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Ein älterer Mann in schwarzer Geistlichenkleidung mit weißem Kollar und Kreuzkette sitzt an einem Tisch und spricht gestikulierend mit einer Person gegenüber, die unscharf im Vordergrund zu sehen ist.
© Katholische Kirche Kärnten

Fürchtet euch nicht - aber handelt!

Bischof Josef Marketz spricht im Interview mit der Sparte Industrie über Mut in unsicheren Zeiten, Führung im Wandel und warum Sinn der entscheidende Faktor für Unternehmen ist.

Lesedauer: 4 Minuten

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02.04.2026

Herr Marketz, ein berühmtes Bibelzitat lautet „Fürchtet euch nicht“. Angesichts der geopolitischen Situation muss man sich aber fast fürchten, oder?

Josef Marketz: Ja, die aktuelle Weltlage ist äußerst besorgniserregend. Ich mache mir auch konkrete Sorgen um die geopolitischen Entwicklungen, die sich zweifellos auch auf unser Land auswirken werden. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist die Mahnung Jesu so aktuell: „Fürchtet euch nicht!“ Jesus hat damit nicht gemeint, dass wir uns mit der Situation, wie sie ist, abfinden und einfach passiv zuschauen sollten. Das Zeugnis Jesu würde dem massiv widersprechen. Er steht für eine neue Welt, in der Gottvertrauen und Nächstenliebe das höchste Gebot ist. So sehe ich es auch heute: Fürchtet euch nicht, sondern steht auf und tut das Gute, das Richtige! Zeigt mit eurem Zeugnis, dass es auch anders geht, dass der Weg von Machtphantasien, Gewalt und Ausgrenzung der falsche Weg ist und dass es Alternativen gibt. Genau so ist das Bibelwort zu verstehen und hat damit absolute Aktualität. 

Wie gelingt es Ihnen, eine Organisation mit starken Traditionen zu führen und gleichzeitig Veränderungen anzustoßen?

Es gibt den alten Spruch: Ecclesia semper reformanda! Die Kirche muss sich immer verändern. Wenn man die 2000-jährige Geschichte der Kirche Revue passieren lässt, dann ist es ein Weg der ständigen Veränderung. Das beginnt schon mit dem ersten Apostelkonzil und zieht sich bis heute. Papst Franziskus hat uns mit dem Synodalen Weg einen wichtigen Impuls zur zeitgemäßen Entscheidungsweise hinterlassen, der nicht nur für die Kirche spannend ist, sondern auch für Unternehmen und für die Politik ein gangbarer Weg wäre. 

Welche Rolle spielen Sinn und Werte heute bei der Gewinnung von Mitarbeitenden – und was können Unternehmen daraus ableiten?

Im christlichen Verständnis ist Arbeit mehr als nur Erwerbstätigkeit – sie kann als Berufung  verstanden werden. Das bedeutet: Aus christlicher Sicht entscheiden Sinn und Werte maßgeblich darüber, ob Menschen sich für eine Tätigkeit angesprochen fühlen. Wer glaubwürdig vermittelt, dass die Arbeit einen höheren Zweck erfüllt, spricht Menschen auf einer tieferen Ebene an. Christliche Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Verantwortung, Würde des Menschen, Bewahrung der Schöpfung prägen die Wahrnehmung eines Arbeitgebers stark. Gerade jüngere Generationen achten verstärkt darauf, ob Organisationen ihre Werte wirklich leben – nicht nur kommunizieren. Die Werte, die wir aus der Heiligen Schrift ableiten, haben eine immerwährende Gültigkeit. Sie sollten sich auch in unserem Handeln und in unserer Mitarbeiterführung widerspiegeln. Kurz gesagt: Menschen kommen wegen des Sinns – und bleiben wegen der gelebten Werte

Wie lässt sich wirtschaftlicher Erfolg mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Wo sehen Sie gemeinsame Schnittmengen zwischen Kirche und Industrie?

Für mich ist wirtschaftlicher Erfolg ohne gesellschaftliche Verantwortung nicht denkbar. Wir haben im Bistum auch Betriebe, die kommerziell wirtschaften müssen. Hier achten wir besonders auf Nachhaltigkeit. Ich bin überzeugt, dass verantwortungsvolle Unternehmer immer auch das Wohl der Menschen und der Gesellschaft im Auge haben sollten. Eine gute Gesundheitsversorgung, soziale Sicherheit oder gute Bildungsangebote sind wichtige Standortfaktoren. Außerdem weiß ich von meiner Tätigkeit bei der Caritas, dass Erwerbsarbeit die beste soziale Absicherung ist und mehr als das ist sie zumeist auch sinnstiftend. Insofern ist es ein nicht zu unterschätzender sozialer Wert, wenn es Unternehmen gibt, die Arbeit schaffen.

Wenn Sie Industrieunternehmen einen einzigen Rat für die Zukunft geben könnten - welcher wäre das?

Verlieren Sie niemals die Menschen aus dem Blick, für die Sie Verantwortung tragen. Damit meine ich nicht in erster Linie Ihre Shareholder, sondern Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ihre Kunden, aber auch die Menschen, die indirekt mit Ihrem Unternehmen zu tun haben, sei es durch Ihren Umgang mit der Umwelt, Ihre Verantwortung für die soziale Sicherheit oder durch die Auswirkungen, die Ihre Produkte für Menschen haben. Achten Sie weniger auf die Maximierung Ihrer Gewinne, sondern auf die Maximierung des Gemeinwohles durch Ihre Tätigkeiten. Dann werden Sie und Ihre Familie noch über Generationen hinweg von Ihren Aktivitäten profitieren. Ich weiß aber, dass gerade in Kärnten viele Unternehmer so denken und handeln. Das ist ein großer Mehrwert für dieses Land.

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