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Teamfoto Sindbad
© Sindbad

„Freiwilliges Beziehungsangebot, das Lebenswelten verbindet“

Das Team von Sindbad Mentoring für Jugendliche in Vorarlberg, Claudia Kramlik und Wolfgang Eller erläutert im Interview mit „die wirtschaft“ wie sehr die Herkunft Bildung und Chancen von Jugendlichen beeinflusst. Mit dem Mentoring-Programm kämpfen Sie für Chancengleichheit. 

Lesedauer: 5 Minuten

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Aktualisiert am 12.06.2026

Was ist die Grundidee von Sindbad? Welche Ziele verfolgt das Programm?
Claudia Kramlik: Sindbad setzt dort an, wo in Österreich noch immer viel entschieden wird: bei der Herkunft. Bildung und Chancen werden nach wie vor stark vererbt. Unser Leitstern ist deshalb: der Standort eines Menschen darf nicht darüber entscheiden, ob diese Person Zugang zu den eigenen Talenten und Möglichkeiten hat. Junge Menschen sollen einen Weg finden, der zu ihren Stärken und Neigungen passt und den Mut entwickeln, ihn auch zu gehen.

Wie wichtig ist Mentoring für mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit?
Wolfgang Eller: Mentoring ist ein starker Hebel, weil es nicht nur um Informationsvermittlung geht. Viele Jugendliche haben Talent, aber in ihrem Umfeld fehlt oft der Zugang zu Orientierung, Netzwerken und ,,Spielregeln’’, die im Bildungssystem und später im Beruf entscheidend sind. Sozioökonomische Hindernisse sind dabei häufig sehr konkret. Wer zu Hause niemanden hat, der Bewerbungen mitliest, Bildungswege erklärt oder Kontakte öffnet, startet mit einem echten Nachteil. Dazu kommen manchmal Sprach- und Kommunikationshürden. Nicht im Sinne von Fähigkeiten, sondern im Sinne von Codes und Erwartungen. Ein:e Mentor:in kann genau hier ansetzen: dranbleiben, ermutigen, Optionen sichtbar machen und dabei helfen, den nächsten Schritt realistisch zu planen.

Wie läuft eine typische Mentoring-Beziehung zwischen Mentor:in und Mentee ab?
Claudia Kramlik: Mentor:innen durchlaufen bei uns einen mehrstufigen Boardingprozess. Dabei bereiten wir sie auf ihre Rolle vor, klären Verantwortung sowie thematische Schwerpunkte. Anschließend nehmen die Erwachsenen ein kurzes Video auf (1-2 Minuten), in dem sie sich selbst vorstellen. Jede:r Mentee bekommt mehrere Videos und wählt selbst, wer am besten passt - nach Sympathie und Interesse. Wichtig ist dabei unser Kinder- und Jugendschutzkonzept: weibliche Mentees werden ausschließlich mit weiblichen Mentor:innen gematcht. Beim Kick-off im November lernen sich die Teams kennen und definieren Ziele (z.B. Unterstützung im Bewerbungsprozess oder Lernorganisation). Wir von Sindbad bieten den Rahmen: wir organisieren gemeinsame Veranstaltungen und das Bewerbungscamp, in dem Bewerbungsgespräche geübt und praktische Tipps vermittelt werden. Auch für Mentor:innen gibt es Fortbildungen.
Wolfgang Eller: Das Herzstück bleibt aber immer die Beziehung im Tandem. Wie oft und in welcher Form sich ein Team trifft, gestalten die beiden selbst. Wir empfehlen ein analoges Treffen alle zwei Wochen als Richtwert. Manche Teams funktionieren aber auch digital sehr gut. Ob Bewerbungen schreiben, gemeinsam lernen, spazieren gehen oder einfach Zeit verbringen - entscheidend sind Verlässlichkeit und Vertrauen. Wir begleiten mit monatlichen Update-Calls, zwei Supervisionen und sind bei Bedarf immer ansprechbar. Eine Staffel dauert zwölf Monate. Sie startet im November und endet offiziell im darauffolgenden November mit Zertifikat und Abschlussfeier. Es ist ein Ehrenamt auf Zeit und im besten Fall bleibt die Beziehung darüber hinaus bestehen.

Welche Voraussetzungen müssen Jugendliche und Mentor:innen erfüllen?

Wolfgang Eller: Auf beiden Seiten braucht es Beziehungsfähigkeit und Commitment. Echtes Interesse am Gegenüber, Offenheit, Neugier und auch Durchhaltevermögen. Mentoring lebt davon, nicht nach zwei Treffen ,,Ergebnisse’’ zu erwarten, sondern Vertrauen wachsen zu lassen. Jugendliche übernehmen dabei genauso Verantwortung. Sie entscheiden sich bewusst für das Programm und gestalten die Beziehung aktiv mit.

Gibt es Erfolgsgeschichten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Claudia Kramlik: Ja, sehr viele. Ein Team, das aktuell besonders gut zeigt, wie Mentoring funktioniert, sind Cemre und Patrizia. Als die beiden gestartet sind, waren beide ,,auf der Suche’’ - Cemre nach dem nächsten Schritt Richtung Lehrstelle, Patrizia damals selbst ohne Job. Sie haben sich im Mentoring kennengelernt und sind schnell ein eingespieltes Team geworden: mit Struktur, Vertrauen und viel Humor. Es gab Beratungstermine (z.B. beim Bifo), Gespräche über Zukunftspläne und gemeinsame Zeit. Heute hat sich beider Leben verändert: Cemre hat eine Lehrstelle als Friseurin gefunden, Patrizia startet ihre neue Stelle beim WIFI in Dornbirn. Und während beide gerade dabei sind, gut im neuen Alltag anzukommen, bleibt die Beziehung stabil. Patrizia unterstützt Cemre weiter beim Deutschlernen und bei allen Fragen, die rund um den Ausbildungsstart auftauchen. Ihr Satz dazu bringt es für uns auf den Punkt: ,,Ich bin da, so lange es mich braucht.’’ Diese Mischung aus Verlässlichkeit und echter Beziehung macht am Ende den Unterschied.

Was lernen die Mentor:innen selbst aus dieser Erfahrung?
Claudia Kramlik: Mentor:innen erleben bei Sindbad viel persönliche Entwicklung und sie trainieren Fähigkeiten, die auch im Berufsalltag zählen. Schnell Vertrauen aufbauen, klar kommunizieren, Grenzen setzen, Erwartungen transparent machen und Motivation stärken, ohne Druckmittel oder Hierarchie. Vieles davon nehmen die Mentor:innen wieder mit in ihren Berufsalltag, gerade dort, wo Führung, Zusammenarbeit und Kommunikation gefragt sind.
Wolfgang Eller: Weil das Mentoring auf beiden Seiten freiwillig ist, lernen Mentor:innen außerdem, wie Beziehung anschlussfähig bleibt: zuhören, dranbleiben, den eigenen Impuls zurücknehmen und gleichzeitig aushalten, dass Veränderung Zeit braucht. Auch der Umgang mit Frustration gehört dazu, wenn man voller Energie startet, aber der/die Mentee noch nicht so kann oder will. Meistens braucht es keine Ratschläge, sondern Präsenz und Geduld damit ein junger Mensch seinen eigenen Weg findet. Und ganz praktisch: das eigene Netzwerk wächst. Sindbad verbindet nicht nur Mentees und Mentor:innen, sondern auch Mentor:innen untereinander. Daraus entstehen Kontakte, die oft weit über das Mentoring hinaus tragen.

Danke für das Gespräch.