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Alexander Karmann, Cornelius Plaul und Felix Rösel: Zum Wohle! Produktivitätswachstum in der Gesundheitswirtschaft

Ausgabe 1/2017 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Die Gesundheitswirtschaft stellt einen arbeitsintensiven und gleichzeitig hochinnovativen Bereich der Volkswirtschaft dar. Dennoch sind Messung, Umfang, Wirkung und Determinanten von Produktivitätszuwächsen im Gesundheitssektor noch kaum erforscht. Erste Ergebnisse zeigen, dass Produktivitätsgewinne in der Gesundheitswirtschaft größer und stabiler sind als die der Gesamtwirtschaft. Außerdem stiften sie einen unmittelbaren Nutzen für die Bevölkerung, wenn dadurch mehr oder bessere Behandlungen möglich werden. Die Politik kann über geeignete Investitionen in Sach- und Humankapital sowie Spezialisierungs- und Professionalisierungsstrategien die Produktivitätsentwicklung in der Gesundheitswirtschaft fördern.

Die Kosten des Gesundheitswesens

Wohl kaum ein anderes Gut wird höher geschätzt als die Gesundheit. Der gesundheitspolitische Alltag ist dagegen zumeist von Organisations- und Spardebatten geprägt. Das Gesundheitswesen gilt oft als reiner Kostenfaktor, der insbesondere eine alternde Gesellschaft vor massive Herausforderungen stellt. So rechnet die EU-Kommission in Österreich bis zum Jahr 2060 mit einem demografiebedingten Anstieg der öffentlichen Gesundheitsausgaben von heute 6,9 % auf 8,5 % des BIP – private Gesundheitsausgaben unberücksichtigt.

Gleichzeitig ist die Gesundheitswirtschaft eine prosperierende Wachstumsbranche und trägt zu Beschäftigung und Wohlstand bei. So ist die Gesundheitswirtschaft in Deutschland ein unterschätzter gesamtwirtschaftlicher Produktivitäts- und Wachstumsmotor, der in Krisenzeiten zudem die Wirtschaft stabilisiert. Der medizinisch-technische Fortschritt finanziert sich damit in Teilen selbst.

Produktivität und Gesundheit – drei Perspektiven

Verbesserungen in der Gesundheit wirken auf die Produktivität bzw. Produktivitätsveränderungen. Eine gesunde Belegschaft, vermiedene Invalidität oder gar Mortalität erhöhen nicht nur das verfügbare Arbeitskräfteangebot, sondern verbessern auch die „Qualität“ des Faktors Arbeit. Gesündere Arbeitnehmer können mehr leisten – die gleiche Zahl von Arbeitsstunden führt dann zu mehr Output und damit zu Produktivitätsgewinnen.

Gesundheit wirkt jedoch nicht nur auf die Produktivität, sondern auch umgekehrt. Höhere Produktivität geht mit steigendem Lohn und höherem Einkommen einher, so dass sich dem Individuum bessere medizinische Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Dieser Effekt ist in Entwicklungs- und Schwellenländern stärker ausgeprägt als in modernen Industrie- bzw. Dienstleistungsgesellschaften. Letztere verfügen durch Steuer-, Abgaben- und öffentlichen Gesundheitssysteme über Umverteilungsmechanismen, die die gesamte Gesellschaft an Produktivitätsgewinnen teilhaben lassen.

Die dritte Perspektive auf den Zusammenhang von Produktivität und Gesundheit wurde akademisch bisher kaum beleuchtet: Produktivitätsgewinne innerhalb der Gesundheitswirtschaft. Wenn aufgrund des (medizinisch‑) technischen Fortschritts bei gleichem Ressourceneinsatz mehr oder bessere Behandlungen möglich werden, tragen Produktivitätsgewinne direkt zur Verbesserung der Gesundheit bei.

Die Messung der Produktivität in der Gesundheitswirtschaft

Daten aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zu Inputs und Output in der Gesundheitswirtschaft in Deutschland zwischen 2002 und 2010 erlauben die Produktivitätsanalyse des Sektors. Die Grundannahme ist, dass der Produktionswert sowohl Mengen- als auch Qualitätsveränderungen reflektiert. Insbesondere im Bereich der Gesundheitswirtschaft ist eine Beachtung der Qualität, also der Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlungsmethoden, von großer Bedeutung.

Das Beispiel der Produktivitätsentwicklung im Bereich der zahnärztlichen Behandlungen in Deutschland zeigt, dass ohne Berücksichtigung von Qualitätsverbesserungen die Inputs in Zahnarztpraxen zwischen 2002 und 2010 im Jahresdurchschnitt um rund 1,1 % stärker stiegen als der Output. Berücksichtigt man jedoch die Verbesserung der Qualität der Behandlungen, ergibt sich ein jährliches Wachstum der Multifaktorproduktivität (MFP) von 2,2 %.

Die Produktivitätsgewinne in der Gesundheitswirtschaft wirken auf die gesamte Volkswirtschaft

Vergangene Studien untersuchten die Produktivitätsentwicklung der Gesundheitswirtschaft zumeist anhand spezifischer (Sub-)Sektoren, z.B. Spitäler oder im Bereich der Zahnmedizin. Die zahlreichen Interaktionen und Verknüpfungen zwischen den Sektoren mussten aufgrund mangelnder Daten ausgeblendet werden, weshalb lange Zeit nur wenig über die Produktivitätsentwicklung in der gesamten Gesundheitswirtschaft bekannt war. Eine der ersten Studien zur Produktivitätsentwicklung der deutschen Gesundheitswirtschaft zwischen 2002 und 2010 zeigt, dass die MFP in der Gesundheitswirtschaft mit 1,1 % deutlich stärker stieg als in der Gesamtwirtschaft (0,3 %). Zugleich zeigte sich die Gesundheitswirtschaft im Krisenjahr 2008 deutlich robuster als die Nicht-Gesundheitswirtschaft. Mit einem Produktivitätszuwachs von 2,5 % sorgte sie für ein letztlich nicht-negatives gesamtwirtschaftliches Produktivitätswachstum. Die Gesundheitswirtschaft leistet aufgrund ihrer Spezifika einen doppelten Beitrag zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum: Gesundheitsdienstleistungen sind ein Stabilisator in Krisenzeiten, Gesundheitsindustrie und -handel sind ein Produktivitätsmotor der Gesamtwirtschaft.

Kosten- und Einnahmeneffekte der Produktivitätssteigerungen

Ausgabeseitig wirkt der medizinisch-technische Fortschritt kostenerhöhend, insbesondere durch die Verfügbarkeit neuer, kostenintensiver Behandlungsmethoden und Medikamente. Von 2002 bis 2010 ergeben sich daraus kumulierte Mehrausgaben von etwa 780 bis 950 Euro je Versicherten. Dem stehen Einnahmeeffekte gegenüber, die diese Mehrausgaben zumindest dämpfen. Erstens ging aufgrund des medizinischen Fortschritts der krankheitsbedingte Verlust von Arbeitsstunden zurück. Zweitens erhöhte der Produktivitätsfortschritt in der Gesundheitswirtschaft auch dessen den Output. Die Mehreinnahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland betragen ca. 160 Euro je Versichertem. Im Saldo finanzierte sich damit der medizinisch-technische Fortschritt zu rund 20 % selbst – getrieben insbesondere von den Produktivitätsgewinnen.

Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität in der Gesundheitswirtschaft

Weniger noch als zum Ausmaß der Produktivitätsentwicklung in der Gesundheitswirtschaft ist über deren Einflussgrößen bekannt. Maßnahmen im Bereich von Krankenhauspolitik und –management gehen mit einer höheren MFP in den Krankenhaussektoren einher. Die Ergebnisse zeigen wiederum, dass eine Nichtberücksichtigung von Qualitätsverbesserungen die tatsächliche Produktivitätsentwicklung unterzeichnen würde. Ohne Qualitätsbereinigung beträgt das Wachstum der MFP rund ‑0,4 % bis 0,0 %, unter Berücksichtigung von Qualitätsaspekten jedoch 0,5 % bis 1,3 %. Auch die Ausbildung von Medizinstudenten im Krankenhaussektor bedingt keine Produktivitätseinbußen. Ein höherer Kapitaleinsatz kann im Umfeld von Unterinvestitionen die Produktivität steigern. Investitionen in Sach- und Humankapital sind daher auch in der Gesundheitswirtschaft wichtige Ansatzpunkte zur Produktivitätssteigerung. Auch eine stärkere Spezialisierung der Spitalslandschaft sowie Maßnahmen zur Reduktion der Verweildauer erhöhen die Produktivität. Andere Einflussfaktoren hängen wesentlich von den finanziellen Rahmenbedingungen ab: Im Rahmen eines leistungsorientierten Finanzierungssystems könnten etwa stärkere Verknüpfungen zur ambulanten Versorgung produktivitätserhöhend wirken, während bei einer auf Pflegetagen basierenden Vergütung größere und stärker ausgelastete Krankenanstalten mit Produktivitätszuwächsen einhergehen.

Schlussfolgerungen

Die Gesundheitswirtschaft ist ein volkswirtschaftlich bedeutender Sektor, der aufgrund seines großen Personalanteils insbesondere Arbeitseinkommen generiert. Zugleich ist die Gesundheitswirtschaft ein hochinnovativer Sektor, was sich an hohen Zuwächsen der Multifaktorproduktivität zeigt. Der Staat kann über geeignete Rahmenbedingungen zu weiteren Produktivitätsgewinnen beitragen, z.B. durch Investitionen in Sach- und Humankapital, gezielte Spezialisierung sowie Strategien zur weiteren Professionalisierung des Managements.

Gleichzeitig wirken sich Fortschritte in der Gesundheitswirtschaft ganz unmittelbar auf den Nutzen für den Einzelnen aus, beispielsweise über verbesserte Prävention und Heilung von Krankheiten oder kürzere Liege- und Rekonvaleszenzzeiten. Außerdem profitiert der Arbeitsmarkt von einer schnelleren Wiedereingliederung ins Arbeitsleben nach einer Krankheit und einer höheren Produktivität der Mitarbeiter, wenn diese einen besseren allgemeinen Gesundheitszustand aufweisen. Durch beide Effekte – Produktivitätsgewinne innerhalb der Gesundheitswirtschaft und verbesserte gesellschaftliche Gesundheit – finanziert sich der medizinisch-technische Fortschritt in Teilen selbst. 

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Autoreninformation

Alexander Karmann
Alexander Karmann ist seit 2013 Seniorprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der TU Dresden. Zuvor hatte er dort den Lehrstuhl für Geld, Kredit und Währung inne. Er ist Gründungsmitglied und Ehrenvorstand des Gesundheitsökonomischen Zentrums der TU Dresden, das er von 2007 bis 2016 als Geschäftsführender Direktor leitete.
Cornelius Plaul
Cornelius Plaul ist seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Seniorprofessur für Volkswirtschaftslehre und Doktorand an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der TU Dresden. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Gesundheitswirtschaft und Palliativversorgung.


Felix Rösel
Felix Rösel ist seit 2013 Doktorand an der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der TU Dresden und an der Dresdner Niederlassung des ifo Instituts beschäftigt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Öffentliche Finanzen, Politische Ökonomie und Gesundheitsökonomie.