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Oliver Denk, Christian Kastrop: Produktivität und Wohlstand - eine Internationale Perspektive

Ausgabe 4/2016 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Wohlstand hängt zum Großteil vom Niveau des Konsums von privaten sowie vom Staat bereitgestellten Gütern und Dienstleistungen ab. Höherer Konsum bedeutet höherer Wohlstand. Der Konsum wiederum hängt von der Produktion ab. Das gesamtwirtschaftliche Produktionsvolumen lässt sich auf zwei Weisen steigern: durch eine Zunahme der geleisteten Arbeitsstunden oder durch eine Erhöhung der Arbeitsproduktivität.

Österreich zählt zu jenen Ländern mit Spielraum, die volkswirtschaftliche Produktion durch eine Ausweitung der Arbeitsstunden zu erhöhen. Dennoch erreichen fortgeschrittene Volkswirtschaften Zuwächse in der Produktion hauptsächlich über eine Erhöhung der Produktivität. Die Steigerung der Produktivität ist gerade in den „alten“ Industrieländern, die unter einer schrumpfenden Bevölkerung leiden, die einzige Wachstumsquelle, um dauerhaft Produktion, Konsum und Wohlstand zu fördern. Der Rückgang des Produktivitätswachstums über die letzten Jahre gibt daher Anlass zur Sorge. 

Der Rückgang des Produktivitätswachstums

In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften fällt das Produktivitätswachstum seit dem Jahr 2000 deutlich schwächer aus als in den 1990er Jahren. Seit der weltweiten Finanzkrise ist es besonders stark zurückgegangen. Die Produktivitätsverlangsamung, nicht Beschäftigungsverluste, war der Hauptgrund für das schwache Wachstum des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts. 

In den OECD-Ländern belief sich die durchschnittliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität je Stunde im Zeitraum 1990-2000 auf 2,0%, 2000-2007 auf 1,9% und 2007-2015 auf 0,8%. Von den 1990er Jahren bis 2007 verlief die Produktivitätsentwicklung in den OECD-Ländern sehr uneinheitlich. Das Produktivitätswachstum nahm in 19 Ländern ab und in 14 Ländern zu. Die USA, Österreich und die Schweiz gehören zu den Ländern, in denen das Produktivitätswachstum Anfang der 2000er Jahre zunahm oder zumindest stabil blieb, während es im Euroraum und in Japan abnahm. Seit 2007 hat das jährliche Produktivitätswachstum je Arbeitsstunde in Österreich lediglich 0,6% erreicht – ein Drittel des Durchschnitts zwischen 1995 und 2007. Österreichs Produktivität je Arbeitskraft ist seit 2007 gar gesunken. 

Die Gründe für die weltweite Produktivitätsverlangsamung sind vielschichtig. Empirische Befunde legen nahe, dass sowohl konjunkturelle als auch langfristige Faktoren verantwortlich sind. Die Produktivitätszuwächse in den frühen 2000er Jahren waren zum Teil konjunkturbedingt hoch, während die schwache Nachfrage seit der Finanzkrise zu einem unter der Trendrate liegenden Produktivitätswachstum geführt hat. Ein Hauptgrund für die konjunkturelle Verlangsamung der Produktivität ist die äußerst schwache Investitionstätigkeit, deren Erholung insbesondere in Europa hinter der des BIP zurückgeblieben ist. Dies ist wenig überraschend, da in zahlreichen Ländern die Realzinsen über der markträumenden Rate zu liegen scheinen. Zudem haben sich in manchen Ländern Kürzungen von öffentlichen Investitionen im Zuge staatlicher Haushaltskonsolidierungen dämpfend auf die allgemeine Investitionstätigkeit ausgewirkt. 

Neben der schwachen Konjunktur reduzieren strukturelle Faktoren das Produktivitätswachstum. Sowohl die Innovationskraft von führenden Unternehmen als auch die Weitergabe von Technologie und Wissen scheinen über die letzten Jahrzehnte abgenommen zu haben. Gründe hierfür könnten die Verlangsamung bei wettbewerbsfördernden Reformen sowie die rückläufige Unternehmensdynamik sein, die sich unter anderem in sinkenden Unternehmensgründungsraten und geringeren Zuwachsraten von Investitionen in Wissenskapital widerspiegelt. 

Konjunkturpolitische Maßnahmen

Der Rückgang des Produktivitätswachstums hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise deutlich verschärft, zum Teil aufgrund der schwachen gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Maßnahmen, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöhen, können daher die Produktivität, die Beschäftigung, die Einkommen privater Haushalte und den Konsum steigern. Am unmittelbarsten erfolgt die Nachfragestützung über die Geldpolitik und die Fiskalpolitik, wobei auch deren langfristige Wirkungen in den Blick zu nehmen sind. 

Befürchtungen über ökonomische Verzerrungen durch lang andauernde nichtkonventionelle geldpolitische Maßnahmen und die Effektivität von weiteren geldpolitischen Lockerungen haben zugenommen. In Ländern, die nicht unter akuter Verschuldung leiden, würde sich daher der verstärkte Einsatz fiskalpolitischer Maßnahmen positiv auf den makroökonomischen Policy-Mix auswirken. Sehr niedrige Zinssätze haben den fiskalpolitischen Spielraum vergrößert und in vielen Ländern Möglichkeiten für eine Expansion geschaffen. 

Öffentliche Investitionen stellen ein sehr wirksames fiskalpolitisches Instrument zur Steigerung von Nachfrage, Produktivität und Einkommen dar. Schätzungen zufolge ist die Nachfragewirkung von Investitionen in der Regel größer als bei anderen Ausgabenkomponenten. Öffentliche Investitionen können besonders wirkungsvoll sein, wenn sie als Katalysator für private Investitionen dienen. Mehr private und öffentliche Investitionen hätten den doppelten Vorteil, nicht nur die Nachfrage von heute, sondern auch das Angebot von morgen zu erhöhen, indem sie den Kapitalstock vergrößern und so positiv auf die Arbeitsproduktivität wirken. Entscheidend ist die Qualität der Investitionen, sowie gegebenenfalls der damit verbundene Personalaufwand. 

Struktur- und Finanzmarktreformen

Eine Reihe von angebotsseitigen Reformen können das Produktivitätswachstum und somit die langfristigen Aussichten auf mehr Konsum und Wohlstand anheben. Dazu zählen Veränderungen in der öffentlichen Ausgaben- und Steuerpolitik, der Wettbewerbs- und Innovationspolitik sowie der Finanzmarktpolitik. 

Produktmarktreformen erhöhen langfristig die Produktivität und Einkommen und sollten sich damit vorteilhaft auf den Konsum auswirken. In Österreich hat sich die Produktivität in den letzten Jahren je nach Sektor sehr unterschiedlich entwickelt. Die Produktivität im verarbeitenden Gewerbe ist dynamisch geblieben, während sie sich bei den meisten Dienstleistungen verlangsamt hat. Österreich befindet sich insgesamt unter den Ländern mit den am wenigsten regulierten Produktmärkten, allerdings ist der Dienstleistungssektor relativ streng reguliert. Der Reformstau in Österreichs Dienstleistungssektor behindert den Wettbewerb und verringert die Chancen anderer Branchen, von kostengünstigen Vorleistungen sowie der Verbreitung neuer Technologien zu profitieren. Dies erhöht die Vorleistungskosten, was möglicherweise die internationale Wettbewerbsfähigkeit geschwächt und zu einer verhaltenen Exportleistung beigetragen hat. 

Der Finanzsektor ist für die Finanzierung von Investitionen und Innovationen von entscheidender Bedeutung. Er hat allerdings auch zur Entstehung der Finanzkrise beigetragen und dürfte die derzeitige Investitionsschwäche verschärfen. Über längere Sicht betrachtet ist die Tatsache, dass viele Banken trotz des neuen Regulierungsrahmens Basel III von Too-Big-To-Fail (TBTF) Garantien von Staat und Zentralbanken profitieren, ein Faktor, der das Wirtschafts- und Produktivitätswachstum bremsen dürfte. Das TBTF-Phänomen verleiht den Inhabern von Bankschuldverschreibungen und bis zu einem gewissen Grad auch von Bankaktien den Eindruck, dass ihre Investitionen geschützt seien. 

Eine übermäßige Kreditvergabe weckt zudem die Gefahr, die Ungleichheit zu verstärken und damit den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand zu reduzieren. So sind beispielsweise in Österreich Haushaltskredite deutlich ungleicher verteilt als die Haushaltseinkommen. 9% aller Einkommen, aber nur 5% aller Kredite gehen an die einkommensschwächsten 20% aller Haushalte. Eine schrittweise Abschaffung der TBTF-Garantien verspricht daher, sowohl Produktivität als auch Gleichheit zu fördern. 

Schlussbetrachtungen

Verschiedene konjunktur- und finanzpolitische Maßnahmen und Strukturreformen können auf kurze oder lange Sicht die Produktivität erhöhen. Dies ist umso wichtiger, als das Produktivitätswachstum in zahlreichen Ländern seit Mitte der 2000er Jahre enorm zurückgegangen ist. Die Entwicklung ist besonders dramatisch in Österreich, wo pro Arbeitskraft heute durchschnittlich weniger produziert wird als vor knapp einem Jahrzehnt. Stagnierende Produktivität und Produktion drosseln Fortschritte im Konsum privater und öffentlicher Güter und Dienstleistungen. Die Folge ist eine signifikante Eintrübung der Aussichten auf Verbesserungen des Wohlstands gegenwärtiger und zukünftiger Generationen.

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Autoreninformation

Dr. Oliver Denk ist seit August 2010 Volkswirt in der Hauptabteilung Wirtschaft der OECD, aktuell mit Zuständigkeiten für die Schwerpunkte Finanzmärkte und Inklusives Wachstum. Zuvor war er unter anderem an der Weltbank und dem ifo Institut für Wirtschaftsforschung tätig. Dr. Oliver Denk promovierte in Volkswirtschaftslehre an der London School of Economics (LSE).

Oliver Denk


Dr. Christian Kastrop ist seit März 2014 Direktor der Abteilung Politikstudien in der Hauptabteilung Wirtschaft der OECD. Zuvor war er als Leiter der Unterabteilung Grundsatzfragen der Finanzpolitik im Bundesministerium der Finanzen in Berlin tätig. Er ist Dozent für öffentliche Finanzen/Institutionelles Design an der Freien Universität Berlin und Senior Fellow der Hertie School of Governance in Berlin. Zudem ist er Policy Fellow des Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstituts an der Universität zu Köln.
Christian Kastrop