„Wir wollen unberechenbar bleiben“

Austrian Film Commission (AFC)-Geschäftsführer Martin Schweighofer blickt im Film, Sound & Media-Interview auf ein sehr erfolgreiches Jahr 2016 zurück und erklärt warum er und sein Team jedes neue Jahr bei Null beginnen.

Martin Schweighofer

Martin Schweighofer

Wie resümieren Sie das Jahr 2016 aus Sicht der AFC?
MARTIN SCHWEIGHOFER: Das Jahr 2016 war ein wirklich gutes Jahr und hat Ergebnisse gebracht, die eigentlich über meinen Erwartungen lagen. Beginnend in Berlin, wo Händl Klaus „Kater“ seinen Zug rund um die Welt begonnen hat, über die Erfolge von Nikolaus Geyrhalters „Homo Sapiens“, Ruth Beckermanns „Die Geträumten“ oder Patric Chihas „Brüder der Nacht“ – all das zeigt einmal mehr auf, dass die Marke Austrian Film sehr präsent ist, immer wieder überraschen kann und im besten Sinn auch unberechenbar bleibt. „Mister Universo“ von Rainer Frimmel und Tizza Covi zum Beispiel hat in Locarno einige Preise erhalten, „Die Nacht der 1000 Stunden“ von Virgil Widrich erhielt den Publikumspreis in Südkorea oder auch „Safari“ von Ulrich Seidl, ein Film der rund um die Welt gezeigt wird – der Österreichische Film ist omnipräsent und international anerkannt

Dieser Erfolgslauf bei den internationalen Festivals hält nun schon relativ lange an, welche Spezifikation bot 2016?
SCHWEIGHOFER: Was mich heuer besonders freut - obwohl das nicht zur Kernkompetenz der AFC gehört -, ist die Performance des österreichischen Films nicht nur international sondern auch in den heimischen Kino. So haben in diesem Jahr einige Filme sehr gute Besucherzahlen aufzuweisen, beginnend vom Sensationserfolg „Bauer unser“ von Robert Schabus über Mirjam Ungers „Maikäfer flieg“ , Dieter Berners „Egon Schiele“, „Was hat uns bloß so ruiniert“ von Marie Kreutzer, oder „Hotel Rock´n´Roll“ von Michael Ostrowski und Helmut Köpping mit über 50.000 Besuchern. So eine breite Basis hat der österreichische Film in den heimischen Kinos schon lange nicht mehr gehabt. Wichtig zu erwähnen sind natürlich auch die Co-Produktionen „Vor der Morgenröte“ und die Cannes Sensation „Toni Erdmann“, die weltweit große Erfolge feiert und auch beim kommenden Auslands-Oscar zu beachten sein wird.

Wie sehen Sie die internationale Entwicklung?
SCHWEIGHOFER: Die Marke Austrian Films muss auch weiterhin im Fokus stehen. Unter dem Motto: die Erfolge von Gestern sind die Herausforderungen von Morgen. Im Vordergrund steht dieser Facettenreichtum des heimischen Filmschaffens, der es immer wieder schafft, zu überraschen und mit neuen, frischen Projekten zu reüssieren. Wir versuchen jedes Projekt entsprechend zu platzieren und alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Eine Zahl von Oktober und November: in diesem Zeitraum hatten österreichische Filme unglaubliche 236 Festivaleinsätze weltweit. Ein absoluter Rekord!
Gleichzeitig gilt es die rasanten Entwicklungen etwa im Verwertungsbereich, Streaming-Plattformen und so weiter stets im Auge zu behalten und auch hier Lösungsmöglichkeiten anzubieten.

Stichwort Überraschungen – was hat Sie persönlich 2016 überrascht?
SCHWEIGHOFER: Der große internationale Erfolg von „Die Liebhaberin“ von Lukas Valenta Rinner – eben erst gab es wieder drei bedeutende Preise in Turin und Mar del Plata – hat mich positiv überrascht. Für „Win Win“ von Daniel Hoesl andererseits hätte ich mir mehr Zuspruch erwartet.

Was erwarten Sie sich von 2017?
SCHWEIGHOFER: Der Rhythmus ändert sich ja nicht. Das Jahr beginnt mit für uns mit Saarbrücken, Sundance und Rotterdam, dann kommt Berlin im Februar und so weiter. Noch ist es zu früh, um konkrete Teilnahmen zu postulieren, aber das Lineup für 2017 sieht sehr vielversprechend aus. Michael Haneke hat mit „Happy End“ einen neuen Film am Start. Josef Haders erste Regiearbeit „Wilde Maus“ steht in den Startlöchern. Wir erwarten neue Filme von Barbara Albert, Ruth Mader, Stefan Ruzowitzky, Katharina Mückstein, Harald Sicheritz u.v.m. Mit großer Spannung erwartet wird auch „Untitled Fragments“, das der tragisch verstorbene Michael Glawogger begonnen und seine Cutterin Mona Willi nun fertiggestellt hat. Ich denke, dass 2017 an die Erfolge der letzten Jahre nahtlos anschließen wird.

Wie sehen Sie die allgemeine Situation für die Filmbranche?
SCHWEIGHOFER: Natürlich dreht sich sehr vieles um die Mittel, die zur Verfügung stehen und natürlich wird immer mehr gefordert. Ich gehe aber davon aus, dass man nicht damit rechnen kann und soll. Als Präsident der European Film Promotion, einem 37 Länder umfassenden paneuropäisches Netzwerk, habe ich einen sehr guten Überblick über die allgemeine Situation am europäischen Filmmarkt. Und ich kann mit einer gewissen Genugtuung sagen, dass Österreich hier nicht die Rolle des „vierten Zwergs von links“ spielt.


16.12.2016 Manuela Jabri
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