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Analyse
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Global Insights: Nordamerika

Die Bedeutung Nordamerikas als Handelspartner, Produktionsstandort und Innovationsmotor

Lesedauer: 20 Minuten

14.01.2026

Gesamtwirtschaftliche Lage in den USA, Kanada und Mexiko

Nordamerika zählt mit den USA, Kanada und Mexiko zu den global wichtigsten Wirtschaftsregionen. Die USA als größte Volkswirtschaft der Welt erwirtschafteten 2024 ein BIP von rund 29,2 Billionen USD – etwa ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung – gefolgt von Kanada mit 2,24 Billionen USD und Mexiko mit 1,85 Billionen USD. Für 2025 prognostizieren internationale Institutionen ein moderates BIP-Wachstum: Laut OECD dürften die USA um ca. 2 %, Kanada um 1,1 % und Mexiko nur um 0,7 % zulegen. Während die USA für ein von wirtschafts- und handelspolitischer Unsicherheit geprägtes Jahr überraschend schnell wachsen, bleibt Mexiko (und in geringerem Ausmaß Kanada) hinter seinem langfristigen Potenzial zurück.

Wirtschaftliche Bedeutung von Nordamerika als Anteil globaler Indikatoren 

Grafik zur Wirtschaftlichen Bedeutung von Nordamerika
© WKÖ | Quelle: Weltbank, Comtrade und OECD TIVA, Bruttoproduktion für das Jahr 2022. In % im Jahr 2024

Im Laufe des Jahres 2025 hat sich das makroökonomische Umfeld in Nordamerika spürbar verschoben – vor allem durch einen Policy-Mix in den USA, der weniger auf breit angelegte Investitionsanreize und stärker auf handelspolitische Instrumente setzt. Mit dem One Big Beautiful Bill Act (OBBBA) wurden zentrale Elemente des Inflation Reduction Acts (IRA) zurückgenommen bzw. Auslaufdaten vorgezogen, wodurch die Planbarkeit für Investitionen in Clean-Tech- und Teile der industriellen Transformation abnimmt. Gleichzeitig erhöhen hohe und volatile Zölle die Unsicherheit für Unternehmen: Sie wirken wie ein negativer Angebotsschock, weil sie die Kosten für importierte Vorleistungen und Investitionsgüter erhöhen – und damit gerade in High-Value-Added-Sektoren (Maschinenbau, Elektronik, Pharma, Automotive) die Investitionsrechnung verschlechtern.

Für USA, Kanada und Mexiko gilt daher: Das Wachstum wird 2025/26 weniger durch einen fortsetzenden Investitionsboom getragen, sondern stärker durch die Frage, wie schnell sich Unternehmen und Konsumenten an ein Umfeld aus (i) höheren Handelskosten/Unsicherheit, (ii) weiterhin restriktiven Finanzierungsbedingungen und (iii) einer weniger berechenbaren Industriepolitik anpassen. In den USA bedeutet das tendenziell: robuste Inlandsnachfrage, aber zunehmend selektive Industrieinvestitionen. Für Kanada bleibt der Spielraum für dynamisches Wachstum begrenzt, wodurch externe Schocks (Handelskonflikte, Rohstoffpreise, US-Nachfrage) stärker durchschlagen können. Mexiko bleibt strukturell durch Nearshoring und industrielle Cluster gestützt, ist kurzfristig jedoch besonders anfällig für US-Handels- und Zollunsicherheit – was sich schnell in Investitionsaufschüben und einer schwächeren Wachstumsdynamik niederschlagen kann.

Implikationen für Österreichs Exportwirtschaft

  1. Investitionsgütergeschäft wird volatiler: Nachfrage nach Maschinen/Anlagen hängt stärker an Zollpolitik, Förderregime und Finanzierungsbedingungen
  2. Preis-/Kostenargument gewinnt an Gewicht: Wenn Zölle die Kostenbasis erhöhen, steigt die Nachfrage nach Lösungen, die Produktivität und Ressourceneffizienz heben (Automatisierung, Retrofit, Prozessoptimierung) – klassische AT-Stärkefelder.

Internationaler Handel: USMCA und transatlantische Abkommen

Nordamerika ist durch eine tiefe regionale wirtschaftliche Integration gekennzeichnet. Handelsbeziehungen innerhalb Nordamerikas werden wesentlich durch das US–Mexico–Canada Agreement (USMCA) geprägt. Das 2020 in Kraft getretene Abkommen (Nachfolger von NAFTA) garantiert weitgehend zollfreien Warenverkehr zwischen den drei Ländern und hat die Region zu einer eng verflochtenen Wirtschaftseinheit gemacht. Mexiko und Kanada zählen zu den größten Handelspartnern der USA und profitieren vom direkten Zugang zum US-Markt. So hat Mexiko China im Jahr 2023 als wichtigsten Warenlieferanten der USA überholt, was die starke Verflechtung belegt. Besonders exemplarisch ist die Automobilindustrie als Rückgrat der nordamerikanischen Integration: Dank USMCA/NAFTA entstand ein grenzüberschreitendes Produktionsnetzwerk, in dem etwa Mexiko als Fertigungshub fungiert, während US-amerikanische und kanadische Hersteller Komponenten zuliefern und abnehmen. 22% des gesamten Warenaustauschs unter USMCA entfallen auf Fahrzeuge und Kfz-Teile – der mit Abstand kritischste Sektor. Mexiko produzierte 2024 rund 4 Mio. Fahrzeuge, von denen 3,47 Mio. exportiert wurden, größtenteils in die USA und Kanada. Diese Zahlen unterstreichen Mexikos Rolle als Schlüsselglied in den nordamerikanischen Wertschöpfungsketten. Gleichzeitig sichern strenge Ursprungsregeln im USMCA (z. B. 75 % Regionalanteil bei Autos) die regionale Wertschöpfung, was unter anderem Zulieferer aus Drittstaaten erschwert – ein Aspekt, der vor allem europäische Hersteller herausfordert.

USMCA ist der größte Handelsraum der Welt

Grafik zu USMCA als  größter Handelsraum der Welt
© WKÖ | Quelle: IMF BIP in Billionen USD

Auch in anderen Industrien bestehen intensive Verflechtungen: Energierohstoffe (Öl, Gas, Elektrizität) fließen frei über die Grenzen – Kanada deckt einen signifikanten Teil des US-Energiebedarfs, während die USA Mexiko mit Erdgas versorgen. In der Agrar- und Lebensmittelwirtschaft existieren integrierte Lieferketten (etwa zwischen US-Getreideproduzenten und mexikanischer Viehwirtschaft). Darüber hinaus treiben gemeinsame Standards und regulatorische Zusammenarbeit (z. B. im Rahmen von USMCA-Komitees) die Harmonisierung voran. Dennoch gibt es Grenzen der Integration: Unterschiedliche Lohnniveaus und Arbeitsstandards führen bisweilen zu Spannungen (etwa US-Bemühungen, Arbeitsrechte in mexikanischen USMCA-Fabriken durchzusetzen), und infrastrukturelle Engpässe an den Grenzübergängen bremsen den Warenverkehr. 

Allerdings steht 2026 eine erste Überprüfung an. Die Zukunft des USMCA ist ungewiss, falls eine neue US-Regierung seine Bedingungen infrage stellt. Unilaterale US-Zölle haben bereits Teile des Abkommens unterlaufen und insbesondere in Mexikos Schlüsselbranche Automobil für Verwerfungen gesorgt. Eine wieder stärker protektionistische Handelspolitik der USA in Nordamerika (etwa durch einen Austritt aus USMCA) würde Kanadas und Mexikos exportorientierte Sektoren empfindlich treffen und die Lieferketten in der Region stören.

US-Importe nach Handelspartner

Grafik US-Importe nach Handelspartner
© WKÖ | Quelle: US Census Bureau Index (Jän. 2016 = 100), basierend auf 12-Monatssummen

Auf transatlantischer Ebene sind Freihandelsabkommen der EU mit Kanada und Mexiko zentral: Das CETA-Abkommen mit Kanada wird seit 2017 (vorläufig) angewendet und hat bereits 99% der Zölle eliminiert. Allerdings ist CETA noch nicht von allen EU-Staaten ratifiziert, sodass einzelne Bereiche (z. B. Investorenschutz) ausstehen. Mit Mexiko wiederum hat die EU im Jänner 2025 die Verhandlungen zur Modernisierung des Abkommens abgeschlossen, dessen Unterzeichnung im Februar 2026 erwartet wird. Das Update soll u.a. Agrarzölle abbauen, EU-Firmen besseren Zugang zu öffentlichen Aufträgen in Mexiko verschaffen und hohe Standards bei Klima, Arbeit und Digitalisierung setzen. Österreich profitiert folglich von niedrigeren Markteintrittshürden: Kanada und Mexiko bieten in Bereichen wie Lebensmittel, öffentliche Beschaffung und Dienstleistungen künftig verbesserte Zugangsbedingungen, was exportorientierten KMU neue Chancen eröffnet.


Österreichs Handel mit Nordamerika: Starkes Wachstum und Exportpotenzial

Österreichs Warenhandel mit Nordamerika ist in den Jahren von der Pandemie stark gewachsen: 2024 machten die USA und Kanada zusammen 6,9 % des österreichischen Handelsvolumens aus. Österreich exportiert deutlich mehr nach Nordamerika, als es von dort importiert – etwa im Maschinenbau, Kfz-Zulieferbereich und medizinischen Geräten. Die USA sind mittlerweile Österreichs zweitgrößter Exportmarkt weltweit (nach Deutschland) und der mit Abstand wichtigste außerhalb der EU. 2024 erreichten Österreichs USA-Exporte 16,2 Mrd. Euro (+10 % ggü. 2023), während die Importe aus den USA 7,7 Mrd. Euro betrugen. Mit Kanada wurde ein Volumen von 2,2 Mrd. Euro umgesetzt, mit Mexiko 2,3 Mrd. Euro – jeweils mit Überschüssen zu Österreichs Gunsten. Diese Überschüsse unterstreichen Nordamerikas Bedeutung als Absatzmarkt für hochwertige österreichische Produkte, zugleich aber auch die potenzielle Exponiertheit bei neuen Handelsbarrieren.

Österreich Exporte nach Nordamerika

Grafik Österreichs Exporte nach Nordamerika
© WKÖ | Quelle: IHS In Mrd. Euro

Österreichs wichtigste Exportprodukte sind mit Abstand Maschinen und Fahrzeuge, gefolgt von Chemieprodukten. Gleichzeitig zeigt sich, dass gerade in diesen Sektoren noch ein erhebliches Exportpotenzial besteht. Allein im Bereich Maschinen besteht ein ungenutztes Exportpotenzial von nahezu drei Milliarden US-Dollar. Davon entfallen rund 2,4 Milliarden US-Dollar nur auf den US-Markt.

Österreich-USMCA: 5 Sektoren mit dem größten ungenutztem Exportpotenzial 

Grafik: Österreich-USMCA: 5 Sektoren mit dem größten ungenutztem Exportpotenzial
© WKÖ | Quelle: ITC In Mio. USD

Transatlantische Wirtschaft: EU und USA eng verflochten

Die USA weisen mit vielen Partnern Defizite auf, was in Washington regelmäßig Kritik an „unausgeglichenem“ Handel auslöst. Kanada und Mexiko haben wiederum große Überschüsse im Handel mit den USA, während gegenüber der EU die Volumina geringer sind. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten unterhalten die weltweit größte bilaterale Handels- und Investitionsbeziehung. Unter Einbeziehung von Waren, Dienstleistungen und Investitionen sind die EU und die USA mit großem Abstand die jeweils wichtigsten Handelspartner füreinander. Im Jahr 2023 belief sich der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und den USA auf 1,6 Billionen Euro. Das entspricht einem täglichen Waren- und Dienstleistungsfluss von rund 4,4 Milliarden Euro über den Atlantik.

Handelsbeziehungen EU-USA, 2023

Grafik: Handelsbeziehungen EU-USA, 2023
© WKÖ | Quelle: Europäische Kommission In Mrd. Euro

Europa ist bei weitem der wichtigste Investitionspartner der USA. Direktinvestitionen von US-amerikanischen Unternehmen machen Ende 2024 in den top fünf Zielländern, darunter vier in Europa, bereits mehr als die Hälfte der gesamten US-Direktinvestitionsbestände im Ausland aus. Den größten Auslandsinvestitionsbestand von US-Investoren verzeichnetet das Vereinigte Königreich, gefolgt von den Niederlanden und Luxemburg. Singapur und Irland vervollständigten die Top fünf. Top Herkunftsländer von ausländischen Direktinvestitionsbeständen waren Ende 2024 Japan, das Vereinigten Königreich, Kanada und die Niederlande.

US-Direktinvestitionsbestände, 2024

Grafik: US-Direktinvestitionsbestände, 2024
© WKÖ | Quelle: US Bureau of Economic Analysis In Mrd. USD

EU-Handel mit Kanada und Mexiko: Wachsende Bedeutung der Dienstleistungen

Die EU ist Kanadas zweitgrößter Handelspartner nach den Vereinigten Staaten, noch vor China, und macht fast 8 % seines gesamten Handels aus . Vor allem der bilaterale Dienstleistungshandel zwischen beiden Parteien nimmt zu. Im Jahr 2024 erreichte der Austausch von Dienstleistungen einen Gesamtwert von 48,9 Milliarden Euro, mit einem Überschuss von 8 Milliarden Euro zugunsten der EU. Zwischen 2016 und 2024 wuchs der Warenhandel zwischen der EU und Kanada um rund 65 %, während der Dienstleistungshandel sogar um 90 % stieg.

Im Jahr 2024 war die EU Mexikos drittgrößter Handelspartner nach den Vereinigten Staaten und China. Auch hier gewinnt der Dienstleistungshandel an Bedeutung. Zwischen 2013 und 2023 verzeichnete der Dienstleistungshandel zwischen der EU und Mexiko einen Zuwachs von über 158 % und hat sich damit mehr als verdoppelt. Im Dienstleistungsbereich beliefen sich die EU-Exporte nach Mexiko 2023 auf 17,2 Milliarden Euro, während die EU-Importe aus Mexiko 8,5 Milliarden Euro betrugen.

So weist die EU, im Gegensatz zu den USA, gegenüber Kanada und Mexiko eine positive Handelsbilanz im Dienstleistungsbereich auf. Insbesondere Reise- und Transportdienstleistungen bilden einen zentralen Bestandteil des Dienstleistungshandels zwischen der EU und den beiden Ländern. Darüber hinaus zählen auch unternehmensbezogene sowie IKT-Dienstleistungen zu den am stärksten gehandelten Dienstleistungskategorien.

Handelsbeziehungen EU-Kanada/Mexiko, 2023

Grafik: Handelsbeziehungen EU-Kanada/Mexiko, 2023
© WKÖ | Quelle: Europäische Kommission In Mrd. Euro

Auswirkungen der US-Zölle 

Bereits in Trumps erster Amtszeit war die Einführung bzw. Androhung von Import-Zöllen ein beliebtes wirtschaftspolitisches Instrument. Die im Jahr 2025 eingeführten Zölle übertreffen die Trump I Zölle jedoch bei weitem und gehen zum Teil sogar über die Wahlversprechen während der 2024 US-Präsidentschaftskampagne hinaus. Laut dem Yale Budget Lab stieg der durchschnittliche effektive Zollsatz für US-Importe im Jahr 2025 von 2 % auf 18 % und erreichte damit den höchsten Stand seit den 1930er Jahren, als die berüchtigten Smoot-Hawley Zölle eingeführt wurden. Bereits in Erwartung auf die Zölle haben viele US-Unternehmen ihre Importe vorgezogen und Lagerbestände aufgebaut, wodurch ein Teil der Zollkosten zunächst „umgangen“ wurde (Einsparung bis Mai 2025 bis zu 6,5 Mrd. USD). Besonders deutlich zeigte sich dieser Trend bei Pharmaimporten aus Irland und Goldimporten aus der Schweiz. Folglich ist während dieser Vorlaufphase das Handelsdefizit der USA von rund 80 Mrd. USD im Durchschnitt der Jahre 2021-2024 auf -160 Mrd. im März 2025 angestiegen. Nachdem die Zölle in Kraft getreten sind, hat sich das Defizit zudem lediglich wieder auf den Ausgangswert zurückbewegt. Der Grund für das trotz der hohen Einfuhrgebühren stabile Handelsdefizit ist, dass zusätzlich zu sinkenden Importen auch die Exporte der US-Industrie einen Einbruch erlitten haben. Zusammen mit der allgemein hohen Unsicherheit durch unvorhersehbare und häufige Zollsatzanpassungen ist die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe in den USA infolgedessen seit Anfang 2025 um rund 60 Tausend Beschäftigte eingebrochen.

Entwicklung der US-Handelsbilanz in den letzten 5 Jahren

Grafik: Entwicklung der US-Handelsbilanz in den letzten 5 Jahren
© WKÖ | Quelle: FRED, OECD In Mrd. USD, basierend auf der internationalen Warenhandelsstatistik

Im Gegensatz zu den Behauptungen der US-Regierung, die Zölle würden von den Exporteuren im Ausland getragen, zeigen Echtzeitdaten großer US-Händler seit Beginn des Jahres 2025 steigende Preise bei zollbetroffenen Gütern und ihren US-Substituten. Ein Anstieg der Einzelhandelspreise um rund 5,4 % dürfte die Verbraucherpreisinflation um etwa 0,7 %-Punkte über das sonstige Niveau gehoben haben.

Preisentwicklung importierter Güter und US-amerikanischer Alternativen seit Trumps Amtseinführung

Grafik: Preisentwicklung importierter Güter und US-amerikanischer Alternativen seit Trumps Amtseinführung
© WKÖ | Quelle: Cavallo et al. (2025) Index: 20. Jänner 2025=100

Dies dürfte jedoch nur einen geringen Teil der Zollgebühren ausmachen, da Importeure einen erheblichen Teil der Mehrkosten über sinkende Margen absorbierten, was die kurzfristige Inflationswirkung dämpfte. Sollten die Zölle längerfristig in Kraft bleiben, ist deshalb mit weiteren Preisanstiegen und damit sinkenden Realeinkommen zu rechnen.


Mexiko als Produktionszentrum in globalen Wertschöpfungsketten

Seit der Einführung von NAFTA hat Mexiko von seinem Zugang zum US-Markt profitiert und seinen Anteil an den US-Importen kontinuierlich erhöht. Seit der Unterzeichnung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens hat die Kombination aus niedrigen Lohnkosten, geografischer Nähe und präferentiellem Marktzugang Mexiko durch Nearshoring zu bedeutenden Produktions- und Fertigungszentren gemacht. So hat sich die Integration Mexikos mit den USA auch trotz einer zunehmenden geoökonomischen Fragmentierung weiter vertieft. Im Jahr 2023 wurde Mexiko zum wichtigsten Handelspartner der USA und machte 15,4 % der gesamten US-Importe aus. Damit löste Mexiko China ab, dessen Anteil seit seinem Höchststand im Jahr 2017 zurückgegangen ist.

Mexiko hat sich über die letzten Jahrzehnte stark in globale Wertschöpfungsketten (GVCs) integriert, insbesondere in Industriesektoren wie der Automobil- und Elektronikindustrie. So hat sich auch der Exportanteil am BIP seit 1988 verdreifacht. Seitdem hat sich Mexiko zu einem zentralen Lieferanten von Vorleistungsgütern und zu einem wichtigen Montage- und Fertigungsstandort für den US-Industriesektor entwickelt. Mexikos Beteiligung an globalen Wertschöpfungsketten wird vor allem durch rückwärtsgerichtete Verflechtungen geprägt, das heißt, der Anteil ausländischer Wertschöpfung an den gesamten mexikanischen Exporten ist hoch. Mexikos rückwärtsgerichtete GVC-Beteiligung gehört zu den höchsten innerhalb der OECD. Dies spiegelt eine starke Spezialisierung auf Montage- und Zusammenbauprozesse wider, die als wichtiger Motor für Exporte und Beschäftigung dienen. Im Gegensatz dazu ist Mexikos vorwärtsgerichtete Beteiligung – also der Anteil der mexikanischen Wertschöpfung, der in den Exporten anderer Länder enthalten ist – relativ gering und liegt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt.

Eine auffällige Entwicklung in Mexikos Beteiligung an globalen Wertschöpfungsketten besteht darin, dass die USA sowie auch Kanada zwar weiterhin die wichtigsten Quellen der Wertschöpfung für mexikanische Exporte bleiben, China jedoch einen kontinuierlich wachsenden Anteil an der Wertschöpfung mexikanischer Exporte übernommen hat. Der zunehmende Einfluss Chinas zeigt sich auch in den steigenden FDI-Zuflüssen, die jedoch weit unter denen der USA und anderen Top-Investoren (Spanien, Kanada, Deutschland) liegen. Mexikos GVC-Beteiligung mit Ländern Lateinamerikas bleibt hingegen begrenzt.

Mexikos wirtschaftliche Verflechtungen mit China intensivieren sich

Grafik: Mexikos wirtschaftliche Verflechtungen mit China intensivieren sich
© WKÖ | Quelle: Wirtschaftsministerium Mexiko Jährliche FDI-Zuflüsse aus China (links, in Mio. USD), jährliche Importe aus China (rechts, in Mrd. USD)

Kanadas Binnenmarkt: Abbau interner Handelshemmnisse als Chance 

Obwohl Kanada nach außen hin ein offenes Handelsland ist (mit CETA, USMCA und weiteren Abkommen), war sein Binnenmarkt lange fragmentiert. Über Jahrzehnte behinderten uneinheitliche Provinzregeln den interprovinziellen Handel: Unterschiedliche Produktstandards, Zulassungsvorschriften, Verpackungs- und Sprachauflagen (etwa in Québec) führten dazu, dass für kanadische Unternehmen der Export ins Ausland oft einfacher war als der Vertrieb in eine Nachbarprovinz. Laut einer Studie des IWF (2019) entsprachen diese Binnenhürden einem Zoll von ca. 21% – siebenmal höher als Kanadas externe Handelsbarrieren. Damit ging beträchtliches Wachstumspotenzial verloren: Schätzungen zufolge könnte eine vollständige Liberalisierung des kanadischen Binnenmarkts das BIP um bis zu 4% erhöhen (ca. 3.000 CAD pro Kopf).

Der Beitrag des Binnenhandels zum kanadischen BIP ist in den letzten vier Jahrzehnten deutlich zurückgegangen und sank von 26,7 % im Jahr 1981 auf 17 % im Jahr 2024. Zwar wuchsen die internen Ex- und Importe in diesem Zeitraum um knapp über 440 %, doch der internationale Handel expandierte deutlich schneller und verzeichnete ein Wachstum von über 900 %.

So belief sich der Anteil des Binnenhandels am gesamten Handel Kanadas im Jahr 2024 auf 34,2 %. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Provinzen. In Prince Edward Island, Nova Scotia, Manitoba sowie in den drei Territorien machte der Binnenhandel im Jahr 2023 mindestens die Hälfte des gesamten Handels aus. Im Gegensatz dazu wickelten Alberta, British Columbia, New Brunswick, Neufundland und Labrador, Ontario, Québec und Saskatchewan im Jahr 2023 mehr Handel international als innerhalb Kanadas ab. Der Binnenhandel hat sich zunehmend in Richtung Dienstleistungen verlagert. Im Jahr 1981 machten Dienstleistungen nur etwas mehr als ein Drittel (36,7 %) des Binnenhandels aus, doch dieser Anteil stieg bis 2023 auf mehr als die Hälfte (56,5 %).

Interprovinzieller Handel Kanada (ausgewählte Provinzen) im Vergleich zu Österreichs intra-EU Handel

Grafik: Interprovinzieller Handel Kanada im Vergleich zu Österreichs intra-EU Handel
© WKÖ | Quelle: Statistics Canada, Eurostat Angaben in Prozent

Seit 2017 gilt zwar das Canadian Free Trade Agreement (CFTA), doch bestanden bis vor Kurzem zahlreiche Ausnahmen. 2025 hat Ottawa den Knoten durchschlagen: Alle 53 föderalen Ausnahmen im CFTA wurden gestrichen, um einen echten binnenkanadischen Freihandel zu ermöglichen. Diese Reform öffnet insbesondere die öffentliche Auftragsvergabe und Infrastrukturprojekte für Anbieter aus dem ganzen Land. Bisher lokal begrenzte Firmen können nun landesweit bieten, was Wettbewerb und Effizienz steigert. Für ausländische Unternehmen – darunter österreichische – bedeutet das größere Marktchancen, denn ihre kanadischen Partner dürfen ohne provinzielle Sonderauflagen bundesweit agieren. Parallel dazu wird an der Harmonisierung technischer Standards und Berufsabschlüsse gearbeitet. Ein neu aufgestelltes „Committee on Internal Trade“ fördert die gegenseitige Anerkennung von Zulassungen, vereinfachte Genehmigungsprozesse und die Nutzung digitaler Schnittstellen für einheitliche Verwaltung. Davon profitieren z.B. internationale Konzerne mit Standorten in mehreren Provinzen (etwa Siemens oder SAP), da sich Lieferketten effizienter gestalten lassen und Fachkräfte leichter zwischen Regionen wechseln können.

Für die kanadische Konjunktur sind diese Schritte sehr willkommen: Ein einheitlicher Binnenmarkt dürfte Investitionen begünstigen und Kanada resilienter gegenüber externen Schocks machen. Angesichts des großen Handelsanteils mit den USA (rund 70 % der kanadischen Exporte gehen in die USA) ist die Diversifizierung nach innen wie außen eine strategische Aufgabe. Österreichischen Exporteuren bietet ein offeneres Kanada durchaus Potenzial – etwa im Maschinen- und Anlagenbau, in der Umwelttechnik und beim Bau von Infrastruktur. Wenn kanadische Firmen einfacher in anderen Provinzen expandieren können, steigt ihr Bedarf an neuen Maschinen, Software und Beratung, wo österreichische Anbieter mit Nischen-Know-how anknüpfen könnten. Die Binnenmarktreformen in Kanada verdienen daher Beachtung, zumal sie zeigen, wie externe Druckfaktoren (z. B. die von den USA wiederkehrend angedrohten Zölle) Reformimpulse für mehr Marktöffnung auslösen können.


USA als Innovationsmotor

Die USA behalten zum dritten Mal in Folge ihren Platz auf Rang 3 des Global Innovation Index. Sowohl innerhalb der Kategorie der Markt- als auch bei der Unternehmensreife belegt die USA den Spitzenplatz. Auch zählen sie zu den führenden Ländern bei F&E-Ausgaben, unternehmerischen F&E-Investoren sowie bei unternehmensgetriebener und -finanzierter Forschung. Dies unterstreicht die zentrale Rolle des privaten Sektors als Treiber von Innovation. Gestützt wird dies durch eine der eine robuste inländische Kreditvergabe an den privaten Sektor sowie eine dynamische Startup-Finanzierung. Auch Kanada schneidet im Ranking des Index vergleichsweise gut ab (17.), konnte in den vergangen zehn Jahren jedoch nicht aufholen. Trotzdem zeichnet sich das Land durch ein starkes institutionelles Umfeld, eine hochwertige Bildungs- und Forschungsbasis sowie ein lebendiges Venture-Capital-Ökosystem aus. Kanada zählt zu den führenden Volkswirtschaften in den Bereichen Marktreife, Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Industrie in der F&E sowie Late-Stage-Venture-Capital-Deals. Mexiko weist im Vergleich zu den USA und Kanada einen deutlich niedrigeren Rang auf (58.), bleibt jedoch ein starker Akteur bei handelsbezogenen Innovationsindikatoren. Das Land schneidet im Index gut bei den Exporten kreativer Güter ab und erzielt gute Ergebnisse bei Hightech-Importen, Hightech-Exporten sowie in der Hightech-Fertigung. Dies spiegelt die anhaltende Stärke seiner industriellen Basis und seines exportorientierten Modells wider.

Global Innovation Index, ausgewählte Volkswirtschaften

  Rang 2025 Veränderung seit 2015
USA 3 +2
Kanada 17 -1
Mexiko 58 -1
China 10 +19
Österreich 19 -1

Quelle: WIPO Global Innovation Index

Ein zentraler Faktor für die Innovationskraft der USA sind die sehr hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E). Sowohl der Staat als auch private Unternehmen investieren jährlich enorme Summen in neue Technologien, Forschung und angewandte Wissenschaft. Besonders Investitionen in technologieintensive Branchen wie Informationstechnologie oder Künstliche Intelligenz (KI) haben an Relevanz gewonnen. S&P Global Market Intelligence Research schätzt, dass die Rechenzentrumskapazität der USA mehr als 40 % der weltweiten Gesamtkapazität ausmacht und dieser Anteil voraussichtlich weiter wachsen wird. Der asiatisch-pazifische Raum folgt, während Europa mit deutlichem Abstand an dritter Stelle liegt.

Durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der realen Bruttoinvestitionen nach Anlagekategorie

Grafik: Durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der realen Bruttoinvestitionen nach Anlagekategorie
© WKÖ | Quelle: OECD Economic Outlook, Juni 2025 In Prozent, 2008-2022 | Anmerkung: IKT-Maschinen umfassen sowohl Computerhardware als auch Telekommunikationsausrüstung. Die OECD Europa umfasst AUT, BEL, CHE, CZE, DEU, DNK, ESP, EST, FIN, FRA, GBR, GRC, ISL, ITA, LTU, LUX, LVA, NLD, NOR, PRT, SVK, SVN und SWE


Nordamerikanische Venture-Capital-Märkte führen

Der US-amerikanische Venture-Capital-Markt ist der größte der Welt, was teilweise auf die stärkere Beteiligung institutioneller Investoren im Vergleich zu Europa zurückzuführen ist. Spätphaseninvestitionen (Late Stage) dominierten den US-amerikanischen Venture-Capital-Markt und machten im Zeitraum 2011–2020 im Durchschnitt 53 % des gesamten VC-Investitionsvolumens aus.

Venture-Capital-Investitionen als Anteil des BIP in der OECD, 2024

Grafik: Venture-Capital-Investitionen als Anteil des BIP in der OECD, 2024
© WKÖ | Quelle: Business Development Bank of Canada.

Auch Kanada weist einen vergleichsweise hohen Anteil an Venture-Capital-Investitionen auf. Im Jahr 2024 wuchsen VC-Investitionen laut der Business Development Bank of Canada um 111 % im Vergleich zum Vorpandemiezeitraum (2015-19), während die weltweiten VC-Investitionen lediglich um 27 % wuchsen. Mehr als die Hälfte aller VC-Investitionen (57 %) floss im vergangenen Jahr in den Informations- und Kommunikationstechnologiesektor (IKT). Die Life-Sciences-Branche sowie der Energie- und Clean-Tech-Sektor (ECT) belegten den zweiten und dritten Platz bei den Investitionen. Das kanadische Ökosystem bleibt weiterhin stark von ausländischem Kapital abhängig. Ausländische Investoren, insbesondere aus den USA, beanspruchen vor allem in späteren Finanzierungs- und Growth-Equity-Phasen einen größeren Anteil des Investitionsvolumens. Transaktionen, an denen ausschließlich kanadische Investoren beteiligt waren, machten 61 % der Deals aus, jedoch nur 22 % des investierten Kapitals. Im Jahr 2024 waren US-Investoren an rund einem Drittel aller Deals beteiligt, wobei dieser Anteil rückläufig ist. Vor dem Hintergrund der Unsicherheit über mögliche Zölle steigt das Risiko, dass sich ausländisches Kapital – einschließlich US-Investitionen – teilweise aus dem kanadischen Markt zurückzieht.


Geopolitische Rahmenbedingungen: Regionale Spannungen und strategische Ausrichtung 

Die wirtschaftlichen Perspektiven Nordamerikas werden auch von geopolitischen Faktoren geprägt. China spielt hierbei eine doppelte Rolle: Zum einen als Konkurrent. Zum anderen als Investitionsquelle in der westlichen Hemisphäre. Besonders Mexiko rückt in den Fokus chinesischer Investoren: Mehrere chinesische Automobilhersteller (BYD, MG Motor (SAIC), Chirey u.a.) haben angekündigt, E-Auto-Montagewerke in Mexiko aufzubauen. Sie versprechen sich davon einen „Brückenkopf“, um den US-Markt trotz amerikanischer Importzölle zu bedienen. Auch chinesische Zulieferer von Batterien und Elektronik investieren verstärkt in Mexiko und schaffen dort Arbeitsplätze. Ein Abschnitt im neuen US-Sicherheitsstrategie-Dokument (NSS 2025) der Trump-Regierung fordert hier explizit, ausländische (chinesische) Infrastrukturprojekte in Lateinamerika zu unterbinden. Diese Haltung signalisiert wachsende geopolitische Spannung in der Region.

Ein übergreifendes geopolitisches Thema ist die strategische Ausrichtung der USA: „Pivot to Asia“ vs. „Focus on Americas“. Unter Präsident Biden lag der Fokus klar auf dem Indo-Pazifik (Stärkung der Allianz mit Japan, Indien, Australien – Quad, AUKUS etc. – und Rivalität mit China). Donald Trump hingegen hat in seiner „Monroe-Doktrin 2.0“ den westlichen Hemisphärenfokus betont. Seine im Dezember 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie erklärt die Amerikas zur Priorität der US-Außenpolitik, was einen deutlichen Schwenk weg vom Asien-Pazifik-Schwerpunkt darstellt. In der Theorie könnte ein solches Umsteuern Lateinamerika und auch Kanada mehr Aufmerksamkeit (z.B. Investitionsprogramme, Handelsinitiativen) bringen. Allerdings besteht die Gefahr, dass dies primär sicherheitspolitisch motiviert ist und auf Ausschluss anderer Mächte abzielt, statt echte wirtschaftliche Kooperation zu fördern. Eine nachhaltige Entwicklung der Region erfordert Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Diversifizierung – Bereiche, in denen China zuletzt Boden gutgemacht hat, während die USA sich eher zurückhielten.

Für Nordamerika (und Österreich als Handelspartner) bedeutet dies: Eine US-Regierung mit Hemisphären-Schwerpunkt könnte versuchen, Lieferketten stärker in die Amerikas zu verlagern („Nearshoring/Friendshoring“ als Alternative zu China) und gleichzeitig politischen Druck auf Partner ausüben, sich an der Eindämmung Chinas zu beteiligen. Kanada und Mexiko müssten dann einen Balanceakt vollführen, um sowohl die Vorteile chinesischer Investitionen zu nutzen als auch die Partnerschaft mit den USA nicht zu gefährden.

Insgesamt nehmen geopolitische Unsicherheiten zwar zu, doch Nordamerika bietet gleichzeitig ein Umfeld relativer Stabilität verglichen mit anderen Weltregionen. Die jahrzehntelangen engen Verbindungen und gemeinsamen Werte der USA, Kanadas und Mexikos schaffen Vertrauensgrundlagen, von denen auch europäische Akteure profitieren. Eine stärkere panamerikanische Wirtschaftskooperation – etwa in Form eines neuen Amerikas-Wirtschaftsbündnisses, könnte zusätzliche Chancen eröffnen.


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