WKOÖ stellt klar: Mehr offene Lehrstellen als Lehrstellensuchende!
Doris Hummer: Entwicklung der Lehrausbildung ist mehr als nur eine Frage des Unternehmenswillens. Pauschale Schuldzuweisungen sind Ausdruck von Unwissenheit.
Lesedauer: 3 Minuten
Die jüngsten Aussagen von Gewerkschaft und Arbeiterkammer zeichnen ein falsches Bild. Der historische Tiefstand bei neuen Lehrlingen hat unterschiedliche Gründe. „Die Entwicklung der Lehrlingszahlen ist angesichts des steigenden Fachkräftemangels tatsächlich ein Thema. Doch das lässt sich keinesfalls auf mangelndes Engagement der Betriebe zurückführen. Demografische Veränderungen, veränderte Bildungsentscheidungen, wirtschaftliche Unsicherheit und regionale Unterschiede spielen eine große Rolle.“ so WKOÖ-Präsidentin Doris Hummer.
Der historische Tiefstand bei neuen Lehrlingen hat unterschiedliche Gründe. Demografische Veränderungen, veränderte Bildungsentscheidungen, wirtschaftliche Unsicherheit und regionale Unterschiede spielen eine große Rolle.
Doris Hummer
WKOÖ-Präsidentin
Demografischer Wandel als Hauptfaktor
Ein zentraler Punkt bleibt in der von ÖGB und AK befeuerten Debatte unterbelichtet: Die Zahl der Jugendlichen sinkt seit Jahren. Weniger 15- bis 19-Jährige bedeuten zwangsläufig weniger potenzielle Lehrlinge. Unternehmen allein für den Rückgang der Lehranfänger verantwortlich zu machen, blendet diese strukturelle Entwicklung aus.
Wirtschaftliche Realität der Betriebe
Die vergangenen Jahre waren für viele Unternehmen wirtschaftlich herausfordernd: Pandemie-Folgen, Energiepreise, Inflation und eine schwache Konjunktur. Gerade kleine und mittlere Betriebe müssen genau abwägen, ob sie zusätzliche Ausbildungsplätze finanzieren können. Lehrlinge auszubilden ist keine kurzfristige Investition, sondern bindet Ressourcen personell wie finanziell. Wenn Auftragslage und Planungssicherheit fehlen, sinkt naturgemäß die Bereitschaft, neue Ausbildungsverhältnisse einzugehen.
Fachkräftemangel bleibt Realität – geeignete Bewerber fehlen
In vielen Branchen – etwa im Handwerk, in der Technik oder im Tourismus – bleiben Lehrstellen unbesetzt, weil geeignete Bewerber fehlen. Unternehmen berichten zunehmend über Defizite in grundlegenden Kompetenzen bei Bewerbern. Hier müssen Betriebe in der Ausbildung zusätzlich unterstützen, um diese Defizite auszugleichen und eine erfolgreiche Ausbildung zur Fachkraft zu ermöglichen. Oberösterreichs Ausbildungsbetriebe investieren jährlich überdurchschnittlich viel in die Weiterbildung ihrer Lehrlinge. Pro Lehrling fließen 360 Euro in überbetriebliche Qualifizierungsmaßnahmen – ein Spitzenwert in Österreich.
Matching-Problem statt reiner Angebotslücke
In Oberösterreich gibt es mit Stand Ende Jänner knapp 1.230 offene Lehrstellen. Dem stehen 1.043 Lehrstellensuchende gegenüber. Dieses Missverhältnis deutet weniger auf mangelnde Ausbildungsbereitschaft hin, sondern auf ein sogenanntes Matching-Problem: Regionale Unterschiede zwischen Wohnort und Arbeitsplatz, unterschiedliche Berufswünsche und verfügbare Lehrberufe, fehlende Mobilität oder unrealistische Erwartungen. Doris Hummer: „Eine bessere Berufsorientierung, frühere Information über Lehrberufe und stärkere Kooperation zwischen Schulen und Betrieben könnten hier wirksamer sein als pauschale Kritik.“
In Oberösterreich gibt es mit Stand Ende Jänner knapp 1.230 offene Lehrstellen. Dem stehen 1.043 Lehrstellensuchende gegenüber.
Doris Hummer
WKOÖ-Präsidentin
Qualität der Ausbildung differenziert betrachten
Doris Hummer: „Statt klassenkämpferischer Schuldzuweisungen braucht es eine gemeinsame Strategie um die duale Ausbildung attraktiver zu machen und Angebot und Nachfrage besser zusammenzuführen. Angesichts steigender Ausbildungskosten, wachsender administrativer Anforderungen und eines intensiveren Wettbewerbs um Nachwuchskräfte braucht es stabile und planbare Rahmenbedingungen für Ausbildungsbetriebe. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, die einen Großteil der Lehrstellen anbieten, sind auf verlässliche Unterstützung angewiesen. Einen Ausbildungsfonds, wie ihn die AK fordert, halten wir für den falschen Weg. Eine solche Pauschalmaßnahme geht ja völlig an der betrieblichen Realität vorbei. Ausbildungswillige Unternehmen, die aber keine Lehrlinge finden, sollen dafür auch noch bestraft werden? Das ist skurril und zeigt: diese Idee ist einfach nicht zu Ende gedacht.“
Statt klassenkämpferischer Schuldzuweisungen braucht es eine gemeinsame Strategie um die duale Ausbildung attraktiver zu machen und Angebot und Nachfrage besser zusammenzuführen.
Doris Hummer
WKOÖ-Präsidentin
Die Unternehmen investieren nämlich über die Wirtschaftskammer OÖ pro Jahr 12 Millionen Euro allein in die Lehrlingsausbildung und Berufsorientierung. Mit einem umfangreichen Beratungsangebot werden Jugendlichen, Eltern und Lehrkräfte bei der Wahl der richtigen Ausbildung unterstützt. Diese Palette reicht vom Talent Space in der WKOÖ in Linz über die Potenzialanalysen bis zur großen Messe „Jugend und Beruf“ in Wels.