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Pensionssysteme: Von der Nachhaltigkeit zur Resilienz | Bert Rürup, Dennis Huchzermeier

Ausgabe 2/2018 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Seit dem Hochpunkt der globalen Finanz- und Konjunkturkrise im Winterhalbjahr 2008/9 und der darauffolgenden europäischen Staatsschuldenkrise ist die Frage nach der Resilienz der öffentlichen Gesamthaushalte in den Fokus des medialen wie des akademischen Interesses gerückt.

Dabei steht Resilienz für die Widerstandsfähigkeit von Systemen gegenüber massiven, unvorhergesehenen exogenen Umweltveränderungen oder Strukturbrüchen. Konkret geht es um die Frage, ob und wie schnell sich die betroffenen „Systeme“ ohne relevante Funktionsverluste an unerwartete deutliche Veränderungen des tradierten Umfelds anpassen können. Demnach ist eine hohe Resilienz auch dann noch gegeben, wenn ein Schock zwar kurzfristig zu einer Verschlechterung des Systemzustandes führt, dies aber mittel- und langfristig wieder kompensiert werden kann.

Bezogen auf krisenhafte Veränderungen des makroökonomischen Umfeldes, zum Beispiel in Form eines massiven Konjunktureinbruchs, wird man einen Staatshaushalt dann als (adaptiv) resilient bezeichnen können, wenn es ungeachtet dieses Schocks den politischen Entscheidungsträgern möglich ist, mit Ausgabenprogrammen oder Steuersenkungspaketen zu reagieren, ohne dass es zu nennenswerten Sanktionen durch die Finanzmärkte in Form von erhöhten Risikoprämien oder zu Herabstufungen in der finanziellen Bonität des Landes käme.

Die Resilienz von Sozialversicherungssystemen gegenüber unerwarteten massiven Veränderungen des ökonomischen Umfeldes hängt entscheidend von der Widerstandsfähigkeit der gesamten Volkswirtschaft ab, sprich deren Fähigkeit, externe Schocks ohne längerfristige Verwerfungen zu verarbeiten. 
Eine Volkswirtschaft ist durch externe Schocks umso verwundbarer

  • je stärker sie in die internationale Arbeitsteilung eingebunden ist,
  • je größer und international verflochtener ihr Finanzsektor ist und
  • je höher die Verschuldung des Staates, des Unternehmenssektors und der privaten Haushalte ausfällt.

Die mit diesen Faktoren verbundenen realwirtschaftlichen Risiken lassen sich im Interesse einer Erhöhung der Resilienz einer Volkswirtschaft verringern durch

  • eine Flexibilisierung der Arbeits- und Gütermärkte,
  • eine intensive mikro- und makroprudenzielle Regulierung des Finanzsektors und
  • einen Staatshaushalt, dessen Schuldenstandquote nicht nur eine aktive Finanzpolitik zulässt, sondern vor allem eine so hohe Kreditwürdigkeit signalisiert, dass auch systemrelevante Finanzinstitute in Krisen glaubhaft gestützt werden können.

Wenngleich sich solche konjunkturellen Schocks kurzfristig ebenfalls negativ auf die umlagefinanzierten Sozialsysteme auswirken, so stellt in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten der demografische Wandel in Form einer signifikanten Verschiebung des Verhältnisses von BeitragszahlerInnen und LeistungsempfängerInnen zulasten der Beitrags- und SteuerzahlerInnen eine gleichermaßen vorhersehbare wie gravierende Änderung der Rahmenbedingungen dar. Denn die demografisch bedingte Verschiebung der Besetzungszahlen der verschiedenen Kohorten ist nicht wie ein Konjunktureinbruch vorübergehender Natur, sondern hat einen erheblichen Einfluss auf die Nachhaltigkeit dieser Systeme. Und eine unzureichende Nachhaltigkeit eines Systems verstärkt die Auswirkungen eines unvorhergesehenen Schocks. Deshalb sind sowohl Nachhaltigkeit als auch Resilienz eines Systems wichtig.

Als nachhaltig wird man ein umlagefinanziertes Sozialversicherungssystem dann bezeichnen können, wenn die auf der Grundlage des geltenden Leistungsrechts erworbenen Ansprüche dauerhaft gewährleistet werden können, ohne dass die Beitragssätze und/oder Steuerzuschüsse signifikant erhöht oder Leistungen gekürzt werden müssen. Ist dies nicht der Fall, dann liegt eine Nachhaltigkeitslücke vor, die – zumindest in der längeren Frist – durch höhere Beitragssätze, ausgeweitete Steuerzuschüsse oder Leitungsrücknahmen zu schließen ist. 

Alle Pensionsansprüche sind stets Ansprüche, deren Bedienung in der Zukunft erwirtschaftet werden muss. Daher sind alle Pensionsansprüche – nach welchem Finanzierungssystem auch immer die Altersvorsoge finanziert ist – zwingend mit Unsicherheit und Risiken behaftet. Dies gilt gleichermaßen für Ansprüche an ein umlagefinanziertes System wie auch die Ansprüche an ein kapitalgedecktes. Eine breitere Basis der Bemessungsgrundlage der Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen ist dagegen kein Allheilmittel.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass durch eine kluge Regulierung in Kombination mit einer nachhaltigen Finanzierung des Staatshaushalts, die finanzielle Spielräume zur Bewältigung unerwarteter Schocks offenhält, gleichermaßen die Resilienz von Sozialversicherungssystemen erhöht werden kann.

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Autoreninformationen

Prof. Dr. Dr. h. c. Bert Rürup war von 2000 bis 2009 Mitglied und ab 2005 Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Seit 2013 ist Rürup Präsident des Handelsblatt Research Institute.
Portrait Rürup
© privat
Dennis Huchzermeier ist Senior Economist am Handelsblatt Research Institute und dort Experte für Geld- und Finanzmarktanalyse, der Simulation und Prognose gesamtwirtschaftlicher Entwicklungen sowie für sozialpolitische Fragen.
Portrait Huchzermeier
© Dennis Huchzermeier