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Resilienz von Sozialsystemen | Bernhard Felderer 

Der Begriff „Resilienz“

In den Naturwissenschaften bedeutet das allgemein akzeptierte Le Chatelier Prinzip, dass eine Störung eines Systems im Gleichgewicht, sei es ein biologisches, chemisches, physikalisches, ökologisches oder ökonomisches, zu einem neuen Gleichgewicht tendiert, wobei die Auswirkung der verursachten Störung minimiert wird. So werden biologische Systeme (Pflanzen, Tiere, Mensch) laufend durch störende Mikroorganismen angegriffen und das System hat durch eine unendliche Zahl solcher Angriffe gelernt, das Problem durch eigene Gegenkräfte zu meistern. Resilienz als Teil dieses Le Chatelier Prinzips lässt sich überall in der Natur antreffen.

In weiterer Folge stellt sich die Frage, wie es bei sozialen und ökonomischen Systemen ist, in denen der Mensch Teil des Resilienzprozesses ist. In einem ökonomischen walrasianisch-neoklassischen Modell wird sehr allgemein angenommen, dass jedes Individuum seine eigenen Nutzenvorstellungen (Güter, Freizeit, etc.) verfolgt. Wenn der Staat sehr einfach oder gar nicht modelliert wird, gilt auch in einem solchen Modell das Le Chatelier Prinzip.

Wenn die Resilienz allerdings von Mechanismen abhängt, die human generiert sind, wenn beispielweise Institutionen eine Rolle spielen, die durch politische Abstimmungsprozesse festgelegt wurden, ist die Resilienz als Teil des Le Chatelier Prinzips nicht mehr naturgesetzlich gesichert, sondern hängt wesentlich auch von der Art und Stärke der Institutionen ab, die zur Resilienz beitragen.

Im Unterschied zu den Naturwissenschaften sind diese Systeme noch nicht einem unendlich langen Stresstest der Natur ausgesetzt worden. Über die Kraft und Zweckdienlichkeit der zur Resilienz eingesetzten Institutionen gibt es noch große Unsicherheit. Zu diesen man-made Resilienz Systemen gehören beispielsweise finanzielle, ökologische, politische Systeme, aber auch die Resilienz von Staaten. Während man in der ökologischen Literatur beispielsweise fragt, in wie weit Institutionen helfen können, die Natur gegen den massiven Eingriff des Menschen zu stabilisieren, kann es z.B. in der Finanzwelt ein Thema sein, Regeln zu schaffen, die bei Schocks die Stabilität der Finanzmärkte sichern könnten. 

Resilienz auf den Finanzmärkten

Sehr häufig wird der Begriff der Resilienz zur Analyse oder Teilanalyse des Finanzsystems verwendet. Die Resilienz hängt dort von den auf den Märkten aktiven Finanzakteuren bzw. von den Institutionen und Firmen ab, die durch Gesetz oder Übereinkunft geschaffen worden sind. Das sind zuerst Banken, dann aber auch Versicherungen, Fonds, Firmen und öffentliche Körperschaften, die am Finanzmarkt aktiv sind. Volkswirtschaftlich gesehen ist die wichtigste Aufgabe der Banken die Kreditvergabe. Sie ist auch der zentrale Bereich des Geschäftsmodells und ein wichtiges Kriterium des Wettbewerbs unter den Banken. Wenn eine Bank risikofreudiger wird, steigt das Risiko, dass ihre Resilienz im Krisenfall nicht ausreichend sein wird. Historisch waren das plötzliche Ansteigen von Zinssätzen oder Wechselkursänderungen Ursachen von Schocks, die Banken und häufig ganze Staaten in Schwierigkeiten gebracht haben.

Nach der letzten Krise sind viele Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz des Finanzmarkts beschlossen worden. So ist das zwingende Eigenkapital der Banken wesentlich erhöht und die Überwachungsfunktion der Finanzmarktaufsicht verstärkt worden. Ob alle diese Maßnahmen im Fall eines Schocks ausreichend sein werden, bleibt weiterhin unsicher. 

Resilienz von Staaten

Spätestens seit den 50er Jahren wird die Staatsverschuldung von den Regierungen als wirtschaftspolitisches Instrument eingesetzt. Im keynesianischen Sinn geht es um eine Pufferfunktion des Staates: in Zeiten schwachen Wachstums oder einer Rezession darf die Staatsverschuldung zunehmen, die bei guter Konjunktur wieder zurückgeführt werden soll. Allerdings ist die Rückführung der Schulden bei guter Konjunktur in keinem Konjunkturzyklus zufriedenstellend gelungen. Die Zunahme der Staatsschuldenquote war daher eine allgemeine Erscheinung in den meisten Industrieländern und auch in Österreich.

Die Frage nach der Resilienz des Staates ist hier die Frage nach der Rückzahlungsfähigkeit der Schulden des Staates. Offensichtlich ist bei einer hohen Staatsschuldenquote und hohen Zinsen die Rückzahlung schwieriger. Eine Grenze wird erreicht, wenn der Zinsendienst durch die Steuereinnahmen des Staates nicht mehr geleistet werden kann. Die Erfahrung der letzten Krise hat gezeigt, dass Staatsschuldenquote und Zinsniveau positiv korreliert.

Wenn das Vertrauen der Finanzmärkte aber verloren geht - und dies kann sehr kurzfristig passieren- springen die von dem betreffenden Land zu zahlenden Zinsen schnell nach oben. In einem solchen Fall (siehe Griechenland) kann sich dieser Staat selbst kaum helfen. Er benötigt dann Hilfe von außen, denn sonst würde durch die Nichtfinanzierbarkeit staatlicher Aktivitäten das Land im Chaos versinken. Diese Hilfe wird im Regelfall vom Internationalen Währungsfonds kommen, in Europa beteiligten sich an der Rettungsaktion für Griechenland auch europäische Finanzeinrichtungen. 

Wo die Grenze ist, an der die Resilienz des Staates geringer wird bzw. aufhört, ist Gegenstand verschiedener empirischer Untersuchungen gewesen, z.B. sehen Reinhardt und Rogoff die Grenze bei ca. 90%. Manche Staaten bekommen aber auch bei wesentlich höheren Verschuldungsquoten ausreichend Kredite zu normalen Zinssätzen auf den Finanzmärkten, wenn die Märkte der Meinung sind, dass die künftige Rückzahlungsfähigkeit durch die hohe Staatsverschuldung nicht in Frage gestellt ist. Diese künftige Rückzahlungsfähigkeit wird also von der Einschätzung der künftigen Wirtschaftsentwicklung des betreffenden Landes abhängen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die finanzielle Resilienz von Staaten nicht ausschließlich von der Verschuldung des Staates abhängt, sondern von der Einschätzung der Märkte über die zukünftige Rückzahlungsfähigkeit der Schulden bzw. der Fähigkeit, die Zinsen zu bedienen. Diese Einschätzung ist natürlich subjektiv und volatil und kann sich etwa durch politische Unruhen oder einen Regierungswechsel rasch grundsätzlich ändern. Ist die Staatsverschuldung allerdings gering, würde durch so eine Stimmungsänderung die Rückzahlungsfähigkeit entsprechend weniger in Frage gestellt werden.

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Autoreninformation

Prof. Dr. Bernhard Felderer, Präsident des Fiskalrates
Portrait Felderer
© APA-OTS/Ian Ehn