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Höhere Berufsbildung – ein facettenreicher Begriff und Anlass über einen bildungsbereichsübergreifenden Ansatz von Bildungspolitik nachzudenken | Ute Hippach-Schneider

Ausgabe 2/2019 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Berufliche Bildung ist im Wandel und soll Menschen auf die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt vorbereiten. Obwohl sie hauptsächlich mit der Lehre in Verbindung gebracht wird, nimmt ihre Bedeutung im tertiären Bildungsbereich zu. In Europa existieren verschiedene Ansätze, die akademische und berufliche Bildung verbinden: von dualen Studiengängen in Deutschland über britische Degree Apprenticeships1 hin zu Y-veien² in Norwegen. Diese ermöglichen eine hochqualitative berufliche Ausbildung im tertiären Bereich, die eng mit wirtschaftlichen Erfordernissen abgestimmt ist (vgl. Hippach-Schneider).

Duale Studiengänge in Deutschland 

Um die Firmen Mercedes-Benz, Bosch und SEL (Standard Electric Lorenz) entwickelte sich in den 1970er Jahren ein Bildungsmodell unter dem Titel „Berufsakademie“, das darauf abzielte, akademische mit beruflicher Bildung zu verknüpfen. Dies brachte später die sogenannten Dualen Studiengänge in Deutschland hervor. Duale Studien zeichnen sich durch eine starke Praxisorientierung aus und ermöglichen es Unternehmen, direkt an der Erarbeitung und Umsetzung von Studiengängen mitzuwirken. Unternehmen aus dem Industrie-, Handwerks- und Dienstleistungsbereich sind involviert.

Voraussetzung für das Studium ist üblicherweise ein Vertrag mit einem Unternehmen, der auch eine entsprechende finanzielle Entlohnung durch das Unternehmen beinhaltet. 2016 wurden 1 592 duale Studiengänge in Deutschland angeboten, eine Zahl die sich innerhalb von zwei Jahre verdreifacht hat. Die Studiengänge werden von Hochschulen in Kooperation mit mehr als 47 000 Praxispartnern betrieben.

Duale Studien gibt es in Deutschland in zwei Formen: dem ausbildungsintegrierenden und dem praxisintegrierenden Modell. Bei ersterem entspricht der Praxisteil der Ausbildung genau jener des Sekundarbereiches und somit auch allen entsprechenden Anforderungen des deutschen Berufsbildungsgesetzes. Studierende erhalten einen beruflichen und akademischen Doppelabschluss. Das praxisintegrierende Modell führt ausschließlich zu einem akademischen Abschluss. Dieses Modell unterliegt weniger rechtlichen Anforderungen, wodurch ausbildende Unternehmen höhere Flexibilität, aber auch Verantwortung über die Qualität der Ausbildung erhalten.

Higher und Degree Apprenticeships in England

Das Vereinigte Königreich hat im EU-Vergleich eine hohe Rate an 30- bis 34-Jährigen mit tertiärem Bildungsabschluss (48,3 % in 2017). Gleichzeitig wird die Sinnhaftigkeit hoher Akademikerquoten debattiert, v.A. da nachweislich viele Absolventen für ihre Jobs überqualifiziert sind und kaum mehr verdienen, als Personen ohne tertiärem Abschluss. Ebenso starten viele Universitätsabsolventen mit hohen Schulden ins Arbeitsleben. Ein alternatives duales Ausbildungssystem konnte hingegen – trotz vieler Initiativen - nie etabliert werden.

2008 wurden sogenannte Higher Apprenticeships gestartet, die zu akademischen oder berufsbildenden Abschlüssen führen. 2015 wurden Degree Apprenticeships eingeführt, die auf dem akademischen Bereich beschränkt und finanziell großzügig unterstützt werden. Diese machten 2017/18 nur rund ein Prozent der Auszubildenden und Studierenden aus. Degree Apprenticeships erzeugen jedoch keine bildungspolitische Durchlässigkeit, da sie für andere beruflicher Bildungsgänge keine Anschlussmöglichkeiten haben. 

Apprentissage in Frankreich

In Frankreich kam es seit den 1960ern zu einer starken Expansion des tertiären Bildungsbereichs, was als eine Möglichkeit gesehen wurde, das Wirtschaftswachstum zu steigern. Heute sind vor allem zweijährige berufsvorbereitende Kurzstudienprogramme (Brevet de Technicien Supérieur (BTS) und Diplôme Universitaire de Technologie (DUT)) beliebt, die schulisch-betrieblich als apprentissage absolviert werden können. Zugangsvoraussetzung ist die Hochschulreife (Baccalauréat) und anschließend ist es möglich, innerhalb eines Jahres einen beruflichen Bachelor (Licence professionelle) zu erwerben, der als Basis für ein Masterprogramm dienen kann.

Die berufsvorbereitenden Kurzstudienprogramme haben einen hohen Stellenwert in der französischen Bildungslandschaft, wodurch es zu einer tendenziellen „Verberuflichung“ der tertiären Bildung kommt. Die Kurzstudienprogramme BTS und DUT sowie das Licence professionelle werden in Kooperation zwischen Arbeitgebern und den regionalen oder lokalen französischen Behörden entworfen. Sie können nur entwickelt werden, wenn ein nachweisbarer Bedarf besteht.

Y-veien und die höhere Berufsbildung in Norwegen

Norwegen verfügt im tertiären Bildungsbereich über akademische (Universitäten, University Colleges) und berufliche Einrichtungen (Colleges, Fagskole). Duale Programme sind auf Bachelorebene auf spezifische Bereiche beschränkt (z.B. in der Pflege). Ebenso werden für Personen mit mindestens zweijähriger einschlägiger Berufserfahrung und einem Bachelorabschluss verkürzte Masterprogramme angeboten, in welchen betriebsbezogene Projekte bearbeitet werden können. Diese können im Gegensatz zu normalen Masterprogrammen auch kostenpflichtig sein.

Seit 2002 gibt es als Modell in verschiedenen ingenieurwissenschaftlichen Bachelorstudien die sogenannten Y-veien. Dabei ist es möglich, dass Personen mit Berufserfahrung ohne Hochschulreife an einem University College ein Y-veien Bachelorprogramm absolvieren können. Dieses führt zu einem regulären Bachelorabschluss, jedoch werden im ersten Jahr Fächer an vorhandene Kompetenzen angepasst. Ziel ist es, die Durchlässigkeit des Bildungssystems für Personen mit beruflicher Qualifikation zu erhöhen. Zuständig für die Gestaltung solcher Programme sind die Universitäten.

Fazit

Hippach-Schneider argumentiert, dass Weiterentwicklungen auf der tertiären Bildungsebene eine Bildungspolitik erfordert, die alle Bildungsbereiche miteinbezieht. Dabei soll die berufliche Bildung nicht vernachlässigt werden und eine Fokussierung auf akademische Bildung vermieden werden. Eine stärkere Verbindung von beruflicher und akademischer Bildung kann die besten Elemente beider Welten zusammenführen und effektive Bildung und Weiterbildung sichern.

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[1] Ein Programm von britischen Universitäten und Arbeitgebern, mittels dessen während einer Lehre ein Bachelor oder Master erworben werden kann.

[2] Ein norwegischer Typ von Bachelor Programmen, die den Hochschulzugang basierend auf Berufserfahrung ermöglichen, ohne einen Sekundarabschluss vorauszusetzen.


Autoreninformation


Ute Hippach-Schneider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Berufsbildung und dort mit international vergleichender Berufsbildungsforschung befasst; ihre thematischen Schwerpunkte sind hierbei tertiäre Bildung und Steuerung der beruflichen Bildung; derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt, das mögliche Folgen der Digitalisierung auf die Akteurskonstellationen der Berufsbildungssysteme untersucht.

Ute Hippach-Schneider
© BIBB