Dauerkrise als neue Realität
Geopolitische Krisen, volatile Energiepreise und neue Abhängigkeiten verändern die Spielregeln für Europas Industrie grundlegend. Gunter Deuber, Chefanalyst der Raiffeisenbank International, erklärt im Interview, warum Resilienz, Diversifizierung und strategisches Umdenken jetzt entscheidend sind.
Lesedauer: 6 Minuten
Herr Deuber, wie würden Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage für die Industrie in Europa und speziell in Kärnten einordnen?
Die Rahmenbedingungen für die europäische, österreichische und Kärntner Industrie haben sich mit dem 28. Februar um 180 Grad gewendet. Die Industrierezession ist in Österreich im Vorjahr zu Ende gegangen, bis Ende Februar deuteten Umfragen auf eine moderate Belebung der Industriekonjunktur hin, auch unterstützt durch gesunkene Zinsen. US-Strafzölle waren Gegenwind, gestiegene Verteidigungsausgaben sowie das Infrastrukturpaket in Deutschland ein Hoffnungsschimmer. Mit dem Irankrieg sind die Karten jedoch neu gemischt worden. Wir sehen einen klassischen Angebotsschock. Energie ist teurer geworden, und mitunter auch knapper. Das wird in energiesensitive Bereiche wie Bau, Stahl, Aluminium, Chemie zu hohen Koststeigerungen führen. Am Ende werden dies die Kunden bezahlen müssen, was letztlich die Nachfrage dämpft. Europa als Energieimporteur wird in dieser Krise in Summe ärmer, der Irankrieg ist daher auch ein unwiederbringlicher Verlust von Wohlstand an das Ausland, genauer gesagt an die energieexportierenden Länder. Gleichzeitig sind wichtige Themen zwar medial in den Hintergrund getreten, aber dadurch nicht verschwunden. Die Transformationsherausforderungen in einigen Industrien, wie z.B . im Automotivebereich sind durch den Irankrieg nicht kleiner geworden.
Wie stark beeinflussen geopolitische Spannungen aktuell die wirtschaftliche Entwicklung - und wird das zum neuen Dauerzustand?
Der Ausnahmezustand ist ja schon längst gefühlt der neue Normalzustand. Die geopolitischen Spannungen sind sehr sicher ein wiederkehrendes Element. Insofern haben sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen nachhaltig verändert. In der Unternehmensplanung muss dies nunmehr zwingend berücksichtigt werden. Die bisherige Idee eines rein regelbasierten Systems mit möglichst ökonomisch effizienten Wertschöpfungsketten ist nicht mehr uneingeschränkt anwendbar. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um direkte politische Konflikte, sondern auch um handelspolitische Maßnahmen, Stichwort US-Strafzölle. Insgesamt ist das politische Risiko zu einem relevanten Faktor in der Planung geworden. Unternehmen müssen daher ihre Strategien anpassen, um sowohl ökonomische Effizienz als auch politische Resilienz zu gewährleisten.
Wie sicher ist die Versorgung mit Energie und kritischen Ressourcen für die Industrie aktuell wirklich?
Derzeit überwiegt das Prinzip Hoffnung, dass die Versorgung mit Energie und kritischen Ressourcen gesichert ist. Im Bereich der Energie haben viele Betriebe in den letzten Jahren in Richtung mehr Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit investiert, wären aber dennoch getroffen von großkalibrigen Energiedisruptionen auf volkswirtschaftlicher Ebene. Bei kritischen Rohstoffen besteht aktuell und über Jahre eher das Risiko von Versorgungsengpässen und hohen Preissteigerungen. Hier geht es darum eigene Marktexpertise und Lieferketten aufzubauen. Im Gegensatz zu 2022 bei einigen Betrieben eigene Gasspeicher wurden angeschafft (wenngleich teilweise auch wieder etwas zurückgefahren, als sich das akute Risiko reduziert hatte), die zusätzlich als Puffer dienen. Und auch der allgemeine Ausbau der erneuerbaren Energien reduziert die Gasabhängigkeit, hier ist jedoch noch deutlich Luft nach oben (~25% per 2024, 42,5% Zielwert per 2030). Ein höherer Anteil erneuerbarer Energie birgt zudem Risiken von deutlichen Strompreisspitzen, daher ist zeitgleich auch der Ausbau von Batteriespeichern als wesentlich für die Versorgungssicherheit anzusehen.
Müssen sich Unternehmen weiterhin auf starke Schwankungen bei Energiepreisen einstellen?
Starke Schwankungen bei den Ölpreisen waren schon in der Vergangenheit eher die Regel als die Ausnahme. Zur Erinnerung: Allein seit 2010 hat der Ölpreis dreimal für längere Zeit die Marke von 100 US-Dollar überschritten, und während der Pandemie kam es in den USA sogar zu negativen Preisen für Öllieferungen. Für Europa sind seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine auch die Gaspreise von starken Schwankungen geprägt, was sich unmittelbar auf die Strompreise auswirkt. Da die Lieferbeziehungen zu Russland langfristig gekappt sind, ist mit einer anhaltend erhöhten Volatilität bei den Gaspreisen zu rechnen. Ähnliches gilt für die Strompreise, die neben der Gaspreisentwicklung auch stark davon abhängen, wie der Strom erzeugt wird. Diese Volatilität sollte jedoch nicht ausschließlich negativ bewertet werden. An sonnen- und windreichen Tagen und Stunden ist mit sehr günstigen Strompreisen zu rechnen. Der Markt muss und wird sich durch den weiteren Ausbau erneuerbarer Produktionsformen weiter wandeln, wobei natürlich auch Speicher- und Leitungskapazitäten massiv ausgebaut werden müssen.
Sehen Sie eine nachhaltige Verschiebung weg von globalen hin zu regionaleren Lieferketten?
Sicherlich gibt es Beispiele für regionalere Lieferketten, doch insbesondere innerhalb der EU bzw. Europas bleiben die Lieferbeziehungen überwiegend international geprägt. Mehr als eine rein regionale Ausrichtung ist eine Tendenz zu verbreiterten Lieferketten erkennbar. Lieferketten werden also diversifiziert, aber nicht unbedingt regionalisiert. Unternehmen berücksichtigen dabei zunehmend geopolitische Trends und politische Risiken, ohne jedoch die Vorteile internationaler Beschaffungsquellen vollständig aufzugeben. Die Lieferketten werden damit robuster, ohne dabei die ökonomische Effizienz und Flexibilität aufzugeben.
Wo sehen Sie aktuell die größten Abhängigkeiten, die für die Industrie zum Risiko werden könnten?
Europa ist Nettoimporteur von Energie, die Energieversorgung ist damit die Achillesferse der europäischen Industrie. Globale Machtpolitik, Krisen und die Erfordernisse im Kampf gegen den Klimawandel wirken dabei allesamt in dieselbe Richtung: Europa muss sich nicht nur bei der Eigenversorgung besser aufstellen, sondern auch die Produktionsformen neu ausrichten. Da Öl und Gas nicht in ausreichendem Maße vorhanden sind, rückt der Ausbau erneuerbarer Energien in den Fokus, ergänzt durch die Option der Atomenergie. Diese Transformation erfordert nicht nur erhebliche Investitionen, sondern bietet auch Chancen. Die Investitionen schaffen Arbeitsplätze und fördern den Aufbau einer bedeutenden Industriebranche. Aus einer Schwäche heraus kann so durch gezielte Anstrengungen ein neuer Wachstumsmotor für die europäische Wirtschaft entstehen, der langfristig zudem die Resilienz gegenüber externen Schocks erhöht.
Verliert Europa aus Ihrer Sicht an Attraktivität als Industriestandort?
Für eine erfolgreiche Industrie sind wichtig: Know-How, günstige Finanzierungsmöglichkeiten über effiziente Banken und Kapitalmärkte, Kosten, Zugang zu wichtigen Inputs oder Vorleistungsgütern. Gerade im Bereich Energie und bei der strategischen Positionierung für essenzielle Inputs zeigen sich jedoch Schwachstellen, die die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen können.
Der Glaube an rein wirtschaftlich getriebene Lieferbeziehungen hat sich dabei als risikoreich erwiesen. Beispielsweise im Verhältnis zu Afrika, Asien oder Lateinamerika wird deutlich, dass Partnerschaften notwendig sind, die beidseitige ökonomische Interessen berücksichtigen. Dabei ist es wichtig, gesellschaftspolitische Ambitionen gegenüber Handelspartnern auch einmal zurückzunehmen, um stabile und verlässliche Handelsbeziehungen zu gewährleisten. Nur so lassen sich langfristig tragfähige und widerstandsfähige Wertschöpfungsketten aufbauen, die den Anforderungen einer zunehmend komplexen geopolitischen Lage gerecht werden.
Im globalen Wettbewerbsdruck sind auch die Lohnkosten In Europa ein Thema. Hierbei ist vor allem die Produktivität entscheidend, um die höheren Löhne und eine gewisse Lohndynamik zu rechtfertigen. In Ländern wie Österreich zeigt sich jedoch zuletzt, dass die Produktivitätssteigerungen nicht mit der Lohnentwicklung Schritt gehalten hat. Die Wettbewerbsfähigkeit hat dadurch spürbar gelitten.
Langfristig betrachtet ist der Anteil der Industrie an der Wirtschaftsleistung in Europa aber stabil geblieben, jedoch ist ein deutlicher Rückgang der Beschäftigtenzahlen in diesem Sektor zu verzeichnen. Dies unterstreicht die zunehmende Automatisierung und Effizienzsteigerung, schafft aber natürlich auch Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Eine großflächige „De-Industrialisierung“ ist gleichwohl nicht zu erkennen. Eine solche ist ein Risiko, aber noch keine Realität.
Welche drei strategischen Prioritäten sollten Industriebetriebe jetzt setzen, um gut durch die nächsten Jahre zu kommen?
Die drei strategischen Erfolgsfaktoren: Großskaliger Einsatz der industriellen KI, eventuell komplettes Neudenken von Produktion im Licht schwieriger Standortfaktoren hierzulande (Arbeitskosten), aktive Auseinandersetzung mit Konkurrenz aus dem asiatischen Markt und Erschließung von Auslandsmärkten, eventuell auch in Asien sowie aktive Absicherung der Lieferketten durch Partnerschaften und/oder Investitionen. Wo möglich aktive Auseinandersetzung mit Optionen der Lieferung in Richtung europäische Verteidigungs- und Rüstungsindustrie, da hier teils "geschlossener" Markt für asiatische/nicht-europäische Konkurrenz.