WKÖ-Präsidentin Martha Schultz im Interview mit dem Fachmagazin "Versicherungsmakler"
Mit Unternehmer:innengeist und europäischem Blick
Lesedauer: 7 Minuten
Europa, Wettbewerbsfähigkeit, Interessenvertretung und weibliche Sichtbarkeit in der Wirtschaft: Diese Themen prägen auch die Zukunft der Versicherungsmakler:innen. Martha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, spricht in ihrem Interview über die Rolle der WKÖ in Brüssel, den Wert der Sozialpartnerschaft, den laufenden Reformprozess der Kammerorganisation und die Frage, wie mehr Frauen für die Branche und für Funktionen in der Interessenvertretung gewonnen werden können.
Versicherungsmakler: Frau Präsidentin, Sie haben einmal gesagt: "Ich bin leidenschaftliche Unternehmerin und Europäerin." Was bedeutet dieses Selbstverständnis für Ihre tägliche Arbeit an der Spitze der Wirtschaftskammerorganisation?
Martha Schultz: Unternehmerisches Denken und europäische Überzeugung gehen für mich Hand in Hand. Auch wenn in einigen Bereichen nachgeschärft werden muss - Stichwort Bürokratieabbau -, bleiben die EU und der europäische Binnenmarkt als Herzstück der europäischen Integration eine zentrale Erfolgsgeschichte für Österreich. Für unsere Betriebe ist Europa wichtigster Wirtschaftsraum: 70 % unseres Außenhandels wird mit den EU-Ländern abgewickelt, maßgebliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden auf europäischer Ebene festgelegt. Es ist daher entscheidend, dass wir aktiv mitgestalten können – mit der Wirtschaftskammer sowie gemeinsam mit unseren Partnern wie Eurochambres, den Europäischen Wirtschaftskammern, wo ich seit Jahren die Anliegen der österreichischen Wirtschaft einbringe.
Gerade in Zeiten von Unsicherheit und tiefgreifendem Wandel ist die Sozialpartnerschaft das Fundament für Stabilität, Beschäftigung und Wohlstand.

Martha Schultz
Präsidentin der WKÖ
Versicherungsmakler: Wie prägt diese Verbindung von Unternehmertum und europäischem Denken Ihren Blick auf die Interessenvertretung der österreichischen Wirtschaft?
Martha Schultz: Für eine Interessenvertretung, die über nationale Grenzen hinausdenkt, ist die Verbindung von Unternehmergeist und europäischer Perspektive das Um und Auf. Österreich ist ein exportorientiertes Land, da ist dieser europäische Zugang zentral. Wir bringen die Anliegen unserer Mitgliedsbetriebe aktiv und wirksam in Brüssel ein und unterstützen mit gezielten Serviceleistungen – etwa dem Enterprise Europe Network. Gleichzeitig ist es wichtig, die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Europa und damit auch in Österreich zu stärken. Da geht es um leistbare Energiepreise ebenso wie um den Abbau von nach wie vor bestehenden Hürden im europäischen Binnenmarkt, etwa bei Dienstleistungen, sowie ganz generell um Bürokratieabbau.
Versicherungsmakler: Die Wirtschaftskammer versteht sich als starke Stimme der Unternehmer:innen. Warum ist eine organisierte Interessenvertretung gerade heute wichtiger denn je – auch im Hinblick auf wirtschaftlichen Zusammenhalt und sozialen Frieden in Österreich?
Martha Schultz: Gerade in Zeiten von Unsicherheit und tiefgreifendem Wandel ist die Sozialpartnerschaft das Fundament für Stabilität, Beschäftigung und Wohlstand. Denn sie steht für Dialog statt Konfrontation, für Lösungen statt Blockaden. Vor 80 Jahren, nach dem 2. Weltkrieg wurde die sozialpartnerschaftliche Tradition ins Leben gerufen. In der Zeit des Wiederaufbaus wurde sie zur tragenden Säule des Landes und hat sich seither besonders in Krisenzeiten als stabilisierender Faktor erwiesen, indem sie rasch pragmatische Lösungen möglich gemacht hat. Ich denke etwa an die Kurzarbeits-Regelungen in der Corona-Pandemie. Die Sozialpartnerschaft ist daher gerade jetzt wichtiger denn je.
Versicherungsmakler: Österreich gilt als Beispiel für funktionierende Sozialpartnerschaft. Welchen Beitrag leistet die Wirtschaftskammer aus Ihrer Sicht dazu, dass dieser Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Arbeitnehmervertretungen gelingt?
Martha Schultz: Miteinander reden und Kompromisse finden, in der Realität bleiben, sich an Fakten orientieren – und mit Vernunft und Augenmaß gemeinsam entscheiden. Das zeichnet alle Sozialpartner aus. Die Sozialpartnerschaft steht für das Möglichmachen von Lösungen und setzt auf einen Ausgleich von Interessen, wo andere auf Konfrontation setzen und ihre Probleme lieber auf der Straße austragen. Es geht um den gemeinsamen Willen, für alle tragfähige Lösungen zu finden, im Sinne von Wirtschaft und Beschäftigung. Das ist Jahrzehnte eingeübte Praxis und erfolgreich.
Es ist von großer Bedeutung, dass wir uns bereits in Brüssel aktiv einbringen, weil der Gesetzgebungsprozess genau dort beginnt.

Martha Schultz
Präsidentin der WKÖ
Versicherungsmakler: Viele rechtliche Rahmenbedingungen für unsere Mitglieder – die Versicherungsmakler:innen – entstehen auf europäischer Ebene. Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass die Wirtschaftskammer und ihre Fachverbände ihre Interessen auch in Brüssel aktiv vertreten?
Martha Schultz: Es ist von großer Bedeutung, dass wir uns bereits in Brüssel aktiv einbringen, weil der Gesetzgebungsprozess genau dort beginnt. Wenn nationale Interessen frühzeitig bekannt sind und Gehör finden, können wir sicherstellen, dass die Vorschriften, die später auf nationaler Ebene umgesetzt werden müssen, auch die spezifischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Mitgliedstaaten berücksichtigen. Ein frühzeitiges Einwirken erhöht die Chance auf eine sinnvolle und praxisgerechte Umsetzung der EU-Vorgaben, die den Bedürfnissen der Unternehmen vor Ort gerecht wird.
Versicherungsmakler: Gerade für kleine und mittelständische Betriebe sind europäische Regelungen oft besonders spürbar. Wie kann es gelingen, dass ihre Anliegen im europäischen Gesetzgebungsprozess ausreichend Gehör finden?
Martha Schultz: Die Wirtschaftskammer ist in mehreren bedeutenden europäischen Vereinigungen Mitglied – etwa bei Eurochambres (Europäische Wirtschaftskammern) und im europäischen KMU- und Handwerksverband SME United. Dadurch können wir die Anliegen der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Brüssel noch schlagkräftiger vertreten. Diese Mitgliedschaften ermöglichen es uns, gemeinsam mit anderen Organisationen Stellungnahmen abzugeben. Dadurch wird unsere Stimme stärker und lauter und wir können gezielt an den richtigen Stellschrauben drehen, um die Interessen der KMU europaweit zu vertreten.
Mein klares Ziel ist eine starke, schlagkräftige und serviceorientierte Interessenvertretung der heimischen Wirtschaft.

Martha Schultz
Präsidentin der WKÖ
Versicherungsmakler: Die Wirtschaftskammerorganisation befindet sich in einem Reform- und Weiterentwicklungsprozess. Welche Ziele verfolgen Sie damit und welche Aspekte sind Ihnen dabei besonders wichtig – vor allem im Hinblick auf den Nutzen für die Mitglieder?
Martha Schultz: Mein klares Ziel ist eine starke, schlagkräftige und serviceorientierte Interessenvertretung der heimischen Wirtschaft. Nicht aus Selbstzweck, sondern weil unsere Unternehmerinnen und Unternehmer angesichts vieler Herausforderungen und eines unsicheren Umfelds eine starke, wirksame Wirtschaftskammer brauchen. Mit diesem Ziel vor Augen wollen wir die gesamte Organisation – von den Fachgruppen über die Sparten und Landeskammern bis zur Bundesorganisation – gemeinsam weiterentwickeln, mitgliedernah ausrichten und ihre volle Stärke und Kompetenz konsequent zum Nutzen unserer Mitglieder einsetzen. Erste Maßnahmen werden im Wirtschaftsparlament im Juni 2026 präsentiert.
Versicherungsmakler: Als Bundesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft setzen Sie sich seit vielen Jahren für mehr Sichtbarkeit und Chancen für Unternehmerinnen ein. Unsere Initiative „Women Wanted – Frauen für die Branche gesucht“ möchte mehr Frauen für die Versicherungsbranche und für die Interessenvertretung gewinnen. Wie wichtig sind solche Initiativen aus Ihrer Sicht?
Martha Schultz: Solche Initiativen sind wichtig, weil sie sichtbar machen, was möglich ist. Viele Frauen bringen die fachliche Kompetenz und die unternehmerische Erfahrung mit – entscheidend ist, dass sie diese Chancen auch erkennen und ergreifen.
Gerade in Branchen, in denen Frauen noch unterrepräsentiert sind, braucht es solche Impulse. Sie zeigen konkrete Wege auf und machen deutlich: Diese Funktionen sind erreichbar und gestaltbar.
Versicherungsmakler: Wo sehen Sie die größten Hebel, um mehr Frauen nicht nur für die Branche zu begeistern, sondern sie auch für Funktionen in der Interessenvertretung zu gewinnen?
Martha Schultz: Ein zentraler Punkt ist, Frauen Verantwortung zuzutrauen und sie gezielt zu ermutigen, diesen Schritt zu gehen. Viele sind sehr gut vorbereitet – aber sie müssen auch bereit sein, diese Verantwortung zu übernehmen.
Der zweite Punkt ist Sichtbarkeit: Wenn Frauen in Funktionen präsent sind, wird es für andere selbstverständlicher. Und es braucht Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, sich neben dem eigenen Unternehmen auch in der Interessenvertretung zu engagieren.
Netzwerke – auf europäischer wie auf nationaler Ebene – verbinden Menschen, machen Erfahrungen zugänglich und öffnen neue Perspektiven.

Martha Schultz
Präsidentin der WKÖ
Versicherungsmakler: Sie haben unserem "Women Wanted Get Together" im Rahmen des BIPAR mid-term meetings eine Videobotschaft gewidmet: Dafür möchten wir uns herzlich bedanken. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht internationale Netzwerke und europäischer Austausch, wenn es darum geht, Frauen in der Wirtschaft und in der Interessenvertretung stärker zu vernetzen und zu fördern?
Martha Schultz: Internationale Netzwerke und der europäische Austausch sind enorm wertvoll, weil sie Perspektiven erweitern und konkrete Einblicke geben, wie andere Länder mit ähnlichen Herausforderungen umgehen. In meiner Funktion als Vizepräsidentin von Eurochambres arbeite ich eng mit Partnern und EU-Institutionen zusammen und sehe, wie wichtig dieser Austausch für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa ist.
Gerade für Frauen entstehen dadurch zusätzliche Chancen – durch Vernetzung, durch neue Zugänge und durch den direkten Erfahrungsaustausch über Ländergrenzen hinweg.
Gleichzeitig spielen auch nationale Netzwerke eine zentrale Rolle. Mit ‚Frau in der Wirtschaft‘ haben wir ein starkes Netzwerk für die über 150.000 Unternehmerinnen in ganz Österreich, das Austausch ermöglicht, Sichtbarkeit schafft und Frauen ermutigt, Verantwortung zu übernehmen.
Netzwerke – auf europäischer wie auf nationaler Ebene – verbinden Menschen, machen Erfahrungen zugänglich und öffnen neue Perspektiven. Das ist ein entscheidender Faktor, um mehr Frauen für Führungsaufgaben und Funktionen in der Interessenvertretung zu gewinnen.
Versicherungsmakler: Wir danken für das Gespräch.
Das Interview mit Präsidentin Martha Schultz erschien in der Ausgabe "Versicherungsmakler" 02/2026