oberösterreich schlechter wäre als in Kärnten. Es geht uns nicht darum, Krankenhäuser zuzusperren, aber organisatorische Ineffizienz und überdurchschnittliche Kosten können wir uns schlicht nicht mehr leisten. Wenn das Gesundheitssystem in Kärnten effizient geführt wird, muss man kein einziges Krankenhaus schließen." 

Quelle: Stellenpläne der Länder, Statistik Austria (2015, online); eigene Darstellung und Berechnung IHS Kärnten


Denn im öffentlichen Bereich gebe es große Einsparungspotentiale: Die KABEG hatte 2014 6.362 Mitarbeiter beschäftigt. Davon sind nur 868 Ärzte, wie der aktuelle Geschäftsbericht zeigt. 1.866 Personen sind mit Verwaltungsaufgaben, als Betriebspersonal und als "sonstiges Personal" beschäftigt. Das bedeutet, fast 30 Prozent der Kabeg-Beschäftigten sind kein medizinisches Personal, sondern kümmern sich um den Ablauf in den Häusern. "In den privaten und geistlichen Krankenhäusern ist der Anteil an Mitarbeitern, die sich um Verwaltung und Betriebsabläufe wesentlich geringer - und dadurch ergeben sich auch die deutlich geringeren Kosten", erklärt Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer. Die Zahlen würden eindeutig belegen, dass die privaten und geistlichen Kärntner Krankenhäuser um 40 Prozent kostengünstiger arbeiten würden als die öffentlichen.

Auf wenig Verständnis stoßen die RSG-Pläne vor allem den Kärntner Tälern und Randregionen. So wird es in Kärntens größtem Bezirk, Spittal, nach der "Reform" für 1000 Einwohner 2,7 Betten geben. Kärntenweit stehen 6,1 Betten pro 1000 Einwohner zur Verfügung. Denn während die Bettenanzahl in den Kärntner Krankenhäusern künftig um durchschnittlich acht Prozent sinken soll, sind es in Spittal/Drau zwölf Prozent. Von den bisher 239 Betten im Krankenhaus Spittal sollen 29 gestrichen werden. Damit riskiert das Land eine Unterversorgung in Oberkärnten. Die medizinische Versorgung wird de facto in den Ballungsräumen Klagenfurt und Villach zentralisiert, was auch ein verheerendes Signal hinsichtlich der Abwanderung aus dem ländlichen Raum ist.

Außerdem wird die festgelegte Mindestbettenzahl laut Österreichischen Strukturqualitätskriterien für einzelne Abteilungen deutlich unterschritten - und zwar gerade außerhalb der zwei Ballungszentren Klagenfurt und Villach, was wiederum zur Schwächung der medizinischen Versorgung in den Regionen führt. Hervorzuheben sind hier vor allem die "Gynäkologie und Geburtshilfe"-Stationen an den Standorten Spittal an der Drau, St. Veit und Wolfsberg, wo es laut RSG künftig weniger als 25 Betten geben soll.

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Experten sehen keine Effizienzsteigerungen durch RSG

Dieser Strukturplan werde in Kärnten zu keiner markanten Einsparung im Gesundheitsbereich führen, obwohl das eine wesentliche Prämisse für die Landesregierung sein müsse. Ganz im Gegenteil: Durch die Verschiebung zu den deutlich kostenintensiveren Einheiten der Kabeg werde das Kärntner Gesundheitssystem bereits kurzfristig wieder in finanzielle Schwierigkeiten gesteuert, warnt Pichlbauer und rechnet vor: "Betten von effizient und sparsam arbeitenden Einheiten wie dem Krankenhaus in Spittal an der Drau werden zu deutlich teureren Kabeg-Häusern verschoben, was klaren Effizienzsteigerungen entgegensteht. Eine Bettenreduktion von rund acht Prozent führt aus diesem Grund auch lediglich zu einer Effizienzsteigerung von nur ein bis zwei Prozent." Pichlbauer zweifelt außerdem daran, dass die angekündigten Einsparungen von zehn Millionen Euro tatsächlich erreicht werden können: "Die vorgelegten Zahlen sind nicht nachvollziehbar, weil sich das Land nicht in die Karten schauen lässt und zu keinerlei Transparenz hinsichtlich der künftigen medizinischen Versorgung bereit ist."

Fachverband fordert: Gleiches Entgelt für gleiche Leistung

"Die geplante Kärntner Spitalsreform ist ein wunderbares Beispiel für eine gelungene Nicht-Reform", fasst Julian Hadschieff, Fachverbandsobmann der österreichischen Gesundheitsbetriebe, zusammen: "Gesundheitsbetriebe, die seit Jahrzehnten die Bevölkerung kompetent und wohnortnah versorgen,  sollen nun mit der Spitalsreform in ihrer Leistungsfähigkeit überdurchschnittlich beschnitten werden."

"Dies, obwohl die Abgangsdeckung für die privatgemeinnützigen Spitäler pro Patient mit 1.151 Euro nur etwa halb so teuer ist wie die der Landeskrankenanstalten mit 2.064 Euro je Patient", rechnet er vor. Offensichtlich versuche das Land Kärnten, die eigenen teuren Krankenanstalten auf diese Art und Weise vor erfolgreichen Mitbewerbern zu schützen. Hadschieffs Fazit: "Das ist eine völlige Fehlverteilung von Steuergeldern und gefährdet langfristig die wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung im ländlichen Raum."

Überraschung ist die Vorgehensweise des Landes für Hadschieff keine: "Das Land ist Planer, Zahler, Gesetzgeber, Aufsichtsbehörde und Krankenhausbetreiber in einer Person – und schafft deshalb optimale Rahmenbedingungen für die Landesspitäler, ohne dabei Rücksicht auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung zu nehmen. Es ist unethisch, wenn Gelder im System versickern und somit dem Patienten vorenthalten werden." Deshalb fordert der Fachverband der Gesundheitsbetriebe, dass jene die Gesundheitsdienstleistung erbringen, welche sie qualitätsgesichert am günstigsten anbieten. Dies völlig unabhängig von der Trägerschaft. "Es muss der Grundsatz ‚Gleiches Entgelt für gleiche Leistung‘ gelten!" Bei so wichtigen Entscheidungen wie der künftigen medizinischen Versorgung eines Bundeslandes sollte daher mit Experten zusammengearbeitet  und die Wirtschaft mit einbezogen werden. "Moderne patientenorientierte Gesundheitsversorgung und effizientes Wirtschaften sind kein Widerspruch", sagt Hadschieff, "dies beweist die private Gesundheitswirtschaft."

WK-Präsident Mandl nahm auch grundsätzlich zur Situation Kärntens Stellung. Er habe seit längerem den Eindruck, dass viele Akteure der Kärntner Politik den Ernst der Lage noch nicht verstanden hätten. Mandl bezog sich damit auf eine Aussendung der SPÖ, die gefordert hat, die Wirtschaftskammer solle endlich sagen, welches Krankenhaus zugesperrt werden solle. Mandl: "Ich halte das für ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Reformdiskussionen NICHT ablaufen sollen. Es ist für mich auch der Beweis dafür, dass die Dimension der Herausforderung, vor der Kärnten steht, in vielen Köpfen noch nicht angekommen ist. Denn es geht tatsächlich darum, dieses Land, seine Menschen, seine Unternehmen und seine Infrastruktur vor dem zu schützen, was unaufhaltsam auf uns zurollt. Das hat uns ja die Diskussion der vergangenen Tage um die Aufhebung des Schuldenschnitts aus dem Jahr 2014 durch den Verfassungsgerichtshof wieder eindringlich vor Augen geführt."

Von SP-Klubobmann Seiser, der im Jahr 2004 im Kärntner Landtag auch die fatale unbeschränkte Ausweitung der Landeshaftungen für die Hypo mitbeschlossen habe, erwarte er sich daher mehr persönliche Verantwortung, Einsicht und Reformverständnis. Denn aus der Sackgasse, in die Kärnten aufgrund der hohen Landesverschuldung und zusätzlich durch die Hypo-Heta-Katastrophe geraten sei, werde das Land nur in Gemeinsamkeit aller Akteure herauskommen können, mahnte Mandl: "Wer das nicht versteht oder nicht wahrhaben will, ist fehl am Platz."

Rückfragen:
Wirtschaftskammer Kärnten
Fachgruppe der Gesundheitsbetriebe
Mag. Guntram Jilka
T 05 90 904 – 610
E guntram.jilka@wkk.or.at


31.7.2015 Jan Leber
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