"Berufsunfähigkeit in Österreich massiv unterschätzt"
Warum fehlendes Wissen, hohe Ablehnungsquoten und falsche Annahmen viele Existenzen gefährden, erklärt Jürgen E. Holzinger vom Verein KronischKrank Österreich im Interview.
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Berufsunfähigkeit zählt zu den meist unterschätzten Risiken in Österreich - mit oft gravierenden finanziellen und persönlichen Folgen. Jürgen E. Holzinger, Experte für soziale Absicherung und Vertreter des Vereins ChronischKrank, erlebt die Auswirkungen fehlender oder verspäteter Vorsorge täglich in seiner Arbeit. Im Interview spricht er über typische Fehleinschätzungen, hohe Ablehnungsquoten im staatlichen System und warum private Absicherung für viele Menschen existenziell ist.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Fehleinschätzungen von Unternehmer:innen, wenn es um das Risiko der Berufsunfähigkeit geht?
Jürgen E. Holzinger: Im Grunde beobachten wir immer wieder dasselbe: Es fehlt schlichtweg an Wissen. Vielen ist nicht klar, wie das staatliche System tatsächlich funktioniert, wo seine Hürden liegen und welche Schwächen es hat. Aus unserer Sicht sind genau das die größten Lücken in der Aufklärung. Wenn man selbst nicht weiß, wie das staatliche System aufgebaut ist und wo die Probleme liegen, kann man betroffene Personen bzw. Kund:innen auch nicht entsprechend sensibilisieren. Man kann dann schlicht nicht erklären, warum eine private Absicherung sinnvoll oder notwendig ist.
Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach eine Berufsunfähigkeitsversicherung?
Aus unserer Perspektive - wir sitzen täglich mit Betroffenen zusammen - ist das eines der wichtigsten Absicherungsthemen überhaupt. Wir sehen, wie Existenzen zerbrechen, wie Menschen finanziell und gesundheitlich massiv leiden. Und dennoch wird das Thema in Österreich stark unterschätzt. Wenn man nach Deutschland blickt, sieht man einen ganz anderen Umgang damit. Dort ist Berufsunfähigkeit ein selbstverständliches Thema. In Österreich hingegen wird es oft verdrängt. Man spricht nicht darüber, weil viele glauben: "Mich trifft es eh nicht. Mir kann nichts passieren. Ich bin unverwundbar." Genau diese Haltung führt dazu, dass das Risiko massiv unterschätzt wird.
Wann führt eine verspätete oder gar keine Absicherung tatsächlich in finanzielle Armut?
Das ist relativ klar: Wir haben in Österreich über 70 Prozent Ablehnungsquoten bei der staatlichen Berufsunfähigkeit. Wer keine private Berufsunfähigkeitsversicherung hat, hat in vielen Fällen auch keinen Anspruch auf Rehabilitation. Diese Menschen landen dann letztlich im Sozialsystem - also in Notstand oder Mindestsicherung. Genau deshalb ist dieses Thema so enorm wichtig.
Rehabilitation wird oft als Alternative zur Berufsunfähigkeit gesehen. Wann ist das realistisch?
Die Gesetzeslage in Österreich ist so, dass jeder Antrag bei Berufsunfähigkeit zunächst als Antrag auf Rehabilitation gilt. Die PVA oder die SVS prüft zuerst, ob eine Rehabilitation zumutbar oder überhaupt notwendig ist. Das Problem: Wir haben hier eine Ablehnungsquote von rund 75 Prozent. Viele Menschen sind berufsunfähig, wollen eine Rehabilitation, möchten wieder ins Berufsleben zurückkehren - und werden trotzdem abgelehnt. Diese hohe staatliche Ablehnungsquote ist eine der größten Hürden im System.
Aus Sicht der Finanzdienstleister: Warum sollten Kund:innen frühzeitig auf das Thema Berufsunfähigkeit sensibilisiert werden - ohne Angst zu schüren?
Genau aus den genannten Gründen. Die hohen Ablehnungsquoten, die Tatsache, dass rund 75 Prozent keinen Anspruch auf Rehabilitation haben. Das bedeutet: keine staatliche Pension, keine Rehabilitation. Diese Fakten sprechen für sich und zeigen, warum eine frühzeitige private Absicherung so wichtig ist.
Umgekehrt betrachtet: Ich habe Mitarbeiter:innen, und ein:e Mitarbeiter:in ist betroffen. Wie kann ich mich als Unternehmer:in absichern?
Als Unternehmer:in eigentlich gar nicht. Bei der staatlichen Rehabilitation ist jede Person selbst verantwortlich. Da kann man als Arbeitgeber:in nichts tun. Man kann Mitarbeiter:innen lediglich darauf hinweisen, wie wichtig eine private Absicherung in diesem Bereich ist.
Ein kurzer Blick auf den Verein "Chronisch Krank": Wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?
Wir haben derzeit über 15.000 Mitglieder. Bei uns kann jede:r eine kostenlose Beratung buchen - online, persönlich oder telefonisch. Unsere Themenschwerpunkte sind unter anderem Berufsunfähigkeit, Pflegegeld, die Ablehnung von Medikamenten oder Therapien. Ein zentraler Fokus liegt auf der juristischen Arbeit: Wir unterstützen unsere Mitglieder bei Problemen mit staatlichen Behörden und vertreten sie entsprechend. Die Mitgliedschaft kostet 80 Euro pro Jahr. Dafür ist alles inkludiert - Beratung, Unterstützung und Vertretung.
Können Sie ein aktuelles Erfolgsbeispiel nennen?
Gerade im Bereich der Berufsunfähigkeit hatten wir im vergangenen Jahr rund 1.200 Klagen gegen die SVS und die PVA. Jede zweite davon haben wir gewonnen. Wenn man bedenkt, wie solche Verfahren normalerweise ausgehen - auch mit Rechtsanwält:innen - ist das eine sehr hohe Erfolgsquote.