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Helmut Hofer, Klaus Weyerstrass: Der Beitrag der Migration zum Wachstumspotenzial der österreichischen Wirtschaft

Ausgabe 3/2016 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Das Produktionspotenzial der österreichischen Volkswirtschaft ist im Zeitraum von 2005 bis 2015 um durchschnittlich 1,1% pro Jahr gestiegen, wozu das ausländische Arbeitskräftevolumen 0,4 Prozentpunkte beigetragen hat. Die Zuwanderung bietet somit eine Chance, die negativen ökonomischen Auswirkungen der Bevölkerungsalterung abzufedern. Verstärkte Integrationsmaßnahmen und eine qualifikationsorientierte Zuwanderungspolitik können den Wachstumsbeitrag ausländischer Arbeitskräfte weiter erhöhen.

Die Entwicklung der Migration in Österreich

Auch abseits der Flüchtlingsthematik spielt die Zuwanderung in Österreich eine große Rolle hinsichtlich Bevölkerungsdynamik und Arbeitsmarktentwicklung. Seit dem EU-Beitritt 1995 findet eine deutliche Internationalisierung des österreichischen Arbeitsmarktes statt, die sich mit dem Auslaufen der Übergangsfristen der Arbeitnehmerfreizügigkeit für Personen aus den mittel- und osteuropäischen EU-Ländern noch intensiviert hat.

2013 war der Anteil der im Ausland geboren Personen an der Wohnbevölkerung Österreichs 16,7%, einer der höchsten Migrationsanteile in der OECD. Dieser ist höher als etwa in Deutschland oder den USA, bleibt aber merklich hinter den Werten von Kanada, Australien und der Schweiz zurück. Ausgehend von 7.950.000 Personen im Jahr 1995 ist die Wohnbevölkerung 2015 laut Statistik Austria auf 8.630.000 Personen gestiegen. Ein Großteil dieses Anstiegs entfiel auf Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, womit die Zuwanderung eine wesentliche Determinante der Bevölkerungsentwicklung ist. 

Zwischen 2000 und 2010 betrug der Wanderungssaldo zwischen 20.000 und 50.000 Personen pro Jahr. Mit dem Auslaufen der Übergangsfristen für die Arbeitsmarktfreizügigkeit stieg die Nettozuwanderung stetig an und erreichte 2014 72.000 Personen. Der Flüchtlingszustrom beschleunigte die Zuwanderung im Vorjahr nochmals kräftig, sodass sich ein Wanderungssaldo von 113.000 Personen ergab.

Migration und Erwerbstätigkeit

Die kräftige Zunahme der Bevölkerung schlägt sich am Arbeitsmarkt nieder. Während im Jahr 1995 noch knapp 3,3 Mio. Personen am österreichischen Arbeitsmarkt aktiv waren, ist die Zahl der Erwerbspersonen bis 2015 um 18% auf 3,9 Mio. gestiegen. Die Anzahl der Erwerbspersonen mit ausländischer Staatsbürgerschaft hat sich dabei seit 1995 mehr als verdoppelt und stieg von 325.000 auf 712.000 Personen im Jahr 2015.

Auch die Nationalitätenstruktur des ausländischen Arbeitskräfteangebots hat sich deutlich verschoben. Vor dem EU-Beitritt Österreichs dominierten Arbeitskräfte aus der Türkei und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Bis zum Jahr 2010 stieg insbesondere die Zuwanderung aus Deutschland kräftig an, die Zahl der Arbeitskräfte aus Osteuropa nahm ebenfalls merklich zu. Mit dem Auslaufen der Übergangsfristen  zur Arbeitnehmerfreizügigkeit gewann die Internationalisierung des österreichischen Arbeitsmarkts deutlich an Tempo. So verdoppelte sich etwa seit 2010 der Anteil der Ungarn und beträgt 2015 knapp 11%. Rund 15% des ausländischen Arbeitskräfteangebots sind stammen aus Rumänien, Polen, Tschechien und der Slowakei.

Neben der Zuwanderung erhöhten auch die steigende Erwerbsneigung älterer Menschen, sowie die zunehmende Arbeitsmarktintegration von Frauen, das Arbeitskräfteangebot. Seit 2005 wurde die unselbständige Beschäftigung in Österreich deutlich ausgeweitet. Bis zur Rezession 2009 stieg die Beschäftigung der inländischen Arbeitskräfte etwas schneller als die der ausländischen, verzeichnete aber einen stärkeren Rückgang in der Wirtschaftskrise. Seither steigt die Beschäftigung der ausländischen Arbeitskräfte stetig, während die der inländischen stagniert.

Die Analyse der ausländischen Beschäftigten in verschiedenen Branchen zeigt, dass sich die Beschäftigung insbesondere auf die Herstellung von Waren, Gastronomie und Beherbergung sowie Handel konzentriert. Hohe Anteile ausländischer Beschäftigter weisen zudem wirtschaftsnahe Dienstleistungen (z.B. Leiharbeit) sowie der Bau auf. Insgesamt sind 66% der ausländischen Erwerbstätigen sind in diesen Branchen beschäftigt.

Auch wenn die Arbeitslosenquote von Personen mit ausländischer Staatsangehörigkeit höher als in der Gesamtbevölkerung ist, wird die Entwicklung hauptsächlich von der Konjunktur bestimmt. Der starke Zustrom ausländischer Arbeitskräfte blieb jedoch nicht ohne Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit in Österreich. Durch die gute Konjunktur sank die Arbeitslosigkeit im Zeitraum 2005 bis 2009, stieg aber in Folge des Konjunktureinbruchs 2009 stark an. Besonders seit 2012 ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit festzumachen, der sich in den letzten Jahren weiter verstärkte.

Insgesamt hat die Beschäftigung von ausländischen Staatsangehörigen in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Der starke Anstieg der ausländischen Erwerbspersonen konnte allerdings nicht vollständig von der Arbeitsnachfrage absorbiert werden. Migranten weisen eine große Heterogenität bei arbeitsmarktrelevanten Charakteristika auf. Während die Arbeitslosenquoten von Zuwanderern aus der Türkei und den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien hoch sind, liegen sie bei Ungarn und Deutschen unter der Arbeitslosenrate inländischer Staatsangehöriger.

Der Einfluss von Migration auf das Potenzialwachstum

Die Wirtschaftsleistung hängt von der Anzahl der Arbeitskräfte und deren Produktivität ab. Wesentlich sind hierbei die Ausbildung der Arbeitskräfte, der Kapitaleinsatz und der technische Fortschritt. Das Potenzial für ein kräftigeres Wirtschaftswachstum durch Zuwanderung kann aber nur dann realisiert werden, wenn die Fähigkeiten der Migranten den nachgefragten Qualitäten weitgehend entsprechen.

 

Die Schätzung des Produktionspotenzials konzentriert sich besonders auf den Einfluss des inländischen und des ausländischen Arbeitsvolumens. Insgesamt ist das Produktionspotenzial in Österreich im Zeitraum 2006 bis 2015 um durchschnittlich 1,1% pro Jahr gestiegen. Dieser eher geringe Wert ergibt sich aus dem deutlichen Einbruch des Potenzialwachstums in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 und der anschließenden Phase geringen Wachstums. Das gesamte Arbeitsvolumen ist den Schätzungen zufolge im Untersuchungszeitraum um knapp 0,2% pro Jahr gestiegen.

Die Zahl der inländischen Erwerbsbevölkerung ist seit 2006 im Schnitt um 0,3% pro Jahr gewachsen, während sich der Anstieg bei Ausländern auf 4,4% pro Jahr belief. Die Partizipationsrate der Migranten liegt deutlich über jener der Inländer und ist im betrachteten Zeitraum weiter gestiegen. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass in der Vergangenheit insbesondere Personen nach Österreich kamen, die entweder gute Arbeitsmarktchancen oder bereits konkrete Arbeitsverträge hatten.

Den Schätzungen zufolge wird das Produktionspotenzial im Zeitraum 2016 bis 2020 um 1,5% pro Jahr steigen. Dazu dürfte die Ausweitung des Arbeitsvolumens einen Beitrag von 0,8 Prozentpunkten pro Jahr leisten. Davon wiederum sind 0,2 Prozentpunkte auf das Arbeitsvolumen der Inländer und 0,6 Prozentpunkte auf das Arbeitsvolumen der Ausländer zurückzuführen. Den aktuellen Bevölkerungsprognosen von Statistik Austria zufolge werden sich in den kommenden Jahren die inländische und die ausländische Erwerbsbevölkerung sehr unterschiedlich entwickeln. Während für Inländer im Alter von 15 bis 64 Jahren ein Rückgang um 0,5% pro Jahr erwartet wird, dürfte die ausländische Erwerbsbevölkerung um 5,5% pro Jahr steigen.

Insgesamt hat der starke Zustrom von ausländischen Staatsangehörigen auf den österreichischen Arbeitsmarkt der letzten Jahre einen merklichen positiven Beitrag zum Wachstum des Produktionspotenzials der österreichischen Wirtschaft geleistet. Vorliegende Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass die Produktivität der ausländischen Erwerbstätigen unterdurchschnittlich ausfällt. Verstärkte Qualifizierungsmaßnahmen zur Hebung des wirtschaftlichen Potenzials von Zuwanderern sollten daher angedacht werden. Bis allerdings Flüchtlinge die gleiche Beschäftigungsquote wie andere Zuwanderer oder Inländer erreichen, werden viele Jahre vergehen, da zunächst sowohl ausreichende Sprachkenntnisse, als auch eine formale berufliche Qualifikation erlangt werden müssen.

Autoreninformation

Dr. Helmut Hofer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Höhere Studien und leitet die makroökonomische Prognosegruppe des Instituts. Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf Konjunkturanalyse und –prognose sowie Arbeitsmarkt.
Dr. Helmut Hofer


PD Dr. Klaus Weyerstraß ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Höhere Studien und Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seine Forschungsinteressen umfassen die wirtschaftliche europäische Integration, Konjunkturanalysen und –prognosen, Wachstumsanalysen sowie makroökonomische Modellierung.
Dr. Klaus Weyerstraß