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"Die Pläne der Europäischen Kommission, das Territorialitätsprinzip einzuschränken, sind eine Dummheit."*

Eine kürzlich veröffentliche Studie belegt die Wichtigkeit der länderspezifischen Lizenzvergabe von Film- und TV-Rechten für die Überlebensfähigkeit des europäischen Films, und zeigt auf, dass deren Einschränkung v.a. auf Kosten der Verbraucher erfolgen würde.
Stand:
Charlotte Lund Thomsen und Martin Moszkowicz
Charlotte Lund Thomsen und Martin Moszkowicz (Copyright Werner Müller)

* Zitat von Martin Moszkowicz anlässlich des Panels zur Vorstellung der Studie in Cannes

Das in internationalen Verträgen festgeschriebene Territorialitätsprinzip ermöglicht die geographische Begrenzung audiovisueller Inhalte sowie eine länderspezifische Lizenzvergabe und ist somit von essentieller Bedeutung für die Finanzierbarkeit der Film- und TV-Branche. Umso bedenklicher sind deswegen die im Zusammenhang mit der im vergangenen Jahr veröffentlichten Strategie zum Digitalen Binnenmarkt gemachten Vorschläge der Europäischen Kommission, die territoriale Verwertung von Film- und TV-Rechten einzuschränken.

Im Wesentlichen plant die Kommission das Urheberrecht so abzuändern, dass ein grenzüberschreitender Zugang zu audiovisuellen Inhalten ermöglicht wird. Dies würde bedeuten, dass Verbrauchern der Online-Zugang zu audiovisuellen Inhalten erleichtert wird und diese auch außerhalb ihres Heimatlandes Zugang zu digitalen Abonnements erhalten würden, was derzeit aufgrund der territorialen Exklusivität nicht möglich ist. Hintergrund dieser Pläne ist die Auffassung der Europäischen Wettbewerbskommission, dass eine länderspezifische Lizenzvergabe insbesondere in der Online-Verwertung von Filmen nicht mehr zeitgemäß ist.

Michael Ryan (Copyright Werner Müller)
Michael Ryan (Copyright Werner Müller)

Diese Ansicht verkennt jedoch völlig die Besonderheiten des Filmgeschäfts, welches maßgeblich von einer territorialen Lizenzvergabe als Finanzierungsgrundlage abhängig ist. Würde diese wegfallen und die Exklusivität untergraben werden, käme es zu einem massiven Verlust von Einkünften und Grundfinanzierung, was in Folge die Produktion von neuen Film- und TV-Inhalten erheblich erschweren würde. Dies bestätigt eine im Rahmen der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes vorgestellte Studie, deren wesentliches Ergebnis ist, dass eine Aushöhlung der territorialen Lizenzvergabe weniger zum Nutzen der Verbraucher, als massiv auf deren Kosten geschehen würde.

Die von den Londoner Unternehmens- bzw. Medienberatern Oxera und Oliver & Ohlbaum erstellte Studie über die Auswirkungen eines grenzüberschreitenden Zugangs zu Film lässt mit erschreckenden Zahlen aufhorchen. Obwohl der europäische Filmsektor einen stetig wachsenden Teil der EU-Wirtschaft darstellt, der jährlich 97 Milliarden Euro erwirtschaftet und 1 Million Menschen beschäftigt, stellt die Filmbranche ein hoch-riskantes Geschäft dar. Es gibt keine Garantie dafür, dass ein Film auch finanziell erfolgreich sein wird - weniger als 7% aller Independent-Filme können tatsächlich einen Profit erwirtschaften. Der Großteil aller produzierten Filme ist auf den Erfolg einiger weniger angewiesen, der ihnen eine Finanzierung weiterer Filme erst ermöglicht.

Sollten die Pläne der Kommission umgesetzt werden, hätte dies schwerwiegende Folgen für die Branche, so die alarmierenden Schlüsselergebnisse:
• Es wird mit einem Umsatzverlust der Branche von jährlich rund 8,2 Milliarden Euro gerechnet.
• Dies würde dazu führen, dass Produzenten, Verleger, Distributoren und Plattformen weniger Investitionen tätigen und somit bis zu 48% weniger TV-Inhalte und 37% weniger nationale Filme produzieren können, wobei v.a. Nischen- bzw. riskante Themen betroffen wären.
• Eine so entstehende Beschränkung der Inhalte würde die kulturelle Diversität in Europa maßgeblich einschränken.
• Aber auch Inhalte die nach wie vor produziert werden würden, würden wahrscheinlich unter einem massiven Qualitätsverlust leiden.
• Um die Einnahmeverluste zu kompensieren, wären Verbraucher in Folge höheren Preisen ausgesetzt bzw. würden den Zugang zu gewissen Inhalten komplett verlieren. Es wird mit einem Wohlstandsverlust der Verbraucher von rund 9,3 Milliarden Euro jährlich gerechnet, wobei Verbraucher aus einkommensschwächeren Mitgliedsstaaten überproportional betroffen wären.
• Hinzu kommt die Sorge vieler europäischer Produzenten, dass eine Einschränkung des Territorialitätsprinzips die Möglichkeit, öffentliche Förderungen zu erhalten oder Koproduktionsverträge abzuschließen, beeinträchtigen würde.

Die Erstellung dieser Studie wurde von einer Vielzahl namhafter Stakeholder der Filmbranche, einschließlich Film- und Fernsehproduzenten, Verleihern, Programmanbietern, Plattformen und Filmagenturen, unterstützt, von denen zahlreiche bei der Präsentation der Studie in Cannes am Panel teilnahmen.

„In so einem Umfeld sehe ich keine Zukunft für unser Geschäft,“ bringt es Martin Moszkowicz, CEO von Constantin Film, auf den Punkt. Auch Michael Ryan von GFM Films schlägt in dieselbe Kerbe: „Sollte die Territorialität abgeschafft werden, wird es kaum noch eine Möglichkeit geben, Independent-Filme zu finanzieren. Wir werden unseren Job schlichtweg nicht mehr ausüben können.“ Er kritisiert auch die Diskussionskultur in aller Deutlichkeit: „Ich bin es leid, bei Verhandlungen immer wieder dieselben Lügen vom Gegenüber wie ‚Ihr braucht euch um die Territorialität nicht sorgen’ zu hören.“ Peter Dinges, Präsident der European Association of Film Agencies (EFADs), welche die audiovisuelle Wirtschaft jährlich mit rund 3 Milliarden Euro fördert, betont, dass ein so entstehendes Finanzierungsloch durch Förderungen nicht kompensiert werden kann. Selbst Viviane Reding, ehemalige Vize-Präsidentin der Europäischen Kommission und somit einst treibende Kraft in der EU-Politik, sieht keinen Änderungsbedarf des derzeit bestehenden Systems: „Ich sehe keinen politischen Grund, warum hier eine Änderung vorgenommen werden sollte. Die Aufgabe von Politikern ist es, Probleme zu beheben, aber hier gibt es kein Problem, das behoben werden müsste.“

Der einzige Lichtblick im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Studie ist, so ist man sich am Panel einig, die Deutlichkeit mit der die negativen Folgen aufgezeigt und quantifiziert werden. „Diese Studie ist eine klare Warnung in Richtung Europäische Kommission,“ so Moszkowicz. „Deshalb ist sie auch so wichtig: Die Studie zeigt, wissenschaftlich hinterlegt, klar und deutlich, warum die Pläne der Kommission eine Dummheit sind.“


Die Studie („The impact of cross-border access to audio-visual content on EU consumers“) ist unter folgendem Link kostenlos abrufbar: http://www.oxera.com/Latest-Thinking/Publications/Reports/2016/The-impact-of-cross-border-access-to-audiovisual-c.aspx