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Johannes Berger, Ludwig Strohner: Migration - Gegenwart und Zukunft

Ausgabe 3/2016 der Wirtschaftspolitischen Blätter
Stand:

Migration hat einen bedeutenden Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung in Österreich. Die Zuwanderung von Flüchtlingen wird in den nächsten Jahren zu einem merklichen Anstieg der Beschäftigung führen, aber auch die Arbeitslosigkeit deutlich erhöhen, besonderes bei den Flüchtlingen selbst. Die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt bedarf zusätzlicher Instrumente, die auf die aktuellen Herausforderungen abgestimmt sind. Auf lange Sicht sind bei prognostizierter Fertilitätsrate die zukünftigen Sozialleistungen ohne qualifizierte MigrantInnen, die in der Regel gut integriert sind, nicht aufrecht zu erhalten bzw. nur mit erheblichem Anstieg der Abgaben finanzierbar.

Migration und die Bevölkerungsstruktur in Österreich

In den letzten 30 Jahren spielte Zuwanderung in Österreich eine wichtige Rolle und übte Einfluss auf Bevölkerungsgröße, -zusammensetzung und den Arbeitsmarkt aus. Die Zuwanderung war von spezifischen Ereignissen wie etwa dem Krieg in Jugoslawien oder dem EU-Beitritt osteuropäischer Staaten geprägt. Neben der Zuwanderung ist die Fertilität eine wichtige Determinante der Bevölkerungsentwicklung. In den letzten 10 Jahren betrug die Geburtenrate in Österreich durchschnittlich 1,42 und liegt damit unter dem EU-Durchschnitt. Migration wirkt also der geringen Kinderanzahl entgegen.

Der Einfluss der Migration auf die zukünftige Bevölkerungsentwicklung in Österreich ist enorm. Vergleicht man die Situation mit und ohne Zuwanderung, ergibt sich folgendes Bild: Im Szenario mit Zuwanderung steigt die Bevölkerung bis 2060 auf 9,7 Mio. Menschen, während sie ohne Zuwanderung auf 7,3 Mio. sinkt – eine Differenz von 2,4 Mio. Menschen. Ohne Zuwanderung wird der Anteil der über 65-jährigen bis 2060 kräftiger als ohnehin zunehmen – mit erheblichen Folgen für die Volkswirtschaft und die Finanzierung des Sozialsystems.

Ökonomische Wirkung der Fluchtmigration nach Österreich

Zur Analyse der volkswirtschaftlichen Effekte der aktuellen Fluchtmigration werden folgende Annahmen getroffen: Für die Anzahl der AsylwerberInnen werden 88.300 Fälle in 2015, 37.500 in 2016 und eine schrittweise Absenkung auf 25.000 bis 2019 angenommen (vereinbarte Obergrenze ohne Familiennachzug). Basierend auf den Zahlen von Jänner bis April 2016 wird nach Berücksichtigung des Familiennachzugs eine Anerkennungsquote von beinahe 80% unterstellt. Im Referenzszenario wird von einer durchschnittlichen Anzahl von 17.500 AsylwerberInnen, der Anzahl des Jahres 2013, ausgegangen.

Beinahe ein Viertel der AsylwerberInnen ist jünger als 14 Jahre, 40% sind jünger als 18 Jahre, d.h. ein großer Anteil ist noch zu jung um direkt am Arbeitsmarkt zu partizipieren. Bei der Ausbildungsstruktur der AsylwerberInnen besteht Unsicherheit. Die meisten Quellen deuten aber darauf hin, dass der Bildungsstand merklich unter dem der ansässigen Bevölkerung liegt. Basierend auf schwedischen Erfahrungen ist von einer geringen Erwerbsbeteiligung von Flüchtlingen insbesondere in den ersten Jahren auszugehen.

Eine volkswirtschaftliche Analyse mit dem Simulationsmodell PuMA zeigt, dass trotz der geringen Erwerbsquote die Beschäftigung in Österreich durch den kräftigen Zustrom von Asylberechtigten und die davon ausgelöste Nachfrage deutlich anziehen dürfte. Bis 2020 steigt die Beschäftigung um mehr als 0,8% gegenüber dem Referenzszenario. Da die Asylverfahren im Schnitt ein halbes Jahr dauern, ein großer Anteil der AsylwerberInnen noch sehr jung ist und die Integration in den Arbeitsmarkt Zeit benötigt, legt die Beschäftigung in den nächsten Jahren graduell zu. 

Die zusätzliche Beschäftigung ist sehr stark auf Personen mit geringer Qualifikation konzentriert. Sie steigt in dieser Gruppe bis 2020 um etwa 2,7% im Vergleich zum Referenzszenario. Die Verdrängung der ansässigen Bevölkerung am Arbeitsmarkt durch Flüchtlinge wird moderat ausfallen. Sie konzentriert sich vornehmlich auf Personen mit geringer Ausbildung (‑0,6% in 2020).

Die schlechteren Erwerbsaussichten von AsylwerberInnen schlagen sich in der Arbeitslosenquote nieder. Diese legt bis 2020 um 0,4 Prozentpunkte zu, getrieben vor allem durch die Gruppe der Niedrigqualifizierten (+1,5 Prozentpunkte bis 2020). Ein leichter Anstieg ist jedoch auch bei den hohen Qualifikationen (+0,2 Prozentpunkte) zu erwarten. Für die derzeit ansässigen ArbeitnehmerInnen ist von geringeren Auswirkungen auszugehen (+0,2 Prozentpunkte für Geringqualifizierte bis 2020).

Der Anstieg der Beschäftigung löst zusätzliche Investitionen aus um den Kapitaleinsatz je ArbeitnehmerIn auf das gewünschte Niveau zu bringen, wobei jedoch der Anstieg des Kapitalstocks geringer als bei der Beschäftigung ausfällt (rund 0,4% vs. 0,8%). Das BIP steigt infolge des Beschäftigungsanstiegs zwar stärker als der Kapitalstock, wegen der geringeren Produktivität aber weniger kräftig als die Beschäftigung. Das BIP pro Kopf sinkt im Vergleich zum Referenzszenario bis zum Jahr 2020 um mehr als 1%.

Langfristige Auswirkungen der Migration auf das Sozialsystem

Die Alterung der Gesellschaft stellt das österreichische Sozialsystem vor große Herausforderungen. Schätzungen der EU Kommission zufolge steigen bis zum Jahr 2060 die Ausgaben für Pensionen, Gesundheit und Pflege um 3,1% des BIP an (+1,8% im EU-Schnitt). Migration kann die Problematik der Finanzierung der öffentlichen Sozialsysteme bzw. eine zukünftige Arbeitsangebotsknappheit verringern.

Zur Abschätzung der Folgen von Migration auf das österreichische Sozialsystem im Jahr 2060 werden zwei Szenarien simuliert. Zum einen das Referenzszenario, basierend auf der Bevölkerungs- und Migrationsprognose von Eurostat und zum anderen das Alternativszenario, das einen Wanderungssaldo von Null ab dem Jahr 2016 unterstellt. Im Referenzszenario nimmt der Altersabhängigkeitsquotient von 27% im Jahr 2013 auf über 50% im Jahr 2060 zu. Die höhere Lebenserwartung zusammen mit der niedrigen Geburtenrate führt trotz unterstellter Zuwanderung zu einem starken Anstieg des Altersabhängigkeitsquotienten. Im Alternativszenario legt der Quotient auf 63% zu.

Der Wegfall der Migration im Alternativszenario hat aufgrund der stärkeren Alterung Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen, weil dadurch die Lücke in der Finanzierung der öffentlichen sozialen Sicherungssysteme ansteigt. Um ein ausgeglichenes Budget sicherzustellen, werden drei mögliche Varianten der Finanzierung berücksichtigt: i) eine Anpassung über die Einkommensteuer, ii) die Pensionsbezüge und iii) das effektive Pensionsantrittsalter. Jede dieser Maßnahmen hat wiederum volkswirtschaftliche Auswirkungen, die das Ergebnis beeinflussen.

Im Szenario Einkommensteuer wird das Budget über eine Anpassung der Lohn- und Einkommensteuer ausgeglichen. Um die Finanzierung zu gewährleisten, müsste die Einkommensteuer im Jahr 2060 um 14,3 Prozentpunkte erhöht werden, was zusätzlichen Einnahmen von 9,2% des BIP entspricht. Durch die negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Anhebung der Einkommenssteuer sinkt das BIP pro Kopf um 5% stärker als im Szenario mit Zuwanderung.

Wird die Lücke im Sozialsystem über Kürzungen in der Pension finanziert, dann müssten die öffentlichen Pensionsleistungen um etwa 30% gegenüber dem Referenzszenario zurückgefahren werden. Dadurch sinkt auch der private Konsum je InländerIn um rund 3,5%.

Die Finanzierung der Lücke über einen späteren Pensionsantritt erfordert einen Anstieg des Antrittsalters um knapp fünf Jahre. In diesem Szenario geht der private Konsum weniger stark zurück als im Referenzszenario, da die Personen länger im Erwerbsleben verbleiben und damit das höhere Erwerbseinkommen im Vergleich zum Pensionseinkommen beziehen.

Migration ist also ein mögliches Instrument, um die Finanzierbarkeit des Systems zu verbessern, wenngleich sie alleine nicht ausreichen wird. Dazu müssen MigrantInnen rasch in den Arbeitsmarkt integriert werden und produktive Tätigkeiten ausüben (können).

Autoreninformation

Johannes Berger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei EcoAustria. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen ökonomische Fragestellungen im öffentlichen Bereich, insbesondere im Bereich des Abgabensystems auf nationaler und internationaler Ebene und im Bereich Arbeitsmarkt, Migration und Pensionen. Daneben beschäftigt er sich intensiv mit makroökonomischer Modellentwicklung und -anwendung.

Johannes Berger



Ludwig Strohner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei EcoAustria und beschäftigt sich mit ökonomischen Themen im Bereich des öffentlichen Sektors, wie dem Finanzausgleich oder Steuern. Ein weiteres wesentliches Themenfeld ist die Entwicklung makroökonomischer Modelle und deren Einsatz zur Beantwortung relevanter Forschungsfragen. Migration ist ein wichtiges Anwendungsgebiet dieser Makromodelle.
Ludwig Strohner



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