Ausblick: Vorsichtig optimistisch
Langsam, aber doch, soll Österreichs Wirtschaft heuer und im kommenden Jahr an Fahrt gewinnen, so die Prognosen der Wirtschaftsforschung. Wien hat gute Voraussetzungen für überdurchschnittliches Wachstum.
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Für Euphorie ist weiterhin kein Anlass, aber die schwierigen Jahre der Rezession dürften vorüber sein, sind die Experten einhellig sicher. „Wir sehen Licht am Ende des Tunnels”, formulierte Gabriel Felbermayr, Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, bei der Präsentation der Prognosen für 2026 und 2027 knapp vor Weihnachten. Schon im zweiten Halbjahr 2025 zog die heimische Wirtschaft an, im dritten Quartal sogar überraschend stark. Vor allem die Warenproduktion legte gegenüber 2024 deutlich zu und dürfte laut Wifo weiter expandieren. Für 2025 sollte unterm Strich ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent stehen, erstmals nach den beiden Rezessionsjahren 2023 und 2024, wo laut Statistik Austria ein Minus von 0,7 bzw. von 0,8 Prozent zu verzeichnen war.
Weniger Gießkanne und bessere Anschubförderungen sind notwendig.

Walter Ruck
Präsident der Wirtschaftskammer Wien
Wie das Wifo sehen auch das Institut für Höhere Studien (IHS) und die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) für heuer und das kommende Jahr eine Fortsetzung und Verstärkung dieser Aufwärtsentwicklung. Mit erwarteten Wachstumsraten von 0,8 bis 1,4 Prozent handle es sich dabei zwar nicht gerade um einen stürmischen Aufschwung, aber die Expansion sei breit aufgestellt, so Felbermayr. „Alle Sektoren dürften leicht wachsen.”
Arbeitslosigkeit bleibt hoch, Inflation sinkt nur langsam
Auf den Arbeitsmarkt wird das jedoch vorerst keine nachhaltige Auswirkung haben. Die Experten sehen erst für 2027 einen leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit. Dabei sinkt die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis dahin sogar um rund 20.000 Personen. Das dürfte laut Wifo aber durch die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Personen mit Migrationshintergrund ausgeglichen werden. Was die Inflation anbelangt, wird zu Jahresbeginn der Umstand inflationsdämpfend wirken, dass im Gegensatz zu vorigem Jänner keine energiepreisdämpfenden Maßnahmen wegfallen. Dieser Schritt hatte ja Anfang 2025 die Inflation in die Höhe getrieben. Generell rechnen Österreichs Wirtschaftsforscher allerdings mit nur einem langsamen Abklingen der Teuerung. Auch für 2027 liegen Wifo und OeNB mit ihren Prognosen über dem Inflations-Zielwert von zwei Prozent, das IHS geht von 1,9 Prozent aus.
International an Boden verloren
Auch wenn die Wirtschaftsforschung wieder zuversichtlicher ist: Ein kräftiger Aufschwung ist nicht in Sicht. Die Erholung stehe noch „auf tönernen Füßen”, so IHS-Chef Holger Bonin. Ein Grund ist die unsichere Entwicklung der Exporte. Denn die heimische Wirtschaft hat in den letzten beiden Jahren international an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Das IHS erwartet für 2025 einen Rückgang der Exporte von 1,6 Prozent gegenüber 2024. Vom an sich kräftigen Wachstum der Weltwirtschaft – plus 3,1 Prozent in 2025 – konnte unser Land nicht profitieren, dieses fand vor allem in Asien statt. Moderate Lohnabschlüsse könnten jedoch wieder für Export-Aufwind sorgen. Unsicherheitsfaktoren sind allerdings die derzeitige protektionistische US-Zollpolitik und die holpernde Wirtschaftsentwicklung von Österreichs wichtigstem Handelspartner, Deutschland.
Auch Monika Köppl-Turyna, Direktorin des Forschungsinstituts EcoAustria, sieht Österreich international unter Druck. „Hohe Abgaben, steigende Standortkosten, Fachkräftemangel und geopolitische Unsicherheiten bremsen die Exportdynamik”, sagt sie. Gleichzeitig verfüge unser Land aber über Stärken, insbesondere in technologisch anspruchsvollen Bereichen wie Green Tech oder in der Pharmaindustrie. „Diese Kompetenzen müssen gezielt genutzt und neue Exportmärkte über den EU-Binnenmarkt hinaus erschlossen werden, etwa in China, ausgewählten Staaten des Nahen Ostens und in Südamerika.” Zudem hält es Köppl-Turyna für empfehlenswert, vor allem KMU gezielt bei Exportfinanzierung und Markterschließung zu unterstützen – eine Serviceleistung, die die Außenwirtschaftsorganisation der Wirtschaftskammern seit Jahren mit viel Engagement und Erfolg anbietet.
Investitionen und Konsum mit Luft nach oben
Eine positive Exportentwicklung könnte auch die Investitionstätigkeit beflügeln, die noch unter dem Niveau von 2019 liegt. Dieses Thema müsse in der Industriestrategie der Politik eine wesentliche Rolle spielen, so Wifo-Chef Felbermayr. „Investitionen, die heute nicht passieren, schmälern das potenzielle Wachstum und den Zuwachs an Produktivität.” Der private Konsum wurde bisher von der hohen Inflation und der allgemeinen Unsicherheit gebremst, sodass das Kaufverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten die Entwicklung der Wirtschaft nur moderat beflügeln konnte. Zwar sollte die Sparquote in den nächsten zwei Jahren sinken – das IHS erwartet einen Rückgang von derzeit zwölf auf neun Prozent. Die Zuversicht in der Bevölkerung sei aber noch nicht dort, wo man sie gerne hätte, und könne jederzeit wieder durch geopolitische Schocks beeinflusst werden, betonen die Wirtschaftsforscher.
Staatsausgaben müssen sinken
Warum er das Konjunkturbild für „nach wie vor fragil” halte, erklärte IHS-Chef Bonin einerseits mit den Unsicherheiten am Weltmarkt, wie eben der unberechenbaren Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump, die eine starke Hürde auch für die Stabilität der heimischen Wirtschaft darstelle. Aber auch die Sicherheitspolitik werde Europa viel abverlangen und viel Spielraum und Ressourcen brauchen, so der Experte. Zudem sei unsicher, wie sich die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft entwickle. Und nicht zuletzt hänge vieles an der Entwicklung der öffentlichen Finanzen, ist sich die Wirtschaftsforschung einig. Das heimische Budgetdefizit lag 2025 deutlich über dem in den Maastricht-Kriterien definierten Zielwert von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Man müsse daher bei der Budgetkonsolidierung „einen Zahn zulegen”, formulierte Wifo-Chef Felbermayr. Er fordert vor allem ausgabenseitige Maßnahmen, denn: „Seit 2019 ist die Staatsausgabenquote um 16 Prozent gestiegen, das BIP aber nur um 3,5 Prozent.”
Wien über dem Bundesdurchschnitt
Wiens Wirtschaft hat sich wie schon 2024 auch im Vorjahr besser entwickelt als ganz Österreich. Die Bank Austria rechnet für 2025 mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1,0 Prozent, für ganz Österreich nur mit 0,3 Prozent. „Das liegt einerseits daran, dass urbane Gebiete wirtschaftlich bevorzugt sind. Auf der anderen Seite ist es uns gelungen, die Heterogenität des Wirtschaftsstandorts Wien zu stärken”, betont Walter Ruck, Präsident der WK Wien. „Die Vielfalt der Branchenverteilung, aber auch der Unternehmensgrößen in Wien reduziert das Klumpenrisiko und hilft uns vor allem, wenn die Zeiten nicht so leicht sind.” Ruck ist überzeugt, dass Wien sich auch 2026 wirtschaftlich besser entwickeln wird als Gesamtösterreich. Dies werde auch durch die Wirtschaftsforschung bestätigt.
Weniger Bürokratie, gezielter fördern
Was die heimische Wirtschaft laut Ruck dagegen bremst, sind die hohe Inflation – die er als „so nicht akzeptabel” bezeichnet – und die Bürokratie. Bei letzterer gäbe es nun wenigstens erste Schritte zu einer Reduzierung durch die Regierung. Auch im Förderregime müsse zielgerichteter vorgegangen werden. „Weniger Gießkanne und bessere Anschubförderungen sind notwendig”, so Ruck.
„Es braucht eine spürbare Senkung der Standortkosten und bessere Bedingungen für Innovation und Wachstum.”Monika Köppl-Turyna, Direktorin Forschungsinstitut EcoAustria
Dafür braucht es vor allem eine spürbare Senkung der Standortkosten sowie effizientere und verlässliche Genehmigungsverfahren. Investitionen werden nur dann anspringen, wenn Abgaben gesenkt, die Förderlandschaft vereinfacht und regulatorische Hürden abgebaut werden. Gleichzeitig braucht es bessere Rahmenbedingungen für Innovation und Wachstum, etwa durch besseren Zugang zu Eigenkapital und einen funktionierenden europäischen Kapitalmarkt.
UND WIE LÄSST SICH DIE INFLATION DAUERHAFT SENKEN?
Das erfordert vor allem strukturelle Maßnahmen. Der starke Preisanstieg bei Energie war großteils ein Einmaleffekt, zeigt aber die Bedeutung eines schnelleren Ausbaus erneuerbarer Energien, der Netze und Speicher sowie einer stärkeren Integration des europäischen Strommarkts. Im Dienstleistungsbereich ist der Preisdruck vor allem nachfragegetrieben, nicht zuletzt durch umfangreiche staatliche Stützungsmaßnahmen nach dem Prinzip „koste es, was es wolle“, die die Kaufkraft hochgehalten haben. Am Wohnungsmarkt können Preisdeckel kurzfristig dämpfend wirken, verknappen aber langfristig das Angebot und erhöhen damit den Preisdruck. Entscheidend ist eine preisstabilisierende Geld-, Lohn- und Budgetpolitik, um neue Inflationsimpulse und Zweitrundeneffekte zu vermeiden.
WANN WIRD DER ANGEKÜNDIGTE BÜROKRATIEABBAU WIRKEN
Bürokratieabbau wirkt nicht über Nacht, kann aber rasch Vertrauen schaffen, wenn er sichtbar und messbar umgesetzt wird, etwa durch One-Stop-Shops, weniger Berichtspflichten und klare Fristen. Spürbare Effekte auf Investitionen und Wachstum sind binnen sechs bis 18 Monaten zu erwarten. Entscheidend ist, wie stark Verfahren tatsächlich verkürzt und Rechtsunsicherheit reduziert wird.