Fachkräfte von morgen: Ausbildung mit Verantwortung
Sabine Zehentner von Evonik spricht über die Bedeutung der Industrielehre, die Erwartungen junger Talente und die Herausforderungen moderner Personalarbeit.
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Sie begleiten Menschen in ganz unterschiedlichen Phasen ihres Berufslebens. Gibt es eine Begegnung oder ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Sabine Zehentner: Die Jugendlichen liegen mir besonders am Herzen: Da erreicht mich ein Anruf, die Lehre kann nicht beendet werden, die Firma schließt und der junge Erwachsene würde ohne Ausbildungsplatz dastehen. Die zuständigen Ausbildner im Werk haben keine weitere Ressource für noch einen Lehrplatz und dennoch gelingt es mir, dass der Bewerber bei uns einsteigt und seine Ausbildung fortsetzt. Wie motiviert dieser dann seine Lehre beendet, wirkt auch auf unsere anderen Lehrlinge. Es gab viele positive Rückmeldungen und das freut mich dann schon sehr.
Evonik bildet in vier unterschiedlichen technischen Lehrberufen aus. Welche Bedeutung hat die Lehrlingsausbildung für Ihr Unternehmen und die langfristige Sicherung qualifizierter Fachkräfte?
Wir bilden nur in einem Lehrberuf für den Eigenbedarf aus - viele Lehrplätze werden für „die Gesellschaft“ vergeben. Es gehört seit Jahrzehnten zu unserer Firmenphilosophie, einen Beitrag für die Allgemeinheit in diesen Bereichen zu leisten. Unsere Lehrlinge sind darüber hinaus geschätzte Arbeitskräfte, die zum Ende ihrer Lehrzeiten sehr wertvolle und wichtige Arbeiten im Betrieb leisten.
Die Industrie bietet jungen Menschen vielfältige Karrierechancen. Trotzdem haben manche Jugendliche noch ein eher traditionelles Bild von industriellen Berufen. Mit welchen Vorurteilen werden Sie konfrontiert und wie versuchen Sie, diese abzubauen?
Unser Standort besteht seit über 120 Jahren - meist haben schon die Großväter bei uns gearbeitet und den Jugendlichen aus ihrer Berufszeit bei uns erzählt. Wir haben kaum Probleme, Lehrling zu rekrutieren, da die traditionelle „Chemische“ in Weißenstein einen guten Ruf hat. Die Bewerber werden mehrere Tage in den Betrieb eingeladen - sie bekommen da einen wunderbaren Einblick, wie wir arbeiten, sodass eventuelle Vorurteile umgehend ausgeräumt werden können.
Was ist der heutigen Lehrlingsgeneration besonders wichtig und wie gehen Sie als Ausbildungsbetrieb darauf ein?
Ich würde sagen Freizeit und Entlohnung - die Klassiker in der Arbeitswelt. Die Umstellung von Schule - mit mehr Freizeit - auf die Arbeitswelt mit 8-Stunden-Job ist oft nicht so einfach. So haben wir unsere Arbeitszeit von 7 bis 15:30 Uhr mit Möglichkeit, freitags Mittag die Arbeitswoche zu beenden. Unser Kollektivvertrag ist sehr gut und Jugendmobilticket und Prämierungen für gute Schulleistungen, eine Erfolgsprämie auch für Lehrlinge runden das finanzielle Mehrleistungsangebot ab. Der erfolgreiche Lehrabschluss wird erst zum Ende der Lehrzeit interessant, so erhalten unsere Lehrlinge jegliche Unterstützung intern und in externen Ausbildungsstätten, zum Berufsbild passend und darüber hinaus.
Der Wettbewerb um junge Talente ist groß. Wie gelingt es Ihnen, Jugendliche für eine Lehre bei Evonik zu begeistern?
Wie schon erwähnt gibt es das Werk in Weißenstein schon lange. Im ländlichen Gebiet ist die Konkurrenz nicht so groß. Wir haben jedes Jahr genug Bewerber und sind sehr bemüht, unseren guten Ruf in der Lehrlingsausbildung zu halten. Ein chemischer Produktionsstandort eines großen Konzerns ist an sich schon sehr besonders, den komplexen Produktionsprozess mit allen internen Dienstleistern kennen zu lernen und mitarbeiten zu können bietet jungen Erwachsenen eine sehr umfangreiche und spezielle Ausbildung.
Welche Entwicklungs- und Karrieremöglichkeiten stehen jungen Fachkräften nach ihrem Lehrabschluss bei Evonik offen?
Leider können wir nicht alle Ausgebildeten weiter beschäftigen, doch besteht immer wieder die Möglichkeit, speziell im Produktionsschichtbetrieb übernommen zu werden. Der Konzern bietet weltweit in verschiedensten Bereichen Möglichkeiten an, doch am Standort selbst ist die Beschäftigtenanzahl leider begrenzt.
Der Fachkräftemangel beschäftigt viele Kärntner Industriebetriebe. Wie erleben Sie die aktuelle Situation bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeiter:innen und in welchen Bereichen ist die Personalgewinnung besonders herausfordernd?
Wir haben die natürlichen Abgänge in den letzten Jahren durch junge Mitarbeiter ersetzen und großteils halten können, sodass wir jetzt einen stabilen Personalstand haben. Am herausforderndsten zeigt sich die Rekrutierung für Personal im vollkontinuierlichen Schichtbetrieb. Wochenend- und Feiertagsarbeit sind nicht sehr familienfreundlich und die Wechselschichten verlangen unseren Mitarbeitern auch gesundheitlich viel ab.
Ein attraktiver Arbeitsplatz wird heute nicht mehr ausschließlich über das Gehalt definiert. Was erwarten Bewerber:innen mittlerweile von einem Arbeitgeber und wie haben sich diese Erwartungen in den vergangenen Jahren verändert?
Eine flexible Arbeitszeitgestaltung im Angestelltenbereich mit Möglichkeit zu Homeoffice ist nach wie vor wichtig. Mich freuen immer wieder Anfragen zu Weiterbildungen und Aufstiegsmöglichkeiten. Die Bewerber sind sehr fokussiert und ehrgeizig, ein sicherer Arbeitsplatz mit Möglichkeiten der Mitgestaltung sind ebenfalls gefragt.
Welche Maßnahmen haben sich bei Evonik bewährt, um Mitarbeiter:innen zu motivieren und dauerhaft an das Unternehmen zu binden?
Aus wirtschaftlich guten Jahren sind viele Betriebsvereinbarungen auf dem Gebiet sozialer Zuwendungen noch immer wirksam und bieten gerade jungen Familien große finanzielle Unterstützung über den Kollektivvertrag hinaus. Weiters ist jeder Mitarbeiter durch eine Erfolgsprämie am Konzernerfolg beteiligt. Das „Betriebliche Vorschlagswesen“ ermöglicht unseren Mitarbeitern, Verbesserungsvorschläge einzubringen, aktiv an Veränderungsprozessen mitzuwirken. Wir unterstützen berufsbegleitende Ausbildungen an Fachhochschule oder Universität, übernehmen Kosten für fachspezifische Aus- und Weiterbildungen. Gemeinschaftliche Aktivitäten wie sportliche Aktionen, Betriebsfest und Kinderweihnachtsfeier runden unser Angebot auf sozialer Ebene ab.
Welche Bedeutung haben flexible Arbeitszeitmodelle in einem produzierenden Unternehmen?
Die Bedeutung wird immer größer, sobald Schichtmitarbeiter Papamonat oder Elternteilzeit anmelden - da stoßen wir im vollkontinuierlichen Betrieb an unsere Grenzen. Die bisherigen Anfragen konnten wir abdecken, doch ist dies im Schichtbetrieb nur in ganz geringer Anzahl möglich. Für Tagarbeiter und im Angestelltenbereich sind flexiblere Modelle möglich, doch wenig nachgefragt.
Wenn Sie auf die kommenden fünf bis zehn Jahre blicken: Welche Fähigkeiten und Kompetenzen werden Mitarbeiter:innen in der Industrie künftig besonders benötigen?
Ich denke, das Interesse, sich weiter zu entwickeln, Neues kennenzulernen und flexibel zu sein in vielerlei Hinsicht, Veränderungen nicht als Bedrohung sondern als Entwicklungsschritt zu sehen.