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Andreas Dombret: Die Niedrigzinspolitik der EZB - Fluch oder Segen für Wirtschaft, Verbraucher und Banken?

Ausgabe 4/2017 der Wirtschaftspolitischen Blätter

1 Der Zins – eine enorm einflussreiche Größe

Er bestimmt mit über Arbeitsplätze, Aktienkurse und – für Notenbanker besonders wichtig – über die Inflation. Veränderungen im Zinssatz beeinflussen die Volkswirtschaften also unmittelbar. Ökonomen haben diese Zusammenhänge verinnerlicht. In der Bevölkerung ist diese Tatsache aber vielen erst jetzt stärker ins Bewusstsein gerückt, wo die Zinsen so lange so niedrig sind.

Verfolgt man die Debatte über die niedrigen Zinsen in Deutschland und Österreich, könnte man den Eindruck bekommen, dass sich große Teile der Öffentlichkeit und Fachwelt einig sind: der niedrige Zins ist eher Fluch als Segen.

2 Auswirkungen der Niedrigzinsen auf Banken und Sparkassen

Es hat sich herumgesprochen, dass Vertreter der Finanzinstitute nicht sehr glücklich mit dem niedrigen Zinsniveau sind. Dabei herrschen auf den ersten Blick paradiesische Zustände für die Geldhäuser. Die Notenbanken des Eurosystems leihen ihnen – gegen entsprechende Sicherheiten – unbegrenzt Geld. Das Problem für die Banken und Sparkassen entsteht im nächsten Schritt: Wohin mit dem Geld, wenn man damit eine auskömmliche Rendite erwirtschaften will?

2.1 Zinsabhängiges Geschäftsmodell unter Druck

Diese Frage ist praktisch überlebenswichtig. Denn die Geschäftsmodelle und damit die Erträge der allermeisten Banken und Sparkassen hängen stark von Zinseinkünften ab. Das Auslaufen hochverzinster Altkredite und das Absinken der Gewinne aus der Fristentransformation drücken die Erträge am stärksten. Damit verschärft das Niedrigzinsumfeld die ohnehin angespannte Ertragssituation vieler europäischer Institute.

2.2 Kein Allheilmittel in Sicht

Dem langsamen Abwärtstrend entgegenzuwirken und die Erträge wieder auf einen nachhaltigen Pfad zu bringen, ist in der aktuellen Situation keine leichte Aufgabe. Banken haben verschiedene Möglichkeiten, mit denen sie ihre Gewinnspanne erhöhen können. Im Beitrag werden die fünf klassischen Hebel betrachtet, mit denen Banken ihre Gewinnspanne erhöhen können, und erläutert, wie gut diese angesichts eines niedrigen Zinsniveaus funktionieren.

2.3 Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes in Deutschland

Um die Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes auf den Banken- und Sparkassensektor genau untersuchen zu können, hat die deutsche Aufsicht im Jahr 2017 die besonders betroffenen kleinen und mittelgroßen deutschen Institute zu Ertragskraft und Widerstandsfähigkeit im Niedrigzinsumfeld befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass Banken und Sparkassen in Deutschland von 2016 bis 2021 mit einem Rückgang des Jahresüberschusses vor Steuern um 9 % und der Gesamtkapitalrentabilität um 16 % planen. Ein Fortbestehen des niedrigen Zinsniveaus oder gar ein weiteres Absinken würden zu einem Rückgang der Gesamtkapitalrentabilität vor Steuern um bis zu 60 % führen.

Banken müssen aber nicht nur die Gefahren einer andauernden Niedrigzinsphase im Auge haben, sondern auch das Ende einer solchen Periode. Gerade, wenn nach einer langen Niedrigzinsphase der Zins zügig steigen sollte, wäre kurzfristig mit einem deutlichen Einbruch der Erträge der Banken zu rechnen. Dieser Umstand darf indes die Zentralbank nicht daran hindern, dann die Normalisierung der Geldpolitik einzuleiten, wenn es geldpolitisch geboten ist.

3 Auswirkungen auf Verbraucher

Wie sieht es bei den Verbrauchern aus? Hier ist das Bild gemischt: Verbraucher sind nämlich nicht nur Sparer, sondern auch Kreditnehmer. Und die Kreditkonditionen sind zurzeit ausgesprochen günstig. Die Verbraucher nutzen diese Konditionen, beispielsweise zur Aufnahme von Wohnungsbaukrediten. Allerdings müssen Verbraucher dabei immer das Ende der Niedrigzinsperiode im Auge haben.

Für den Verbraucher als Sparer sieht die Welt weniger rosig aus. Allerdings kommt es hier auf die Kaufkraftentwicklung des angesparten Vermögens an: die derzeitige reale Rendite auf kurzfristig verfügbare Spareinlagen ist in historischer Perspektive keine Ausnahmesituation. 

Und die Sparer nutzen auch andere Anlageformen. So besteht zum Beispiel mehr als die Hälfte des Geldvermögens der Deutschen aus Ansprüchen gegenüber Versicherungen und aus Wertpapieren. Die reale Rendite darauf ist oft höher als die reale Rendite von besonders sicheren Bankeinlagen. Und das Geldvermögen der deutschen Privathaushalte ist auch im Niedrigzinsumfeld kontinuierlich gewachsen.

Wie haben sich die niedrigen Zinsen also insgesamt auf Verbraucher ausgewirkt, wenn man ihre Doppelrolle als Sparer und Kreditnehmer berücksichtigt? Der Effekt der Niedrigzinsen auf die Nettozinseinkommen von Verbrauchern war in der Eurozone insgesamt nur leicht negativ, wobei das Nettozinseinkommen in Österreich spürbar gesunken ist.

4 Auswirkungen auf die Wirtschaft

Jeder Versuch einer Bewertung der Niedrigzinspolitik ist unvollständig, wenn er nicht berücksichtigt, was die Alternativen gewesen wären. Dies bringt uns zu den Auswirkungen auf die Wirtschaft. Denn die niedrigen Zinsen haben die Auswirkungen der Finanz- und Staatsschuldenkrise abgefedert und stützen die Wirtschaftserholung. Nach diesen Faktoren richtet die Europäische Zentralbank zwar nicht ihre Geldpolitik aus, aber Konjunktur und Preisentwicklung sind eng verwoben.

Den Unternehmen bietet die Geldpolitik ein investitionsfreundliches Umfeld. Auch Verbraucher profitieren, denn ihre Arbeitsplätze werden tendenziell sicherer. Die Steuereinnahmen sprudeln und die Zinslast der Staaten verringert sich. Und natürlich bevorzugen Banken und Sparkassen ebenfalls ein stabiles wirtschaftliches Umfeld.

Das ist die Habenseite der niedrigen Zinsen. Aber natürlich ist die ultra-lockere Geldpolitik der EZB nicht ohne Risiken. Vor allem gilt: Ihr Nutzen nimmt mit der Zeit ab, und die Kosten nehmen zu. Wie groß die Nebenwirkungen sind, wird sich erst mit einer gewissen Verzögerung zeigen.

5 Der Ausstieg aus den Niedrigzinsen: Wie geht es weiter?

Natürlich darf die Geldpolitik ihr Ziel der Preisstabilität nicht mit Verweis auf diese Nebenwirkungen aufgeben. Die mittelfristige Ausrichtung der EZB berücksichtigt allerdings, dass geldpolitische Maßnahmen sich häufig erst mit einer gewissen Verzögerung in den Preisen niederschlagen. Bei der Frage, welche Instrumente sie nutzt und wie aggressiv sie ihr Ziel anstrebt, darf die Geldpolitik diese Mittelfristigkeit nicht aus dem Blick verlieren.

Das gilt insbesondere im Hinblick darauf, dass die sehr expansive Ausrichtung der Geld-politik zum Gutteil durch den umfangreichen Erwerb von Staatsanleihen durch das Eurosystem erkauft wird. Die Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik droht dadurch zu verwischen. Das Eurosystem ist mittlerweile der größte Gläubiger der Mitgliedstaaten und ein Angleichen der Zinsen auf einen großen Teil der Staatsschulden setzt die Marktdisziplin außer Kraft. Die niedrigen Zinsen drohen zudem eine Tragfähigkeitsillusion zu erzeugen, in der die öffentlichen Haushalte nachhaltiger aussehen, als sie tatsächlich sind. 

In Zeiten unkonventioneller Maßnahmen ist der Bestand an Staatsanleihen in der Bilanz der Notenbanken ein wesentlicher Bestimmungsfaktor für den geldpolitischen Expansionsgrad. Die Geldpolitik im Euroraum wird daher noch auf einige Zeit expansiv bleiben, selbst, wenn sie Stück für Stück gestrafft wird.

Allerdings kann die Zentralbank die Zinsen nicht nach Belieben und im Alleingang bestimmen. Zwar setzt sie die Leitzinsen und steuert damit indirekt die Zinssätze für Bankkredite und Wertpapiere. Aber gerade die langfristigen Anleihezinsen werden noch von anderen Faktoren beeinflusst. Sie hängen nicht nur von der Inflation bzw. den Inflationserwartungen ab, sondern auch vom Realzins. Und dieser wiederum wird vor allem von den Wachstumserwartungen bestimmt. Ökonomen diskutieren noch eine Reihe weiterer Faktoren, die einen Einfluss auf den Realzins haben; etwa ein Ungleichgewicht zwischen Ersparnissen und Investitionen.

Wann die Zinsen im Euroraum wieder steigen, hängt deshalb nicht zuletzt von der Politik ab. Sie muss darauf ausgerichtet sein, das langfristige Wachstumspotenzial zu stärken. Die Umsetzung von Strukturreformen muss intensiviert werden, damit Arbeitsplätze in den produktiven Bereichen der Wirtschaft entstehen können und die strukturelle Arbeitslosigkeit verringert wird.

6 Schlussfolgerungen

Sind die Niedrigzinsen also Fluch oder Segen? Die Antwort ist ein eindeutiges „weder noch“.

Die EZB hat aus guten Gründen ein sehr klares Mandat: Die Inflationsrate mittelfristig auf ein Niveau von unter, aber nahe 2 Prozent zu bringen. Mit ihrer Leitzinssetzung und den anderen geldpolitischen Instrumenten verfolgt sie dieses Ziel. Dass die lockere Geldpolitik die Wirtschaft stützt, ist im Sinne von Banken, Sparkassen, Verbrauchern und Unternehmen. Wahr ist aber auch, dass die Maßnahmen erhebliche Nebenwirkungen haben, die mit der Zeit immer stärker werden.

Einen nachhaltigen Weg heraus aus den niedrigen Zinsen wird Europa nicht finden, indem es nur mit dem Finger auf die Zentralbank zeigt. Um Europa auf einen nachhaltigen Pfad dynamischen Wachstums und stabiler Preise zurückzubringen, sind auch andere gefordert, allen voran die Regierungen der Euroländer. Sie müssen die notwendigen Reformen durchführen, um solide Staatshaushalte, wettbewerbsfähige Wirtschaftsstrukturen und funktionierende öffentliche Verwaltungen zu erreichen.

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Autoreninformation

Dr. Andreas Dombret ist als Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank zuständig für die Bereiche Banken und Finanzaufsicht, Ökonomische Bildung, Hochschule und Technische Zentralbank-Kooperation, Risiko-Controlling sowie Auslandsvertreter

Andreas Dombret
© Frank Rumpenhorst