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Tobias Thomas, Matthias Diermeier, Henry Goecke & Judith Niehues: Einkommensungleichheit, wahrgenommene Ungleichheit und der Einfluss der Medien

Ausgabe 1/2018 der Wirtschaftspolitischen Blätter

In vielen Ländern unterscheidet sich die wahrgenommene Ungleichheit von den tatsächlichen Verteilungsstatistiken. So vermuten 44 Prozent der Österreicher und 54 Prozent der Deutschen die meisten ihrer Mitbürger in der untersten Gesellschaftsschicht, obwohl tatsächlich in den beiden Ländern die Mittelschicht die größte Gruppe der Bevölkerung stellt. Zudem werden die Einkommensverhältnisse als zunehmend ungleicher wahrgenommen, obwohl die Einkommensverteilung nach Steuern und Transfers in Österreich und Deutschland nach verschiedenen Verteilungsmaßen, wie dem Gini-Koeffizient, dem P90/P10- und dem S80/S20-Verteilungsmaß, in den letzten zehn Jahren weitgehend unverändert geblieben ist. In Österreich hat die Ungleichheit sogar eher eine leicht rückläufige Tendenz.

Hinzu kommt, dass in Österreich und Deutschland durch Steuern und staatliche Transfers wesentlich kräftiger umverteilt wird als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Während der Gini-Koeffizient vor staatlicher Umverteilung in allen drei Ländern sehr ähnlich und in den letzten Jahren kaum verändert um einen Wert von 0,5 liegt, führt staatliche Umverteilung in den Vereinigten Staaten dazu, dass die Einkommensungleichheit bezogen auf das Jahr 2015 von etwa 0,5 auf 0,39 gesenkt wird. In Deutschland hingegen wird die Einkommensungleichheit durch Steuern und staatliche Transfers auf knapp 0,29 reduziert, in Österreich sogar noch etwas mehr.

Die ähnliche Höhe der Ungleichheit vor staatlicher Umverteilung ergibt sich dabei nicht nur durch vergleichbare Ergebnisse der Marktprozesse in den drei Ländern. Die unterschiedliche Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme ist ein entscheidender Einflussfaktor auf die Einkommensverteilung auch vor staatlicher Umverteilung: Während viele Österreicher und Deutsche im Alter bereits eine gesetzliche Pension oder Rente beziehen, arbeiten US-Amerikaner in der Regel länger und erzielen noch Einkommen am Markt. Das wirkt sich egalisierend auf die Verteilung der Markteinkommen aus. Die tatsächliche Lohnspreizung vor Umverteilung fällt in den Vereinigten Staaten wesentlich höher aus als in Österreich oder Deutschland. Die Mittelschicht stellt dort keineswegs eindeutig die größte Gruppe der Gesellschaft. Trotzdem glauben mehr US-Amerikaner als Österreicher oder auch Deutsche, in einer idealtypischen Mittelschichtsgesellschaft zu leben. Insgesamt besteht über Ländergrenzen hinweg kein Zusammenhang zwischen wahrgenommener Ungleichheit und tatsächlicher Einkommensungleichheit. Zur Ungleichheit der Vermögensverteilung zeigt sich sogar eher ein entgegengesetzter Zusammenhang.

Medienberichterstattung zur Ungleichheit

Bei der dargestellten Diskrepanz zwischen der tatsächlichen und wahrgenommenen Ungleichheit stellt sich die Frage nach Gründen für die Fehleinschätzungen. Dabei ist weniger überraschend, dass die Bürger die Einkommensverteilung schlecht oder gar nicht einschätzen können. Im Gegensatz zu beobachtbarem Konsumverhalten von Nachbarn, Kollegen oder Freunden ist die Einkommensverteilung in der Gesamtgesellschaft keine unmittelbar beobachtbare Größe. Es ist hingegen überraschend, dass die Österreicher und die Deutschen die Einkommensungleichheit nicht zufällig unter- und überschätzen, sondern mehrheitlich ein zu pessimistisches Bild der gesellschaftlichen Ungleichheit haben. Daher untersuchen wir, ob die Medienberichterstattung über Ungleichheit Erklärungspotential in sich birgt. Bei einer Analyse deutscher Leitmedien fällt zunächst das gestiegene Interesse an dem Thema Ungleichheit auf. Machten Berichte zur Ungleichheit und verwandten Themen von 2001 bis 2012 durchschnittlich 0,45 Prozent aller Medienberichte aus, waren es seit 2013 im Durchschnitt 0,8 Prozent. Insgesamt verdreifachte sich zwischen 2002 und 2015 der Anteil der Berichterstattung zum Thema Ungleichheit. Bemerkenswert ist, dass auch ab 2005 der Anteil der Ungleichheitsberichterstattung nahezu kontinuierlich angestiegen ist, auch wenn sich weder die Ungleichheit vor noch nach staatlicher Umverteilung signifikant verändert hat. 

Einfluss auf die Wahrnehmung

Durch die Kombination tagesgenauer Mediendaten zum Themenbereich Ungleichheit mit den Interviews des deutschen Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) lässt sich der Einfluss der Medienberichterstattung auf subjektive Sorgen und Gerechtigkeitseinstellungen ökonometrisch identifizieren. Die Ergebnisse der Analyse auf Basis von rund 640.000 Berichten in deutschen Medien und über 300.000 Interviews des SOEP im Zeitraum 2001 bis 2015 zeigen, dass trotz einer stabilen Einkommensverteilung eine intensivere Berichterstattung zum Thema Ungleichheit die Sorgen der Bürger zumindest kurzfristig erhöhen kann.

Eine stärkere Berichterstattung ab einem Zeitraum von drei aufeinanderfolgenden Tagen vor dem jeweiligen Interview wirkt sich signifikant negativ auf die Sorgen der Befragten aus. Liegt der Anteil der Berichterstattung zur Ungleichheit an der gesamten Berichterstattung einer Woche um einen Prozentpunkt höher, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit um rund 4 Prozent, dass ein Befragter angibt, sich Sorgen um die wirtschaftliche Lage zu machen.

Zudem sind die Befragten weniger zufrieden mit der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit in der Gesellschaft, wenn vor ihrem Interview intensiver über Ungleichheit berichtet wurde. Steigt der Anteil der wöchentlichen Berichterstattung über Ungleichheit und verwandte Themen um einen Prozentpunkt, so verschiebt sich die Bewertung der Befragten auf einer 10-Punkte-Skala um 0,11 Punkte hin zu „weniger Zufriedenheit mit der sozialen Gerechtigkeit“. Erhöht sich wiederum der Anteil der Inlandsberichterstattung zu Ungleichheitsthemen im engeren Sinne (z.B. soziale Schere), dann ist der Einfluss der Medienberichterstattung auf die (Un-)Zufriedenheit beinahe doppelt so groß. Die Ergebnisse zeigen weiterhin, dass sich eine mehrere Tage anhaltende Berichterstattung über Ungleichheit intensiver auf die Wahrnehmung der Bürger auswirkt. Medien spielen also zumindest kurzfristig eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Sorgen der Bevölkerung und die Wahrnehmung der sozialen Gerechtigkeit – und das auch abgekoppelt von der tatsächlichen Entwicklung.

Für Deutschland zeigt sich allerdings auch, dass die wirtschaftlichen Sorgen langfristig durch andere Faktoren bestimmt werden. So haben mit der guten Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt innerhalb der letzten zehn Jahre die Sorgen der Bürger in Deutschland um die allgemeine wirtschaftliche Lage deutlich abgenommen: Waren es 2005 noch 54 Prozent der Befragten, die angaben, sich große Sorgen zu machen, so waren es 2015 nur noch 15 Prozent.

Aufgrund der Verfügbarkeit der Daten fokussieren wir bei der Analyse des Einflusses der Medienberichterstattung auf die Sorgen der Bevölkerung und die Wahrnehmung der sozialen Gerechtigkeit auf Deutschland. Vieles spricht allerdings dafür, dass sich die Resultate zumindest qualitativ auf andere Länder übertragen lassen. Bei ähnlichem ökonomischen Entwicklungsstand, ähnlichem kulturellen und institutionellen Hintergrund sowie einer ähnlichen geografischen Lage liegt dies besonders nahe.

Da die politischen Präferenzen der Wählerinnen und Wähler eher durch subjektive Einschätzungen als durch tatsächliche Entwicklungen geprägt werden, ist das Auseinanderdriften von wahrgenommener und tatsächlicher Entwicklung von besonderer Bedeutung. Dies deutet auch auf die besondere Verantwortung von Medien in Demokratien hin.

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Autoreninformation

Tobias Thomas ist Direktor des Wirtschaftforschungsinstituts EcoAustria, Vorsitzender von ECONWATCH – Gesellschaft für Politikanalyse und Lehrbeauftragter am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE). 

Matthias Diermeier ist Wirtschaftswissenschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). 

Henry Goecke ist Leiter der Forschungsgruppe Big Data Analytics am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Judith Niehues ist Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten und Methodenentwicklung am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) .

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