Die wahren Kenner der Stadt
Wien mit anderen Augen entdecken: Die Wiener Fremdenführerinnen und Fremdenführer zeigen Einheimischen und Touristen die schönsten Plätze der Stadt - und haben es dabei nicht immer leicht.
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Im Bild: Fremdenführerin Jeong A Ban führt Wien-Touristen mit Begeisterung durch die Stadt
Mehr als 20 Millionen Nächtigungen haben Wiens Beherbergungsbetriebe 2025 gezählt - ein neuer Rekordwert und um 40 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Im selben Zeitraum ist die Zahl der Gästeankünfte von 6,6 Millionen Menschen auf zuletzt 8,6 Millionen Menschen gestiegen. Ein Boom, von dem auch die Wiener Fremdenführerinnen und Fremdenführer profitieren. Sie sind wahre Kenner der Stadt und touristische Aushängeschilder, die den Gästen authentische und bleibende Eindrücke von Wien vermitteln. „Wir sind die Visitenkarte Wiens”, formuliert es Gerti Schmidt, Obfrau der Wiener Fachgruppe der Freizeit- und Sportbetriebe, zu denen auch die Fremdenführer zählen. Schmidt ist selbst seit 30 Jahren als Fremdenführerin in Wien unterwegs und macht vor allem individuelle Führungen für Paare, Familien und kleinere Gruppen, vorzugsweise aus den USA, Kanada und dem Vereinigten Königreich.
Wir haben ein Imageproblem: Wer noch nie gut geführt wurde, weiß nicht, was wir leisten.

Gerti Schmidt
Branchenobfrau der Wiener Fremdenführer
Was Gäste von einem Guide erwarten, habe sich verändert, sagt Schmidt. „So individuell, wie die Menschen sind, so individuell wollen sie auch geführt werden.” Anfragen für Spezialführungen habe es früher nur im Luxussegment gegeben, heute sei das gang und gäbe. Klar gebe es nach wie vor das Standardprogramm - klassisches Wien vom Steffl bis zu Schönbrunn mit Stadtrundfahrt und City-Spaziergang. Daneben sei aber eine unendliche Vielfalt an Spezialführungen entstanden - von Touren zu gruseligen und sündigen Orten über Einblicke ins queere Wien bis zu Führungen durch die Außenbezirke.
Sightseeing wird individueller
Dass es bei den Touristen einen Wandel hin zu mehr Flexibilität und Individualität gibt, bestätigt auch Mariya Katelieva, Lektorin für Destination Management & Sustainability an der FHWien der WK Wien: „Viele Gäste erwarten sich authentische und kulinarische Erlebnisse in versteckten Seitengassen. Auch Einheimische aus Wien und Niederösterreich nehmen die Touren der Fremdenführer gerne in Anspruch.” Einblicke in die Grätzeln abseits der klassischen Routen und Besucherströme auch in Randbezirke zu lenken, sieht Katelieva als zwei wichtige Ziele von geführten Touren (siehe auch Interview Seite 8).
Besuche aus Fernost
Wie vielfältig und schön unsere Stadt ist, weiß auch Jeong A Ban. Über die von ihr ins Leben gerufene Webseite „Guiderang” bietet die gebürtige Koreanerin Führungen und Touren für Individual- und Gruppenreisende aus ihrem Geburtsland an. Zudem arbeitet sie mit verschiedenen Incoming-Reisebüros zusammen. Vor der Geburt ihrer Kinder fuhr sie mit Gruppen durch ganz Österreich, aktuell sind ihre Fremdenführer-Tätigkeiten quasi auf Wien beschränkt. „Ich reise sehr gerne und mag das an meinem Beruf sehr”, sagt Ban lächelnd: „Und es ist toll, immer wieder neue Leute kennenzulernen.” Sie selbst kam als Teenager nach Österreich und begann nach der Matura ein Architekturstudium, bis sie sich für eine Fremdenführer-Ausbildung entschied. „Daher weiß ich viel über Architektur, auch in Verbindung mit Kultur”, sagt Ban, die diese Stärke auch bei ihren Führungen einzusetzen weiß. „Das Hundertwasserhaus zeige ich den Gästen sehr gern, genauso wie den Stephansdom. Außerdem mache ich Innenstadtführungen zu Fuß, was bei den Gästen sehr gut ankommt.” Eine Pause gibt es dann in einem der vielen Cafés, wo sie den Reisenden zugleich die Wiener Kaffeehauskultur näherbringt. „In Korea wird auch gern Kaffee getrunken, aber man bereitet ihn dort anders zu”, so Ban.
FREMDENFÜHRER
Reglementiertes Gewerbe, vermitteln fundiertes Wissen über bestimmte Orte oder Sehenswürdigkeiten; arbeiten selbst Touren aus oder wickeln für Reiseveranstalter am Zielort Touren mit Reisegruppen ab.
REISELEITER
Freies Gewerbe; leiten im Auftrag eines Veranstalters den Reiseablauf, stellen die Durchführung des Programms sicher, organisieren die Logistik, sind Ansprechpartner für Reisende. Reiseleiter dürfen keine Führungen übernehmen.
Doch welche Wiener Sehenswürdigkeiten sind bei Koreanerinnen und Koreanern besonders beliebt? „Schönbrunn ist Pflicht, das wollen alle sehen”, sagt Ban. Auch das Belvedere stehe hoch im Kurs, was vor allem an den hier ausgestellten Klimt-Gemälden liegt, die in Korea gerade einen Hype erleben. Anders als bei Reisenden aus anderen asiatischen Ländern, ist es nicht nur den wohlhabenden Koreanerinnen und Koreanern vorbehalten, Österreich zu besuchen, sondern allen Einkommensschichten möglich. Denn die Fremdenverkehrsbüros vor Ort bieten Reisen für alle Budgets an. Beliebt sind zudem anlassbezogene Reisen. „Ich mache oft Individualführungen für Koreanerinnen und Koreaner, die ihre Flitterwochen in Wien verbringen”, erzählt Ban.
„Man muss die Stadt lieben”
Individualführungen für Familien oder kleine Gruppen bietet auch Maria Pickman an. Sie arbeitet seit 2014 als Fremdenführerin. Zum Beruf kam sie eher zufällig als Studentin. „Ein Freund hat mir damals begeistert vom Vorbereitungslehrgang für die Befähigungsprüfung erzählt.” Sie meldete sich an, absolvierte die Prüfung - und blieb bei dem Beruf, der ihr sehr viel Freude macht. Neben individuellen Touren durch das klassische Wien, die sie vor allem mit russischsprachigen Familien und Kleingruppen macht, führt Pickman heute auch viele Gruppen- und Schiffsreisende zu den touristischen Hotspots der Stadt. Beides habe seine Klientel. „In der Kleingruppe sind die Führungen aber privater, man kann auf die Wünsche der Kunden eingehen und ist für sie auch Bezugsperson”, so die Fremdenführerin. Manche werden sogar zu Stammkunden und lassen sich bei jedem Wien-Trip von Maria Pickman neue Seiten der Stadt zeigen. Was einen guten Guide ausmacht? „Man muss die Stadt und ihre Geschichte lieben. Und man muss aufeinander Rücksicht nehmen - auf die Gäste, die Wienerinnen und Wiener und auf die Stadt.” Das beginne schon dabei, mit Reisegruppen nicht ganze Gehsteige oder Eingänge zu blockieren. Als Wien-Guide sei es auch ihr Job, derartige Irritationen zu vermeiden - die Basis für ein gedeihliches Miteinander.
Im Job sei Kreativität sehr wichtig. „Jeden Tag dasselbe zu erzählen, ist ja auch für mich fad”, sagt die Fremdenführerin, die laufend ihr Wissen erweitert und regelmäßig an Weiterbildungen teilnimmt. Dort entdecke sie neue Aspekte der Wiener Geschichte und Kultur, die sie dann vertieft und in ihre Touren aufnimmt. „Führungen sind ja kein vorgeschriebenes Theaterstück. Wir können sie jeden Tag anders gestalten”, sagt sie. Die Art der Präsentation sei für Fremdenführer jedenfalls genauso wichtig geworden wie das Fachwissen.
Am Image arbeiten
Nur Jahreszahlen und allgemein Bekanntes vorzutragen, reiche längst nicht mehr aus, sagt auch Branchenobfrau Schmidt, „das können die Leute auch googeln.” Man müsse die Stadt in ihrer Gesamtheit kennen und auch das klassische Wien mit viel „Rundherumwissen” präsentieren. Eines der zentralen Anliegen von Schmidt ist es, das Branchenimage ins rechte Licht zu rücken: „Wer noch nie eine gute Führung miterlebt hat, weiß nicht, was wir leisten”, sagt sie. Auch Pfuscher ohne den richtigen Gewerbeschein sind der Branchenobfrau ein Dorn im Auge. Denn unredliche Mitbewerber würden „durch Unprofessionalität und oft mangelnde Qualität die ganze Berufsgruppe verunglimpfen”.
Lücken in manchen Sprachen
Seit 2015 ist die Zahl der Fremdenführer in Wien - abgesehen von einer Corona-Delle - um fast ein Viertel gewachsen. Die Branche könne ruhig weiterwachsen, findet Schmidt. Sie ortet noch Lücken in einigen Sprachen - „etwa Spanisch und Portugiesisch für Gäste aus Südamerika.” Auch Asien wird spannender. So gebe es steigenden Bedarf an Guides, die Mandarin sprechen - vor allem, weil laut Schmidt in dieser Sprache während Corona viele aufgegeben haben und nicht wiedergekommen sind. Den eigenen Berufskolleginnen und -kollegen rät die Branchenobfrau, den Qualitätsanspruch hochzuhalten, Top-Service zu bieten und Kundenpflege zu betreiben. Denn Mundpropaganda sei oft das wichtigste Marketingtool - für die oder den Einzelnen und für die gesamte Branche. „Unser Anliegen ist, Wien als Vorzeigestadt für Qualitätstourismus zu positionieren. Dafür arbeiten wir mit allen touristischen Stakeholdern zusammen”, betont sie.
„Wien hat eine starke Ausgangslage als Kulturmetropole. Auch Einheimische nehmen die Touren gern in Anspruch.”Interview mit Mariya Katelieva, Lektorin Tourism & Hospitality Management, FHWien der WK Wien
Die Gäste wollen mehr Flexibilität und Individualität. Touristen aus den USA und Asien, die Wien nur einmal im Leben besuchen, möchten das Pflichtprogramm machen, den Stephansdom, das Schloss Schönbrunn und den Prater besuchen. Viele Gäste aus Deutschland, die schon zum vierten oder fünften Mal in Wien sind, erwarten sich jedoch authentische Erlebnistouren im Grätzel und wollen das Ambiente der Stadt erleben. Auch viele Einheimische nehmen diese Touren gerne in Anspruch. Kommunikation von Events, Kulinarik-Routen und Naturplätze entlang der Donau lenken die Besucherströme auch nach außerhalb des 1. Bezirks.
Was ist für nachhaltigen Städtetourismus wichtig?
Für nachhaltigen Tourismus ist die Mobilität entscheidend. Der öffentliche Verkehr ist in Wien sehr gut. Das Radwegnetz und Sharing-Angebote könnten noch weiter ausgebaut werden. Durch den Klimawandel verschiebt sich die Reiseplanung vom Sommer in den Frühling und Herbst. Mehr Schattenplätze, Trinkbrunnen und Begrünung sind nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische und Tagesgäste wichtig, um die Stadt auch an heißen Tagen im Sommer zu genießen.
Wie kann sich Wien auch künftig als Touristenmetropole positionieren?
Wien hat sich schon sehr gut positioniert. Wir haben eine starke Ausgangsposition als Kulturmetropole und ein gutes Image nach außen wegen der hohen Lebensqualität. Die Stadt muss Tradition und Kultur zeitgemäß erzählen, um jüngeres Publikum anzusprechen. Es ist auch wichtig, Nachhaltigkeit glaubwürdig umzusetzen, denn immer mehr Menschen möchten in Destinationen reisen, die darauf Wert legen. Wien ist eine entspannte Stadt, in der sich Touristinnen und Touristen wohl fühlen, und hat sich auch als Kongress- und Event-Stadt klar positioniert.