Rückblick auf die Frühjahreslohn- und gehaltsrunde 2026
Informationen der Bundessparte Industrie
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Die heurige Frühjahreslohnrunde war alles andere als einfach. Teilweise gab es zahlreiche Verhandlungsrunden, Betriebsversammlungen und Streiks.
Ein Sonntagsspaziergang war die diesjährige Frühjahreslohn und -gehaltsrunde keinesfalls. Die Gewerkschaften und verhandelnden Fachverbände hantelten sich von einer ergebnislosen Verhandlungsrunde zur nächsten. In der Papierindustrie brauchte es sechs Verhandlungsrunden, bis beide Seiten ein gemeinsames Ergebnis zustande brachten. In der Elektroindustrie gelang es immerhin nach fünf Runden, einen Lohn- und Gehaltsabschluss zu erzielen. In den Unternehmen der beiden Fachverbände fanden zuvor auch bereits Betriebsversammlungen statt, die aber in den meisten Fällen sehr ruhig verliefen. In nur wenigen Unternehmen wurden Resolutionen durch die Arbeitnehmerschaft beschlossen, die meisten Betriebsversammlungen fanden mit überschaubarer Teilnehmerzahl statt.
Besonders schwierig und zäh verlief es in den Verhandlungen der chemischen Industrie. Die Arbeitgeber-Seite hatte angesichts des sehr niedrigen Tarifvertragsabschlusses in der chemischen Industrie in Deutschland (2026 nur Einmalzahlung in Höhe von 300 Euro, 2027 Tariferhöhung um 2,1 Prozent und von Jänner bis Mai 2028 Tariferhöhung um 2,4 Prozent) für das Jahr 2026 eine Einmalzahlung in Höhe von 250 Euro angeboten, um die Schere der dramatischen Lohnstückkostenentwicklung im Vergleich zu Deutschland wieder ein wenig zu schließen. In Österreich lagen die Chemie-Abschlüsse in den letzten fünf Jahren um 12 Prozent über den Abschlüssen in Deutschland. Allein heuer machen die zusätzlichen Lohnkosten in der chemischen Industrie in Österreich 500 Millionen Euro aus. Die Gewerkschaft forderte dessen ungeachtet 3,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt für die Beschäftigten. Nach dem Scheitern der sechsten Verhandlungsrunde gab es in der chemischen Industrie zunächst Warnstreiks, nach dem ergebnislosen Auseinandergehen nach der siebenten Runde auch befristete Streiks im Ausmaß von bis zu acht Stunden. Bei Lenzing streiken laut ORF-Bericht bis zu 1.400 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, im Chemiepark in Linz legten die Beschäftigten von vier Betrieben für jeweils eine Schicht die Arbeit nieder. Auch die Betriebsfeuerwehr schloss sich dem Protest an. In der Nacht vor der achten Verhandlungsrunde wurde der zentrale Leitstand im Chemiepark Linz heruntergefahren, womit die Erdgas-Zuleitung unterbrochen wurde und der Anfang der Produktionskette stillgelegt worden ist.
Die Streiks bei aufrechtem Kollektivvertrag und bereits vereinbarten, sehr zeitnahen Verhandlungsterminen hatten auch die Diskussion über die kollektivvertragliche Friedenspflicht wieder entfacht, wobei sich die Arbeitgeberseite auf die eindeutig herrschende Rechtsansicht in der Lehre sowie auf zwei 2023 ergangene einstweilige Verfügungen stützen konnte.
Letztlich hat sich der Verhandlungsmarathon ausgezahlt, die meisten Abschlüsse sind unter Dach und Fach.
Der zentrale Befund: Fast alle Branchen bleiben unter der rollierenden Inflation. Die Metaller haben also im vergangenen Herbst wieder einmal einen Trend gesetzt. Viele Abschlüsse landen in diesem Frühjahr bei grob 80 bis 90 Prozent der maßgeblichen Teuerung. Damit zeigt die Frühjahrslohnrunde 2026 ein anderes Bild als die Runden der Hochinflationsjahre. Die Automatik, die rollierende Inflation als Untergrenze abzugelten, ist gebrochen. Die Abschlüsse sichern Mindestgehälter, schieben niedrige Einkommen nach oben und bringen punktuelle Freizeit- oder Pflegeverbesserungen.
In der Papierindustrie konnte bei einer zugrunde gelegten Inflation von 3,38 % ein Abschluss mit folgenden Parametern vereinbart werden:
- Erhöhung der Istlöhne und -Gehälter um 1,8 % + Fixbetrag iHv 28 Euro
- Erhöhung der Mindestlöhne und Mindestgehälter um 2,4 %
- Erhöhung der Lehrlingseinkommen um 2,4 %
- Erhöhung aller Zulagen um 2,0 %, keine Erhöhung der Reisekosten
- Genereller Geltungsbeginn 1.5.2026, Späterer Geltungsbeginn des gesamten KV-Abschlusses bei negativer EBIT-Marge:
- Bei negativer EBIT-Quote bis zu 10 Prozent bezogen auf den Umsatz – Geltungsbeginn 1.9.2026
- Bei negativer EBIT-Quote von mehr als 10 Prozent bezogen auf den Umsatz – Geltungsbeginn 1.11.2026
- Die Ersparnis durch Verschiebung des Geltungsbeginns: 0,2 % pro Monat.
- Die durchschnittliche Gesamtauswirkung liegt bei 2,47 %
- Rahmenrecht: Seitens der GPA wurde immer wieder der 24.Dezember als Feiertag gefordert, letztendlich aber nicht zugestanden.
Die Elektro- und Elektronikindustrie hatte am 28. Mai ihre fünfte Kollektivvertragsrunde. Bei Scheitern der Verhandlungen wurde bereits im Vorfeld mit Warnstreiks gedroht und vorsorglich die Streikfreigabe beim ÖGB eingeholt. Nach intensiven Verhandlungen einigte man sich schließlich auf folgenden KV-Abschluss:
- Erhöhung der Ist-Löhne und -Gehälter um 1,85 % plus einem Fixbetrag von 22 Euro.
- Erhöhung der Grundstufen der Mindest-Löhne und -Gehälter um 3,00 %, die Vorrückungswerte wurden eingefroren (= dämpfende Wirkung)
- Errechnete Gesamtauswirkung laut FEEI: 2,32 % ohne Rahmenrecht und Zulagen
- Erhöhung der kollektivvertraglichen Lehrlingseinkommen um 3 %
- Erhöhung der Zulage für die zweite Schicht gleichmäßig über drei Jahre um insgesamt 47 Cent; die Zulagen für die dritte Schicht und für Nachtarbeit werden binnen zwei Jahren gleichmäßig um insgesamt 34 Cent erhöht.
- Rahmenrecht: Eltern von Kindern mit Behinderung erhalten eine zusätzliche Pflegefreistellung von einer Woche jährlich. Weiters wurden Gesundheitstage unter Berücksichtigung betrieblicher Maßnahmen vereinbart: Ab 20 Jahren Betriebszugehörigkeit und einem Mindestalter von 40 Jahren erhalten Beschäftigte einen Gesundheitstag. Zwei Gesundheitstage stehen Personen ab 20 Jahren Betriebszugehörigkeit und einem Mindestalter von 45 Jahren zu. Bei 20 Jahren Betriebszugehörigkeit und einem Mindestalter von 50 Jahren sind drei Gesundheitstage jährlich vorgesehen. Bei Erreichen der sechsten Urlaubswoche entfällt der Anspruch auf diese Gesundheitstage bis auf einen verbleibenden Tag.
In der der Glasindustrie konnte ähnlich zur Elektro- und Elektronikindustrie mit 1,75 % und einem zusätzlichen Fixbetrag von 22 Euro ein Abschluss erzielt werden, der in seiner Gesamtauswirkung mit 2,3% unter der Inflation von 3,38% liegt. Hier gelang der Abschluss bereits in der dritten Verhandlungsrunde.
Auch in der Holzindustrie, bei der ein Mehrjahresabschluss aufgeschnürt werden musste, wurde eine ähnliche Erhöhungsmethodik (Prozentsatz in Kombination mit einem Fixbetrag) mit einer Gesamtlaufzeit von elf Monaten (Geltungsbeginn: 1. Juni) gewählt:
- Erhöhung der IST-Löhne um 1,8% und 21,50 Euro pro Monat.
- Erhöhung der IST-Gehälter sozial gestaffelt:
- VGR I+II sowie M I: 3 %
- VGR III – Va sowie M II o.F.S., M II m.F.S und M III: 2,55 %
- VGR VI: 1,1 %
Der Abschluss der Holzindustrie hat eine effektive IST-Gesamtauswirkung von 2,3 % für das Jahr 2026.
In der chemischen Industrie konnte erst in der achten Verhandlungsrunde gegen vier Uhr in der Früh mit einer durchschnittlichen nachhaltigen Auswirkung von 1,62 % und einer zusätzlichen steuerbegünstigten Einmalzahlung iHv 300 Euro ein Abschluss sehr deutlich unter der rollierenden Inflation von 3,35 % erreicht werden. Rechnet man die Einmalzahlung iHv 300 Euro noch ein, dann liegt das Ergebnis mit 2,12 % immer noch deutlich unter 3,35 %.
- Ist-Löhne/Gehälter: Erhöhung um 1,8 %, maximal um 100 Euro zuzüglich einer Einmalzahlung iHv 300 Euro.
- Mindest-Löhne/Gehälter: Erhöhung der Lohn- und Gehaltstabellen: 2 %
- Erhöhung der Lehrlingseinkommen um 2 %
- Erhöhung der kollektivvertraglichen Zulagen um 2 %
- Aufwandsentschädigungen und Messegeld wurden eingefroren
- Rahmenrecht:
- Wandlungsmöglichkeit der Einmalzahlung in einen freien Tag
- Prämie für den Abschluss einer BS-Klasse mit ausgezeichnetem Erfolg iHv 150 Euro, mit gutem Erfolg iHv 100 Euro
- Zusätzliche Pflegefreistellungswoche für Eltern von behinderten Kindern wie in der Elektro- und Elektronikindustrie
- Regelungen zu Sabbaticals und Teilzeitdurchrechnungen, was vor allem bei Schichtarbeit mit fünf Schichtgruppen von Vorteil ist
Anders als in der vergangenen Herbstlohnrunde, in der mehrere Branchen zwei- oder sogar dreijährige Abschlüsse akzeptierten, bleibt das Frühjahr überwiegend bei kurzen Laufzeiten. Auffällig breit eingesetzt wurden Prozentsätze in Verbindung mit absoluten Fixbeträgen in Eurobeträgen. Einzig in der chemischen Industrie konnte ein Maximalbetrag („Deckel“) in Kombination mit einer steuerfreien Einmalzahlung vereinbart werden.
Eine Entwicklung ist jedoch wirklich unerfreulich. Der Staat hat ähnlich wie im Herbst 2023, als die Gehälter der Beamten für 2024 gleich in der ersten Verhandlungsrunde linear um 9,15 Prozent erhöht wurden, neuerlich die Lohnführerschaft übernommen und zuerst die bedient, die vom Wohlstand leben und achtet zu wenig auf die, die den Wohlstand schaffen. Absolute Erhöhungs-Sieger sind heuer (wieder einmal) die Pensionisten. Die angekündigten 2,95 Prozent wirken dort auf die vollen Bezüge. Im Verhältnis zu den meisten KV-Abschlüssen sind Pensionisten damit deutlich besser bedient. Zum wiederholten Mal bekommen die Beitragszahler im Pensionssystem geringere Erhöhungen als die Leistungsbezieher. Die großzügige Pensionspolitik des Staates reißt das Finanzierungsloch immer weiter auf, was mehr und mehr zu einem strukturellen Problem wird. Der Zuschuss zu den Pensionen ist schon jetzt der größte Ausgabenposten des Staates und steigt bis 2030 erstmals über vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das zeigt ein unlängst veröffentlichtes Mittelfristgutachten der Alterssicherungskommission.
Autor:
Mag. Thomas STEGMÜLLER
E-Mail: thomas.stegmueller@wko.at