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Kommentar Wirtschaftspolitik: Sparen, Konsum und Wohlstand 

Ausgabe 44/2016

In Kürze

  • Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise wird wieder intensiv debattiert, ob Konsum oder Sparen zu mehr Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand führt.
  • So eng diese Fragen miteinander verwoben sind, so verschieden sind die dahinterliegenden ökonomischen Sichtweisen und wirtschaftspolitischen Strategien.
  • Gleichzeitig verändern sich Konsummuster durch die Globalisierung, Digitalisierung und die demographische Entwicklung.
  • Die Implikationen für die Wirtschaftspolitik und die Unternehmen werden in der aktuellen Ausgabe der Wirtschaftspolitischen Blätter „Sparen, Konsum und Wohlstand“ beleuchtet.

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Die Rolle des Konsums für Wachstum und Beschäftigung 

Der private Konsum ist die wichtigste Komponente des Bruttoinlandsprodukts vieler Volkswirtschaften – in Österreich beträgt der Anteil rund 53 % (vgl. Dreger). Unser Wohlstand hängt somit zum Großteil vom Konsum von Privaten sowie vom Staat bereitgestellten Gütern und Dienstleistungen ab. Höherer Konsum bedeutet höheren Wohlstand, da Konsum von der Produktion abhängt (vgl. Denk/Kastrop). Aber Konsum, der durch Entsparen oder Verschuldung finanziert wird, birgt Risiken und ist langfristig nicht nachhaltig (vgl. von Prollius).  

Aus nachfrageorientierter Sicht führt andauernd niedriges Konsumwachstum auch zu Risiken für Wachstum und Beschäftigung, wenn z.B. die schwache Inlandskonjunktur die Investitionsbereitschaft der Unternehmen beeinflusst (vgl. Dreger). Eine stärkere gesamtwirtschaftliche Nachfrage kann Beschäftigung und Einkommen erhöhen sowie über konjunkturelle Effekte auch die Produk­tivität. Der Konsum muss daher durch Nachfrage stützende Geld- und Fiskal­politik, Struktur- und Finanzmarktreformen belebt werden (vgl. Denk/Kastrop, Dreger). 

Die Möglichkeiten der Geld- und Fiskalpolitik, die individuellen Konsum-Spar-Entscheidungen zu beeinflussen, hängen davon ab, inwiefern Haushalte auf transitorische Einkommensschwankungen reagieren oder ob sie dem Konzept eines permanenten erwarteten Einkommens über den Lebenszyklus folgen. Demzufolge hängt die Höhe der Konsumausgaben ausschließlich vom perma­nenten Einkommen ab, kurzfristige Einkommensänderungen führen zu keiner Veränderung des Lebensstils, sondern werden durch Sparen oder Kreditauf­nahmen geglättet (vgl. Aigner-Walder/Otter).

Selbst bei einer als permanent wahrgenommenen Einkommensänderung sind die Auswirkungen nicht a priori klar: So können niedrige Zinsen entweder den Konsum jetzt beflügeln – es könnte aber auch zu einer erhöhten Ersparnisbildung kommen, wenn z.B. die private Absicherung für das Alter durch eine langanhaltende Nullzinspolitik an Wert verliert (vgl. Döhrn).  

Dauerhaftes Entsparen und Verschuldung führen zu Krisenanfälligkeit   

Da die realen Pro-Kopf-Einkommen zuletzt rückläufig waren, konnten die geringen Zuwächse im Konsum nur durch das Auflösen von Ersparnissen realisiert werden (vgl. Dreger). Konsum, der dauerhaft auf Entsparen oder Verschuldung basiert, setzt falsche Anreize und macht eine Volkswirtschaft krisenanfällig (vgl. von Prollius). Zwischen 1980 und 2010 stieg die gesamte Verschuldung der Industrieländer von 160 % ihrer Wirtschaftsleistung auf über 320 % an. Inflations­bereinigt haben sich die Schulden der Unternehmen rund verdreifacht, die der Staaten vervierfacht und die der privaten Haushalte versechsfacht (vgl. Stelter).  

Demnach bezweifelt die angebotsorientierte Sichtweise, dass die fiskalpolitischen Versuche zur Stimulierung der Nachfrage die richtigen Anreize setzen, da die Wirtschaft keine Maschine ist, sondern eine soziale Ordnung. Menschen können nur mehr konsumieren, wenn sie weniger sparen, wodurch Kapital für Produktivitätssteigerungen und künftiges Wachstum fehlt (vgl. von Prollius).  

Auch die Rolle der Notenbanken ist umstritten: Individuelle Zeitpräferenzen bestimmen die Sparneigung und somit den natürlichen Zins. Eine marktwirt­schaftliche Ordnung ist in der Lage, das den Präferenzen entsprechende Preis­signal zu übermitteln. Problematisch ist ein über Zentralbanken festgesetzter Leitzins, der vom natürlichen Zins abweicht. Negative Nominalzinsen bei nomineller Nullinflation trifft die Kleinsparer am härtesten (vgl. von Prollius); zudem wächst die Krisenanfälligkeit der Wirtschaft, wenn billiges Geld statt für Investitionen für Spekulation und Konsum verwendet wird (vgl. Stelter).

Der Einfluss der Bevölkerungsalterung auf das Sparverhalten 

Zu überdenken ist auch, inwiefern die Bevölkerungsalterung auf die Konsum- bzw. Sparquote in einer Volkswirtschaft wirkt. Gemäß der Lebenszyklus-Hypothese versuchen Haushalte, ihren Nutzen aus dem Konsum - gegeben den verfügbaren Ressourcen - zu optimieren und ein relativ konstantes Konsum­niveau zu halten. Erwerbstätige Personen würden sparen, im Ruhestand würde mit dem angesparten Vermögen der Einkommensentfall kompensiert werden, der Haushalt würde entsparen (vgl. Aigner-Walder/Otter).

Konsumerhebungen zufolge wird auch im Pensionsalter weiter gespart, wenn auch auf geringerem Niveau, somit hat die Bevölkerungsalterung (noch) keinen Einfluss auf die Sparquote. Ein möglicher Grund dafür ist, dass das Entsparen privater Haushalte in Österreich über das Sozialsystem vollzogen wird: Würden die Beiträge zum Sozialversicherungssystem als Sparen privater Haushalte berücksichtigt, so wären die Sparquoten im Pensionsalter negativ (vgl. Aigner-Walder/Otter, Dreger). 

Neue Konsummuster entstehen 

Für Unternehmen ist von Interesse, wie sich das Konsumverhalten verändert und was die Trends der Zukunft sind. Megatrends wie die Globalisierung, die Digi­talisierung, der demographische Wandel etc. wirken auf die Konsumenten und verändern die Präferenzen. Während physischer Besitz als Ausdruck für den persönlichen Stil und die Identität galt, verliert der materialisierte, demon­strative Konsum, der die finanzielle Stärke und den Status abbilden soll, an Bedeutung. Stattdessen werden mehr und mehr Konsumenten zu „Transumern“ oder „Prosumenten“, die temporären Besitz anstreben, immaterielle Erlebnisse und außergewöhnliche Erfahrungen suchen und dabei Wert auf eine trans­parente Wertschöpfungskette legen.

In der Sharing Economy wurde Zugang zu einer sozial akzeptierten Alternative zu Eigentum. Anstelle von Dingen besitzen Menschen zunehmend Mitgliedschaften, die ihnen Zugang zu diesen Dingen ermöglichen (vgl. Hauser, Kamleitner et al., Ternès).  

Diese Trends spannen ein Feld zwischen der Suche nach den neuesten Gadgets und der Rückbesinnung auf das einfache Leben und ursprüngliche Güter auf. In diesem Kontext müssen sowohl die Nachfrager wie auch die Nachfrage selbst neu überdacht werden (vgl. Kamleitner et al.). Um in diesem Umfeld zu bestehen, werden Unternehmen den durch die Digitalisierung veränderten Erwartungen an die reale Welt entsprechen müssen. Dabei werden neue Unternehmen entstehen, etablierte müssen ihre bisherigen Konzepte hinterfragen (vgl. Esch).  

Wirtschaftspolitik und Unternehmen müssen sich auf ein neues Umfeld einstellen

Herausforderungen bestehen also sowohl für die Wirtschaftspolitik, die Unternehmen, als auch für die Konsumenten selbst. Die Dichotomie Sparen – Konsum und die Implikationen für den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand wird auch in Zukunft für Debatten sorgen. Eine sich wandelnde Umwelt und die damit einhergehende Veränderung der Präferenzen und Bedürfnisse müssen von der Wirtschaftspolitik und den Unternehmen berücksichtigt werden. Denkanstöße dazu liefert die vierte Ausgabe der Wirtschaftspolitischen Blätter 2016. 

Autorin

Dr. Elisabeth Nindl
Wirtschaftskammer Österreich
Stabsabteilung Wirtschaftspolitik
+43 5 90 900-4216
Elisabeth.Nindl@wko.at