Blick auf  den Nil und die Brücke des 15. Mai sowie die Corniche im Zentrum von Kairo, Hauptstadt von Ägypten
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Ägypten: Wirtschaftslage

Die wichtigsten Informationen zur ägyptischen Wirtschaft – zuverlässig und aus erster Hand

Lesedauer: 6 Minuten

Aktuelle Lage: Wirtschaftsbericht 

Durch die Leistungen der Vorjahre kam Ägypten recht gut durch die COVID-19-Krise. Zwar wurde das gesteckte Ziel eines jährlichen 6 %-igen Wachstums in den COVID-Jahren nicht erreicht, aber mit einem BIP-Wachstum von 3,6 % im Jahr 2020 und 3,3 % im Jahr 2021 gab es trotz der herausfordernden Situation ein stabiles Wachstum. Um gut durch die COVID-19-Pandemie zu kommen, war ein Rettungs- bzw. Konjunkturpaket über EGP 100 Mrd. (ca. EUR 6 Mrd.) geschnürt worden. Das Jahr 2022 brachte der ägyptischen Wirtschaft aber große Herausforderungen und führte zu einer strukturellen Wirtschaftskrise. Das BIP-Wachstum war mit 6,7 % am Papier noch ordentlich, doch schon für das Gesamtjahr 2023 wurden die Wachstumsprognose auf 3,8 % gesenkt.

Die derzeitige Krise lässt an das Jahr 2016 erinnern, als aufgrund der damaligen Wirtschaftskrise ein dreijähriges IWF Hilfs- und Reformprogramm abgeschlossen und dadurch zwischenzeitlich eine wirtschaftliche Kehrtwende eingeleitet worden war. Leider zeigt sich im Frühjahr 2022, dass die Reformen nicht tiefgehend genug waren. Die durch den Ukrainekrieg befeuerte schwierige Weltwirtschaftslage zeigt ihre direkte Wirkung auf Ägypten. Besonders die steigende Weizenpreise treffen Ägypten als weltweit führenden Weizenimporteur hart. Mehr als 80 % des benötigten Weizens muss importiert werden, wobei die Ukraine und Russland die beiden maßgeblichen Lieferländer sind. Falls Russland die Getreideabkommen mit der Ukraine nicht weiter verlängert, ist vor allem die Ernährungssicherheit der ägyptischen Bevölkerung betroffen. Aus beiden Ländern kommen auch Millionen an Touristen nach Ägypten – diese Reisenden fehlen zum Großteil. Daneben schmerzt der steigende Ölpreis, da auch Benzin in Ägypten stark subventioniert wird. Garniert mit dem steigenden Zinsniveau, das Rückzahlungen für die zahlreichen Megaprojekte verteuert, steht Ägypten vor einem eklatanten Devisenmangel. Internationale Investoren haben gleich zu Beginn der Ukrainekrise reagiert und mehr als USD 15 Mrd. aus Ägypten abgezogen („Hot Money“), was die Krise weiter angefacht hat, da dieses Geld jetzt fehlt.

Besondere Entwicklungen

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat sich 2016 mit der ägyptischen Regierung sowie der ägyptischen Zentralbank auf die Auszahlung von Finanzhilfen in Höhe von insgesamt USD 12 Mrd. geeinigt. Die Summe wurde über einen Zeitraum von drei Jahren ausbezahlt. Voraussetzung für den IWF Kredit war das Memorandum of Economic and Financial Policies (MEFP), ein wirtschaftliches Reformprogramm für die nächsten Jahre. Neben den Zahlungen durch den IWF hat Ägypten auch Unterstützung durch die Weltbank in Höhe von USD 3 Mrd. sowie durch die afrikanische Entwicklungsbank in Höhe von USD 1,5 Mrd. erhalten. Darüber hinaus wurde zusätzlich zum IWF-Kredit, Kapital auf bilateralem Weg lukriert. Entsprechend schwoll die Auslandsverschuldung an.

Als Reaktion auf COVID-19 erhielt Ägypten vom IWF im Mai 2020 USD 2,772 Mrd. im Rahmen eines Rapid Financing Instrument (RFI) und im Juni 2020 USD 5,2 Mrd. im Rahmen eines Stand-By-Arrangement (SBA).

Im Dezember 2022 wurde ein neues Hilfspaket mit dem IWF abgeschlossen. Das Volumen beträgt USD 3 Mrd., zahlbar über 46 Monate. Da die ägyptische Regierung die geforderten Währungsreformen verweigert (insb. die Etablierung eines flexiblen Wechselkurses) werden 2023 weitere Zahlungen aus dem Hilfsprogramm nicht mehr erwartet. Vor allem Saudi-Arabien steht den Geldforderungen Ägyptens mittlerweile immer skeptischer gegenüber. Da Ägypten 2024 eine große Menge an Staatschulden zurückzahlen muss, wird eine weitere Abwertung des ägyptischen Pfundes erwartet, um das IWF-Programm wieder in Gang zu setzen. 

Wirtschaftsbeziehungen mit Österreich

Trotz des schwierigen Umfeldes ist Ägypten für österreichische Firmen ein sehr interessanter Markt – vor allem durch die zahlreichen Megaprojekte. Wir gehen von rund 500 Firmen aus, die regelmäßig in Ägypten Geschäfte machen. Der Exportrekord von 2016 mit EUR 283 Mio. ist weiterhin unerreicht, aber auch 2022 war sehr erfolgreich. Nach einem starken Jahr 2021 mit Exportvolumen von EUR 254,3 Mio., erreichten die österreichischen Exporte 2022 EUR 253,5 Mio. Im ersten Halbjahr 2023 betrugen die Exporte EUR 136,4 Mio., was einem Anstieg von fast 11% gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum bedeutet. Österreichs Exporte nach Ägypten sind zu einem Großteil Lieferungen für die Industrie. Nur vereinzelt gibt es Lieferungen von Konsumgütern. Das rigide Importregime gepaart mit dem Preisdruck durch die EGP-Abwertung führt leider dazu, dass unsere Exporte sich nicht wirklich nach oben bewegen. Durch die Zahlungsprobleme sind zahlreiche Lieferungen auch bereits getätigt, aber bisher nicht gezahlt worden.

Hauptexportgüter 2022 waren pharmazeutische Erzeugnisse (EUR 39,8 Mio.), Maschinen, Apparate und mechan. Geräte (EUR 38,9 Mio.), Getränke (EUR 24,6 Mio.), Waren aus Eisen und Stahl (EUR 24,4 Mio., vor allem Rohre), elektrische Maschinen (EUR 19,4 Mio.), Papier und Pappe (EUR 18,9 Mio.) optische, photographische Geräte, Mess- und Prüfinstrumente (EUR 17,1 Mio.) und verschiedene chemische Erzeugnisse (EUR 16,1 Mio.).

Wir freuen uns immer über Erfolgsmeldungen österreichischer Firmen, um die Projekte mit österreichischer Beteiligung in Ägypten auch im rechten Licht erstrahlen lassen zu können. 

Sie haben Fragen zur Marktbearbeitung Ägypten? Kontaktieren Sie uns gerne via kairo@wko.at

Geschäftschancen für österreichische Unternehmen

Ägypten hat derzeit eine Bevölkerung von circa 110 Mio. Menschen und ist damit bereits das bevölkerungsreichste Land in der MENA-Region und gemessen an der Bevölkerung das drittgrößte afrikanische Land. Schätzungen zufolge könnte dieser Wert bis zum Jahr 2050 sogar auf 140 Mio. und 2065 auf 160 Mio. ansteigen. Fast 70% der Bevölkerung ist jünger als 35 Jahre. Dies stellt die ägyptische Regierung vor große Herausforderungen, eröffnet aber auch speziell ausländischen Unternehmen Chancen, auf dem ägyptischen Markt mit hochentwickelten Technologien Fuß zu fassen. Grundproblem ist jedoch immer die Finanzierung von Projekten. Ägypten hat ein enormes Handelsbilanzdefizit, was die Wirtschaft des Landes vor allem in Krisen anfällig macht.

Ägypten hat seine Infrastruktur in den vergangenen Jahren vor allem mit Megaprojekten vorangetrieben. Das enorme Bevölkerungswachstum wird weiterhin dafür sorgen, dass gebaut wird. Die Bereiche Urban Technologies - Hochbau/Baustoffe bleiben daher interessant.

Der Sektor der Umwelttechnologie in Ägypten steht seit Jahren vor enormen Herausforderungen. Aufgrund des raschen Bevölkerungswachstum und der steigenden Urbanisierung konzentrieren sich immer mehr Menschen auf engem Raum. Dies sorgt dafür, dass die Nachfrage nach Ressourcen stetig steigt und sich die Probleme für die Umwelt vervielfachen, weshalb die ägyptische Regierung unter Zugzwang steht. Dies bietet Chancen in den Bereichen Wasser – Abwasser – Abfall.

Der Energiesektor in Ägypten hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Das Land hat neue Gasvorkommen im Mittelmeer gefunden, schafft es bereits sich selbst mit Gas zu versorgen und möchte in der näheren Zukunft als Gasexporteur die Mittelmeerstaaten versorgen. Im Strombereich hat man zahlreiche Kraftwerke errichtet, die sogar zu Überkapazitäten von rund 40 GW geführt haben. In den kommenden Jahren möchte man den Energiemix weiter vorantreiben und vor allem neue erneuerbare Energiequellen erschließen. Besonders die Herstellung von Grünem Wasserstoff soll mit Nachdruck vorangetrieben und für den Export genutzt werden. 

Öffentliche wie private Industrieunternehmen sind vermehrt dazu gezwungen sich im (Export)Wettbewerb zu beweisen und haben somit einen entsprechenden Modernisierungsbedarf der Chancen für österreichische Zulieverer, Berater etc. bringt.

Im Bereich der Krankenhaus-Kapazitäten und der lokalen Pharmaproduktion besteht in Ägypten derzeit Aufholbedarf. Die Regierung hat mit der Unified Procurement Authority (UPA) eine neue Beschaffungsagentur geschaffen, die unter anderem auch die lokale Produktion von Medizinprodukten und Pharamzeutika vorantreiben soll. Dies eröffnet neue Chancen für österreichische Technologiezulieferer und Investoren.

Statistik: Länderprofil 

Einen kurzen Überblick über die wichtigsten statistischen Daten zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bietet das Länderprofil Ägypten der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA und der Stabsabteilung Statistik. 

Wichtige Wirtschafts- und Basisdaten und Informationen für eine Vielzahl weiterer Länder finden Sie auf den jeweiligen Länderseiten sowie in der Übersicht Länderprofile weltweit.

Maßgeschneiderte Informationen

Damit Ihre Marktbearbeitung in Ägypten problemlos abläuft, hat unser Team vor Ort Informationen zu außenhandels- und investitionsrelevanten Fach- und Branchenthemen, die Sie jederzeit beim AußenwirtschaftsCenter Kairo anfordern können.

Allgemeines zu Wirtschaft, Land und Leute sowie persönliche Tipps finden Sie in unserem Länderreport Ägypten

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Stand: 29.01.2024