„An den Grenzen des Sagbaren angelangt“
Studien zufolge haben nur noch 40 Prozent der deutschen Bevölkerung die Ansicht, ihre Meinung frei äußern zu können. Für Philosoph und Autor Richard David Precht ein Alarmsignal für die liberale Demokratie.
Lesedauer: 3 Minuten
Eine Liedzeile der Band STS aus 1985 lautet „Z’erst überleg’n, a Meinung hob’n, dahinter steh’n, niemols Gewolt, olles bered’n, ober a ka Ongst vor irgendwem“. Geht es nicht genau darum in Ihrem Buch „Angststillstand“?
Das ist im Grunde die Quintessenz des Buches. Wir brauchen wieder eine angstfreie Gesprächskultur, die vielfältige Meinungen zulässt.
Warum ist die Meinungsfreiheit aktuell bedroht? Was hat sich verändert?
Die Verzahnung zwischen Gesellschaft und Medien ist eine andere. Wir haben heute die sozialen Medien, die aufgeregte Debatten zusätzlich befeuern, Shitstorms ermöglichen und Leitmedien, die genüsslich daraus zitieren, weil sie von der Erregungswelle profitieren möchten. Das gab es vor vierzig Jahren so nicht. Jugendliche tanzen heute nicht mehr in Clubs, weil sie gefilmt werden könnten und ihnen das später auf der Karriereleiter um die Ohren fliegen könnte. Genau das ist der Angststillstand – bevor ich etwas tue oder sage, das mir schaden könnte, mache ich lieber gar nichts.
Welche Rolle spielt die Gesellschaft in dieser Entwicklung?
Wir leben in einer Gesellschaft, die nicht erwachsen werden und keine Verantwortung übernehmen will. In Anlehnung an den mexikanischen Lurch Axolotl, der sein Leben lang im Larvenstadium verharrt, nenne ich sie auch „axolotlisierte Gesellschaft“. Diese Unreife, gepaart mit der zunehmenden Individualisierung, führt zu einer gesinnungsethischen Überanstrengung. Wenn sich jeder gleich persönlich angegriffen fühlt, beleidigt und eingeschnappt ist, ohne im Kontext zu denken, dann sprechen wir doch von Kindern. Hier müssen wir lernen auch mal Fünfe gerade sein zu lassen.
Waren die Menschen früher mutiger?
Die Konsequenzen waren andere. Egal, wer etwas sagte, ob von links oder rechts, es gab entweder Beifall oder Kritik – das war auszuhalten. Wenn du heute eine abweichende Meinung vertrittst, steht niemand hinter dir. Denn niemand möchte sich mit Missklängen schmücken. Streitbar war eine Charaktereigenschaft, davon sind wir weit entfernt. Die Menschen sind viel vorsichtiger.
Der Meinungskorridor wird also enger. Bleibt dann noch Raum für öffentliche Meinungsbildung?
Solange die öffentliche Meinung breit ist und unterschiedliche Positionen abgebildet werden, ist jede Meinung gut. Natürlich sprechen wir hier nicht von Beleidigungen oder strafrechtlich relevanten Inhalten. Aber es muss über alles diskutiert werden können, sei es Corona, der Ukraine-Krieg oder der Konflikt zwischen Israel und Gaza.
Aus der Sicht der Unternehmen: Wie soll in einer Atmosphäre der Angst Innovation entstehen?
Meiner persönlichen Erfahrung nach ist der österreichische Mittelstand mutig und selbstbewusst. Vor allem Familienbetriebe haben hier Vorteile. Sie kennen ihre Werte und können diese auch offen kommunizieren. Bei Konzernenwird das schwieriger, sie müssen sich dem Mainstream anpassen – eine falsche Aussage des CEO kann fatale Folgen für das Unternehmen haben.
Was bedeutet das für Unternehmen und ihre Kommunikation nach außen?
Die Unternehmerlandschaft wird zunehmend gesichtsloser. Keiner möchte das Image des Betriebes mehr an einer Person festmachen. Es fehlen echte Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten, ebenso wie in Politik oder Kultur.
Ihre Antwort auf den Angststillstand ist Resilienz. Warum?
Ich bin überzeugt davon, dass wir uns darin üben müssen, Widerspruch zu ertragen. Vor allem diejenigen in einer Gesellschaft, die Verantwortung tragen, müssen resilienter werden und dürfen nicht sofort beim ersten Gegenwind die Segel einholen. Je mehr Freiheit wir einfordern, desto dicker muss auch unser Fell sein.
Wo fängt Resilienz an?
Am besten schon bei den „Rasenmäher-Eltern“, die in guter Absicht permanent den Weg ihrer Kinder ebnen. Dadurch nehmen sie den Kindern aber die so wichtige Erfahrung, den Umgang mit negativen Erlebnissen zu lernen.
Vielen Dank für das Gespräch.