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Steffi Burkhart
© Simon Wegener

„Wer Megatrends ignoriert, wird über sie stolpern.“

Als Zukunftsforscherin und Expertin für die Generationen Y, Z und Alpha beschäftigt sich Steffi Burkhart mit Digitalisierung, KI und gesellschaftlichem Wandel.

Lesedauer: 8 Minuten

Aktualisiert am 23.10.2026

Burkhart ist überzeugt: „Wenn eine ganze Generation weltweit die Fähigkeit entwickelt, in die Zukunft zu blicken statt permanent in die Vergangenheit, dann hat das eine ähnliche Sprengkraft wie die Idee der Aufklärung.“

Sie beschäftigen sich intensiv mit der Zukunft. Wagen wir eine Prognose: Welche Kompetenzen brauchen Jugendliche 2035? 
Niemand weiß, welche Berufe es 2035 geben wird. Was ich aber weiß: Wir bereiten junge Menschen noch immer im „Modus der Erfahrung“ vor, also auf eine Welt, die es so nicht mehr geben wird. Wir schauen in den Rückspiegel, obwohl wir dringend nach vorne blicken müssten. Also stellt sich mir die Schlüsselfrage: Bereiten wir wirklich junge Menschen ausreichend auf all die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vor? Lernen junge Menschen wirklich mutig Zukunft mitzugestalten? Vermitteln wir ihnen, Probleme zu lösen und alles kritisch zu hinterfragen? 

Wie sieht das die junge Generation?

Was mich zuversichtlich macht: Die Generationen Y, Z und Alpha blicken nach vorn. Sie sind die ersten synchronisierten Generationen der Menschheitsgeschichte, über das Internet und Social Media weltweit miteinander verbunden. Ich bin davon überzeugt: Wenn eine ganze Generation weltweit die Fähigkeit entwickelt, in die Zukunft zu blicken statt permanent in die Vergangenheit, dann hat das eine ähnliche Sprengkraft wie die Idee der Aufklärung. Und mit KI hält sie dafür ein Werkzeug in der Hand, eine Superpower, die es so noch nie gab. Noch nie war es so einfach, aus einer Idee ein Projekt, ein Produkt oder ein Unternehmen zu machen.

Was also brauchen Jugendliche 2035?
Ich nenne es menschliche Intelligenz. Allen voran Resilienz, besser noch Antifragilität. Also die Fähigkeit, an Krisen zu wachsen, brauchen junge Menschen in einer Welt, in der eine Krise die nächste jagt. Dazu kommen Frustrationstoleranz, der Umgang mit Unsicherheit und das Orchestrieren von Komplexitäten, Kreativität, Vorstellungskraft, Umsetzungsstärke, Entrepreneurship-Geist, Empathie, Verantwortung, demokratisches Bewusstsein und digitale Mündigkeit. Und eine Kompetenz, die es im Duden noch nicht gibt: Voraus-handeln. Wer 2035 die Schule verlässt, steht bis weit in die 2080er Jahre im Erwerbsleben. Eine 50-jährige Erwerbsbiografie ist kein Sprint, sondern ein Marathon mit vielen Etappen. Employability wird damit zur zentralen Zukunftskompetenz.Damit ist die Beschäftigungsfähigkeit gemeint; für junge Menschen heißt es die Fähigkeit, in einer 50-jährigen Erwerbsbiografie bei sich so rasant veränderten Rahmenbedingungen, trotzdem immer einen Wertbeitrag in die Wirtschaft einbringen zu können.

Sie nennen die KI eine „Superpower“. Wie können Menschliche und KI smart zusammenspielen?

Erfolg in der Zukunft ist die smarte Kombination aus menschlicher und künstlicher Intelligenz. Wir müssen junge Menschen befähigen, im Co-Play mit Maschinen zu arbeiten, die immer intelligenter und immer stärker vernetzt sein werden, statt mit ihnen zu konkurrieren. Denn diesen Konkurrenzkampf werden wir verlieren, definitiv.

Sie sagen, „wenn die KI den Großteil der Routine übernimmt, wird der menschliche Rest zum eigentlichen Kern der Arbeit“. Wie meinen Sie das?

Dieser Kern beginnt mit einer Frage. Wir bewegen uns von einer Answer Economy in eine Question Economy. Antworten werden zum Massengut, sie sind in Sekunden verfügbar und kosten fast nichts. Wertvoll wird die gute Frage: ein Problem richtig zu definieren, den Kontext zu verstehen, eine Antwort kritisch einzuordnen. Das stellt unsere Schulen auf den Kopf. Denn sie belohnen seit Jahrzehnten die richtige Antwort, nicht die kluge Frage. Stellen wir uns vor, Schülerinnen und Schüler müssten nicht mehr nur Aufgaben lösen, sondern Aufgaben erfinden, an denen selbst die beste KI scheitert. Das wäre Lernen auf einem völlig neuen Niveau.

Birgt diese Entwicklung auch Gefahren? 

Ich beobachte eine gefährliche Entwicklung. Je selbstverständlicher wir der KI vertrauen, desto weniger hinterfragen wir sie. KI hebt vor allem Einsteiger schnell auf ein solides Niveau. Aber was wir nicht mehr üben, verlernen wir. Urteilskraft entsteht durch Übung und Wiederholung, genau durch jene Routineaufgaben, die wir gerade automatisieren. Darin liegt ein Paradox, das wir lösen müssen: Wer soll in zehn Jahren Senior sein, wenn heute niemand mehr Junior sein darf? Expertise heißt künftig weniger, Wissen im Kopf zu haben, sondern urteilen zu können und zu erkennen, wo die KI irrt.

Wie kann dann die Bildung der Zukunft aussehen? 
Lehre muss neu gedacht werden. Wir brauchen neue Antworten auf das Wie, auf das Was und vor allem auf das Wozu. Und wir müssen verstehen, dass sich die Antreiber für Bildung verschieben. Bildung war lange statusorientiert: Wer einen Doktortitel trug, stand gesellschaftlich höher. Und sie war nutzenorientiert: Ich lerne für die Note, für den Studienplatz, für den Job. Beides sind extrinsische Motive. Die Generationen Z und Alpha bringen drei neue dazu: Beitrag, Gemeinschaft und Leidenschaft. Wozu lerne ich, und was kann ich damit erzeugen, sozial, ökologisch, wirtschaftlich? Wem dient es, meinem Team, meiner Region, der Gesellschaft? Und zahlt es auf meine individuellen Stärken und Leidenschaften ein?

Was ist nun der Schlüssel für eine gute Bildung? 
Der Engpass ist nicht die Technologie, sondern die Motivation. Beitrag, Gemeinschaft und Leidenschaft sind deshalb keine weichen Faktoren. Sie sind die eigentliche Stellschraube der Bildung der Zukunft. Deshalb stelle ich die Frage ganz direkt: Ist es nicht unsere Verantwortung, junge Menschen gut auf ihre Zukunft vorzubereiten? Ich sage deutlich: Dieser Verantwortung kommen wir derzeit nicht nach. Wir diskutieren über KI-Strategien, während an vielen Schulen nicht einmal der Grundunterricht gesichert ist. Wer Megatrends ignoriert, wird über sie stolpern.

Damit wir nicht stolpern - welche Kompetenzen werden nie von der KI übernommen werden? 
Bei „nie“ bin ich vorsichtig. Die spannendere Frage lautet für mich: Was können wir, was die KI derzeit nicht kann? Was ist unsere menschliche Superpower? Beziehung und Vertrauen, echte Empathie, Verantwortung, ethisches Urteilen, Originalität und Sinnstiftung. Eine KI kann Mitgefühl simulieren, aber sie fühlt nicht mit und steht für niemanden ein. Wer entscheidet, muss die Folgen tragen. Das lässt sich nicht an eine Maschine delegieren.

Das sehen wir bereits am Arbeitsmarkt...
Während Einstiegsjobs im Büro, im Marketing oder in der IT schrumpfen, wächst der Bedarf in Pflege, Medizin, Handwerk und Gastronomie. Neue Berufsbilder werden sich aus meiner Sicht in vier Richtungen entwickeln. Human-to-Human: Berufe, deren Kern die Beziehung ist, also Pflege, Bildung, Coaching, Therapie, Führung. Human-to-AI: Menschen, die KI-Systeme anleiten, prüfen und verantworten. Human-to-Physical: Handwerk, Technik und Arbeit mit der realen Welt, die sich nur schwer automatisieren lässt. Und Human-to-Meaning: Rollen, die Orientierung, Ethik und Sinn stiften.

Orten Sie hier auch Herausforderungen?

Wir müssen über eine Gefahr sprechen, die viel zu wenig diskutiert wird. Tristan Harris, der als Technologieethiker bei Google gearbeitet hat, nennt Social Media unseren „ersten Kontakt“ mit KI: eine noch primitive KI, die auf die Gehirne unserer Kinder gerichtet war, um ihre Aufmerksamkeit zu maximieren. Das Ergebnis kennen wir, eine Generation, die so ängstlich und belastet ist wie keine vor ihr. Das war das Social-Media-Dilemma. Jetzt droht ein KI-Dilemma. Der Wettlauf geht nicht mehr um unsere Aufmerksamkeit, sondern um unsere Bindung. KI-Begleiter sollen Beziehungen ersetzen, und sie werden darauf optimiert, uns emotional festzuhalten. Schon heute haben viele Teenager solche KI-Begleiter ausprobiert, und nicht wenige empfinden diese Gespräche als ebenso erfüllend wie mit echten Freunden. Erste Studien zeigen, dass intensive Nutzung mit mehr Einsamkeit einhergeht, nicht mit weniger.
Dazu passt ein Paradox, das ich bei jungen Menschen beobachte: Je digitaler ihr Alltag wird, desto stärker zieht es sie in die physische, multisensorische Welt. Face-to-Face-Begegnungen bieten, was kein Algorithmus leisten kann, nämlich echte Verbindung. Pointiert gesagt: Je mehr die KI kann, desto mehr zählt das, was uns als Menschen ausmacht. Diese Kompetenzen sind keine Soft Skills mehr. Sie sind die neuen Kernkompetenzen.

Und was bedeutet das alles für die Lehrpersonen und Bildungsverantwortlichen in ihrem Berufsalltag?
Wir erwarten von Lehrpersonen, Jugendliche auf eine KI-geprägte Welt vorzubereiten, und lassen sie dabei weitgehend allein. Laut OECD hatten nicht einmal vier von zehn Lehrkräften im vergangenen Jahr eine Fortbildung, in der KI überhaupt vorkam. Und die meisten, die KI nicht nutzen, lehnen sie gar nicht ab, ihnen fehlt schlicht das Wissen. Der Engpass liegt also nicht bei der Bereitschaft, sondern bei der Befähigung. Gleichzeitig entwickelt sich die Technologie so rasant, dass kein Lehrplan in diesem Tempo mithalten kann.

Damit verändert sich auch das Bild der Lehrpersonen...

Lehrpersonen werden nicht ersetzt, aber ihre Rolle verändert sich grundlegend: vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter, Coach und Mentor. Inspiring Teaching wird zur neuen Normalität. Dafür müssen Lehrpersonen selbst KI-kompetent werden, als neugierige Anwender:innen, die ausprobieren und gemeinsam mit den Jugendlichen lernen dürfen. Das braucht eine neue Fehlerkultur, denn niemand muss alles wissen. Richtig eingesetzt kann KI Lehrpersonen spürbar entlasten, bei der Unterrichtsplanung, bei Korrekturen, bei der Differenzierung von Material. Und sie hilft gerade den weniger Erfahrenen am meisten. Diese gewonnene Zeit muss zurück in die Beziehung fließen. Schulen müssen so gestaltet sein, dass Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler wirklich kennen.

Was heißt das für die Schulen? 

Und Schule muss neue Vorbilder sichtbar machen.  Kinder, die früh Menschen erleben, die etwas erfinden und aufbauen, tun das später deutlich häufiger selbst. Wer aber kein gründendes Elternhaus hat, begegnet diesen Vorbildern oft nirgends. In Österreich kann fast die Hälfte der Menschen keinen einzigen Unternehmer nennen. Holen wir junge Gründerinnen und Gründer, Creatorinnen und Creator in die Klassenzimmer. Sonst bleibt Gründen eine Frage der Herkunft statt des Potenzials.

Konkret bedeutet das... 

Die Bildungsverantwortlichen sind gefordert, die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. Lernzeit muss Arbeitszeit sein, auch für Lehrpersonen. Wir brauchen systematische Fortbildung statt Einzelinitiativen, klare Leitlinien und eine verlässliche Infrastruktur. Österreich hat mit seinen KI-Pilotschulen einen Anfang gemacht, jetzt geht es darum, aus Piloten die Regel zu machen. Und ich bin überzeugt: Bildung ist längst nicht mehr nur Aufgabe von Schulen und Hochschulen. Unternehmen werden zu Bildungsgestaltern unserer Gesellschaft. Wir brauchen Lern-Ökosysteme, in denen Schulen, Betriebe, Hochschulen und junge Menschen gemeinsam am Tisch sitzen, mit deutlich mehr Denkdiversität, als wir sie heute in Entscheidungsgremien haben.

Ihre Conclusio? 

Am Ende ist es eine Frage der Prioritäten. Wenn wir es ernst meinen mit der Verantwortung für die nächste Generation, dann investieren wir zuerst in die Menschen, die sie begleiten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Sabine Barbisch