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Regionalwirtschaftliche Resilienz in Zeiten strukturellen Wandels | Henning Vöpel, André Wolf 

Ausgabe 2/2018 der Wirtschaftspolitischen Blätter

Der Artikel beschäftigt sich mit dem Konzept der Resilienz und dessen Anwendbarkeit auf regionale Wirtschaftsräume. Im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hat sich einmal mehr gezeigt, dass global auftretende Schockereignisse regional sehr heterogene Wirkungen entfalten können. So konnte etwa innerhalb Deutschlands eine regional sehr unterschiedliche Entwicklung von Makroindikatoren wie Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Beschäftigung in Reaktion auf die Krise festgestellt werden.

Um das Konzept der Resilienz für regionalwirtschaftliche Analysen nutzen zu können, muss zunächst einmal Klarheit über die Erscheinungsformen der zu untersuchenden Schocks bestehen. Die ökonomische Theorie versteht hierunter exogene Störeinflüsse auf ein zuvor im Gleichgewicht befindliches System. Ein Differenzierungsmerkmal in Bezug auf Schocks ist deren Fristigkeit. Sie können sowohl die Form temporärer Störungen – wie konjunkturelle Effekte, etwa in Form einer Eintrübung der Konsum- und Investitionsgüternachfrage - als auch langfristig wirkender Struktureinbrüche annehmen. Dazu zählen die digitale Transformation, der demografische Wandel, geopolitische Verschiebungen der Handelsbeziehungen oder Veränderungen im regulatorischen Rahmen.

Solche Schocks können regionale Wirtschaften sowohl im Hinblick auf das Ausmaß der Störung, als auch hinsichtlich des Zeithorizonts der anschließend einsetzenden Erholung unterschiedlich beeinflussen. Auch das Resultat einer solchen Erholungsphase kann unterschiedlich ausfallen, etwa wenn manche Regionen eine Krise zum Anlass nehmen, um sich standortpolitisch neu zu positionieren, während andere weiterhin innerhalb tradierter Strukturen agieren.

Von diesem Grundverständnis abgesehen besteht in der Literatur jedoch keine Einigkeit darüber, worin genau sich Resilienz auf Ebene von Regionen manifestiert und wie diese zu messen ist. Dementsprechend gibt es unterschiedliche Konzepte, wie z.B.:

  • „Engineering Resilience“: Regionen erscheinen in dieser Perspektive als umso resilienter, je schneller sie nach einer Störung wieder in ihre alten Entwicklungsmuster zurückfinden. Die Betonung liegt auf den Erhalt von Struktur und Funktionalität der Region. Auf Ebene der Wirtschaftspolitik impliziert das einen Fokus auf stabilitätsfördernde Maßnahmen z.B. im Rahmen des konjunkturpolitischen Instrumentariums. Eine solche rein mechanische Vorstellung ignoriert jedoch einen wesentlichen Faktor im Zusammenhang mit Resilienz: die Anpassungsfähigkeit von Regionen. Eine kluge, vorausschauende Regionalplanung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie eine langfristige Beeinträchtigung der regionalen Wirtschaftsaktivität infolge externer Einflüsse durch das rechtzeitige Ergreifen struktureller Anpassungsmaßnahmen verhindert.
  • „Ecological Resilience“: Dieses Konzept geht davon aus, dass eine Region Krisenfestigkeit gerade dadurch erreichen kann, dass sie im Anschluss an einen Schock nicht zu ihrem alten Entwicklungspfad zurückkehrt, sondern sich in Richtung eines neuen Gleichgewichts bewegt, indem die Weichen durch Ausrichtung auf alternative Branchen neu gestellt werden. Hierunter fallende Ansätze setzen sich vorrangig mit möglichen Adaptionsmaßnahmen auseinander, die sich in dauerhaften Veränderungen der räumlichen Wirtschaftsstruktur niederschlagen. Wirtschaftspolitisch impliziert das entsprechend einen Fokus auf Maßnahmen zur Unterstützung des strukturellen Wandels wie Clusterförderung, Qualifizierung der Erwerbsbevölkerung und Erschließung neuer Märkte.
  • „Evolutionary Adaptive Resilience“: in dieser Theorie wird die Annahme aus den beiden zuvorgegangenen Konzepten aufgegeben, dass zu jedem Zeitpunkt so etwas wie ein gleichgewichtiger Entwicklungspfad existiert, denen Regionen nach Überwindung von Störeinflüssen entgegenstreben. Nach dem Verständnis der „Evolutionary Adaptive Resilience“ unterliegen Regionen permanenten Anpassungsprozessen als Folge eines Kontinuums an Schocks, die mal mehr, mal weniger schnell und stark ausgeprägt sind. Adaption ist in dieser Hinsicht keine situative Strategie, sondern ein dauerhafter Prozess, der die Überlebensfähigkeit regionaler Wirtschaftsräume sichert. Wichtigstes Ziel ist es, Lock-in Effekte durch einseitige Förderung bestimmter Branchen zu vermeiden. Die branchenübergreifende Förderung von Innovation und Gründungsaktivitäten sollte demzufolge das Primärziel von Regionalpolitik darstellen.

Die Auswirkungen eines Schocks hängen aber nicht nur von der Wirtschaftsstruktur einer Region ab, sondern auch von den vorherrschenden räumlichen und zeitlichen Interdependenzen. Eine räumliche Interdependenz ergibt sich aus der Vernetzung eines Standorts mit umliegenden Regionen sowie dem Ausland. Diese besteht zum einen produktionsseitig durch Eingliederung in eine überregionale Wertschöpfungskette, zum anderen absatzseitig im Hinblick auf den überregionalen Vertrieb lokaler Produkte. In beiden Fällen impliziert die Vernetzung das Risiko einer Übertragung externer Schocks auf die regionale Wirtschaft, etwa indem Zulieferer wegbrechen oder es nachfrageseitig zu Einbrüchen kommt. Aus diesem Grund betrachten einige Autoren einen geringen Vernetzungsgrad als einer der Charakteristika resilienter Regionen. Dem ist entgegenzuhalten, dass eine starke überregionale Integration unter Umständen auch zur Abmilderung wirtschaftlicher Krisen beitragen kann, etwa wenn eine lokale Konsumschwäche durch überregionale Absatzmärkte abgefangen werden kann. Eine zeitliche Interdependenz besteht schließlich durch die Pfadabhängigkeit regionaler Entwicklung.

Es bleibt zu klären, welche konkreten Faktoren die Resilienz von Regionen prägen. Aus den bisherigen Schilderungen wurde deutlich, dass zunächst einmal der Diversifikationsgrad einer regionalen Ökonomie eine wichtige Rolle spielen kann: Regionen mit einem relativ ausgeglichenen Portfolio an lokalen Branchen sind tendenziell weniger stark von branchenspezifischen Schocks betroffen bzw. können sie leichter abfedern. Zugleich verfügt eine diversifizierte Ökonomie über mehr Potentiale, um den Einfluss branchenübergreifender Trends wie der digitalen Transformation durch Quervernetzung intelligent zu managen und zu kanalisieren.

Ein weiterer Faktor im Hinblick auf die Resilienz einer Region ist ihre Fähigkeit, auf exogene Veränderungsprozesse nicht einfach nur in Form einer passiven Anpassung zu reagieren, sondern sie aus eigener Kraft zu lenken und im Sinne einer Stärkung der regionalen Wettbewerbsfähigkeit zu gestalten. Das wiederum setzt sowohl ein ausreichendes Maß an innerregionalem Innovationspotential als auch eine entsprechende Gründerdynamik und –mentalität voraus, um regionale Innovationen konkret in regionalen Strukturwandel umzusetzen. Eine grundlegende Voraussetzung für ein hohes Innovationspotential ist zunächst ein ausreichend großer lokaler Pool an qualifizierten und spezialisierten Arbeitskräften.

Insgesamt ist der Nutzen des Resilienzbegriffes für die Regionalforschung vorrangig in der Bereitstellung eines Denkanstoßes zu sehen. Er schärft den Blick für die Notwendigkeit, sich mit den Bedingungen für erfolgreichen regionalen Strukturwandel zu beschäftigen, was in Zeiten technologischer und gesellschaftlicher Transformationsprozesse auf jeden Fall einen Mehrwert darstellt. Gerade in Zeiten großer Umbrüche und Übergänge, in denen typischerweise etablierte Regionen unter Druck geraten und neue Regionen schnell aufholen, ist die Beschäftigung mit Resilienz eine wichtige standortpolitische Aufgabe. Regionen dichter an die technologischen Entwicklungen heranzuführen, internationale Vernetzung herzustellen und regionale Innovationsräume zu etablieren, um Transformationsfähigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit herzustellen sind dabei ganz wesentliche Bedingungen für regionale Resilienz.

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Autoreninformationen

Prof. Dr. Henning Vöpel ist Direktor und Geschäftsführer des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Er ist zudem Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hamburg School of Business Administration (HSBA). 
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Dr. André Wolf ist Senior Economist am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Er leitet dort den Forschungsbereich „Konjunktur, Weltwirtschaft und internationaler Handel“.
Portrait Wolf
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