„Wir brauchen Nachjustierungen“

Im anhaltend kompetitiven und schnelllebigen Kinomarkt haben einige sehr verschiedene österreichische Filme heuer Besucherzahlen um die 50.000er Marke erzielt. Ein Grund für den Geschäftsführer des Österreichischen Filminstituts Roland Teichmann, weiterhin die Vielfalt heimischen Schaffens zu fördern. Breitenwirksame Komödien wären als Zugpferde wünschenswert, um das teure Medium Film weiterhin erhalten zu können.

Roland Teichmann

Roland Teichmann

Können Sie schon einen ersten Rückblick über das Filmjahr 2016 bieten? Was waren die Highlights, wo gab es Verbesserungen, wo Defizite?
ROLAND TEICHMANN: Das Filmjahr 2016 war aus bisheriger Sicht insofern bemerkenswert erfolgreich, als es seit Längerem wieder einmal gelungen ist, eine schöne Dichte an Erfolgen im oberen Mittelfeld zu erzielen. Oft beeinflussen ja Ausreißer nach oben die Statistik. Filme wie zB „Vor der Morgenröte“, „Toni Erdmann“, „Hotel Rock&Roll“ und „Maikäfer Flieg“, um nur einige zu nennen, haben im anhaltend kompetitiven und schnelllebigen Kinomarkt Besucherzahlen um die 50.000er Marke erzielt. Das ist ein wirklich schönes Ergebnis und zeigt auch die Vielfalt im Erfolg unseres Filmschaffens. Ziel der Förderung ist eine gesunde Balance zwischen nationalem Box-Office und internationaler Relevanz. Ich denke wir sind hier nach wie vor auf einem guten Weg.

Auch heuer gab es wieder Diskussionen über eine neue Organisationsstruktur in Bezug auf die Juries des ÖFI Gibt es konkrete Veränderungen ?
TEICHMANN: Diese Diskussionen sind berechtigt und wichtig. Man muss sich von Zeit zu Zeit immer wieder kritisch hinterfragen, um nicht in Stillstand zu geraten. Die Meinungen was „das beste“ System ist, gehen naturgemäß auseinander. Ich denke, wir brauchen keine Revolutionen, sondern Nachjustierungen, um in Zukunft noch mehr Kontinuität zu erzielen.

Heuer wurde erstmals die Steuerabsetzbarkeit für Investitionen in die Filmwirtschaft gesetzlich geordnet: gibt es schon erste Partnerschaften, Erfolge?
TEICHMANN: Leider Nein. Es gestaltet sich schwierig, potentielle Spender zu finden. Wir sind gerade dabei, auch mit anderen Stellen des Bundes wie zB dem Bundesdenkmalamt, die in diesem Bereich bereits mehrjährige Erfahrung haben, Modelle zu entwickeln, die für die Filmförderung nutzbar und tauglich sind. Ich hoffe, dass wir 2017 hier erste Erfolge erzielen können, aber es wird nicht einfach sein, insbesondere da es bei der Herstellung von Filmen immer um verhältnismäßig hohe Summen geht.

Wie steht das ÖFI zur Frauenquote?
TEICHMANN: Die Gender-Debatte beherrscht die Branche seit einiger Zeit. Ich halte diese Debatte für unausweichlich und notwendig. Auch ohne gesetzliche Vorgabe haben wir im Filminstitut bereits zielgerichtete Maßnahmen gesetzt, die die Beteiligung von Frauen am Filmschaffen stärken und zu mehr Transparenz führen sollen. Details dazu siehe insbesondere http://equality.filminstitut.at/
Darüber hinaus wird im Aufsichtsrat gerade ein „Gender-Paket“ diskutiert, das hoffentlich mit 1.1.2017 in Kraft treten wird. Darin enthalten sind wirkungsorientierte Maßnahmen zur verstärkten Beschäftigung weiblicher Filmschaffender im Rahmen der Filmförderung des Österreichischen Filminstituts (ÖFI). Da all das noch in Diskussion und Abstimmung befindlich ist, möchte ich im Detail aber nicht weiter vorgreifen.


Was sagen Sie als oberster Filmförderer zur Neuorganisation der Filmfestivals, eine Notwendigkeit oder eine befürchtete Sparmaßnahme?
TEICHMANN: Filmfestivals sind ein großartiger Multiplikator und unverzichtbarer Bestandteil der kuratierten Filmvermittlung an ein breites Publikum. Aufgrund der Vielzahl an Festivals ist es jedoch nötig, eine stärkere Abstimmung zwischen den Förderern auf Bundes- und Landesebene zu finden. Das ÖFI wird sich dabei tendenziell wieder stärker auf Festivals konzentrieren, die in direkter Wechselwirkung zu den von uns geförderten (Lang-)Filmen stehen.

Wie hat sich die Quantität und Qualität der Filmeinreichungen in den letzten Jahren verändert?
TEICHMANN: Die Quantität und somit auch der Wettbewerb um Fördermittel ist definitiv gestiegen. Ein Zeichen für die Vitalität und Produktivität der heimischen Filmbranche. Die Qualität ist konstant.

Was braucht es, um die Publikumszahlen für heimische Filme zu erhöhen?
TEICHMANN: Noch mehr wettbewerbsfähige Genre-Filme, insbesondere Komödien, die auf ein breites Publikum abzielen. Filme mit starker nationaler Identität und Themen, die für unsere Gesellschaft und Kultur relevant sind. 2017 verspricht da ein gutes Jahr zu werden.

Wie stehen Sie zur Idee, der EU-Kommission die Audiovisuelle Richtlinie betreffend, dass 20 % der ausgestrahlten Programme von VoD-Anbietern europäischen Ursprungs sein sollen WIeviel Geld erwarten Sie sich davon für die heimische FIlmbranche?
TEICHMANN: Quoten halte ich grundsätzlich für problematisch, da sie immer auch ein Zwangselement beinhalten. Idealerweise sollte sich Qualität und Relevanz durchsetzen. Dennoch ist es vertretbar, den europäischen Film gezielt zu unterstützen und ihm insbesondere dem marktbeherrschenden US-Film gegenüber eine bessere Ausgangslage zu verschaffen. Ich denke eher nicht, dass dadurch ein Füllhorn ausgeschüttet wird. Aber allein die Tatsache, dass der europäische Film dadurch noch stärker im wachsenden Online-Markt sichtbar wird, ist uneingeschränkt zu begrüßen.

Was waren Ihre persönlichen filmischen Highlights im Jahre 2016?
TEICHMANN: Die Überraschungserfolge von „Toni Erdmann“ und „Vor der Morgenröte“. Sie zeigen, dass man mit Qualität und Anspruch internationale Anerkennung und großen Publikumserfolg erzielen kann.


16.12.2016 Manuela Jabri
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