Der einmalige Klang der Selbstständigkeit
Wien verzeichnet aktuell einen Gründerboom, denn 2025 gab es so viele Neugründungen wie noch nie in einem Jahr. Hauptmotive für den Schritt in die Selbstständigkeit sind mehr Freiheit und Flexibilität.
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Selbstständig zu sein ist toll”, sagt Nils Luef: „Man hat so viele Möglichkeiten und kann wirklich alles in seinem Bereich machen”, schwärmt der 27-jährige Instrumentenbauer. Nach seiner Ausbildung an der HTBLA in Hallstatt absolvierte er einige Praktika und war zudem ein Jahr als Baumschneider und -pfleger angestellt. Ein Arbeitsbereich, der es Luef übrigens auch sehr angetan hat. „Ich hätte in dieser Firma weiter als Angestellter arbeiten können, aber dann wäre für den Instrumentenbau kaum oder gar keine Zeit mehr geblieben”, schildert Luef. Ein Dilemma, das ein Angestelltenverhältnis mit sich bringt.
Mit der Meisterprüfung und den notwendigen Berechtigungen als Forstunternehmer in der Tasche entschloss er sich 2025, sich selbstständig zu machen, um die nötige Flexibilität zu haben, um beiden beruflichen Leidenschaften nachzugehen.
Wien ist der beste Platz für Wirtschaftstreibende und die, die es werden wollen.

Walter Ruck
Präsident der WK Wien
Gründerboom - Selbstständigkeit aus Überzeugung
Eine Entscheidung, mit der Luef im Vorjahr nicht allein war. Denn mit 10.995 Neugründungen gab es 2025 in Wien so viele Gründungen wie noch nie innerhalb eines Kalenderjahres. Die meisten - rund ein Drittel - entfielen auf das Gewerbe und Handwerk, gefolgt von der Sparte Information & Consulting.
Übrigens verzeichnete man mit rund 40.000 Neugründungen auch österreichweit einen neuen Rekord. Doch ein Viertel aller neuen Unternehmen entstanden damit in der Bundeshauptstadt. Die hohe Dynamik bei den Neugründungen basiert klar auf Optimismus und Chancenorientierung, wie eine aktuelle Befragung des Wirtschaftskammer-Gründerservice zeigt. Denn als Hauptgrund für den Weg in die Selbstständigkeit wird von den meisten (73 Prozent) die höhere Flexibilität und Freiheit in der Lebens- und Zeitgestaltung genannt.
Fast genauso viele geben an, ihr eigener Chef sein zu wollen. Rund 60 Prozent sind der Meinung, die Verantwortung, die sie zuvor im Angestelltenverhältnis getragen haben, nun im eigenen Unternehmen besser einbringen können. Und rund 16 Prozent hegten schon immer den Wunsch, sich selbstständig zu machen.
Kindheitstraum „Café WG”
Zu letzterer Gruppe zählt Anna Adelmann. „Schon damals beim Spielen mit Barbies war ich immer Kaffeehausbesitzerin”, erzählt die 28-Jährige. Einen gemütlichen Platz zu schaffen, an dem sich alle Gäste wohl fühlen und wo Menschen zusammenkommen, fast wie in einem zweiten Wohnzimmer - mit dieser Motivation gründete sie die „Café WG” in der Leopoldstadt. Zuvor absolvierte Adelmann Ausbildung und Studium im Bereich Tourismus und arbeitete einige Jahre in der Gastronomie. „Ich habe jeden Job, den ich für mein Café brauche, selbst mal gemacht, von Küche und Service bis zur Rezeption oder Consulting, um für mich die besten Erfahrungen mitzunehmen.” Im Mai 2025 kündigte sie schließlich ihren bisherigen Beruf als Consultant, absolvierte den AMS-Gründerkurs und arbeitete nebenbei an ihrem Businessplan, ehe sie die „Café WG” im Oktober 2025 eröffnete. Mittlerweile beschäftigt sie drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geringfügig.
Herausforderungen angenommen
Adelmann sah sich jedoch auch mit Herausforderungen konfrontiert: „Bei der Besichtigung der ersten Räumlichkeit gab es Probleme mit dem Vormieter. Dann habe ich zum Glück dieses Lokal gefunden, das viel besser zu mir passt. Die Challenge beim Gründen ist, dass einen niemand zu 100 Prozent an der Hand nimmt, sondern dass man sich viele Infos zusammenpicken muss. Ein großer Pluspunkt ist mein großes Netzwerk mit Leuten, die mich unterstützen.” Für 2026 setzt sich Anna Adelmann zum einen das Ziel, schwarze Zahlen zu schreiben, und zum anderen, ein Nachbarschaftscafé mit guter Stimmung zu sein oder zu werden. „Ich sehe mich hier alt werden”, so die Jungunternehmerin.
Persönliches Wachstum
Herausforderungen und Unsicherheiten bringt der Weg in die erste Selbstständigkeit wohl so gut wie immer mit sich. Nils Luef: „Ich hatte viel Angst, dass das alles nicht hinhaut. Denn Kundenstamm hatte ich vorab keinen”, erzählt der Kunsthandwerker: „Aber ab dem Zeitpunkt, ab dem ich mich selbstständig machte, waren die Aufträge plötzlich da”, freut sich Luef. Den meisten Teil des Umsatzes verdankt er aktuell Reparaturen von Musikinstrumenten und Kooperationen mit Branchenkollegen wie auch Musikgeschäften. Denn der Instrumentenbau selbst ist aufwändig und langwierig: „Ich brauche ein Jahr, um ein Instrument zu bauen”, beschreibt Luef, der sich übrigens auf Gitarren spezialisiert hat.
Anderen Gründerinnen und Gründern rät er, darauf zu vertrauen, dass das Wachstum schrittweise kommt. „Man muss nicht von heute auf morgen alles perfekt können, was man für die Selbstständigkeit braucht”, so Luef: „Es gibt nur ein paar Fakten wie auch Rechtliches, auf das man genau achten muss. Für den Rest muss man kein Genie sein.” Ein weiterer Lerneffekt war für ihn die Zeiteinteilung. „Es ist toll, dass man arbeiten kann, wann man will. Aber genauso wie Angestellte sollte man Freizeit konkret einplanen”, rät der Kunsthandwerker.
Das richtige Mindset zählt
Denn neben dem fachlichen Know-how ist die richtige geistige Haltung ein Teil des Erfolges. „Das entrepreneurial Mindset”, wie es Monique Schlömmer, Head of Operations des Entrepreneurship Centers der WU Wien, nennt. „Probleme werden dabei nicht nur erkannt - denn das gelingt vielen von uns -, sondern es wird vor allem die Chance darin gesehen, etwas zu machen und wirklich proaktiv zu verändern”, ergänzt Schlömmer. Doch kann man lernen, so zu denken und zu handeln? „Wir bekommen häufig die Frage gestellt, ob man als Unternehmerin oder Unternehmer geboren wird”, so Schlömmer: „Freilich gibt es Personen, die von Natur aus fürs Unternehmertum wichtige Persönlichkeitseigenschaften stärker mitbringen als andere. Als Hochschule sind wir aber davon überzeugt, dass man es auch lernen kann.”
Nichtsdestotrotz rät sie allen Gründungsinteressierten, sich genau vorzubereiten (siehe Interview weiter unten). „Wichtig ist, das Problem, das ich lösen will, genau zu kennen. Nur so kann ich herausfinden, ob meine Idee dafür tatsächlich genau richtig ist, oder ob ich an dieser noch etwas verändern muss.”
Bedingungen weiter verbessern
„Wien ist der beste Platz für Wirtschaftstreibende und die es werden wollen”, freut sich WK Wien-Präsident Walter Ruck über den Gründerboom in der Bundeshauptstadt: „Auch die Steigerung ist mehr als beeindruckend, bewegen wir uns doch seit Jahren bei den Neugründungen auf einem hohen Niveau. Das beweist eindrucksvoll, wie attraktiv unser Standort für Menschen mit Ideen, Mut und Unternehmergeist ist”, so Ruck. Denn die aktuellen Daten zeigen, dass Wien nicht nur jene anzieht, die ihre Idee in ein Unternehmen verwandeln möchten, sondern ihnen auch ein Umfeld bietet, in dem diese Unternehmen nachhaltig wachsen können.
Neugründungen sind darüber hinaus wichtig für den Wirtschaftsstandort, wie die volkswirtschaftlichen Zahlen sehr eindrucksvoll zeigen. Denn neue Unternehmen erzeugen in Wien eine direkte Wertschöpfung von 896 Millionen Euro, was 0,84 Prozent der gesamten Wertschöpfung entspricht. Inklusive der vor- und nachgelagerten Bereiche ergibt sich ein gesamter Wertschöpfungseffekt von 1,5 Milliarden Euro.
Ein Selbstläufer ist diese positive Entwicklung jedoch nicht. Um diesen Schwung fortzusetzen und nachhaltig zu sichern, fordert die WK Wien weitere Entlastungen für Gründende und Jungunternehmer. Dazu zählen gezielte Verbesserungen in Gründungsprozessen und der Finanzierung. Etwa sollen Unternehmensgründungen für alle Rechtsformen durchgehend auf digitalem Weg abgewickelt werden können, was angehenden Selbstständigen Zeit erspart und den bürokratischen Aufwand reduziert. Darüber hinaus fordert die WK Wien, die Kleinunternehmergrenze auf 85.000 Euro anzuheben, den angekündigten rot-weiß-roten Dachfonds rasch umzusetzen und einen Beteiligungsfreibetrag von mindestens 100.000 Euro je Investor, um Start-ups die Finanzierung zu erleichtern.
Feedback-Schleifen sind enorm wichtig, um Ressourcen zu sparen.
Monique Schlömmer
Head of Operations, Entrepreneurship Center, WU Wien
Monique Schlömmer, Head of Operations, Entrepreneurship Center, WU Wien, im Interview
Viele kommen mit einer Idee zu uns, ohne über das dahinterstehende Problem genau Bescheid zu wissen. Es ist aber wahnsinnig wichtig, das Problem, das ich lösen will, genau zu kennen. Nur dann kann ich herausfinden, ob meine Lösung dafür tatsächlich genau richtig ist oder ob ich noch etwas an dieser verändern muss.
Doch wie lerne ich ein Problem richtig gut kennen?
Zum einen muss ich mich wirklich auf das Problem fokussieren und es verstehen lernen. U. a. welche Zielgruppe ist betroffen? Oder inwiefern sind bestehende Lösungen unzureichend? Daher ist es wichtig hinauszugehen, mit Leuten zu sprechen und diese Rückmeldungen möglichst schnell einzuarbeiten. Gründen ist ein iterativer Prozess, solche Feedback-Schleifen sind enorm wichtig. So spart man sich viel Zeit, viele Ressourcen und viel Herzschmerz - denn als Gründer hängt man natürlich schon auch sehr stark an dem Projekt.
Worauf ist zu achten, wenn man im Team gründet?
Man gründet in der Regel nicht allein, und das ist gut. Denn es ist mit viel Arbeit verbunden. Außerdem ist es auch gut, Sparring zu haben. Zudem ist es wichtig, dass man sich so aufstellt, dass das Team alle Kompetenzen hat, um die Idee umzusetzen. Und es muss auch menschlich passen, denn man verbringt sehr viel Zeit mit seinen Co-Gründern, wenn das Unternehmen funktionieren soll. Daher sollte man sich die sehr gut aussuchen.