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Corinna Hengelmüller-Gepp, Prokuristin von Joseph Brot
© Joseph Brot / Simon Grissemann

Schwierige Suche nach guten Arbeitskräften

41 Prozent der heimischen Arbeitslosen leben in Wien. Dennoch können viele Wiener Betriebe offene Stellen nicht besetzen.

Lesedauer: 9 Minuten

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Aktualisiert am 22.07.2026

Im Bild: Corinna Hengelmüller-Gepp, Prokuristin von Joseph Brot

In Wien ist vieles anders, auch der Arbeitsmarkt. Nirgendwo sonst gibt es so viele Menschen, die einen Job suchen, nirgendwo sonst dauert die Arbeitslosigkeit so lang. Nirgendwo sonst suchen so viele Ausländer Arbeit, nirgendwo sonst finden so viele Jugendliche keine Lehrstelle. Wien hat ein deutliches Überangebot an Arbeitskräften. Ein Paradies für Unternehmen ist das dennoch nicht.

Fachkräfte sind rar

Ein Unternehmen, das derzeit versucht, gleich neun freie Stellen zu besetzen, ist Joseph Brot. Das 2009 von Josef Weghaupt im Waldviertel gegründete Unternehmen betreibt an seinem Hauptabsatzmarkt Wien bereits sieben Filialen. Spezialisiert ist Joseph Brot auf Bio-Sauerteigbrot, Bio-Gebäck und Bio-Süßes, hergestellt in traditioneller Handarbeit mit regionalen Getreidesorten. Bei seinem Sauerteig setzt das Unternehmen auf eine lange Teigführung, was wichtig für Geschmack, Verträglichkeit und Gesundheit sei, erklärt Prokuristin Corinna Hengelmüller-Gepp, die aus einer Bäckerfamilie stammt, Wirtschaft studiert hat und bei Joseph Brot die Bereiche Finanzen und Personal verantwortet. Die enge Zusammenarbeit mit Landwirten aus der Region sei ein Kernelemente der Marke. „Unsere Zielgruppe sind Menschen, die ganz bewusst konsumieren, großen Wert auf Qualität legen, uns in Bezug auf Herkunft und Rohstoffe vertrauen und denen Genuss und Gesundheit wichtig sind”, sagt die Managerin.

 Im Moment ist der Markt für Führungskräfte völlig eingebrochen.

In Wien suche man Personal vor allem für die Shops mit Verkauf, Café-Service und Bar. Aber auch für die Arbeit im Hintergrund sind bei Joseph Brot Jobs offen - etwa im Qualitätsmanagement. Zuletzt erfolgreich besetzt werden konnte die Stelle einer Shopleitung. Schwierig sei vor allem die Besetzung von IT-Positionen oder Bäcker-Stellen in der Produktion. „Wir bilden daher bis zu sieben Lehrlinge parallel aus, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein”, sagt Hengelmüller-Gepp. Und man versuche, intern Karrieren zu ermöglichen, um den Personalbedarf bestmöglich abzudecken. Trotzdem müsse man auch extern rekrutieren. Die meisten neuen Mitarbeitenden kommen aus anderen Unternehmen. Jetzt im Sommer gebe es saisonbedingt viel weniger Bewerbungen als im Herbst oder am Jahresanfang, die Suche sei gerade also etwas schwierig. „Ab September wird der Alltag für alle planbarer”, so Hengelmüller-Gepp.

Zu wenig Jobs für Führungskräfte

Eine, die sich der Personalsuche professionell verschrieben hat, ist Charlotte Eblinger-Mitterlechner. Vor 35 hat ihr Vater die Personalvermittlung Eblinger & Partner gegründet, heute führen Eblinger-Mitterlechner und ihr Bruder, Florens Eblinger, gemeinsam das Unternehmen mit 22 Mitarbeitenden im 1. Bezirk. Ihr Hauptfokus liegt auf der Suche und der Vermittlung von Führungskräften von der obersten Managementebene abwärts sowie von Spezialisten wie Vertriebsmitarbeitenden oder Marketing-Profis.

„Der Markt für Führungskräfte ist im Moment völlig eingebrochen, weil viele Firmen wegen der Wirtschaftskrise zusammengelegt wurden”, berichtet Eblinger-Mitterlechner. „Wenn wir eine Geschäftsführungsposition ausgeschrieben haben, rennen sie uns die Türen ein.” Hier sei der Arbeitsmarkt derzeit sehr angespannt. Leichter hätten es hingegen Handwerker. Wenn die Wirtschaft wieder anziehe, werde es hoffentlich wieder genug Angebote für die Nachrückenden der Baby-Boomer-Generation geben.

Die Wiener Arbeitslosen im Juni 2026
© wkw/Quelle: AMS Wien, exklusive AMS-Schulungsteilnehmende

Arbeitsintensive Selektion

Aktiv wird Eblinger & Partner ausschließlich für Unternehmen, die bestimmte Stellen mit den besten Köpfen besetzen wollen. Im Schnitt kontaktiere man pro Stelle rund 100 Personen, die sich entweder in der hauseigenen Datenbank befinden, sich auf das Stelleninserat hin melden oder diskret direkt angesprochen werden. Von diesen 100 Personen werden im Schnitt aber nur drei bis fünf dem Kunden vorgestellt - der Rest ist letztlich (doch) nicht interessiert, erfüllt die Qualifikationen nicht, fordert zu viel Gehalt oder passt persönlich nicht zum Kunden.

Eine arbeitsintensive Selektion. Und im Umgang nicht immer einfach, wie Eblinger-Mitterlechner erklärt: „Manche kommen einfach nicht zum vereinbarten Termin, sind nicht mehr erreichbar oder sagen wegen unbedeutender Gründe kurzfristig ab. Früher hätte man für einen Vorstellungstermin alles in Bewegung gesetzt”, sagt die Personalberaterin. Die höhere Unverbindlichkeit ziehe sich durch alle Generationen, je höher die ausgeschriebene Stelle, desto besser sei jedoch die Business-Etiquette.

In Bezug auf Work-Life-Balance werde von Arbeitgebenden heute mehr gefordert als früher, vor allem Home Office und flexible Arbeitszeiten. Generell ortet sie eine recht hohe Wechselbereitschaft in der Wirtschaft - und findet das auch gut, wenn es in Unternehmen eine moderate Fluktuation gibt: „Die Zeiten, wo man 30 Jahre lang für eine Firma arbeitet, sind vorbei. Wer wechselt, muss dazu lernen, sich anstrengen und sich bis zu einem gewissen Grad auch neu erfinden. Und in die Abteilungen kommen wieder frischer Wind, neue Ideen und die Sicht von außen”, sagt Eblinger-Mitterlechner.

Jahresdurchschnitt 2025_Zahlen_Fakten
© wkw/Quelle: AMS

154.412 Wiener ohne Job

Wie schwierig es oft ist, Wiener Arbeitssuchende in neue Jobs zu vermitteln, weiß auch Winfried Göschl in all seinen Facetten. Er ist seit drei Jahren Landesgeschäftsführer des AMS Wien und begleitet mit etwas mehr als 2000 Mitarbeitenden aktuell 122.238 Arbeitssuchende und 32.174 AMS-Schulungsteilnehmende bei der Jobsuche und notwendigen Qualifizierungen.

„Wir haben unser Service für Unternehmen in den letzten Jahren stark professionalisiert, und das zeigt sich auch in einer hohen Zufriedenheit der Personalverantwortlichen der Unternehmen: Wir haben Zufriedenheitswerte von jenseits der 80 Prozent”, berichtet Göschl stolz. „Besonders gelobt werden unsere Beraterinnen und Berater, die als kompetent und hilfreich beschrieben werden”, sagt der AMS Wien-Chef.

AMS-Jobbörsen beliebt

Was auch geschätzt werde, seien Instrumente wie Jobbörsen, bei denen Unternehmen die Bewerberinnen und Bewerber unmittelbar treffen. Bei höher qualifizierten Jobs beliebt sei die Vorauswahl, die das AMS Wien für die Betriebe macht, nach der nur noch die Bestgeeigneten und Motiviertesten tatsächlich zum Bewerbungsgespräch ins Unternehmen kommen.

Interessant fänden viele Personalverantwortliche auch die sogenannte arbeitsplatznahe Qualifizierung: „Sie ist ein guter Weg, abseits der Lehre zu Fachkräften zu kommen”, erklärt Göschl.

Vergleich Wien_Österreich
© wkw/Quelle: Sozialversicherung, AMS

WK Wien bildet viele Fachkräfte aus

Für die Ausbildung von Fachkräften, die in der Wirtschaft gebraucht werden, setzt sich auch die Wirtschaftskammer Wien intensiv ein. Etwa mit den Tourismusschulen Modul, der Gastgewerbefachschule, den Vienna Business Schools und in wenigen Jahren auch mit der Vienna Digital School, einer neuen IT-HTL für Wien, die mit dem Schuljahr 2029/30 in Meidling den Betrieb aufnehmen soll. Ganz wesentlich sind auch die Aus- und Weiterbildungsangebote der WK Wien für Erwachsene - allen voran am WIFI Wien, am WIFI Management Forum, an den Fachhochschul-Studiengängen der WKW und der Werbe Akademie. All das macht die WK Wien zum größten privaten Bildungsanbieter in Österreich.

„Bildung ist - neben Interessenvertretung und Service - die Kernaufgabe der Wirtschaftskammer Wien”, sagt dazu WK Wien-Präsident Walter Ruck. „Unsere Unternehmen sollen die besten Fachkräfte bekommen und diese sollen auch stets am neuesten Wissensstand sein. Das ist nicht nur entscheidend für das Fortkommen vieler Menschen und Unternehmen, sondern auch ein wesentlicher Faktor für die positive Entwicklung des Wirtschaftsstandorts Wien”, so Ruck.

Zusätzlich brauche der Wiener Arbeitsmarkt auch Rahmenbedingungen, die ungenutzte Arbeitskräftepotenziale heben. Ganz besonders setzt sich Ruck daher für einen Vollzeit-Bonus in Form eines Steuerfreibetrags für unselbstständig Beschäftigte ein, denn Vollzeitarbeiten müsse sich auch auszahlen. Viel Potenzial sieht er zudem in der Qualifizierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund: „Wenn sie im Sozialsystem landen, kostet uns das Wertschöpfung und Wohlstand”, sagt Ruck.

Winfried Göschl, Landesgeschäftsführer des AMS Wien „Dass Menschen ihren Marktwert überschätzen, ist ein Stolperstein.”
Interview mit Winfried Göschl, Landesgeschäftsführer des AMS Wien
In welche drei Gruppen würden Sie die Wiener Arbeitslosen einteilen?

Wir haben die relativ kurzzeitigen Jobwechsler, die zwischen zwei Dienstverhältnissen ihre Arbeitslosenversicherung in Anspruch nehmen, ein hohes Selbsthilfepotenzial haben und maximal drei Monate bei uns sind. Sie machen uns keine Sorgen. Dann gibt es die Menschen, die nach einem Jobverlust unsere Unterstützung brauchen: Durch intensivere Beratung, aber auch durch Aus- und Weiterbildungen, nach denen sie gut vermittelbar sind. Und schließlich gibt es die Gruppe, die uns am meisten Sorgen bereitet: Menschen mit massiven Vermittlungseinschränkungen, sei es wegen der Sprachkenntnisse, fehlender Ausbildung, gesundheitlicher Einschränkungen oder weil ihre Arbeitslosigkeit bereits lange dauert. Dass Menschen ihren Marktwert überschätzen und in der Arbeitslosigkeit auf den perfekten Job warten, statt zunächst einen nicht so guten anzunehmen und wieder die Leiter hinaufzusteigen, ist ein massiver Stolperstein. Wenn die Arbeitslosigkeit einmal ein Jahr dauert, wird es sehr, sehr schwer.

Die Wiener Arbeitslosenzahlen sind zuletzt leicht gesunken. Ist das die Trendwende?
Ja, das ist die Trendwende, wenn die Parameter bleiben, wie sie sind. Dafür muss die Konjunktur halten - wir brauchen in Wien zirka ein Prozent Beschäftigungswachstum, damit die Arbeitslosigkeit zumindest stagniert. Die Frage ist auch, wie sich das Arbeitskräftepotenzial entwickelt: Welche Migrationsbewegungen in Richtung Wien gibt es? Sie können die Arbeitslosigkeit steigen lassen, wenn das Beschäftigungswachstum nicht mithält.

Was unterscheidet die Wiener Arbeitssuchenden von denen in anderen Bundesländern?
Wien hat alle Phänomene, die eine Großstadt hat, z.B. einen stärkeren Zuzug aus dem Ausland. Viele Menschen mit Migrationshintergrund sprechen nicht gut Deutsch, sind schlecht ausgebildet oder haben Bildungsabschlüsse, die bei uns nicht anerkannt sind. Sie fit zu machen für den Arbeitsmarkt, ist nicht immer einfach. Zugleich sind die Arbeitskräfte in Wien dadurch deutlich jünger - die Zuwanderung federt ab, dass geburtenstarke Jahrgänge den Arbeitsmarkt verlassen. Als Großstadt zieht Wien aber auch die am besten Ausgebildeten an und hat daher eine höhere Akademikerquote. Umgekehrt haben es junge Leute, die eine Lehrstelle suchen, am Land viel leichter als in Wien.