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Louai Abdul Fattah (l.), der neue Eigentümer von Foto Soyka in der Praterstraße, mit seinem Vorgänger Thomas Soyka
© wkw/Pippan

Nachfolge suchen - und finden

In den kommenden fünf Jahren stehen in Wien mehr als 10.000 Betriebe zur Übergabe an. Ob diese gelingt, ist für den Erhalt von Unternehmen, Wertschöpfung, Lieferantenbeziehungen und Arbeitsplätzen entscheidend. Wie die Wirtschaftskammer Wien unterstützt.

Lesedauer: 8 Minuten

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Aktualisiert am 01.04.2026

Thomas Soyka hat es geschafft. Für sein traditionsreiches Fotofachgeschäft in der Praterstraße im 2. Bezirk hat er einen Nachfolger gefunden: Louai Abdul Fattah. Der 29-jährige Berufsfotograf ist 2015 von Syrien nach Wien geflüchtet, hat sich in der Freiwilligenarbeit engagiert und rasend schnell Deutsch gelernt. Seit Anfang 2026 ist er stolzer Besitzer von Foto Soyka und führt fort, was die Vorgängerfamilie in drei Generationen aufgebaut hat. „Meine Kundinnen und Kunden machen bei mir Pass- und Bewerbungsfotos, kaufen Bilderrahmen, Fotokameras und Zubehör, lassen sich umfassend beraten, Filme entwickeln und Kameras reparieren”, schildert Fattah seinen Alltag. „Es ist für mich eine große Ehre, dass ich den Namen Foto Soyka weiterführen darf. Das Geschäft gibt es hier seit 1932 und ist in den Köpfen der Leute gut verankert. Das ist viel Wert”, sagt Fattah, der auch auf Hochzeiten oder für Porträtaufnahmen als Fotograf im Außeneinsatz ist und Fotoboxen für Firmenfeiern anbietet.

Wertvolle Hilfe in der Anfangszeit

Fotografieren liegt dem Jungunternehmer im Blut: Schon sein Vater hat als Fotograf in Syrien gearbeitet und hilft nun im Geschäft immer wieder aus. Auch vier seiner Onkel sind Fotografen. „Schon als Kind habe ich mich viel mit Fotografieren und Fototechnik beschäftigt und stundenlang Bilder bearbeitet”, erinnert sich Fattah. Sein Wissen ist nun bei der Kundschaft gefragt. Und Soykas Wissen hat ihm in den vergangenen Monaten viel geholfen, vor allem im Umgang mit der österreichischen Bürokratie: „In Österreich ist das nicht ganz einfach, und manchmal muss man einfach akzeptieren, dass die Regeln so sind, wie sie sind. Thomas hat mich hier sehr unterstützt”, sagt Fattah. Drei Monate lang hat Soyka seinen Nachfolger begleitet und dabei auch für eine gute Übergabe der Stammkundschaft und der Lieferanten gesorgt. Seit 1. April genießt der 69-Jährige nun ganz seinen Ruhestand nach fast 44 Jahren in der Praterstraße.

Suche über die Nachfolgebörse

Thomas Soyka ist einer von vielen Wiener Wirtschaftstreibenden, die für ihr Unternehmen keine Nachfolgenden in der Familie oder der Belegschaft hatten. Gesucht hat er unter anderem über die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer, eine kostenlose Plattform, die Übergebende und Übernehmende unkompliziert zusammenbringt.

Der Freibetrag für Veräußerungsgewinne gehört dringend valorisiert.

Auch Daniel Mikhail sucht seit Kurzem Übernahmeinteressierte über die Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer. Der ebenfalls 69-jährige Unternehmer führt seit fast 40 Jahren mit viel Begeisterung das Modellbau-Fachgeschäft „Modellbaustube” in der Döblinger Hauptstraße im 19. Bezirk. „Es fällt mir nicht leicht aufzuhören, der Modellbau-Fachhandel gehört einfach zu meinem Leben dazu”, erzählt Mikhail. Auf rund 100 m² erstreckt sich sein gut sortiertes Geschäft, in dem man Bausätze für Autos, Flugzeuge, Schiffe und die Raumfahrt findet und jede Menge Zubehör wie Figuren, Klebstoff und Farben. Seine Kundschaft kommt aus aller Welt und kauft auch über seinen Online-Shop kräftig ein.

Unter Dach und Fach hat er die Übergabe noch nicht, Interessierte können sich also noch bei ihm melden. Gute Gespräche mit drei Stammkunden, die die Übernahme des Geschäfts ernsthaft anstreben, laufen aber bereits. „Ich muss einfach noch ein wenig Geduld haben”, sagt Mikhail.

Auf Anhieb erfolgreich

Riesenglück hatte hingegen die Wiener Friseurmeisterin und Unternehmerin Astrid Leprich. Sie hatte erst Anfang März ihr kostenloses Übergabeinserat in der Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer für ihren gemütlichen Friseursalon in der Wiener Innenstadt freigeschaltet und wurde von Nachfragenden regelrecht überrannt. „Es haben sehr viele bei mir angerufen oder sind vorbeigekommen, und mit einer Interessentin habe ich mich bereits vorvertraglich geeinigt”, berichtet Leprich stolz. Als sie vor 30 Jahren ihren Salon in der Stubenbastei eröffnet hat, hatte sie es gar nicht leicht: „Das Geschäftslokal ist davor leer gestanden, ich konnte also keine Stammkunden übernehmen und musste mir alles Schritt für Schritt aufbauen, schließlich hatte ja jeder schon einen Friseur”, erinnert sich die Unternehmerin. Die verfallenen Räumlichkeiten musste sie erst zu einem modernen Friseursalon umbauen. Heute gibt es hier zwei Wasch- und vier Schneideplätze und eine sehr entspannte Atmosphäre, die viele ihrer Kundinnen und Kunden schätzen. „Ich habe praktisch nur Stammkundschaft, Damen und Herren, die in der Nähe arbeiten oder wohnen, ebenso Freundesgruppen, die regelmäßig gemeinsam kommen und den Samstagvormittag bei mir verbringen”, erzählt Leprich. Und in der Ballsaison schätzen einige Gäste der umliegenden Hotels Jahr für Jahr ihre Dienstleistung.

„45 Jahre sind genug”

Freude macht der Unternehmerin die gute Gemeinschaft, die sie mit den Wirtschaftstreibenden in den benachbarten Geschäften pflegt. „Wir sind hier wie ein kleines Dorf und helfen einander, wenn Hilfe gebraucht wird.” So schauen ihre Nachbarn gerne auf ihren Salon, wenn sie sich doch einmal ein bisschen Urlaub nimmt. „Ich mag meine Arbeit als Ein-Personen-Unternehmen. Man muss auf niemanden Rücksicht nehmen und kann wirklich selbstständig sein”, sagt Leprich. Dennoch: 45 Jahre im Friseurberuf seien genug. Mit 1. September geht sie in Pension und übergibt, so wie es derzeit aussieht, an eine Nachfolgerin, die derzeit noch als angestellte Friseurin in einem Wiener Salon arbeitet und mit der Übernahme den Sprung in die Selbstständigkeit wagt. „Ich bin sehr zufrieden, dass nun alles so kommt, wie ich es geplant hatte”, sagt Leprich. Schon zu Beginn ihrer Suche sagte sie zur WIENER WIRTSCHAFT: „Ich gehe davon aus, dass mein Plan A funktioniert.”

Übergaben müssen leichter werden

Aus Sicht von WK Wien-Präsident Walter Ruck werden Betriebsübergaben in Österreich von der Politik immer noch unnötig erschwert, dabei seien sie eine wirtschaftspolitische Schlüsselaufgabe für den Erhalt von wirtschaftlicher Kraft, Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in Österreich. „Gerade in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten müssen wir sicherstellen, dass Betriebsübergaben so einfach und effizient wie möglich über die Bühne gehen können”, sagt Ruck und fordert eine kräftige Erhöhung des Freibetrags für Veräußerungsgewinne. Dieser liegt seit mehr als 50 Jahren unverändert bei 7300 Euro. Außerdem plädiert die WK Wien für einen Beteiligungsfreibetrag für Betriebsnachfolgen von mindestens 100.000 Euro, verteilt auf fünf Jahre. „Das würde den Anreiz für private Kapitalgebende steigern, in kleine und mittlere Unternehmen zu investieren”, erklärt Ruck. Auch das komplexe Mietrecht müsse in Bezug auf Betriebsnachfolgen angepasst werden. So sollte die gestaffelte Mietzinsanhebung über 15 Jahre auch dann angewendet werden, wenn Gesellschaftsanteile übertragen werden, diese Regelung gilt aktuell nur bei der Weitergabe von Einzelunternehmen.

Gut zu wissen bei einer Übergabe
1. Bestehende Verträge
Eine Übertragung der Rechte und Pflichten aus bestehenden Verträgen ist entweder mit Zustimmung durch dritte Personen oder aufgrund einer unwidersprochenen Mitteilung an den Dritten möglich. Im Falle eines Widerrufs, auf dessen Möglichkeit in der Mitteilung an dritte Personen hinzuweisen ist, besteht das Vertragsverhältnis mit dem Übergeber bzw. der Übergeberin weiter fort.

2. Arbeitsverträge
Dienstverträge gehen mit allen Rechten und Pflichten auf die Übernehmenden über. Eine Haftungsbegrenzung der Übergebenden für Ansprüche aus dem Dienstverhältnis ist in bestimmten Fällen möglich. Die Belegschaft ist bei der ÖGK umzumelden, bei Lehrlingen sind auch die Lehrlingsstelle in der WK Wien und die Berufsschule zu verständigen.

3. Mietverträge
Geschäftsraummietverträge über Objekte in Altbauten gehen auf die Nachfolge über bzw. können vom Vermietenden wegen der Übergabe nicht gekündigt werden (gesetzliches Weitergaberecht). Es ist jedoch eine Mietzinserhöhung möglich, wenn der bisherige Mietzins unter dem ortsüblichen Mietzins liegt. Sind die Übernehmenden potenziell gesetzliche Erben (Eltern, Kinder), kann die Mietzinserhöhung nur schrittweise erfolgen. Bei Objekten in anderen Gebäuden gibt es kein gesetzliches Weitergaberecht, hier ist die Zustimmung des Vermietenden einzuholen bzw. sein dreimonatiges Widerspruchsrecht nach erfolgter Anzeige (Mitteilung) abzuwarten.

4. Versicherungen
Versicherungsverträge des Unternehmens können binnen Monatsfrist ab Übergabe gekündigt werden, bei Liegenschaftsversicherungen wird ab Grundbuchseintragung gerechnet. Vorsicht: Dauerrabatte könnten rückverrechnet werden. Wird nicht gekündigt, gehen Versicherungen auf die Übernehmenden über.

5. Schutzrechte
Allenfalls bei Übergebenden bestehende Marken, Muster, Patente oder Gebrauchsmuster können im Wege einer Lizenzierung von den Betriebsnachfolgenden verwendet werden oder gleich im jeweiligen Marken-, Muster-, Patent- oder Gebrauchsmusterregister auf die Nachfolgenden umgeschrieben bzw. übertragen werden. Eine „Zwischenlösung” wäre die Eintragung als Lizenznehmer in das jeweilige Register.

6. Gewerbeschein
Die Gewerbeberechtigungen sind bei der Gewerbebehörde (Magistrat) mit Stichtag der Veräußerung zurückzulegen, auch an sonstige Berechtigungen ist zu denken. Gleichzeitig müssen Übernehmende die erforderlichen Berechtigungen anmelden.

7. Finanzamt
Die Übergabe ist durch beide Seiten beim Finanzamt Österreich zu melden.

8. Betriebsanlagen
Die Genehmigungen bleiben bei einer Betriebsübergabe aufrecht, werden vom Magistrat aber oft aus Anlass der Übernahme überprüft