Wohin mit dem Datenschatz?

Viktor Mayer-Schönberger plädierte beim eDay21 für einen neuen Umgang mit Big Data

Daten sind das Gold des digitalen Zeitalters. Wirtschaftliche Innovationen sind immer stärker datengetrieben. Bislang ist der Umgang mit Big Data aber ein einseitiges Erfolgsmodell für Facebook & Co. Viktor Mayer-Schönberger, Autor und Professor für Internetregulierung an der Universität Oxford, machte sich in seiner Keynote beim eDay 2021 deshalb für eine neue Kultur des Daten-Teilens stark. 


Innovation findet im Kopf statt

Den Start in den eDay leitete WKÖ-Präsident Harald Mahrer ein. Mit Bezug auf die folgende Keynote stellte er fest, dass das Datenmanagement im Gesundheitsbereich nicht nur dabei helfen kann, Leben zu retten, sondern auch, um Lockdowns abzuwenden. Die Digitalisierung sei da, um zu bleiben - das vielfältige Innovationspotential müsse deshalb mit vollen Händen ausgeschöpft werden. 

Mit diesen Worten übernahm Viktor Mayer-Schönberger die Bühne und identifizierte Innovation und Innovationsfähigkeit als das Lebenselixier der Wirtschaft. Die Verfügbarkeit 

von Informationen sei dabei entscheidend - so entscheidend, dass es ohne sie keine Marktwirtschaft geben kann. Kleine Unternehmen und Startups können den großen Playern zwar grundsätzlich die Stirn bieten, weil sie flexibler und agiler handeln können. Da große Unternehmen aber die Kontrolle über die großen Datenmengen behalten, wiederholt sich ein altes Problem des freien Wettbewerbs: Es kommt zu Konzentrationserscheinungen. 


Mehr Kilometer für selbstfahrende Autos 

Mayer-Schönberger verwies hier auf Projekte mit selbstfahrenden Autos, die von Google und klassischen Autobauern vor einem Jahrzehnt durchgeführt wurden. Während das selbstfahrende Auto von Google etwa 2.000 Kilometer ohne menschlichen Eingriff fahren konnte, waren es beim typischen Auto nur etwa ca. 400 Kilometer. Das lag an der größeren Dichte an Sensoren, mit denen ein Google-Auto pro Sekunde eine Milliarde Datenpunkte sammeln und daraus lernen konnte. 

Diesen Vorsprung konnten herkömmliche Autobauer nicht mehr aufholen - selbst 2020 erreichten Google-Autos mit 47.911 Kilometern eine fast tausendfach höhere, autonome Reichweite als vergleichbare Autos anderer Hersteller.


Der Zugang zu Daten ist entscheidend

Es reicht nicht mehr, eine gute Idee zu haben. Denn eine gute Idee muss auch umgesetzt werden, um erfolgreich zu sein. Deshalb werden große Innovationen vermehrt von großen Unternehmen umgesetzt, die Zugriff auf Big Data haben. Das zeigt sich auch an der Dichte an Silicon Valley Startups, die an die Börse gehen: Waren es vor einigen Jahren noch zwei Drittel, wird dieselbe Menge heute bereits von größeren Unternehmen aufgekauft. 

Für Mayer-Schönberger ist das ein systematisches Risiko und ein fundamentales Problem für unsere Wirtschaft. In der Digitalisierung haben wir aufgrund der Datenkonzentration einen verhinderten Wettbewerb. Das lässt sich nur mit einem breiteren Zugang zu den Daten lösen.


Datenschutz betrifft keine Maschinen

Die Datenschützer der EU können aufatmen: Es geht in diesem Szenario nicht um personenbezogene Daten, sondern um Daten von Maschinen, Industrie 4.0 und Logistik. Schon heute genießen wir die Vorteile des Datenteilens. Innerhalb von 14 Tagen war das COVID-19-Virus bereits komplett sequenziert, ein Impfstoff wurde innerhalb von 72 Stunden entwickelt. Ausgiebige Tests nahmen den Rest der Zeit ein.

Für einen breiteren Zugang zu Wissen und zu den Daten der Welt plädierte Mayer-Schönberger auch für das staatliche Handeln. Als Beispiel für eine erfolgreiche Symbiose von Staat und Wirtschaft führt er das Silicon Valley an. Dieses entstand, nachdem die Bell Labs, eine Forschungseinrichtung des Telekommunikations-Providers AT&T, ihre Patente über Mikrowellen, Transistoren und andere Technologien offenlegen musste. Kleine und mittlere Unternehmen, die innovative Konzepte mit diesen Technologien umsetzten, ließen sich vermehrt im Silicon Valley nieder.


Daten ermöglichen zielgerichtetes Träumen

Große Innovationen werden nicht von Maschinen, sondern von Menschen erdacht. Das richtige Mindset entscheidet darüber, ob gedankliche Modelle von der Idee zur Umsetzung gelangen. Entscheidend dabei ist die menschliche Fähigkeit des zielgerichteten Träumens. Effektive Entrepreneure sehen die Welt nämlich nicht als das, was sie ist, sondern als das, was sie sein könnte. Sie bauen das ein, was der Welt fehlt. 

Wenn wir zielgerichtet träumen, um Ideen und Lösungen zu schaffen, erzeugen wir die Saat für wahre Innovation. Kinder machen das, und wir müssen das Kind in uns bewahren. Denn es braucht das richtige Mindset, um Ideen zu entwickeln. Um diese auch in Dienstleistungen und Produkte zu übersetzen, ist laut Mayer-Schönberger der Zugang zu Big Data entscheidend.


Digitalk über wirtschaftliche Innovation

Im anschließenden Digitalk führten Generalsekretär-Stellvertreterin Mariana Kühnel, Viktor Mayer-Schönberger und Cornelia Funovich von ipcenter einen Gedankenaustausch auf offener Bühne. Für Mariana Kühnel steht fest, dass die Fähigkeit zum innovativen Denken bereits im Kindesalter entsteht. Ein erster Schritt sei die Verankerung der digitalen Grundbildung in den Lehrplänen. Es gibt aber noch viel zu tun: Sowohl Burschen als auch Mädchen müssen über die eingebildeten Geschlechtergrenzen hinweg für spannende und technische Berufsfelder begeistert werden.

Für Viktor Mayer-Schönberger betrifft die Akzeptanz eines innovativen Mindsets die gesamte Gesellschaft. Die Analyse von Daten und Fakten hilft allen dabei, ein besseres und selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit dem Willen, auf die Wissenschaft zu hören und die uns zur Verfügung stehenden Datenschätze zu bearbeiten, kommen wir als Wirtschaft und Gesellschaft voran.