Digitale Skills stärken den Standort
Der „Vienna Digital Skills InSight” zeigt: Wiener Erwerbstätige schätzen ihre digitalen Kompetenzen weit höher ein, als sie sind. Ein Blick auf den Technology Skills Gap, wie man ihn schließen kann und welche Potenziale in Wien stecken.
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Mind the Gap”, heißt es diesmal nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln, sondern in den Unternehmen, denn Wiener Erwerbstätige schätzen ihre digitalen Kompetenzen mit 69 von 100 Punkten weit höher ein als ihr tatsächliches Wissen ist, das bei lediglich 39 Punkten liegt. Doch das Interesse an digitalen Tools ist hoch: 83 Prozent nutzen Cybersecurity-Anwendungen und 68 Prozent nutzen KI-Anwendungen privat oder beruflich. Das zeigt der Vienna Digital Skills InSight, eine Sondererhebung des Digital Skills Barometers 2025/26 von fit4internet und den Co-Herausgebern WK Wien und ETC Enterprise Training Center. Dazu wurden 581 erwerbstätige Wienerinnen und Wiener von 16 bis 69 Jahren von Juli bis Oktober 2025 online zu Cloud, Cyber, Data und KI befragt.
Die größte Abweichung zwischen Selbsteinschätzung (77 Punkte) und Wissen (32 Punkte) gibt es mit 45 Punkten beim Umgang mit Informationen und Daten. „Diese Selbstüberschätzung ist ein reales Risiko für Unternehmen und den Wirtschaftsstandort Österreich”, betont Markus Schaffhauser, Präsident von fit4internet. Bei der Anwendungskompetenz ist Cyber-Security mit 57 Punkten am stärksten ausgeprägt. Die Cloud-Kompetenzen liegen bei 39 Punkten, dicht gefolgt von KI-Kompetenzen mit 35 Punkten. Das Verständnis der Daten-Domäne erreicht 27 Punkte.
Wir haben enormes Potenzial, das wir aktiv heben müssen.

Martin Heimhilcher
Spartenobmann Information & Consulting, WK Wien
Frauen in Digitalisierung einbinden
Neben dem Technology Skills Gap scheint auch ein Gender Gap bei der Technologie-Affinität auf: 54 Prozent der Männer, aber nur 30 Prozent der Frauen haben hohes bis sehr hohes technisches Interesse. Ulrike Domany-Funtan, Studienautorin und Generalsekretärin von fit4internet, betont: „Der Digital Gender Gap ist ein systemisches Problem. Frauen arbeiten oft Teilzeit und in weniger digitalisierten Branchen wie im Gesundheitsbereich, in der Pflege oder im Handel. Digitale Bildung muss stark in der Lehre und als Pflichtfach bis in die Oberstufe verankert werden.” Martin Heimhilcher, Obmann der Sparte Information und Consulting der WK Wien, ergänzt dazu: „Es ist wichtig, dass sich viel mehr Frauen und Mädchen mit den digitalen Entwicklungen auseinandersetzen. Das ist entscheidend für die berufliche Zukunft der Frauen. Wir brauchen eine aktivere Heranführung junger Frauen an digitale Themen. Das ist eine zentrale Zukunftsfrage für den Standort Wien und um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.” Beim Wissen zum Thema Künstliche Intelligenz liegen Frauen mit 33 Punkten nur knapp hinter den Männern mit 37 Punkten.
Transformation klar kommunizieren
Der Vienna Digital Skills InSight zeigt auch: Jede und jeder Zweite (47 Prozent) erkennt Sinn und Zielrichtung der digitalen Initiativen. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehen sich als Teil der Digitalisierungsinitiativen des Unternehmens. Es gibt hier keine ‚top-down Verordnung’, sondern die Digitalisierung erfolgt ‚bottom-up’ durch ein bestehendes digitales Know-how der Mitarbeitenden, insbesondere bei der Generation Z”, erläutert Petra Postl, Geschäftsführerin der Raiffeisen Digital GmbH. Für eine erfolgreiche digitale Transformation rät sie den Betrieben, diese durch klare Kommunikation, Fokus und gutes Change-Management zu unterstützen und vorhandene Stärken der Mitarbeitenden zu nutzen. „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit hohen digitalen Skills können auch als wichtige Multiplikatoren im Unternehmen eingesetzt werden”, so Postl.
Führungskräfte mit Vorbildfunktion
In der Raiffeisen Digital GmbH werden zur Erweiterung des Know-hows von den Mitarbeitenden spezifische Online-Kurse, E-Learning Plattformen sowie berufsbegleitende Bachelor- oder Masterstudiengänge genutzt. Besonders beliebt sind „UX Nuggets” (User Experience Nuggets), eine Methode zur Strukturierung von Wissen in kompakten Einheiten, teilweise als Gamification spielerisch aufbereitet. „Wichtig ist, dass digitale Tools für die Mitarbeitenden so konzipiert sind, dass sie bei der Ausübung der Tätigkeit bestmöglich unterstützen und damit zu hoher Effizienz beitragen. Die Anwendung muss intuitiv, verlässlich und lösungsorientiert sein. Es darf keine Prozessbrüche geben. Auch die Vorbildfunktion der Führungskräfte ist dahingehend wichtig, dass sie die Tools selbst nutzen”, erläutert Postl.
Junge wollen Zukunft aktiv gestalten
Trotz großer Kompetenzlücken ist Wiens Bevölkerung offen für neue Technologien. Jede und jeder Zweite (49 Prozent) stimmt zu, den digitalen Wandel aktiv mitgestalten zu wollen und zu können. Bei den Zoomern (16 bis 29 Jahre) wollen sich sogar zwei Drittel (67 Prozent) der Beschäftigten aktiv an der digitalen Transformation beteiligen. „Wir haben in Wien enormes Potenzial, aber wir müssen es aktiv heben. Die Menschen wollen beitragen, wir müssen ihnen die Fähigkeiten geben”, so Heimhilcher.
Akzeptanz für digitale Lösungen
Um dem Technology Skills Gap vorzubeugen, rät Markus Nutz, Gründer und Geschäftsführer der Digital-Agentur Spinnwerk: „Man muss Offenheit im Unternehmen schaffen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Team kommunizieren können: ‚Ich kenne mich dabei nicht so gut aus’.”
Generell steht gemeinsamer Austausch bei der Wiedner Agentur hoch im Kurs: „Wir setzen bei neuen Technologien sehr auf Co-Creation statt auf Roll-out und setzen diese mit realen Cases um. Digitale Lösungen entstehen mit dem Team und nicht für das Team”, so Nutz. Im Unternehmen gibt es digitale Kanäle, z.B. zum Thema KI, wo Mitarbeitende Erfahrungen austauschen und Wissen teilen können. „Jede und jeder fühlt sich eingebunden und andere profitieren davon. Führungskräfte müssen auch schauen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine Angst haben, durch neue Tools und Künstliche Intelligenz ersetzt zu werden, sonst machen sie nicht mit. Es ist wichtig zu erklären, dass Digitalisierung den Arbeitsalltag erleichtert”, so der Inhaber. Im Spinnwerk haben sich viele Mitarbeitende auf je ein digitales Thema spezialisiert, weil Plattformen und Tools rasend schnell Neuerungen herausbringen. Im Daily Business sei es anspruchsvoll mitzuhalten.
Der Verein fit4internet zeigt seit 2022 mit dem Digital Skills Barometer, wie es um die „digitale Fitness” in Österreich steht. Die Sondererhebung Vienna Digital Skills InSight 2025 gibt Aufschluss über die digitalen Kompetenzen und die Selbsteinschätzung der Wiener Erwerbstätigen von 16 bis 69 Jahren in den Bereichen Cloud, Cyber, Data und KI.
www.fit4internet.at
Proaktive Weiterbildung
Fast drei Viertel der Erwerbstätigen (71 Prozent) meinen, man müsse selbst aktiv sein, um im digitalen Wandel Schritt zu halten. Markus Nutz setzt im Spinnwerk auf den Gamification-Ansatz und auf Peer Learning: „Bei unserem internen ‚Spinnknowledge’ gibt es einmal im Monat einen kurzen Vortrag mit Wissensaustausch. Mitarbeitende melden sich und recherchieren zu bestimmten Themen, wie ‚Tipps und Tricks in Excel’. Digitale Weiterbildung muss in kleinen Steps passieren, dann ist die Akzeptanz höher, Wissen wird schneller aufgenommen und Mitarbeiter haben positive Erfolgserlebnisse.” Der Agenturgründer ermöglicht seinem Team auch externe Ausbildungen und ist sicher: „Man muss vorher digitale Grundskills erlernen, um damit arbeiten zu können.”
„Digitale Kompetenz ist Resilienz und Schutzfaktor für Unternehmen. Mitarbeitende lernen on the job.”Interview mit Ulrike Domany-Funtan, Studienautorin und Generalsekretärin fit4internet
Der Mensch neigt zur Überschätzung seiner Kompetenz, das ist nichts Neues. Wir erleben derzeit sehr viele Technologiesprünge, die schneller als unsere Lernprozesse sind. Es ist wichtig, die Mechanismen zu verstehen und Bewusstsein zu schaffen, aber es hapert bei vielen am digitalen Grundverständnis, denn Digitalisierung wird als Selbstläufer wahrgenommen. In der Mathematik lernen wir aber auch zuerst die Grundrechenarten. Die Menschen sollten verstehen, dass es z.B. KI-Bias oder KI-Halluzinationen gibt. Besonders generative KI verleitet dazu, dass auch der (digitale) Hausverstand abgeschaltet wird. Gefahren lauern bei fehlendem Wissen in Cyber-Security, aber auch bei KI und Datenschutz, wenn Mitarbeitende z.B. Kundendaten in die KI einspeisen. Hier ist digitale Kompetenz ein Schutzfaktor für Unternehmen.
WIE KÖNNEN BETRIEBE DIE DIGITALE KOMPETENZ DER MITARBEITENDEN ERHÖHEN?
Lernen für Digitalisierung findet verstärkt informell statt und muss dort passieren, wo Arbeit passiert, nämlich „on the job” durch Kleinformate, „Lern-Nuggets” und Peer Learning. Digitalisierung ist ein Führungsthema, liegt aber auch in der Eigenverantwortung von Mitarbeitenden. Wir leben in einer Zeit des lebenslangen Lernens und bei der Digitalisierung heißt es: immer dranbleiben. Dabei sollen Führungskräfte Räume für Gedanken und Experimente schaffen und die Mitarbeitenden die Möglichkeit bekommen, neue Tools auszuprobieren.
WIE WICHTIG SIND DIGITALE KOMPETENZEN DER MITARBEITER FÜR DEN UNTERNEHMENSERFOLG?
Digitale Skills sind kein Nice to have, sondern gehören dazu. Sie stärken Resilienz, Produktivität, Innovationsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Digitalisierung ist ein Wertschöpfungsfaktor. Es geht nicht darum auf Kosten der Mitarbeitenden zu rationalisieren, sondern darum mit Digitalisierung Mehrwert für die Unternehmen zu schaffen.