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Christian Dreger: Perspektiven des privaten Verbrauchs in Österreich

Ausgabe 4/2016 der Wirtschaftspolitischen Blätter
Stand:

Während das Konsumniveau der privaten Haushalte in Österreich nach wie vor hoch ist, zeichnet sich in den letzten Jahren eine Konsumschwäche ab. Sowohl die permanente Einkommenshypothese als auch die demographische Entwicklung könnten auch in Zukunft schwache Zuwächse im Konsum begründen. Wirtschaftspolitisch sollten daher Strukturreformen ergriffen werden, um die Konsumkonjunktur zu stärken.

Die Rolle der Konsumausgaben in Österreich

Die Verbrauchsausgaben der privaten Haushalte sind die größte Komponente der aggregierten Nachfrage. Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt bei 53%, etwas weniger als im Durchschnitt des Euroraums (55%). Die Konsumausgaben pro Kopf liegen mit 22.000 Euro um 25% über dem Durchschnitt der Eurozone. Pro Jahr gibt ein österreichischer Haushalt im Schnitt mehr als 40.000 Euro für die Lebenserhaltung aus.

Aufgrund ihres hohen Anteils wird die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich von den privaten Konsumausgaben bestimmt, die aber zuletzt die Konjunktur gebremst haben. Während vor der Jahrtausendwende noch ein Anstieg von 2,5 % per annum verzeichnet wurde, waren es bis zur Finanzkrise 1,6 %, seither sind es nur noch 0,6 %. Da die realen Einkommen zuletzt rückläufig waren, konnten die geringen Zuwächse nur durch das Auflösen von Ersparnissen realisiert werden. Dauerhaft niedrige Konsumzuwächse stellen ein erhebliches Risiko dar: so könnte eine schwache Inlandskonjunktur auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen übergreifen. Der Wachstumsbeitrag der Nettoexporte dürfte steigen, weil die Konsumschwäche die Importe reduziert. Das Wirtschaftswachstum wäre noch mehr an Exporte gebunden, sodass weltwirtschaftliche Entwicklungen stärker die Konjunktur beeinflussen.  

Zur Konsumschwäche der letzten Jahre haben die Vermögensverluste im Zuge der Finanzkrise beigetragen, sowie die bescheidenen Lohnerhöhungen. Die Einkommensspreizung hat tendenziell zugenommen, höhere Einkommen haben sich besser als niedrige Einkommen entwickelt. Da die Konsumneigung mit der Einkommenshöhe sinkt, haben die Konsumsteigerungen im Aggregat abgenommen.

Unsicherheit bremst die Konsumausgaben

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, die auf einen stärker anziehenden Konsum deuten. Durch den Preisverfall auf den Rohstoffmärkten haben die Haushalte an Kaufkraft gewonnen, die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank fördert Konsum durch niedrige Kreditkosten und reduziert die Anreize zur Ersparnisbildung. Die 2016 in Kraft getretene Steuerreform entlastet die Haushaltseinkommen, besonders die Bezieher niedriger Einkommen profitieren. Außerdem dürfte sich angesichts der schwachen Konsumdynamik der letzten Jahre Nachholbedarf aufgestaut haben.

Ob die Konsumausgaben tatsächlich stärker steigen werden, ist aber noch nicht ausgemacht. Die Indikatoren des Konsumentenvertrauens deuten nicht darauf hin, dass die privaten Haushalte von einer stärkeren Entwicklung überzeugt sind. Zudem können weltwirtschaftliche Verwerfungen die Entwicklung eintrüben, weil sie die Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven der Haushalte verschlechtern. Die Unwägbarkeiten, die mit der Brexit-Entscheidung verbunden sind, legen der Konjunktur zusätzliche Fesseln an. Darüber hinaus kann sich die weiter schwelende Schuldenkrise im Euroraum leicht wieder entzünden. Zwar kann die Gesundung der öffentlichen Finanzen die Grundlagen für ein nachhaltiges Wachstum verbessern, vor allem in Zeiten einer alternden Bevölkerung. Allerdings wirkt dieser Effekt nur auf lange Sicht und es ist nach wie vor unklar, wie der erwünschte Zustand erreicht werden kann.

Aber auch bei einem ruhigen weltwirtschaftlichen Umfeld bleibt offen, ob ein Zuwachs an realer Kaufkraft tatsächlich zu höheren Konsumausgaben führt. Entscheidend ist, ob die privaten Haushalte den Anstieg der Einkommen als permanent oder temporär interpretieren. So sind die derzeit niedrigen Rohstoffpreise oder die geldpolitischen Maßnahmen der EZB wohl nicht von Dauer. Sofern die Faktoren, die den Konsum antreiben, nur kurzfristig wirken, werden die privaten Haushalte ihren Verbrauch wohl nur unterproportional ausdehnen.

Permanenter vs. transitorischer Konsum

Ob permanenter oder transitorischer Konsum bei den privaten Haushalten in Österreich dominiert, ist nicht eindeutig zu beantworten. In der Vergangenheit wirkte der private Verbrauch stabilisierend auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. So wäre die Rezession in der Finanzkrise heftiger ausgefallen, wenn die Konsumausgaben nicht zum Teil kompensierend gewirkt hätten. Eine recht glatte Entwicklung des privaten Verbrauchs ist nach der permanenten Einkommenshypothese zu erwarten.

Nach diesem Modell wird der Konsum nicht vom laufenden, sondern primär vom permanenten Einkommen bestimmt. Die Konsumpläne der Haushalte basieren auf einer langfristigen Perspektive, die die aktuellen und künftig erwarteten Einkommen miteinbeziehen. Risikoaverse Haushalte streben einen Konsumpfad an, der möglichst frei von Schwankungen ist und sich durch den Gegenwartswert künftiger Einkommensströme bestimmt. Sofern rational handelnde Haushalte die Zuwächse ihrer Einkommen nur als kurzfristig interpretieren, werden Ersparnisse gebildet. Umgekehrt lösen Haushalte bei einem temporären Einkommensrückgang zunächst Ersparnisse auf oder finanzieren ihren gewohnten Verbrauch mit Krediten. Wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Ankurbelung des Konsums hätten also nur dann Erfolg, wenn die Einkommenswirkungen von Dauer sind. Sofern dies unklar ist, könnten die gewünschten Effekte ausbleiben.

Die permanente Einkommenshypothese zeichnet ein idealisierendes Bild, das nicht ohne Weiteres der Wirklichkeit entspricht. Abweichungen sind unter anderem auf Liquiditätsbeschränkungen zurückzuführen, da Haushalte oft nur begrenzt Möglichkeiten haben, vorübergehende Einkommenseinbußen durch Kredite aufzufangen. Für diese Gruppe ist mithin das laufende Einkommen wichtiger, um die Konsumentscheidung zu erklären. Im Aggregat bietet die permanente Einkommenshypothese jedoch einen geeigneten Rahmen für die Analyse der Haushaltsausgaben.

Von der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank gehen ambivalente Effekte für den privaten Verbrauch aus. Zwar können die Konsumausgaben kurzfristig stimuliert werden, weil niedrige Zinsen kaum Anreize für eine Ersparnisbildung bieten. Allerdings werden so nur Strohfeuer im transitorischen Konsum erzeugt, eine hartnäckige Konsumschwäche kann so nicht überwunden werden. Außerdem sind die Impulse nicht eindeutig, weil ein niedriges Zinsniveau die private Absicherung im Alter erschwert. Um die angestrebten Sparziele zu erreichen, könnten die Haushalte ihre Spartätigkeit ausdehnen.

Demographischer Wandel und Konsumverhalten

Ein Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter reduziert die langfristige Wachstumsrate der Produktion. Ob der Rückgang durch strukturelle Anpassungen, etwa längere Lebensarbeitszeiten, höhere Erwerbsbeteiligung, Migration oder durch technologiebasierte Produktivitätssteigerungen wettgemacht werden kann, ist offen. Jedenfalls dürften ältere Konsumenten im Jahr 2030 einen Großteil des privaten Verbrauchs abdecken. Weil sie ein anderes Nachfrageverhalten als jüngere Menschen aufweisen, ist mit Verschiebungen in der Ausgabenstruktur zu rechnen.

Generell dürften Dienstleistungen rascher als Industriegüter expandieren. Ausgaben für langlebige Gebrauchsgüter werden sinken, da diese Produkte oft bereits während des Erwerbslebens erworben wurden. Die Marktbedingungen dürften somit für viele Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes schwieriger werden. Dagegen ist eine höhere Nachfrage für Bildungsleistungen, etwa im Zuge der beruflichen Weiterbildung, wahrscheinlich. Ausgaben für Freizeit und Gesundheit werden im repräsentativen Warenkorb voraussichtlich ein stärkeres Gewicht erhalten. Personenbezogene Dienstleistungen sowie die Nutzung der kommunalen Infrastruktur dürften ebenfalls steigen, weil mehr Menschen außerhalb eines Familienverbandes leben und Einkaufshilfen, Reinigungen, Gartenhilfen etc. benötigen.

Neben den Verschiebungen in der Konsumstruktur kann die demographische Entwicklung auch zu Anpassungen im Konsumniveau führen. Entscheidend ist das Sparverhalten einer alternden Bevölkerung. Im Rahmen der Lebenszyklushypothese sparen rationale Individuen, um starke Konsumschwankungen auszugleichen. Ersparnis wird in der Erwerbsphase aufgebaut und im Ruhestand aufgelöst. Studien deuten auf eine mit dem Alter fallende Sparneigung hin, die bis zum Renteneintrittsalter abnimmt und etwas später ihr Minimum erreicht. Entgegen der Lebenszyklushypothese steigt ab einem Alter von 70 Jahren die Sparneigung wieder an. Dies zeigt zumindest die Evidenz für Deutschland. Zudem bleiben die Sparquoten für alle Altersgruppen positiv, vermutlich durch das Vererbungsmotiv.

Wirtschaftspolitische Folgerungen

Bei den Konsumausgaben pro Kopf liegt Österreich auf Spitzenplätzen in Europa, auch wenn die Konsumdynamik in den letzten Jahren deutlich nachgelassen hat. Zwar weisen Prognosen auf eine Besserung der Konsumkonjunktur hin, gleichzeitig bestehen aber auch Risiken, weil viele der Faktoren, die dem privaten Verbrauch Auftrieb geben, nur kurzfristig wirken. Auch die demographische Entwicklung kann die Konsumperspektiven schmälern, wenn die Alterung der Bevölkerungen zu einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Sparquote führt.

Damit besteht wirtschaftspolitisch ein erheblicher Handlungsbedarf, um die Wachstumsgrundlagen zu verbessern. Die aktuelle Steuerreform geht in die richtige Richtung, weil sie die Haushaltsnettoeinkommen entlastet. Das gilt vor allem für die Empfänger niedriger Einkommen, die eine über dem Durchschnitt liegende Konsumquote aufweisen.

Zu den prioritären Reformen zählen Maßnahmen zu einer weiteren Steigerung der Erwerbsbeteiligung von älteren Menschen und Frauen. Ferner sollten zusätzliche Gruppen in die Pensionsversicherung einbezogen werden, etwa Beamte. Die Wettbewerbsfähigkeit des Faktors Arbeit muss gesteigert werden. So können niedrigere Beitragsätze zur Sozialversicherung die Arbeitskosten reduzieren und die Beschäftigung erhöhen. Aufgrund der geringeren Beitragssätze sind Einnahmeverluste in den Sozialkassen zu erwarten. Für eine weitere Finanzierung der Leistungen wären also Steuererhöhungen erforderlich, so dass für den Konsum noch keine positiven Impulse resultieren. Eine Politik der Umfinanzierung ist aber kein Nullsummenspiel: so kann ein Wechsel von direkten zu indirekten Steuern Wirtschaftswachstum stimulieren, weil sie Leistungsanreize betonen.

Die Überwindung einer Konsumschwäche ist bei einem höheren Wachstumspfad des Bruttoinlandsprodukts leichter. Dazu sollte die Konsolidierung der öffentlichen Finanzen durch eine Politik abgesichert werden, die die benötigten Wachstumsimpulse setzt, etwa durch die Ankurbelung der Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. Dies bedarf einer konzertierten Aktion der Euroländer. Insgesamt kann eine stärker wachstumsorientierte Politik dazu beitragen, die insgesamt recht schwache wirtschaftliche Entwicklung in der Währungsunion zu stimulieren.

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Autoreninformation

Prof. Dr. Christian Dreger ist Professor für Makroökonomie an der Europa-Universität Viadrina und Forschungsdirektor für International Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Seine Forschungsgebiete liegen vor allem in den Bereichen Internationale Konjunkturzyklen, Geldpolitik und Finanzmärkte, die Integration von Schwellenländern in die Weltwirtschaft und makroökonometrische Modelle.
Christian Dreger



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