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Symposium 2019

Ethik heute: Leben mit Widersprüchen und Gratwanderungen 

Es ist bereits Tradition, dass die jährliche Generalversammlung der ARGE ProEthik nicht bloß reiner Formalakt ist, sondern von den Vorsitzenden zum Anlass genommen wird, im Rahmen eines Symposiums zu Denkanstößen und Diskussionen einzuladen. Mag. Rudolf Masicek, Stv. Vorsitzender des Ethikkomitees, begrüßte dazu die Mitglieder Anfang Juni in den Konferenzräumen des Raiffeisen Forums in Wien. 

Dr. Gerhard Schwarz, Universitätsdozent für Philosophie und Gruppendynamik
© David Schreiber Dr. Gerhard Schwarz, Universitätsdozent für Philosophie und Gruppendynamik
DI Mark von Laer, Finanzvorstand sowie Verantwortlicher für Recht und Compliance der ANDRITZ AG
© David Schreiber DI Mark von Laer, Finanzvorstand sowie Verantwortlicher für Recht und Compliance der ANDRITZ AG


Wenngleich die beiden Impulsgeber des diesjährigen Symposiums - Andritz-Vorstand DI Mark von Laer und der Philosoph Univ.Doz. Dr. Gerhard Schwarz - sich dem Thema Wirtschaftsethik aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln näherten, so ließen ihre Beiträge dennoch einen gemeinsamen Schluss zu: Mit Entwicklungen wie der Globalisierung, Digitalisierung und der Inflation moralischer Instanzen zugunsten individueller Wertegerüste müssen wir uns endgültig vom ethischen Schwarz-Weiß-Denken und der simplen Kategorisierung in „richtig“ und „falsch“ verabschieden und lernen, mit Widersprüchen und Grauzonen zu leben. 

Lernen von den besten

Das enthebt Unternehmen, besonders von der Größe und dem internationalen Rang der Andritz-Gruppe, nicht der Verantwortung, sich der Herausforderung „Compliance“ zu stellen.  Dass diese Aufgabe von DI Mark von Laer wahrgenommen wird, der als Vorstandsmitglied ansonsten Kernbereiche wie Recht, Controlling, Finanz und Einkauf verantwortet, zeigt den hohen Stellenwert, den die Konzernleitung der Compliance-Organisation beimisst.  

Wie von Laer in seinem Impulsvortrag darlegte, umspannt die Compliance-Organisation von Andritz die Risikobewertungen, Compliance-Policies und -Prozesse, interne und externe Audits, Verbesserungsmanagement und nicht zuletzt ein anonymes Hinweisgebersystem. Über dieses Hinweissystem gehen in der gesamten Andritz-Gruppe, die an mehr als 300 Standorten in über 80 Ländern rund 29.000 Mitarbeiter beschäftigt, jährlich etwa 50-60 Hinweise ein. Die für die anwesenden ProEthik-Mitglieder überraschend überschaubare Zahl erklärte von Laer mit der engen Einbindung aller vorgelagerten Instanzen - von Vertrauenspersonen über Betriebsräte, Personalverantwortliche und Vorgesetzte.  

100%-ige Sicherheit ist illusorisch

Ob angesichts dieser durchdachten Compliance-Organisation Vorfälle wie der „VW-Diesel-Skandal“, bei Andritz ausgeschlossen werden können? Diese Frage aus dem Kreis der TeilnehmerInnen verneinte von Laer. Ziel sei es, durch das System und seine transparente Handhabung das Risiko zu minimieren. 100%-ige Sicherheit sei aber nicht erreichbar. Die größte Herausforderung ortete von Laer zudem weniger bei klar identifizierbaren Verstößen, sondern bei den vielen Widersprüchen der gesetzlichen Regelungen in einem zunehmend globalen Markt. Die Beispiele, die von Laer aus der Praxis vorbrachte, zeigen: Sensible Bereiche wie Steuerrecht, Arbeitsverträgen oder die Auslegung der Arbeitskräftefreizügigkeit gleichen selbst innerhalb der EU einem unüberschaubaren Spießrutenlauf an Widersprüchen. National unterschiedliche Gesetze, aber auch der Interpretationsspielraum der Behörden stellen für Unternehmen unkalkulierbare Risiken dar und die angedrohten Strafen seien angesichts dessen für Führungskräfte unverhältnismäßig. 

Dennoch steige, so von Laer, der Druck von Märkten und Öffentlichkeit auf Unternehmen, sich dem Thema Compliance zu stellen; auch unter jüngeren MitarbeiterInnen und KandidatInnen gewinnen gelebte Werte bei der Wahl des Arbeitgebers an Bedeutung.  

Traditionelles System von Regeln und Moral mit Konsequenzen hat ausgedient. 

Dass die Wahrnehmung von Widersprüchen, Grauzonen und Interpretationsspielräumen ein generelles Phänomen ist, bestätigte Dr. Gerhard Schwarz in seinem darauffolgenden Referat. Als Philosoph und Gruppendynamiker, spezialisiert auf Konfliktmanagement erklärt er Ethik als Streben nach Gerechtigkeit, bei dem einander widersprechenden Prinzipien der gerechten Verteilung von Ressourcen – ob materiell oder immateriell -  entgegenstehen: Während das Bedürfnisprinzip die Frage der Gerechtigkeit von der Bedürftigkeit abhängig macht, wird beim Leistungsprinzip belohnt, wer mehr leistet. Konsequenterweise fördert das Bedürfnisprinzip kooperatives Verhalten und Vertrauen, während beim Leistungsprinzip Konkurrenz zum Erfolg führt. Mit dem Zusammenbruch der traditionellen Systeme aus Regeln, Moral und Konsequenzen obliegt die Entscheidung, was gerecht sei, dem Einzelnen. Beide Prinzipien können nicht gleichzeitig verwirklicht werden, aber sie ergänzen einander.

Angesichts der daraus erwachsenden Widersprüche und Konflikte braucht es Regelwerke. Sie sind die Grundlage des 3. Prinzips – der Gesetzesgerechtigkeit, die die Leistungs- und Bedürfnisprinzip in Einklang bringen soll. „Die Regelwerke und Gesetze sind allerdings in jüngster Zeit aus dem Ruder gelaufen“, so Dr. Schwarz, dessen Beobachtung sich in diesem Punkt mit seinem Vorredner decken.  

Regeln, Gesetze und die ehrliche Bemühung um Transparenz entheben uns demnach nicht der Verantwortung und Herausforderung, im Moment zu entscheiden, wie wir die Balance zwischen ökonomisch sinnvollem, erlaubtem und gewünschtem Handeln herstellen können.