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Sandra M. Leitner und Robert Stehrer: Die Produktionsverflechtung der verarbeitenden Industrie mit Unternehmensdienstleistungen - Segen oder Fluch?

Ausgabe 1/2017 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Die Produktionsverflechtung der verarbeitenden Industrie mit Unternehmensdienstleistungen - Segen oder Fluch?

Sandra M. Leitner und Robert Stehrer

Seit 20 bis 30 Jahren ist in der EU ein deutlicher Anstieg der Bedeutung von Dienstleistungen, vor allem Unternehmensdienstleistungen, für die verarbeitende Industrie zu erkennen, ein nicht unwesentlicher Teil davon wird aus dem Ausland bezogen. Eine empirische Analyse zeigt, inwiefern sich durch diese stärkere Verflechtung für die verarbeitende Industrie Produktivitätszuwächse ergeben und welche Beschaffungskanäle besonders relevant sind. Die Ergebnisse deuten auf einen produktivitäts-fördernden Effekt einer stärkeren Verflechtung, insbesondere mit ausländischen Unternehmensdienstleistungen. Davon profitieren vor allem kleinere Ökonomien wie beispielsweise Österreich, sowie hoch- und mittelhochtechnologische Industrien.

Produktivitätsspillover durch Verflechtungen mit Unternehmensdienstleistungen

Die Verflechtung der verarbeitenden Industrie mit dem Dienstleistungssektor ist ein wichtiger Aspekt moderner Industrieproduktion und hat sich in den letzten Jahren intensiviert. Produktionsunternehmen verwenden Dienstleistungen nicht nur als wichtige Vorleistungen in ihren Produktionsprozessen, sondern bündeln auch ihre Produkte und bieten zusätzlich Dienstleistungen an. Als Konsequenz dieser intersektoralen Verflechtungen wirken Verbesserungen im Dienstleistungssektor verstärkt auch auf Produktivität, Effizienz, Innovationstätigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der verarbeitenden Industrie und umgekehrt. So fördern beispielsweise viele Dienstleistungen den Wissenstransfer, der wiederum die Prozesseffizienz in Industrieunternehmen in Bereichen wie Produktion oder Logistik verbessert.

In diesem Kontext wird untersucht, wie sich die intersektoralen Verflechtungen auf das Wachstum der Arbeitsproduktivität in der verarbeitenden Industrie in der EU27 auswirken. Dabei werden die Verflechtungen mit Unternehmensdienstleistungen als Ursprung für Produktivitätsspillover betrachtet. Die relevanten Bereiche umfassen Finanzdienstleistungen, die Vermietung beweglicher Sachen ohne Bedienungspersonal, Datenverarbeitung und Datenbanken, F&E (Forschung und Entwicklung) Dienstleistungen und andere Unternehmensdienstleistungen. Von Interesse sind auch diverse geographische Beschaffungsstrategien und deren Effekte, sowohl in Bezug auf Verflechtungen mit heimischen, als auch mit ausländischen Unternehmensdienstleistungen.

Die Rolle von Unternehmensdienstleistungen für die verarbeitende Industrie

Im Zeitraum zwischen 1995 und 2011 sind in der EU27 die Kostenanteile von Dienstleistungen in der verarbeitenden Industrie um ca. 2,5 Prozentpunkte gestiegen, wobei der Anstieg bei Unternehmensdienstleistungen am stärksten ausgefallen ist, gefolgt von Vertriebs- und Transport- und Kommunikationsdienstleistungen. Auf Ebene individueller Mitgliedsstaaten ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Die Bedeutung von Unternehmensdienstleistungen für die verarbeitende Industrie ist am stärksten in Irland gewachsen, gefolgt von Luxemburg, Schweden, Malta und Lettland, während Tschechien, Rumänien und Bulgarien die stärksten Rückgänge verzeichneten. Auch Vertriebsdienstleistungen gewannen in der verarbeitenden Industrie zunehmend an Bedeutung, allen voran in Luxemburg, Estland, Slowenien und Lettland. In der verarbeitenden Industrie Österreichs ist lediglich ein Zuwachs bei den Transport- und Kommunikationsdienstleistungen zu beobachten, während Vertriebs- und Unternehmensdienstleistungen und nicht-marktbestimmte Dienstleistungen an Bedeutung verloren haben.

Basierend auf einer detaillierteren Aufschlüsselung zeigt sich, dass die Rolle von Unternehmensdienstleistungen in der verarbeitenden Industrie in den nordischen Ländern, sowie Irland und Luxemburg, am größten ist und dass länderspezifische Unterschiede in der Struktur von Unternehmensdienstleistungen existieren. Die größte Bedeutung kommt den F&E-Dienstleistungen zu, die vor allem in Finnland, Irland, Schweden und Frankreich dominieren, sowie den Werbungs- und Marktforschungsdienstleistungen. Weiters kommt der Kategorie „Architektur- und Ingenieurbüros, technische, physikalische und chemische Untersuchung“ ein großer Stellenwert zu, vor allem in Deutschland, Rumänien oder Tschechien. Mit einem Kostenanteil der Unternehmensdienstleistungen von knapp über 2 % des Bruttoproduktionswertes liegt Österreich im Mittelfeld, wobei Werbungs- und Marktforschungsdienstleistungen und F&E-Dienstleistungen den Großteil ausmachen.

Ein beträchtlicher Teil der als Vorleistungen verwendeten Unternehmensdienstleistungen werden aus dem Ausland bezogen. Der direkte Kostenanteil importierter Unternehmensdienstleistungen (in % des Bruttoproduktionswertes) variiert stark und liegt zwischen beinahe 6 % in Luxemburg und weniger als 1 % im Großteil der EU-Länder. Tendenziell sind in kleineren Mitgliedsstaaten importierte Unternehmensdienstleistungen von größerer Bedeutung, vor allem in den alten EU-Ländern. In Österreich liegt der direkte Kostenanteil importierter Unternehmensdienstleistungen bei beinahe 1 % des Bruttoproduktionswertes (17 % der gesamten industrienahen Dienstleistungen).

Heterogenität von Ländern und Industrien

Da die Verflechtungsintensitäten zwischen der verarbeitenden Industrie und der untersuchten Unternehmensdienstleistungen über die Zeit kaum variieren, sondern vorwiegend über Länder und Industrien, wurden der empirischen Analyse Wachstumsgleichungen zugrunde gelegt, die langfristige Trends abbilden. Die Analyse unterscheidet verschiedene Länder- und Industriegruppierungen, um bestehende Unterschiede und die daraus resultierenden spezifischen Verflechtungseffekte zu identifizieren. So wird zwischen den alten EU15 und der Gruppe der 12 neuen EU-Mitgliedsstaaten unterschieden. Damit wird berücksichtigt, dass die Länder zu verschiedenen Zeitpunkten der EU beitraten und seither unterschiedliche wirtschaftliche und politische Prozesse durchwanderten. Die zweite Gruppe basiert auf Ländergröße und unterscheidet zwischen den fünf größten EU-Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien) und den restlichen 22 kleinen und mittelgroßen Mitgliedsstaaten. Schließlich berücksichtigt die Gruppierung nach Industrien die industriespezifische Heterogenität und unterscheidet zwischen hoch- und mittelhochtechnologischen Industrien, mittel- und niedrigtechnologischen Industrien und niedrigtechnologischen Industrien.

Mittelgroße und kleine EU-Länder profitieren besonders von Rückwärtsverflechtungen mit ausländischen Unternehmensdienstleistungen

Die Schätzergebnisse deuten auf wichtige produktivitätssteigernde Effekte der Rückwärtsverflechtung in der verarbeitenden Industrie hin, die jedoch je nach betrachteter Gruppierung unterschiedlich ausfallen. Die Differenzierung nach Ländergröße zeigt für die gesamte EU, als auch für die Gruppe der alten und neuen Mitgliedsländer, signifikant positive Effekte der Verflechtungen mit ausländischen Unternehmensdienstleistungen auf das Produktivitätswachstum. Während in großen EU-Ökonomien nur Verflechtungen mit heimischen Unternehmensdienstleistungen mit signifikant positiven wachstumssteigernden Effekten in der verarbeitenden Industrie assoziiert sind, profitieren mittelgroße und kleine EU-Länder nur durch ausländische Unternehmensdienstleistungen. Dies lässt sich dadurch erklären, dass größere Ökonomien Unternehmensdienstleistungen weitgehend aus den heimischen Märkten beziehen, während mittelgroße und kleine Ökonomien einen größeren Anteil an importierten Unternehmensdienstleistungen aufweisen.

Die Differenzierung nach Technologieintensität lässt erkennen, dass lediglich in der Gruppe der hoch- und mittelhochtechnologischen Industrien bedeutende Produktivitätswachstumseffekte durch Verflechtungen mit Unternehmensdienstleistungen bestehen. Diese Effekte sind jedoch nur für Verflechtungen mit ausländischen Unternehmensdienstleistungen signifikant positiv. 

Fazit und Politikempfehlungen

In der EU ist eine zunehmende Verflechtung der verarbeitenden Industrie mit dem Dienstleistungs-sektor zu beobachten, da Produktionsunternehmen vermehrt Dienstleistungen als Vorleistungen in ihren Produktionsprozessen verwenden und zudem ihre Produkte verstärkt mit Dienstleistungen bündeln. Die empirische Analyse bestätigt den positiven Effekt einer stärkeren Verflechtung, vor allem mit importierten Unternehmensdienstleistungen, auf das Wachstum der Arbeitsproduktivität in der verarbeitenden Industrie. Daher sollte die Politik zur Ankurbelung des Produktivitätswachstums in der verarbeitenden Industrie das Entstehen und die Festigung von Verflechtungen der verarbeitenden Industrie mit Unternehmensdienstleistungen vereinfachen und fördern, sowie bestehende Barrieren reduzieren oder abbauen. Dabei müssen bestehende Beschaffungsmuster berücksichtigt werden, was für mittelgroße und kleine Ökonomien, sowie Ökonomien mit starken hoch- und mittelhochtechnologischer Industrien, vor allem die Förderung von Verflechtungen mit ausländischen Unternehmensdienstleistungen bedeutet.  

Sandra M. Leitner, PhD, MSc. ist Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und Lektorin an der Johannes Kepler Universität Linz und der Universität Wien. Ihre Forschungsgebiete umfassen Industrieökonomie, Innovationsökonomie und Unternehmertum.

Robert Stehrer, PhD, ist Wissenschaftlicher Leiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seine Forschungsbereiche umfassen Internationaler Handel und EU-Integration, Wettbewerbsfähigkeit und technologische Entwicklung, und deren Auswirkungen auf Beschäftigung.

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Autoreninformation

Sandra Leitner
Sandra M. Leitner, PhD, MSc. ist Ökonomin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und Lektorin an der Johannes Kepler Universität Linz und der Universität Wien. Ihre Forschungsgebiete umfassen Industrieökonomie, Innovationsökonomie und Unternehmertum.


Robert Stehrer
Robert Stehrer, PhD, ist Wissenschaftlicher Leiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) und Lektor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Seine Forschungsbereiche umfassen Internationaler Handel und EU-Integration, Wettbewerbsfähigkeit und technologische Entwicklung, und deren Auswirkungen auf Beschäftigung.