Sicherheit braucht Industrie
Reinhard Marak von der ARGE Sicherheit und Wirtschaft erklärt, warum heimische Betriebe im Verteidigungs- und Luftfahrtsektor großes Potenzial haben.
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Herr Marak, Sie beschäftigen sich mit den Themen Sicherheit, Verteidigung, internationale Kooperationen und Luftfahrt. Was fasziniert Sie persönlich an diesem Tätigkeitsfeld?
Reinhard Marak: Lassen Sie mich bitte hier ein wenig aus meiner persönlichen Geschichte erzählen: ich hatte das Glück (oder Unglück) immer gerade dann beim Bundesheer zu sein, wenn Österreich in neuen Einsätzen war. Als junger Einjährig-Freiwilliger - 1990 bis 1991 - war ich als einer der ersten im Assistenzeinsatz an der ungarischen Grenze und habe dann den Sicherungseinsatz in Bad Radkersburg an der damals jugoslawischen Grenze mitgemacht. Nach meinem Studium - 1999 bis 2000 - bin ich als Milizsoldat und Rechtsberater mit dem ersten österreichischen Kontingent in den Kosovo gegangen. Ich erzähle das, um zu verdeutlichen, dass ich den Sinn und die Notwendigkeit von Militär mehrfach ganz persönlich kennengelernt habe. Und ich war jedes Mal dankbar, dass wir gut ausgerüstet waren und unseren Auftrag erfüllen konnten. Daher war für mich immer klar, dass am Ende jeder militärischen Fähigkeit Unternehmen stehen, die mir die Ausrüstung, die ich zur Auftragserfüllung brauche, „auf den Kasernenhof stellen“. Seit damals hat sich natürlich einiges geändert. Der Sektor befindet sich im ständigen Wandel - technologisch, geopolitisch, wirtschaftlich. Was mich antreibt, ist die Möglichkeit, einerseits zur Sicherheit meiner Heimat beizutragen und anderseits österreichische Unternehmen genau in diesem dynamischen Umfeld zu vernetzen und sichtbar zu machen. Es ist ein Feld, in dem man echten Mehrwert schaffen kann.
Viele Industrieunternehmen bringen Sicherheit, Verteidigung oder Luftfahrt nicht automatisch mit ihrem eigenen Geschäftsfeld in Verbindung. Welche Unternehmen können dennoch von einer Mitgliedschaft bei ASW oder AICAT profitieren?
Eigentlich mehr, als man denkt. Ob Elektronik, Metallverarbeitung, Softwareentwicklung, Logistik oder Präzisionstechnik – viele Kompetenzen, die traditionell in der zivilen Industrie verortet sind, sind auch im Sicherheits- und Verteidigungsbereich stark nachgefragt. Gleichzeitig geht der Sicherheits- und Verteidigungsbereich auch mit höheren Auflagen und Verantwortung einher. Eine Entscheidung in diesen Bereich zu gehen, sollte daher gut überlegt und langfristig sein.
Die öffentliche Beschaffung im Sicherheits- und Verteidigungsbereich gilt oft als komplex. Welche Chancen bieten sich österreichischen Unternehmen in diesem Markt aktuell?
Die Verteidigungsbudgets in Europa steigen zurzeit deutlich. Das Beschaffungsbudget des Österreichischen Bundesheers hat gerade einen neuen Höchststand erreicht und diese Entwicklung sehen wir in ganz Europa. Die verstärkte Nachfrage führt natürlich auch dazu, dass große Auftraggeber jetzt gezielt nach zuverlässigen Zulieferern suchen. Für österreichische Unternehmen ist daher jetzt der richtige Moment, sich zu positionieren. Der Markt ist zugänglich, wenn man die richtigen Türen kennt - und genau dabei helfen wir.
Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit im europäischen Sicherheits- und Verteidigungssektor, die auch für heimische Industriebetriebe relevant sind?
Europa investiert derzeit massiv in Rüstung, Luftfahrt und Dual-Use-Technologien. Programme wie der Europäische Verteidigungsfonds oder EDIP schaffen darüber hinaus neue Möglichkeiten für die Industrie. Im Rahmen des nächsten Mehrjährigen Finanzrahmens der EU wird außerdem der Budgettopf für Sicherheit, Verteidigung und Weltraum verfünffacht, was zu zusätzlichen Verteidigungsinvestitionen und Wachstum führen wird.
Die ASW unterstützt Unternehmen beim Zugang zu nationalen und internationalen Beschaffungsstellen. Wie sieht diese Unterstützung in der Praxis konkret aus?
Sehr direkt. Wir begleiten Unternehmen zu Messen, organisieren Industry Supplier Days mit großen Systemherstellern, und stellen den Kontakt zu Beschaffungsstellen und Gesprächspartnern in Österreich und im Ausland her. Dadurch geben wir unseren Unternehmen die Sichtbarkeit, die sie in einer umkämpften Branche brauchen, um ihre Produkte und Leistungen erfolgreich zu vermarkten. Das Ergebnis: Unsere Mitglieder sitzen am Tisch – nicht im Wartezimmer.
Internationale Leitmessen und Matchmaking-Veranstaltungen sind ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Welche Erfolge konnten österreichische Unternehmen dadurch bereits erzielen?
Wir haben Unternehmen dabei begleitet, ihr Netzwerk gezielt auszubauen, erste Gespräche mit ausländischen Systemherstellern zu führen und daraus konkrete Projekte abzuleiten. Oft braucht es nur diesen qualifizierten Erstkontakt, denn die Produkte sprechen meist für sich. Und den ermöglichen wir durch strukturiertes Matchmaking, sei es im Rahmen von Messebesuchen oder einem unserer Industry Supplier Days. Aus diesen sind schon viele konkrete und nachhaltige Geschäftsbeziehungen geworden.
Gerade für KMU sind neue Märkte oft mit hohen Eintrittshürden verbunden. Welche Möglichkeiten bieten ASW und AICAT, um den Einstieg zu erleichtern?
Rund 90% der Mitglieder unserer beiden Arbeitsgemeinschaften sind KMU. Und hier setzen wir auf gezieltes und oft individuelles Service. Wir erklären, wie Beschaffungsprozesse funktionieren, welche Zertifizierungen relevant sind, und wer die richtigen Ansprechpartner sind. Und wir bieten durch unsere Veranstaltungen Vernetzungsmöglichkeiten mit anderen Unternehmen, die den Sprung bereits geschafft haben und gut in der Branche verankert sind. Am Ende des Tages verstehen wir uns als Gemeinschaft, nicht als Einzelkämpfer. Das macht einen enormen Unterschied.
Im Bereich Luftfahrttechnologie entstehen laufend neue Anforderungen und Kooperationen. Wo sehen Sie aktuell die größten Chancen für österreichische Zulieferbetriebe?
Besonders im Bereich Leichtbau, Avionik, Wartung und nachhaltige Antriebstechnologien gibt es großes Interesse seitens der Hersteller. Airbus und andere OEMs suchen aktiv nach europäischen Zulieferern, die Qualität, Flexibilität und Innovationskraft verbinden. Da haben österreichische Betriebe echte Stärken.
Welche Themen und Schwerpunkte stehen 2026 auf Ihrer Agenda und welche Veranstaltungen sollten sich interessierte Unternehmen bereits vormerken?
2026 ist schon jetzt ein sehr erfolgreiches Jahr für die Arbeitsgemeinschaften und auch im Herbst haben wir noch einige Dinge zu bieten. Highlights sind die Industry Supplier Days mit Rheinmetall und Airbus – beides Gelegenheiten, direkt mit den Einkaufsentscheidern der großen Systemherstellern ins Gespräch zu kommen. Außerdem organisieren wir ein Defence B2B mit Kroatien in Graz und im Rahmen des Briefings ausländischen Verteidigungsattachés in Wien geben wir Unternehmen die Chance, ihre Produkte direkt bei den Vertretern ausländischer Verteidigungsministerien zu präsentieren.
Wenn Sie einem Kärntner Industriebetrieb in einem Satz erklären müssten, warum sich ein Blick auf ASW und AICAT lohnt - was würden Sie sagen?
Weil wir Ihnen Türen öffnen, die Sie allein vielleicht nur schwer finden würden – und weil wir ein Netzwerk bieten, das insbesondere für Unternehmen, die neu in den Verteidigungsbereich kommen, den Anschluss erleichtert und große Chancen bietet.