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Porträt von Miriam Seebacher, Environmental Affairs Manager bei Omya in Gummern
© SandraS Fotografie

Steinbruch trifft Klimaschutz

Ein Interview über Biodiversität im Steinbruch, Klimaschutz und wie Industriebetriebe ökologische Verantwortung übernehmen können.

Lesedauer: 8 Minuten

13.10.2026
Miriam Seebacher ist bei Omya als globale Environmental Affairs Managerin im Einsatz. Im Interview mit der Sparte Industrie spricht sie über Biodiversität im Steinbruch, Klimaschutz und darüber, wie Industriebetriebe ökologische Verantwortung mit wirtschaftlichen Chancen verbinden können.

Frau Seebacher, Sie haben Ihre berufliche Laufbahn dem Thema Umwelt und Nachhaltigkeit in der Industrie gewidmet. War Ihnen schon früh klar, dass Sie einmal genau in diesem Bereich arbeiten möchten – oder wie sind Sie dort gelandet?

Miriam Seebacher: Ja, mir war schon früh klar, dass ich meine berufliche Laufbahn dem Bereich Umwelt widmen möchte. Bereits in der Schule hatten wir Unterrichtsfächer, in denen Themen wie der Klimawandel und andere Umweltfragen behandelt wurden. Dadurch wurde mein Interesse geweckt und ich war motiviert, mich intensiver mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Im Studium konnte ich mein Wissen in diesem Bereich weiter vertiefen. Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind Themen, die unsere Zukunft maßgeblich beeinflussen. Gleichzeitig bieten sie vielfältige und spannende Spezialisierungsmöglichkeiten. Daher stand für mich schon lange fest, dass ich mich beruflich in diesem Bereich engagieren möchte. Die Rolle der Industrie bei Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen wird häufig kontrovers diskutiert, weshalb ich die Arbeit in diesem Umfeld als besonders interessant und abwechslungsreich empfinde.

Sie haben 2025 an der TU Bergakademie Freiberg promoviert - in einem traditionell stark technisch und vom Bergbau geprägten Umfeld. Wie haben Sie diesen Weg als Frau erlebt und was hat Sie dazu motiviert, gerade dort zu promovieren?  

Rückblickend kann ich sagen, dass ich von Anfang an mit offenen Armen empfangen wurde. Mein damaliger Vorgesetzter hat mich zum Quereinstieg in die Ingenieurwissenschaften und zur Aufnahme eines Doktorats motiviert. Trotz meines anderen fachlichen Hintergrunds hat er stets an mich geglaubt und mich darin bestärkt, diesen Weg neben meinem Vollzeitjob zu verfolgen. Seine Worte „Durchs Tal der Tränen muss jeder mal gehen“ begleiten mich bis heute in den unterschiedlichsten Situationen. Auch auf meine Studienzeit an der TU Bergakademie Freiberg blicke ich sehr positiv zurück. Ich hatte das Privileg, von hervorragenden Professoren zu lernen, die auf ihren jeweiligen Fachgebieten zu den führenden Experten zählen. Besonders spannend war für mich die offene und interdisziplinäre Kultur des Instituts, in dem neue Perspektiven und fachübergreifendes Denken ausdrücklich erwünscht waren.

Ihre Dissertation beschäftigt sich damit, wie Steinbrüche, Halden und umliegende Wälder zu CO₂-Senken und biodiversen Ökosystemen entwickelt werden können. Was ist die wichtigste Erkenntnis daraus, die sich auch auf andere Industriebetriebe übertragen lässt?  

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus meiner Dissertation ist, dass Renaturierung nicht bei der gesetzlich geforderten Rekultivierung enden sollte. Durch naturnahe Waldentwicklung, die gezielte Wiederherstellung von Abbauflächen und ein langfristiges Biodiversitätsmonitoring können Bergbaufolgelandschaften zu Kohlenstoffsenken und vielfältigen Lebensräumen werden. Diese Erkenntnis wird auch durch meine bisherigen beruflichen Erfahrungen bestärkt. Unter geeigneten Rahmenbedingungen besitzt die Natur eine enorme Fähigkeit, sich selbst zu regenerieren. Um natürliche Prozesse gezielt zu unterstützen, bedarf es einer fachlichen Begleitung und einer langfristigen Perspektive. Dadurch können unterschiedlichste Flächen zu wertvollen Lebensräumen für Pflanzen und Tiere entwickelt werden und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Eine Erkenntnis, die sich auch auf andere Industriebetriebe übertragen lässt, ist, dass man nicht auf die perfekte Lösung warten sollte, denn nachhaltige Veränderungen beginnen oft mit kleinen Schritten. Entscheidend ist, überhaupt anzufangen, eigene Erfahrungen zu sammeln und die umgesetzten Maßnahmen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Auch scheinbar kleine Initiativen können langfristig eine große positive Wirkung entfalten.

Steinbruch und Naturschutz klingen für viele Menschen zunächst wie ein Widerspruch. Ist es tatsächlich möglich, Rohstoffe abzubauen und gleichzeitig einen wertvollen Lebensraum für Pflanzen und Tiere zu schaffen?

Kurz gesagt: Ja. Steinbrüche können sich zu echten Biodiversitäts-Hotspots entwickeln. Sie bieten wertvolle Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten und schaffen oft Bedingungen, die in intensiv genutzten Landschaften kaum noch vorhanden sind. Dies wird sowohl durch langjährige praktische Erfahrungen aus der Branche als auch durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt. Das Verhältnis zwischen Steinbruchbetrieb und Naturschutz wird jedoch nach wie vor kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite steht der erhebliche Eingriff in die Natur, auf der anderen Seite die Notwendigkeit, den Rohstoffbedarf der Gesellschaft zu decken. Daher gilt es für Unternehmen, aktiv zu werden, kontinuierlich Maßnahmen zur Verbesserung umzusetzen und diese langfristig weiterzuverfolgen. Mein Fazit: Ein harmonisches Miteinander von Naturschutz und nachhaltigem Rohstoffabbau ist durchaus möglich.

Omya beschäftigt sich am Standort Gummern schon seit vielen Jahren mit Renaturierung und Biodiversität. Was wurde dort konkret umgesetzt – und welche Veränderungen können Sie heute beobachten?

Seit 2004 führen wir am Standort Gummern regelmäßig Biodiversitätsmonitorings durch. Diese bilden die Grundlage für die Ermittlung des LBI („Long Term Biodiversity Index“) und helfen uns dabei, den aktuellen Zustand der Biodiversität zu erfassen, Chancen und Risiken zu identifizieren und unsere Maßnahmen entsprechend anzupassen. Dabei zeigt sich eine langfristig positive Entwicklung. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, dass nach jedem Monitoringdurchgang konkrete Maßnahmen für die einzelnen Habitate festgelegt und anschließend umgesetzt werden. Nur durch ein solches langfristiges, proaktives und nachhaltiges Management können Industrie und Naturschutz erfolgreich koexistieren. Neben unseren regelmäßigen Monitorings organisieren wir zahlreiche Community-Projekte im Rahmen unserer Corporate-Social-Responsibility-Aktivitäten. Die meisten dieser Projekte haben einen direkten Umweltbezug. Dazu zählen beispielsweise der gemeinsame Bau eines Insektenhotels mit dem Gemeindekindergarten, die jährliche Zusammenarbeit mit Schulklassen zur Erhaltung gemeinsam angelegter Biotope sowie die Teilnahme an Initiativen im Rahmen des World Cleanup Day, bei denen Flächen in den umliegenden Gemeinden von Müll befreit werden. Dies sind nur einige Beispiele für Projekte, die uns besonders am Herzen liegen und auch bei unseren Stakeholdern großen Anklang finden.

Klimaschutz wird für Industriebetriebe zunehmend zu einem wirtschaftlichen Faktor. Wo sehen Sie aktuell die größten Hebel, mit denen produzierende Unternehmen ihre CO₂-Emissionen tatsächlich reduzieren können?

Bergbau ist bekanntlich nicht eines Mannes Sache. Genauso wenig trifft das auf den Klimaschutz zu. Meiner Meinung nach beginnt dieser nicht mit der Umsetzung einzelner Projekte, sondern mit dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die größten Hebel sehe ich derzeit beim Energie- und Ressourcenverbrauch. Es ist sinnvoll, in erneuerbare Energien zu investieren, bestehende Produktionsprozesse genauer zu analysieren und mögliche Optimierungspotenziale zu identifizieren. Ebenso wichtig ist es, die Energieeffizienz kontinuierlich zu steigern. Insbesondere in der Rohstoffindustrie, aber auch branchenübergreifend, gewinnen der bewusste Umgang mit Rohstoffen und die Kreislaufwirtschaft zunehmend an Bedeutung. Wer diese Faktoren ganzheitlich betrachtet und entsprechende Maßnahmen setzt, kann seine CO₂-Emissionen reduzieren und häufig gleichzeitig Kosten einsparen.

Nachhaltigkeit kostet zunächst häufig Geld und Ressourcen. Wo erleben Sie in Ihrer Arbeit, dass aus Umweltmaßnahmen auch ein wirtschaftlicher Vorteil für ein Industrieunternehmen entstehen kann?

Nachhaltigkeit hat sich in Unternehmen von einem Randthema zu einem zentralen Thema entwickelt. Einerseits wird sie als wirtschaftlicher Kostenfaktor betrachtet, andererseits bietet sie aber auch zahlreiche Chancen. Durch einen effizienten Ressourceneinsatz, die bessere Nutzung von Rohstoffen und die Steigerung der Energieeffizienz können Kosten gesenkt und gleichzeitig Abfälle vermieden werden, deren Entsorgung andernfalls zusätzliche Ausgaben verursachen würde. Nachhaltiges Wirtschaften bietet Unternehmen somit auch langfristig Vorteile. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist die Reputation. Unternehmen, die sich durch ein positives Nachhaltigkeitsmanagement auszeichnen, können wirtschaftliche Vorteile erzielen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dabei geht es nicht nur um den Bericht selbst, sondern vielmehr darum, wie konsequent Nachhaltigkeit tatsächlich in die Unternehmensprozesse integriert wird. Für Unternehmen, die diesen Ansatz verfolgen, kann ein Nachhaltigkeitsbericht einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Durch die darin geschaffene Transparenz können Unternehmen ihre Glaubwürdigkeit gegenüber unterschiedlichen Stakeholdern stärken. Gleichzeitig kann die Berichterstattung auch innerhalb der Industrie als Anreiz dienen, kontinuierliche Verbesserungen voranzutreiben. Natürlich ist die Erstellung eines solchen Berichts zunächst mit erheblichem bürokratischem Aufwand und einem entsprechenden Ressourceneinsatz verbunden. Dennoch kann die Nachhaltigkeitsberichterstattung dazu beitragen, die Erfassung und Bewertung von Daten, Risiken und Zielen systematisch zu verbessern. Darüber hinaus bietet sie Unternehmen die Möglichkeit, ihre Fortschritte transparent darzustellen und öffentlich nachvollziehbar zu machen.

Viele Kärntner Industriebetriebe stehen vor der Herausforderung, strengere Umwelt- und Klimavorgaben mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu vereinbaren. Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit beides möglich bleibt?

Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit sollten grundsätzlich keine Gegensätze darstellen. Dafür benötigen Unternehmen jedoch ausreichend Zeit, um neue regulatorische Anforderungen zu bewerten, deren Umsetzbarkeit zu prüfen und die notwendigen Anpassungen vorzunehmen. Eine nachhaltige Transformation ist ein Prozess, der nicht über Nacht stattfindet und auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen ist. Darüber hinaus ist es wichtig, sicherzustellen, dass europäische Unternehmen im internationalen Wettbewerb nicht benachteiligt werden.

Welche Rolle spielt die heimische Rohstoffgewinnung für eine nachhaltigere Industrie in Europa – und kann Regionalität bei Rohstoffen auch ein Beitrag zum Klimaschutz sein?

Auch hier lautet meine kurze Antwort: Ja, die heimische Rohstoffgewinnung leistet einen wichtigen Beitrag zu einer nachhaltigeren Industrie in Europa und zum Klimaschutz. Regionale Rohstoffgewinnung bedeutet eine geringere Abhängigkeit von internationalen Lieferketten und Preisschwankungen, eine höhere Versorgungssicherheit sowie Kosten- und Emissionseinsparungen durch kürzere Transportwege. Darüber hinaus unterliegt die Rohstoffgewinnung in Europa strengen regulatorischen Anforderungen, insbesondere hinsichtlich des Abbaus und der anschließenden Wiedernutzbarmachung von Flächen. Dies sind wichtige Argumente, die für eine Stärkung der heimischen Rohstoffgewinnung sprechen. Allerdings ist eine vollständige Deckung des Rohstoffbedarfs durch regionale Gewinnung weder in Österreich noch auf europäischer Ebene realistisch. Viele für die Industrie benötigte Rohstoffe kommen hier entweder gar nicht oder nur in so geringen Mengen vor, dass sich ein Abbau wirtschaftlich nicht lohnen würde. Daher bedarf es einer Kombination aus regionaler Rohstoffgewinnung und internationalen Lieferbeziehungen, um unseren Rohstoffbedarf langfristig decken zu können.

Wenn Sie den Kärntner Industriebetrieben aus Ihrer wissenschaftlichen Arbeit und Ihrer Erfahrung bei Omya eine Empfehlung mitgeben könnten: Wo sollten Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit heute konkret anfangen?

Sowohl aus meiner wissenschaftlichen Arbeit als auch aus meinen beruflichen Erfahrungen bei Omya und anderen Unternehmen weiß ich, dass es grundsätzlich sinnvoll ist, das Unternehmen ganzheitlich zu betrachten, um zunächst den aktuellen Stand des Unternehmens zu ermitteln. Eine solche Status-quo-Analyse ist aus meiner Sicht notwendig, um das Thema Nachhaltigkeit gezielt in die Unternehmensstrategie zu integrieren. Wichtig ist dabei, dass Unternehmen ihre wesentlichen Umweltauswirkungen kennen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um diesen entgegenzuwirken. Mein wichtigster Rat wäre daher, einfach anzufangen und die erzielten Fortschritte kontinuierlich zu dokumentieren und zu bewerten. Viele Unternehmen verfügen bereits über gute Ansätze, die es weiterzuentwickeln gilt. Denn die Integration von Nachhaltigkeit in betriebliche Prozesse geschieht nicht über Nacht, sondern ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess.

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