Energie erklärt: Merit Order
Warum ein Strommarktmechanismus wie Merit Order Oberösterreichs Wirtschaft direkt betrifft.
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Der Strompreis ist für viele Betriebe in OÖ längst mehr als eine laufende Betriebsausgabe. Für einen industriell geprägten Standort mit energieintensiven Branchen wie Metall, Chemie, Papier, Maschinenbau oder Lebensmittelverarbeitung ist er ein entscheidender Faktor für Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und Standortentscheidungen. Spätestens seit der Energiekrise 2022 steht dabei ein Begriff im Fokus: „Merit Order“.
Was steckt hinter der Merit Order?
Die Merit Order ist das zentrale Prinzip der Strompreisbildung an den europäischen Strombörsen. Kraftwerke werden nach ihren Grenzkosten gereiht, also nach den Kosten, die für die Erzeugung einer zusätzlichen Kilowattstunde anfallen. Günstige Erzeuger wie Wasserkraft, Wind und Photovoltaik stehen am Beginn, teurere Kraftwerke, meist Gaskraftwerke, am Ende.
Der Preis für Strom ergibt sich aus dem teuersten Kraftwerk, das zur Deckung der Nachfrage noch benötigt wird. Dieser Preis gilt dann für alle eingesetzten Kraftwerke, unabhängig davon, wie günstig sie tatsächlich produzieren.
Warum dieses System lange funktioniert hat
Dieses Modell ist kein Zufall, sondern Ergebnis der Liberalisierung der Strommärkte. Es sorgt dafür, dass:
- günstige Kraftwerke bevorzugt eingesetzt werden,
- der Wettbewerb funktioniert,
- Strom dort produziert wird, wo es volkswirtschaftlich effizient ist.
Für OÖ bedeutete das über Jahre hinweg verlässliche Stromversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen, eine wesentliche Grundlage für den Erfolg des Industriestandorts und seiner vielen exportorientierten Betriebe.
Was 2022 aus dem Gleichgewicht geraten ist
Mit dem starken Anstieg der Gaspreise infolge des Ukraine-
Kriegs änderte sich die Situation schlagartig. Obwohl Gas nur einen begrenzten Anteil an der gesamten Stromerzeugung hat, bestimmt es häufig als sogenanntes Grenzkraftwerk den Marktpreis. Die Konsequenz:
- Der Strompreis folgte dem Gaspreis nach oben,
- auch dort, wo der Strom überwiegend aus Wasserkraft oder anderen erneuerbaren Quellen stammt,
- und auch für Unternehmen, deren reale Erzeugungskosten sich kaum verändert hatten.
Für viele Betriebe in OÖ führte das zu:
- drastisch steigenden Energiekosten,
- eingeschränkter internationaler Wettbewerbsfähigkeit,
- verschobenen Investitionen,
- wachsender Planungsunsicherheit.
Warum die Kritik aus wirtschaftlicher Sicht zunimmt
Die zentrale Kritik richtet sich weniger gegen den Markt an sich, sondern gegen seine Krisenanfälligkeit. Ein Mechanismus, der unter normalen Bedingungen effizient ist, gerät unter Stress, wenn extreme Preisschwankungen einzelner Energieträger das gesamte System dominieren. Für einen Export- und Industriestandort wie OÖ stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie kann ein Strommarkt aussehen, der gleichzeitig marktwirtschaftlich, krisenfest und industriefähig ist?
Eine offene Debatte mit hoher Relevanz
Klar ist: Die Merit Order wird nicht einfach verschwinden. Ebenso klar ist aber, dass sie in einem Energiesystem mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien weiterentwickelt werden muss, wenn Strompreise wieder verlässlich kalkulierbar sein sollen, für Großindustrie ebenso wie für KMU.
Welche Reformansätze derzeit diskutiert werden, welche davon realistisch sind und welche Auswirkungen sie speziell für die Wirtschaft hätten, ist Gegenstand intensiver Debatten auf europäischer und nationaler Ebene. In einer der nächsten Ausgaben der OÖWirtschaft werden wir beleuchten, welche Lösungsszenarien im Raum stehen und was sie konkret für Betriebe in OÖ bedeuten könnten.